Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

„Ich und mein Märchenprinz, wir machen alles viel besser”

Von der Schwierigkeit, sich in Deutschland für Kinder zu entscheiden und den Alltag mit ihnen zu bewältigen

von Uta Meier-Gräwe

Der gegenwärtig hohe Aufmerksamkeitswert gegenüber dem Strukturwandel von Familie und Kindheit verdankt sich in erster Linie dem stillen, aber durchaus wirkungsmächtigen „Gebärstreik” der Frauen in Deutschland. Sicherungssysteme drohen zu implodieren, in etlichen Regionen wird bereits deutlich, was sich in den nächsten Jahren zu handfesten Problemen ausweiten wird: Kindergärten, Schulen und andere Einrichtungen werden in Ermangelung von Nachwuchs schließen müssen; von der Wirtschaft wird bereits ein erheblicher Fachkräftemangel prognostiziert.

Diese Entwicklung ist eine Folge der über Jahrzehnte unterschätzten Veränderungen in der Lebenssituation von Frauen, gepaart mit einer Familienideologie, die wider besseren Wissens und im Gegensatz zu profunden Erkenntnissen aus der internationalen Forschung hartnäckig an der These festhielt, dass es für das gedeihliche Aufwachsen eines Kindes am besten sei, wenn seine eigene Mutter eine Rundum-Betreuung übernimmt, allenfalls ergänzt um den Besuch eines Halbtagskindergartens. Noch im Dezember 2000 fand an der Ludwig-Maximilians-Universität in München eine wissenschaftliche Konferenz zum Thema „Elternnähe oder Kollektiv?” statt. Jegliche Form der Außer-Haus-Betreuung, vor allem aber die von kleinen Kindern, wurde von konservativen Familienforschern und Kinderärzten per se abgelehnt und schädliche Folgen für die Entwicklung der betreffenden Kinder beschworen. Selbst der Hinweis auf die Hospitalismusschäden in rumänischen Kinderheimen fehlte in diesem Zusammenhang nicht.

Das „Rabenmutter”-Syndrom

In einem solchen Klima wurden Frauen in Westdeutschland dann auch in erheblicher Zahl vom „Rabenmutter”-Syndrom befallen. Es hält viele Mütter bis heute davon ab, ihre ganzheitliche Lebensplanung zwischen Kind, Beruf, Partner, Zeit für sich und für andere Menschen zu realisieren sowie erworbene berufliche Qualifikationen wie auch ihre familienbezogenen Kompetenzen nach der Elternzeit (die immer noch fast ausschließlich Mütterzeit ist) angemessen zu verwerten. Auch dadurch wurde ein offensiver und kreativer Umgang mit dem Mangelzustand einer kindgerechten Bildungslandschaft in Deutschland quer durch alle Altersstufen verhindert, während viele andere europäische Länder im Interesse von Kindern, Müttern und Vätern gehandelt haben.

Auch wenn in den letzten Jahren hier zu Lande familien- und bildungspolitisch viel in Bewegung gekommen ist, gibt es längst noch nicht unter allen kommunalen und schulischen Akteuren – allen voran der Lehrerschaft – einen breiten Konsens darüber, dass es sich zum Beispiel bei Ganztagsbetreuungsangeboten um Lebens- und Lernorte handelt, die für Kinder und Jugendliche und ihre Sozialisation originäre und/oder kompensatorische Funktionen übernehmen (müssen). So argumentiert der Lehrerverband, der neben der GEW der zahlenmäßig größte Interessenverband der Pädagogen in Deutschland ist, in seiner Denkschrift „Ganztagsschule und schulische Ganztagsbetreuung” (2001) nach wie vor ausgesprochen vorurteilsbeladen und tendenziös: Weder Ganztagsbetreuung noch Ganztagsschule seien in der Lage, das erzieherische Bewusstsein der Eltern zu fördern; „eher fördern sie die Bereitschaft, immer mehr originäre erzieherische Aufgaben an den Staat zu delegieren” (www.lehrerverband.de). Sie seien gegenüber einer familiären Betreuung der Kinder am Nachmittag und gegenüber außerschulischen Erfahrungsfeldern „nur die zweitbeste Lösung”, die Eltern nicht dazu verführen dürfe, nur noch „außer Haus” erziehen zu lassen.

