Pressemitteilung vom 4.5.2007

Krippe: weder Verteufelung noch Idealisierung

Deutsche Liga für das Kind für fundierte Bewertung von Krippenerziehung

 

Angesichts aufgeregter Debatten um Nutzen und Risiken von Krippenerziehung setzt sich die Deutsche Liga für das Kind für eine nüchterne, wissenschaftlich fundierte und am Wohl des Kindes orientierte Bewertung ein. Sie fordert die Bundesregierung auf, an dem beabsichtigten Ausbau der Plätze für Kinder unter drei Jahren in Krippen und Tagespflege festzuhalten und diesen Ausbau mit einem entschiedenen Programm zur Steigerung der Qualität zu flankieren.

Die am 4./5. Mai in Frankfurt am Main stattfindende Tagung „Weniger Staat – mehr Eltern: Was brauchen Kleinstkinder?“ des Vereins „Familien e.V.“ ist nicht geeignet, zu der dringend notwendigen Versachlichung der Diskussion beizutragen. Themenstellung und Auswahl der Referent(inn)en lassen vielmehr erwarten, dass hier wissenschaftliche Ergebnisse einseitig interpretiert und dazu verwendet werden, Ausbau und Qualifizierung der Kleinkindbetreuung in Deutschland zurückzuwerfen. „Wir sind es den Kindern und ihren Eltern schuldig, die vorhandenen Befunde korrekt zu interpretieren und die Erziehung in Krippen weder zu verteufeln noch zu idealisieren“, so Prof. Franz Resch, Präsident der Deutschen Liga für das Kind.

Die wichtigsten Erkenntnisse der internationalen Krippenforschung: Eltern-Kind-Bindung: Eltern müssen nicht befürchten, dass durch ausreichend gute Tagesbetreuung die Eltern-Kind-Bindung Schaden erleidet. Wichtig sind vor allem sanfte Übergänge und eine gut funktionierende Erziehungspartnerschaft zwischen Eltern und Krippe bzw. Tagespflegeperson. Förderung: Die Förderung eines Kindes hängt sowohl in der Familie als auch in Krippe oder Tagespflege stark von der Qualität ab. Durchschnittlich gute Eltern unterscheiden sich in punkto Förderung nicht von einer durchschnittlich guten Krippe oder Tagespflegestelle. Kinder, die von ihren Eltern nicht ausreichend gefördert werden, profitieren von einer guten Tagesbetreuung. Sozialverhalten: In bestimmten Altersbereichen zeigen ehemals in einer Krippe betreute Kinder mehr konfliktreiche Beziehungen, in anderen nicht. Das vermehrte kindliche Problemverhalten ist im Normbereich angesiedelt und erreicht kein klinisches Niveau. Die frühe Betreuung in ausreichend guten Einrichtungen führt bei den Kindern nicht zu Störungen der sozial-emotionalen Entwicklung.

Fazit: Pauschale Wertungen helfen nicht weiter. Aus wissenschaftlicher Perspektive verunsichert eine ausreichend gute frühe Tagesbetreuung die Mutter- bzw. Vater-Kind-Bindung keineswegs negativ. Eine qualitativ gute Krippe oder Tagespflege kann vielen Kindern eine dringend notwendige familienergänzende Förderung bieten. Eltern sollten und können selbst entscheiden, ob sie ihr Kind in die Krippe oder zu einer Tagespflegeperson geben oder ob sie es in den ersten Jahren zu Hause betreuen. Dafür müssen aber auch entsprechende Betreuungsangebote in ausreichender Anzahl vorhanden sein, was bisher bei weitem nicht der Fall ist.

Flankierend zur Erhöhung der Plätze muss die Politik ein Programm zur Steigerung der Qualität in Krippen und Tagespflegestellen beschließen. Notwendig sind u.a. auf die alters- und entwicklungsbedingten Bedürfnisse des Kindes abgestimmte Gruppengrößen und Erzieher(innen)-Kind-Schlüssel, eine bessere Aus- und Fortbildung, die angemessene Bezahlung des Personals sowie ein verpflichtendes Qualitätsmanagement.

Die Deutsche Liga für das Kind ist ein bundesweit tätiges, interdisziplinäres Netzwerk zahlreicher Verbände und Organisationen aus dem Bereich der frühen Kindheit. Ziel der Liga ist es, die körperliche, seelische, geistige und soziale Gesundheit von Kindern zu fördern und ihre Rechte und Entwicklungschancen in allen Lebensbereichen zu verbessern.