Pressemitteilung vom 30.04.02

Nachdenken nach Erfurt

Die Deutsche Liga für das Kind über die Verantwortung der Erwachsenen für die Taten der Kinder und Jugendlichen

 

Zuerst kommt das Entsetzen, dann folgen Trauer und Ratlosigkeit nach den Schüssen am Erfurter Gymnasium. Auch die Deutsche Liga für das Kind trauert um die Opfer, fühlt mit den Angehörigen der Toten und den Schülerinnen und Schülern, die das grausame Verbrechen unmittelbar erlebten.

Die Tat ist unfassbar, jeder Versuch, sie zu erklären, scheint zum Scheitern verurteilt zu sein. Aber Nachdenken ist nicht nur erlaubt, sondern wird zur Pflicht, wenn ein solches Verbrechen geschieht.

Einfache Erklärungsmuster sind dabei schnell zur Hand und Forderungen nach Verboten schnell ausgesprochen. Sie sind verständlich, nützen vielleicht auch etwas, verleiten aber allzu schnell dazu, zur Tagesordnung überzugehen. Sicherlich ist diese Tat nur als eine Verkettung einer Reihe von negativen Entwicklungen zu begreifen. Aber der Grundstein solcher Katastrophen wird häufig schon in der frühen Kindheit gelegt.

„Was Kindern und Jugendlichen oft fehlt, sind die so genannten weichen Fähigkeiten wie Selbst- und Fremdwahrnehmung, Einfühlungsvermögen, sprachliche Gewandtheit und Konfliktfähigkeit“, sagt Professor Franz Resch, Kinder- und Jugendpsychiater, Präsident der Deutschen Liga für das Kind. „Wir beschenken unsere Kinder mit Bergen von technischem Spielzeug, wir fördern ihr Denken, ihre Logik und Schlagfertigkeit, aber nicht selten bleibt ihre Kinderstube menschenleer und kalt. Beschleunigt und gehetzt bleiben ihre kindlichen Gefühle, Fragen und Sorgen unbeantwortet.“

Ein Klima sozialer Kälte kommt auch in so genannten guten Elternhäusern vor, auch wohlhabende Eltern haben den Kontakt zu ihren Kindern verloren, oft ohne es zu merken. Wer gut lebt, muss dafür bezahlen, mit Geld und – vor allem – mit Zeit. Der ökonomische Druck ist groß, Flexibilität im Beruf wird gefordert. „Im Alltagsverhalten wird das Ohr für Kinder plötzlich taub, trübt sich der Blick fürs Wesentliche, wird die Schulter weggedreht.“ Prof. Franz Resch spricht vom „Syndrom der kalten Schulter“.

Die Deutsche Liga für das Kind wurde vor 25 Jahren gegründet, nachdem eine Mordtat unter Jugendlichen begangenen worden war, die ebenso unbegreiflich zu sein schien wie die Erfurter Schüsse. Heute sind unter dem Dach der Liga zahlreiche Verbände und Organisationen aus dem Bereich der frühen Kindheit vereint, aber auch Städte, Firmen, Service-Clubs und Einzelmitglieder. Die Liga will die seelische Gesundheit von Kindern fördern und kindliche Rechte und Entwicklungsschancen in allen Lebensbereichen verbessern.

Auch dem Thema „Gewaltfreie Erziehung“ hat sie sich immer wieder in ihren Publikationen und Veranstaltungen gewidmet, zum Beispiel durch die Produktion des dokumentarischen Films „Kinder sind unschlagbar!“.

„Mehr denn je müssen sich die Erwachsenen jetzt ihrer Verantwortung bewusst werden, was die Mischung aus Genervtheit und Ungeduld, mangelnder Einfühlung und Geschäftsmäßigkeit im Umgang mit Kindern langfristig bewirken kann. Lebensräume für Kinder müssen aber nicht nur zu Hause, sondern auch in Kindergärten, Kindertagesstätten und Schulen etabliert werden,“ erklärt Professor Franz Resch. Sonst besteht die Gefahr, dass Kinder zu Jugendlichen heranwachsen, die dumpf und abgekapselt vor sich hinleben, in Traurigkeit versinken oder destruktiv sind.

„Helfen kann nur eine Erziehungsform, die es den Kindern ermöglicht, soziale und emotionale Kompetenzen zu entwickeln. In diesem Sinne muss frühe Erziehung zur Gewaltprävention beitragen.“