Die Folge: Verzicht auf Kinder

Diese Geisteshaltung kollidiert mehr und mehr mit den berechtigten Ansprüchen der inzwischen am besten ausgebildeten Frauengeneration aller Zeiten, ihre erworbenen schulischen und beruflichen Qualifikationen auch im Erwerbsleben umzusetzen. Die Lebensplanungen von Frauen, später Beruf, Partner und Kinder haben zu wollen, scheiterten immer öfter an den unzulänglichen Rahmenbedingungen, Familie und Beruf miteinander zu verknüpfen. Inzwischen ist der Anteil der westdeutschen Frauen, die zeitlebens ohne Kind(er) bleiben, im europäischen Vergleich am höchsten. Dabei gilt: Je besser die Frauen qualifiziert sind, desto öfter trifft das zu. Demographen prognostizieren, dass Akademikerinnen der jüngeren Jahrgänge demnächst zur Hälfte dauerhaft kinderlos bleiben werden. Die Zahl der Frauen in Deutschland, die einen akademischen Abschluss erlangen, hat sich seit den 1970er Jahren mehr als verfünffacht. Bedenkt man zudem, dass es gesellschaftspolitisch gewollt ist, in den nächsten fünf Jahren den Anteil der Studierenden pro Altersjahrgang auf ca. 40 Prozent zu erhöhen, so wird deutlich, dass es hier mitnichten um ein Minderheitenproblem geht.

Aber nicht nur die Akademikerinnen, sondern auch die sehr gut qualifizierten Männer verzichten immer häufiger auf Kinder. Das ist u.a. eine Folge der Veränderungen auf dem Beziehungs- und Heiratsmarkt: Während noch in den 1970er Jahren Männer überwiegend diejenigen waren, die über höhere schulische und berufliche Abschlüsse verfügten als ihre Partnerinnen, begegnen sich Männer und Frauen – was ihre Bildungsabschlüsse angeht – heute zunehmend „auf gleicher Augenhöhe” (Arzt heiratet nicht mehr Krankenschwester, sondern Ärztin). Damit stellt sich die Frage, wer nach der Geburt eines Kindes beruflich zurückstecken soll und wie lange, mit einer ganz anderen Tragweite.

Die wenigen „neuen Väter”, die sich an der Kinderbetreuung und bei der anfallenden Hausarbeit beteiligen, treffen in ihrem beruflichen Umfeld zusätzlich auf vielfältige mentale Vorurteile. Sie lauten: Mangelnde Karriereorientierung und fehlende Leistungsbereitschaft. Auch aus diesem Grund bleiben Kinderwünsche auf der Strecke. Die gesellschaftliche Tragweite dieser vermeintlich „privaten” Entscheidungen ist gravierend: Es bleiben immer öfter gerade diejenigen ohne Kinder, die von ihren Bildungsvoraussetzungen und Erwerbsperspektiven her ihren (potentiellen) und mehrheitlich gewünschten Kindern bestmögliche Bedingungen des Aufwachsens bieten könnten. Dieser Tatbestand kann auf Grund seiner schwerwiegenden Folgen für eine Gesellschaft, die im internationalen Wettbewerb keine anderen Ressourcen einbringen kann als ihr Humanvermögen – also ihr kulturelles und soziales Kapital, gar nicht ernst genug genommen werden.

Die jüngste Allensbachstudie „Das subjektive Zeitfenster für die Elternschaft” bescheinigt den Deutschen, dass sie die „Erst-Mal-Mentalität” dazu verleitet, zunächst ihre Ausbildung abzuschließen und berufliche Erfahrungen zu sammeln, ehe sie an eigene Kinder denken. Über neunzig Prozent der Deutschen denken so. Auch die Eltern raten ihren erwachsenen und in Ausbildung befindlichen Kindern dringend davon ab, vor einem gelungenen Berufseinstieg überhaupt an die Gründung einer Familie zu denken. Damit geraten Kinderwünsche besonders akkurater und pflichtbewusster junger Frauen und Männer unbeabsichtigt in die Sackgasse der Kinderlosigkeit.

