Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Eltern unter Druck – Väter unter Druck

Von Tanja Merkle

„Wenn das Kindeswohl im Fokus der Familienpolitik stehen soll, ist es unabdingbar zu wissen, wie es Eltern geht, da sie die Lebensbedingungen der Kinder prägen.“ Diese Prämisse bildete den Ausgangspunkt der sozialwissenschaftlichen Studie „Eltern unter Druck“, die im Jahre 2007 von der Autorin im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung durchgeführt wurde. Im Rahmen der Untersuchung wurden sowohl Mütter als auch Väter befragt, wobei der Fokus im Folgenden etwas stärker auf den Vätern liegen soll.

Elternschaft, und damit auch Vaterschaft, hat im Laufe der Zeit massive Veränderungen erfahren. Elternschaft ist heute nur noch eine Option neben anderen Lebensformen. Menschen stellen sich verstärkt die Frage, ob sie überhaupt ein Kind wollen (und wenn ja: wann, ob mehr als ein Kind, in welchem Abstand etc.). In Anbetracht der zu erwarteten Belastungen und Einschränkungen erscheint Elternschaft nicht mehr uneingeschränkt attraktiv. Gleichzeitig sind berufliche Anforderungen stark gestiegen, (Groß-)Eltern zur Unterstützung leben oftmals nicht am selben Ort, und der Erziehungsdruck ist gewachsen.

Elternschaft ist darüber hinaus komplex. Sie entwickelt sich zu einer zunehmend schwieriger zu bewältigenden Gestaltungsaufgabe mit hohen Erwartungen sowohl der Eltern an sich selbst als auch der Gesellschaft an die Eltern. Diese haben oftmals eine Defizitperspektive („Bin ich eine gute Mutter?“ bzw. „Bin ich ein guter Vater?“ „Wird mein Kind nach allen mir bzw. uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten gefördert?“) und können in ihrer Eigenwahrnehmung den hohen Ansprüchen kaum gerecht werden. Viele Eltern üben deutliche Selbstkritik, sind angesichts der hohen Erwartungen verunsichert, gestresst und tragen Sorge, etwas bezüglich der Entwicklung und Förderung ihrer Kinder zu verpassen, wie nachfolgendes Zitat belegt: „Ich lese so ziemlich alles, was ich zum Thema Erziehung und Kinder in die Finger kriege. Vom Arzt sind es Broschüren, dann lese ich diese Babyzeitschrift, die man in der Apotheke kriegt, das ist immer ein bisschen breit gefächert und da steht etwas über Erziehung und Gesundheit drin. Dann lese ich alle möglichen Bücher. Und natürlich tausche ich mich mit Freunden aus, wo man dann halt sagt, wie ist das bei euch, bei uns ist das gerade so und so. Ich finde das schon wichtig, man möchte ja nichts falsch machen und erst hinterher merken, dass man etwas versäumt hat.“

Dieses Verständnis führt zu immer stärkeren Bemühungen und einer steigenden Nachfrage nach Frühförderung. Die Devise vieler Eltern dabei ist: Einen Vorsprung vor anderen zu haben und somit wettbewerbsfähig zu sein – etwas, womit man in ihrer Perspektive nicht früh genug anfangen kann.

Eltern stehen zunehmend unter Druck. Sie fühlen sich häufig gesamtgesellschaftlich allein gelassen, was im Rahmen der durchgeführten Gespräche nur allzu deutlich wurde. Der wahrgenommene Druck bezieht sich hierbei insbesondere auf die Aspekte Zeit, Organisation, Leistung im Beruf, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Kinderbetreuung und Erziehungsarbeit, Erfolg der Kinder in der Schule, soziale Identität und neue Elternrolle, Partnerschaftsdruck sowie finanzielle Mittel.