Sie haben eine Lebensplanung, nach der diese Reihenfolge eingehalten werden soll: erst Planungssicherheit und eine solide ökonomische Basis, dann Kind(er). Verschiedene Untersuchungen zeigen jedoch, dass diese Rechnung aus unterschiedlichen Gründen einfach nicht aufgeht. Wer dann noch vor Augen hat, dass auf den eigenen Arbeitsplatz zehn oder zwanzig oder auch zweihundert Konkurrenten warten, schiebt das Kinderkriegen noch weiter hinaus, bis es biologisch nicht mehr klappt. Gerade diejenigen, die sich so etwas wie bewusste Elternschaft vorstellen und sehr genau um die Bedeutung von Bildung für ihre Kinder wissen, verpassen sozusagen über ihre Vorstellungen vom idealen Zeitpunkt für eine geglückte Elternschaft am Ende die Umsetzung ihres Lebensentwurfs mit Kind(ern).

Dazu trägt auch die öffentliche Diskussion in unserer Gesellschaft wesentlich bei: Was Kinder heute alles brauchen, was Eltern alles falsch machen – solche Fragen werden gerade von jungen Leuten mit einer hohen Bildung sehr ernst genommen. Es gibt eine wahre Flut von pädagogischer Ratgeberliteratur. In der Fachöffentlichkeit hat sich dafür der Begriff von einer zunehmenden „Professionalisierung von Elternschaft” eingebürgert. Wenn Kindergärtnerinnen nach der Veröffentlichung der Pisa-Studie von besorgten Müttern gefragt werden, wie wichtig es ist, dass man am Wochenende mit einem Vierjährigen ins Deutsche Museum nach München fährt; damit das Kind schon in dieser Zeit möglichst viel lernt, verweist das auf den enormen Druck, der auf jungen Eltern lastet, vielleicht noch mehr tun zu müssen. Mit Blick auf den Anspruch, den junge Eltern mit einer guten Ausbildung darüber hinaus in Bezug auf ihre eigene berufliche Situation haben, baut sich das zu einem ehrgeizigen Projekt auf, das in einer kurzen Lebensspanne zwischen 30 und 40 umgesetzt werden soll, was dann viele nicht mehr schultern können oder wollen.

Schon die langen Ausbildungszeiten wirken als verlässliches Verhütungsmittel. Immer häufiger drehen auch Akademiker(innen) nach Abschluss ihres Diploms vier oder fünf Warteschleifen und hangeln sich von einem befristeten Zeitvertrag zum nächsten. Das ist ihren Vorstellungen vom Zusammenleben mit Kindern nicht zuträglich. Hinzu kommt, dass Eltern in Deutschland das Projekt Kind vor allem als ihr individuelles Projekt ansehen, für das sie ganz persönlich verantwortlich sind. Vielen Akademiker(inne)n fällt gar nicht ein zu fragen, warum es keine verlässlichen öffentlichen Betreuungsangebote mit einer guten Qualität gibt, sondern sie suchen gleich nach einer Tagesmutter oder geben ihren Beruf auf. Das hat damit zu tun, dass familienunterstützende Infrastrukturen für Kinder nach wie vor völlig unterentwickelt sind. Hinzu kommt, dass auch vermeintlich „moderne” und dynamische männliche Entscheidungsträger immer noch davon ausgehen, dass eine Mutter mindestens in den ersten drei oder besser noch den ersten sechs Lebensjahren des Kindes die wichtigste Bezugsperson sei, die dann auch möglichst den ganzen Tag für das Kind präsent sein soll. Das ist eine Einstellung, die es so in den skandinavischen Ländern oder in Frankreich gar nicht gibt und die sich mit dem Aufbau einer eigenständigen Erwerbsbiographie nicht verträgt.

Die Erfahrungen aus der eigenen Kindheit, aber auch die immer längere Verweildauer von bereits erwachsenen Kinder im Elternhaus befördern solche Einstellungen. Hotel Mama lässt grüßen. Gerade Söhne nutzen den Rundum-Gratis-Service sehr gern und tun sich dann oft schwer, eine gleichberechtigte Arbeitsteilung mit einer berufstätigen Partnerin zu praktizieren. Die Bedeutung von vorgelebten Lebensmustern und Wertvorstellungen in der Herkunftsfamilie wirkt erheblich nach. Das zeigt auch ein Blick nach Ostdeutschland. Wer immer eine berufstätige Mutter hatte, bezieht dazu eine andere Einstellung.

Strukturelle Gleichgültigkeit gegenüber Kindern Wenden wir uns schließlich der Lebenssituation der Kinder zu, die in den mittleren und unteren Bildungsgruppen nach wie vor geboren werden. Mit ihnen ist die bundesdeutsche Gesellschaft über viele Jahre strukturell gleichgültig umgegangen. Ihre Zahl ist in den zurückliegenden Jahren weiter gestiegen, so dass von einem Ende der „Infantilisierung von Armut”, also einer überproportional hohen Betroffenheit der Kinder durch Armut und prekären Wohlstand im Vergleich zu anderen Altersgruppen, nicht die Rede sein kann. Deutschlandweit lag die Kinderarmutsquote im Jahr 2003 im Durchschnitt bei 14,2 Prozent; in Ostdeutschland sogar bei 23,7 Prozent. In einigen Großstädten hat sie inzwischen die 30-Prozentmarke überschritten.

Seit Mitte der 1980er Jahre nimmt die Anzahl von Kindern stetig zu, deren Eltern keinen beruflichen Abschluss erreicht haben. Diese Mütter und Väter blicken auf schlechte Erfahrungen mit Schule und Ausbildung zurück und benötigen zunächst selbst eine enorme Unterstützung, um sich einen Zugang zum Erwerbsleben überhaupt zu erschließen. Als Eltern sind die Erwachsenen weder mental noch alltagspraktisch in der Lage, ihren Kindern Daseinskompetenzen wie Bindungs- und Konfliktfähigkeit, Durchhaltevermögen, emotionale Stabilität oder haushälterische Grundkompetenzen zu vermitteln. Selbst bei gutem Willen besteht eine ausgeprägte Hilflosigkeit, den Kindern zu einem Schulerfolg zu verhelfen. Hier verknüpft sich oft in fataler Weise finanzielle Armut mit sozialer Isolation und Bildungsarmut, aber auch mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen und einem Mangel an Zuwendung. Unter diesen Bedingungen kommen dann eben auch Kindesvernachlässigung oder Gewalt gegen Kinder vor.

Mangel an systematischer Armutsprävention

Eine stärkere öffentliche Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern in Form von aufsuchender und anleitender Familienhilfe kann hier dazu beitragen, überforderte Eltern darin zu unterstützen, zunächst wieder eine Grundstruktur in ihren Alltag zu bringen. Hier gibt es einen großen, bislang unbefriedigten Handlungsbedarf im Bereich der systematischen Armutsprävention: Das hohe Verbleibsrisiko in Armut von allein erziehenden Müttern und ihren Kindern, bei Mehrkinderfamilien und bei ausländischen Familienhaushalten ist aus familienwissenschaftlicher und sozialisationstheoretischer Perspektive als problematisch anzusehen: zum einen mit Blick auf ihre aktuelle Lebenssituation, zum anderen mit Blick auf die Entwicklungs- und Verwirklichungschancen der Kinder. Während der vorübergehende Sozialhilfebezug und die Erfahrung, durch Eigeninitiative und passfähige Unterstützungsangebote wieder zur Normalität zurückgefunden zu haben, tendenziell persönlichkeitsstabilisierende Wirkungen befördern, läuft der Dauersozialhilfebezug auf Desillusionierung und die Erfahrung von Stigmatisierung hinaus. Für die heranwachsende Generation ist das vielfach gleich bedeutend mit einem weit gehenden Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe und Chancengleichheit.