Anhand zwei der genannten Punkte, dem Aspekt der Kinderbetreuung und Erziehungsarbeit sowie der Thematik der Vereinbarkeit von Familie und Beruf soll nachfolgend ausgeführt werden, wie es Müttern und Vätern heute geht, wie sich ihr Leben gestaltet, welche Vorstellungen und Erwartungen etwa in Bezug auf gleichgestellte Lebensmodelle existieren und wie sich demgegenüber oftmals die Realität darstellt. Im Anschluss daran werden in einem kurzen Überblick Väter hinsichtlich ihrer Rollenbilder skizziert.

Der „neue Mann“: Anspruch versus Realität
Generell zeigt sich – und dies mag manche auf den ersten Blick hoffnungsfroh stimmen: Es gibt ihn, den Wunsch nach einer stärkeren praktischen Verantwortung des Mannes für die Familie. Das Interesse an Gleichstellung ist auch bei Männern vorhanden (52 Prozent der Männer, die mit ihrer Partnerin zusammenleben, 62 Prozent der Männer, die mit ihrer Familie zusammenleben). Gerade der „Postmaterielle“ spiegelt den selbstbewussten „neuen“ Mann mit vielen „weichen“ Eigenschaften wider, mit dem Wunsch nach Selbstverwirklichung und Empathie, mit dem Bestreben nach gleichgestellter Arbeitsteilung in Haushalt und Erziehung, mit hoher beruflicher Kompetenz, aber keiner Dominanz von Konkurrenz, kurzum: die Abkehr vom (eindimensional) klassisch-männlichen Rollenbild.

Und auch insgesamt in der Bevölkerung meinen immerhin
– 20 Prozent, dass Männer in den ersten Lebensmonaten ihres Kindes zu Hause bleiben sollten;
– 34 Prozent, dass Männer ihre Berufstätigkeit reduzieren sollten, solange die Kinder noch klein sind;
– 56 Prozent, dass die Kinderbetreuungsmöglichkeiten an die Bedürfnisse berufstätiger Väter angepasst werden sollten;
– 79 Prozent, dass der Mann seiner berufstätigen Frau den Rücken freihalten sollte.

Hat Gleichstellung den Rang des sozial Erwünschten erreicht? In fast allen sozialen Milieus ist die Gleichstellung von Männern und Frauen eine im Grundsatz absolut akzeptierte soziale Norm. Allein die faktischen Gegebenheiten bzw. erlebten Notwendigkeiten sind oftmals andere. Dies wird u. a. anhand der Thematik der Erziehungsarbeit deutlich. Stellt man zunächst die Frage nach der Erziehungsverantwortung, zeigt sich, dass diese in der Hälfte der Fälle (53 Prozent) zwar bei beiden Elternteilen gleichermaßen gesehen wird, sie aber in knapp der Hälfte der Fälle (45 Prozent) alleine bei der Mutter und nur in 2 Prozent der Fälle alleine beim Vater liegt. Noch deutlicher wird der Gap zwischen Anspruch bzw. Selbstwahrnehmung und Wirklichkeit, wenn man die Zahlen zur Erziehungsarbeit, d. h. zur tatsächlichen Aufgabenteilung betrachtet. Dann wird offenkundig, dass in mehr als zwei Drittel der Fälle (68 Prozent) die Mutter diejenige ist, die die Hauptarbeit für die Erziehung übernimmt.

Auch die Ergebnisse weiterer Sinus-Studien gehen in diese Richtung: „Wer kümmert sich bei Ihnen im Haushalt um folgende Aufgaben?“, lautet etwa die Frage einer vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend beauftragten Untersuchung. „Nur die Frau/überwiegend die Frau“ ist zuständig für den Kauf von Kinderkleidung (77 Prozent), die Organisation der Betreuung der Kinder (58 Prozent), den Kauf von Kinderspielzeug (55 Prozent) sowie die Beaufsichtigung von Schularbeiten (52 Prozent). „Nur der Mann/überwiegend der Mann“ ist hingegen zuständig wenn es darum geht, die Kinder zu Freizeitaktivitäten zu fahren (9 Prozent).

Mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf – Retraditionalisierung „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ – zu diesem Suchbegriff liefert Google derzeit etwa 244.000 Treffer. Ein Indikator dafür, dass es sich um ein gesellschaftspolitisch hochrelevantes Thema handelt? Zumindest einer der zentralen Druckpunkte der Eltern-Studie. Betrachtet man Zahlen zur Berufstätigkeit in Vollzeit (mehr als 34 Stunden pro Woche) bei Frauen und Männern bzw. Müttern und Vätern, so wird schnell deutlich, dass die Vollzeitberufstätigkeit bei Frauen im Zuge der Mutterschaft abnimmt (von 46 Prozent auf 16 Prozent) wohingegen sie bei Männern im Zuge der Vaterschaft zunimmt (von 75 Prozent auf 90 Prozent).

Elternschaft katalysiert und verstärkt einerseits das Gleichstellungsinteresse bei Männern und Frauen, andererseits führt sie zu einer Retraditionalisierung. Selbst Paare, die vor der Elternschaft das Modell einer gleichgestellten Partnerschaft lebten, erleben häufig den Fallback in eine traditionelle Rollenteilung. Unbestritten ist: Es sind zumeist Männer, die ihre Berufstätigkeit nicht unterbrechen und durch die Logik der rationalen Arbeitsteilung („berufstätig bleibt, wer mehr verdient“) von der Mitarbeit im Haushalt oftmals stark entlastet werden. Sie (zum Teil auch ihre Partnerinnen) sehen wenig rationale, ökonomisch ansprechende Ansätze, diesem traditionalistischen Reflex nicht zu folgen.

Die Gesellschaft erwartet einerseits, dass Eltern viel Zeit mit ihren Kindern verbringen. Gleichzeitig tragen jedoch der Druck der Berufsrolle (die im Grunde 100 Prozent Arbeitnehmer verlangt und Vätern kaum Familienzeit lässt), wenig flexible Arbeitsstrukturen in Unternehmen (Arbeitszeiten und -orte, Teilzeitarbeit, Berufsrückkehr) etc. sowie oftmals wenig vertrauensbasierte Arbeitskulturen zum erlebten „Totalzugriff“ der Arbeitswelt vor allem auf Väter bei. Beide Geschlechter müssen sich den steigenden Anforderungen hinsichtlich Leistung, Flexibilität und Mobilität anpassen und sind innerhalb von Unternehmen die abhängige Variable. Familie wird so immer schwieriger zu organisieren. Krankheit des Kindes etwa oder andere unvorhersehbare Situationen bringen Mütter und Väter am Arbeitsplatz unter moralischen und ökonomischen Druck und führen dazu, dass ihre Kompetenzen, Verantwortlichkeiten und Aufstiegschancen im Unternehmen geschwächt werden. Egal, wie die Entscheidung in einem solchen Fall ausfällt, es kann eigentlich nur die falsche Entscheidung sein. Entweder man gilt als „Rabenmutter“ bzw. „Rabenvater“ (dies jedoch seltener) oder als unprofessionell.

Konturen neuer Väterbilder
Vätern wird es schwer gemacht, ein neues Vaterbild zu entwickeln und vor allem zu praktizieren. Das Bild vom aktiven, gleich partizipierenden Vater geht nicht einher mit der subkutan vorhandenen normativen Vorstellung, dass Väter in der Kernarbeitszeit unabkömmlich sind und die Kinder von der Mutter versorgt werden. Insgesamt ist das Väterbild für junge Männer noch sehr diffus – und für viele durchaus beängstigend: Wie soll das im Alltag umsetzbar sein: Der „neue Vater“, der sich mehr Zeit für die Kinder nimmt und mehr praktische Verantwortung in der Erziehung übernimmt, der nun das klassische Familienoberhaupt, den Haupternährer und (einstmals) strengen Vater ablöst? Wie sollen die (stetig steigenden) Anforderungen des Erwerbsalltags, also Zeit jenseits der Familie mit dem „modernen neuen Väterbild“ zusammengehen? Wie kann die Sorge vor beruflichen Nachteilen bzw. mangelnder Akzeptanz seitens der Vorgesetzten und Kollegen bei einer möglicherweise geplanten Reduktion der Arbeitszeit ausgeräumt werden? Selbst wenn die Bereitschaft zu Teilzeitarbeit oder verlängerter Erziehungszeit, wie etwa bei Postmateriellen, besonders hoch ist (29 Prozent der Männer sind bereit, weniger als 35 Stunden pro Woche zu arbeiten), so beobachten diese Männer doch immer wieder berufliche Nachteile und häufig eine Stigmatisierung bei der Berufsrückkehr ihrer Partnerinnen, was sie in einen persönlich kaum zu lösenden Konflikt bringt.