Wenn im Jahre 2000 immerhin 43 Prozent aller Kinder mit einer Mehrfachbenachteiligung außerhalb des Kindergartens keinerlei Frühförderung erfahren haben, wie die vom Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt in Auftrag gegebene Studie „Gute Kindheit – Schlechte Kindheit” nachgewiesen hat, so wird mehr als deutlich, dass es mit einer „öffentlichen Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern” hier zu Lande nicht gut bestellt ist. Gerade Kinder aus Familien in armen und prekären Lebenslagen brauchen einen anregungsreichen Kinderalltag jenseits ihrer teils bedrückenden Herkunftsmilieus. Eine gute Betreuung und Bildung von Anfang an ist die einzige Möglichkeit, wie Kinder aus diesen Herkunftsverhältnissen dem Teufelskreis von Armut entkommen können. Nur so werden sie sich – wie uns die Neurobiologie und die Entwicklungspsychologie lehren – gut entwickeln können, körperlich und geistig, d.h. ihre linke und rechte Gehirnhälfte und die Wahrnehmungskanäle zwischen ihnen und damit die Voraussetzungen für die Entwicklung von Kreativität, Selbstwahrnehmung, Problemlösungs- und Sozialkompetenz. Ein soziokulturelles Existenzminimum für arme Kinder und ihre Familien ist als Einzelmaßnahme keinesfalls hinreichend, sondern hat offensichtlich zu ihrer „fürsorglichen Vernachlässigung” (P. Nolte) beigetragen. Vielmehr sind lebenslaufbegleitende Maßnahmen einer sensiblen Kinder- und Jugendarbeit von der gezielten Frühförderung über eine verlässliche Begleitung und Unterstützung dieser Kinder in der Schulzeit bis hin zu einem gelingenden Ausbildungsabschluss von Nöten.

Für ihre Eltern braucht es – neben großen Anstrengungen ihrer Reintegration in den Arbeitsmarkt – vielfältige vernetzte Formen von aufsuchender und anleitender hauswirtschaftlicher, sozialpädagogischer und sozialpsychologischer Familienhilfe und Familienbildung, um Alltagskompetenzen zu vermitteln, Familienbeziehungen zu stabilisieren oder ein „Entgleiten von Zeitstrukturen” zu verhindern. Zusätzliche monetäre Transfers sind insbesondere für jene Familienhaushalte keine Lösung, die schon über mehrere Generationen in Armutslagen leben, weil sich dadurch an der Problemstruktur des Familienalltags und dem Ausgabeverhalten der Eltern schlicht nichts ändert. Gleichwohl gibt es andere Familien, wo der eingeführte Kinderzuschlag durchaus sinnvoll ist: Insbesondere allein erziehende Mütter müssen nämlich ihren Alltag mit Kindern überdurchschnittlich häufig mit einem vergleichsweise niedrigen bedarfsgewichteten Haushaltseinkommen bewältigen.

Ausbau der familienergänzenden Infrastruktur

Aus dem Gesagten ergeben sich vielfältige Handlungserfordernisse. Arbeitsmarktpolitische Strategien sollten betont auf den Ausbau einer familien- und personenbezogenen Dienstleistungsinfrastruktur setzen, anstatt zu meinen, hier weiter mit Ehrenamt und dem lange Jahre praktizierten „Mut zur Lücke” fortzufahren, jüngst ergänzt um das Instrument der Ein-Euro-Jobs. Wenngleich die Bundesrepublik Deutschland auch in Zukunft ein wichtiger Industriestandort bleiben wird, ist der Wandel zu einer Dienstleistungsgesellschaft unverkennbar und sollte durch staatliche „Markteinführungshilfen” offensiv und zielgerichtet begleitet werden. Dabei geht es nicht in erster Linie um unternehmensnahe computergestützte Dienstleistungen, sondern um die schrittweise Besserstellung der feminisierten Dienstleistungsberufe, um ihre höhere Wertschätzung und weitere Professionalisierung, wie es andere europäische Länder bereits seit Jahren praktizieren. Die Lebensqualität von Kindern, Familien und pflegebedürftigen Gesellschaftsmitgliedern hängt perspektivisch ganz entscheidend von einem flexiblen und vielfältigen Angebot an solchen Diensten und einer bedarfsorientierten Qualifizierung des Personals mit hoher Schnittstellenkompetenz ab. Deshalb brauchen wir dringend eine öffentliche Diskussion über die Standards in der Kinderbetreuung, der Ernährung, Bildung, Gesundheit und Pflege. Viel zu lange waren diese Tätigkeiten „unsichtbar” in den Privatbereich verbannt und gesellschaftlich gering geschätzt.

Der Ausbau einer vitalen familienergänzenden Infrastruktur hätte drei positive Wirkungen: Zum einen würde dadurch die Entscheidung für ein Leben mit Kindern für Akademiker(innen) leichter. Zum zweiten böte sie Kindern und Eltern aus benachteiligten Familien vielfältige Unterstützung im Sinne einer systematischen Armutsprävention und würde dadurch Folgekosten in Milliardenhöhe vermeiden. Drittens schließlich könnten auf diesem Wege in den Kommunen rationalisierungsresistente Beschäftigungschancen für unterschiedliche Qualifikations- und Berufsgruppen entstehen.

Überwindung tradierter Geschlechterrollenmuster

In der Bildungspolitik ist eine Abkehr von der einseitigen Fixierung auf die Vermittlung von Kompetenzen zur Vorbereitung auf das Erwerbsleben von Nöten. Beispielsweise besteht mit dem Ausbau von Ganztagsschulen die Chance, Kindern und Jugendlichen an ihren Lern- und Lebensorten vielfältige Angebote zu unterbreiten, die ihre körperliche und geistige Entwicklung in jeder Hinsicht befördern, ein Lernen und Begreifen ihres Umfeldes mit allen Sinnen und zwar unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. Das beginnt am Lern- und Lebensort „Schule” mit einer ausgewogenen Pausen- und Mittagsverpflegung, die in ihrer Bedeutung der Vermittlung von notwendigen Kompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen keineswegs nachsteht. Gerade Pädagogen neigen jedoch häufig dazu, die ernährungsphysiologische Grundwahrheit zu unterschätzen, dass die Konzentrations- und Lernfähigkeit von Kindern unter anderem substantiell auch von ihrer Versorgung mit Nährstoffen und Vitaminen sowie von einer ausreichenden Flüssigkeitszufuhr abhängt. Da Kinder in ihren Herkunftsfamilien teilweise nicht mehr optimal versorgt werden und auch die notwendigen Kulturtechniken und Alltagskompetenzen häufig nicht mehr erwerben, gilt es diese Themen in den Alltag von Kindergärten und Schulen systematisch zu integrieren und Kinder auch stärker in den Prozess der Mahlzeitenvor- und -zubereitung einzubeziehen. Der Tatbestand, dass heute bereits zwischen 7 und 10 Prozent der Kinder adipös (fettleibig) und weitere 25 bis 30 Prozent übergewichtig sind, zeigt den Ernst der Lage hinreichend an.

Mit dem geplanten Ausbau von Kindertagsbetreuungsangeboten ergibt sich darüber hinaus die Chance, in den konkreten Erfahrungs- und Lernzusammenhängen von Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, dass die Familienarbeit keineswegs selbstverständlich oder gar „naturgegeben” in den Zuständigkeitsbereich von Mädchen und Frauen fällt, sondern Aufgabe beider Geschlechter ist.

Bislang jedoch wird eine differenzierte Auseinandersetzung mit den tradierten Geschlechterrollenmustern in der Schule kaum geführt. Eher wird den Mädchen die Illusion vermittelt, dass ihnen später alle Chancen offen stehen, wenn sie (sehr) gute Schulabschlüsse erreichen. Demgegenüber gibt es bis heute eine erstaunliche Wahrnehmungsresistenz gegenüber der Bedeutung von generativer Haus- und Fürsorgearbeit, für deren Übernahme Frauen nach wie vor verantwortlich gemacht werden, sobald sie sich für Kinder entscheiden. Auch die daraus folgenden negativen Konsequenzen für ihre Berufsperspektive, ihr Lebenserwerbseinkommen und ihre Alterssicherung werden nicht offen thematisiert. Das erklärt auch die Blauäugigkeit, mit der zum Teil an die Familiengründung herangegangen wird getreu dem Grundsatz „Ich und mein Märchenprinz, wir machen alles viel besser”.

Erst im Übergang zur Elternschaft wird dann oft deutlich, dass die Erwartungshaltungen beider Geschlechter an eine Partnerschaft mit Kindern teils erheblich divergieren und es an Konfliktlösungsstrategien mangelt. Das beeinflusst die Qualität der Partnerschaft negativ: die gegenseitige Wertschätzung, gemeinsame Unternehmungen und Zärtlichkeit nehmen nach der Geburt eines Kindes ab, fast die Hälfte der Paarbeziehungen sind nach fünf Jahren auf dem Tiefpunkt angelangt. Der „Rückzug der Männer aus der Familie” zugunsten von Erwerbsarbeit und Karriere hat aber noch einen weiteren fatalen Effekt: Als Erwachsene treffen Männer in den verschiedensten (Führungs-)Positionen von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik vielfach Entscheidungen, die aufgrund der ihnen in der Regel fehlenden Fürsorge- und Alltagskompetenzen (bzw. aufgrund des Mangels an Wertschätzung diesen Aufgabenbereichen gegenüber) nicht sachkundig und bedarfsgerecht ausfallen.