Breites Spektrum an Vaterrollen
Oftmals fehlt es an geeigneten Rollenbildern, Orientierungsmustern und Verhaltensroutinen für „moderne neue Männer“. Was Männer (insbesondere in den gesellschaftlichen Leitmilieus und der Mitte der Gesellschaft) allerdings verbindet, ist die Einstellung, dass Erziehung nicht mehr alleinig Frauensache sein kann, wie es noch vor einigen Dekaden der Normalfall war. Mittlerweile gilt der Vater als wichtiger, wenn auch oft entbehrter Baustein einer ganzheitlichen und guten Erziehung.

Eltern haben heute nicht mehr ein einheitliches, universell definiertes, verbindliches Leitbild in der Erziehung. Durch den Prozess der Individualisierung und Pluralisierung haben sich in den sozialen Milieus je eigene soziokulturelle Orientierungsmuster ausgebildet, wobei das Normbild der „guten Mutter“ bzw. des „guten Vaters“ in allen Milieus, allerdings in heterogenen Ausprägungen, wiederzufinden ist. Genauso wenig, wie es (entgegen der Wahrnehmung in der öffentlichen Debatte) nur das eine Normbild der „guten Mutter“ gibt, so wenig gibt es auch nur das eine Normbild des „guten Vaters“. Dies wird abschließend in einem Überblick anhand der nachfolgenden Grafik veranschaulicht.

Fazit
Die Ausführungen verdeutlichen, dass Eltern und damit auch Väter je nach sozialer Lage, Wertorientierung und Lebensstil (Sinus-Milieus) nicht gleich sind. Es gibt ihn nicht, „den Mann“ als Standardtypus. Eine der Herausforderungen an Familienpolitik ist es, Müttern und Vätern die Möglichkeit zu geben, ihre Lebensentwürfe zu leben, d. h. Wunsch und Wirklichkeit besser miteinander in Einklang zu bringen.

Für die in der Familienarbeit und Familienbildung Tätigen gilt: Es gibt nicht den einen Ansatz oder das eine „Rezept“. Vielmehr muss Familienarbeit bzw. Väterarbeit ein multiples Anforderungsprofil erfüllen und den jeweiligen Bedürfnissen der unterschiedlichen Milieus gerecht werden. Sie sollte Eltern (z. B. hinsichtlich Sprache, Bildungsräumen und Lernmaterialien) dort abholen, wo sich diese individuell befinden. Eine selbstkritische Frage sollte dabei sein, inwieweit man tatsächlich alle sozialen Milieus erreicht (Stichwort: Elternbildung bzw. Väterbildung primär als Projekt der Mittelschicht?) bzw. inwieweit bestimmte soziale Milieus (aufgrund möglicherweise auch nur vorbewusster Signale (z. B. durch Habitus, Ambiente, Sprache) sozialer Distinktion und Schließung ausgesetzt sind.

Die Literaturangaben sind über die Geschäftsstelle erhältlich.

Tanja Merkle ist Soziologin, Politologin und Erziehungswissenschaftlerin sowie Senior Research and Consulting am sozialwissenschaftlichen Institut SINUS-Sociovision in Heidelberg.