Deshalb brauchen Jungen und junge Männer in Zukunft Erfahrungs- und Lernfelder von fürsorglicher Praxis. Nur so lässt sich ein gesellschaftliches Leitbild umsetzen, das Männer und Frauen für die Erwirtschaftung ihres Unterhalts durch eigene Erwerbsarbeit gleichermaßen verantwortlich macht wie für die entlang des Lebensverlaufs anfallenden Fürsorgeverpflichtungen gegenüber Kindern, kranken und pflegebedürftigen Familienmitgliedern. Demgegenüber erweist sich ein Festhalten am Leitbild des „global tiger” als kontraproduktiv: jenes hochmobile und zeitlich unbegrenzt für die Anforderungen des Arbeitsmarktes verfügbare Individuum, das keinerlei Zeit für Familie und die damit in Zusammenhang stehende Arbeit hat, taugt nicht als Zukunftsmodell eines vielseitig verantwortlichen Erwachsenendaseins.

Neujustierung von Lebensläufen

Bisher wirken sich Unterbrechungen der Erwerbsbiographie nachteilig für die aktuelle Lebenssituation aus, aber auch für die beruflichen Wiedereinstiegschancen und die Alterssicherung. Lücken in der Erwerbsbiographie und die Annahme von prekären Beschäftigungsverhältnissen sind oft gleichbedeutend mit Lücken in der Versicherungsbiographie. Während Männer entlang ihrer Erwerbsbiographie bislang ganz überwiegend in Vollzeit arbeiten, geht der Zuwachs der Erwerbsbeteiligung von westdeutschen Frauen wesentlich auf eine Zunahme von ungeschützten Beschäftigungsverhältnissen mit einer Wochenarbeitszeit von weniger als 20 Stunden zurück, wohingegen der Anteil der in Vollzeit erwerbstätigen Frauen seit 1991 stagniert. Zuzüglich der familienbedingten Unterbrechungen von Erwerbsarbeit ergeben sich daraus kumulative Nachteile für die Lebenserwerbseinkommen und Berufsbiographien von Frauen.

Das Leitbild der/des Erwerbstätigen, die/der im Lebensverlauf zugleich auch familiale Fürsorgeaufgaben zu übernehmen hat, kann demnach nur dann durchgesetzt werden, wenn einerseits eine Kontinuität in der Erwerbsbiographie für beide Geschlechter angestrebt wird, andererseits aber auch Unterbrechungen der Erwerbsverläufe lebbar werden zwecks Anpassung der Erwerbsbiographie an Anforderungen zum Beispiel für (Weiter-)Bildung oder Fürsorgeverpflichtungen im Sinne von „garantierten Optionalitäten”. Das schließt die verstärkte Förderung von Übergängen aus Phasen der Familienarbeit, der (Weiter-)Bildung oder der Arbeitslosigkeit in die Erwerbsarbeit und umgekehrt ein.

Darüber hinaus braucht es Wiedereinstiegshilfen nach Elternzeit- und Pflegeunterbrechungen, aber auch Möglichkeiten des Wechsels zwischen Voll- und Teilzeit. Außerdem steht eine Reorganisation des Beginns und des Endes von Erwerbsbiographien an: Sowohl die Eintrittsphase in das Erwerbsleben als auch die Austrittsphase haben sich mehr und mehr zu eigenständigen Phasen entwickelt. Kürzere Schul- und Ausbildungszeiten könnten ebenso wie bessere Bedingungen der Vereinbarkeit von Ausbildung und Familiengründung zur Dekompression von Erwerbsbiographien beitragen, was angesichts der hohen Lebenserwartung und bei einer flexiblen Gestaltung der Ausstiegsphase machbar wäre. Nur so ließe sich die „Rush-Hour of Life” schrittweise auflösen, d.h. die Konzentration von Aufgaben im mittleren Lebensalter, nämlich berufliches Engagement, Familiengründung und Fürsorgeaufgaben für Kinder bzw. für pflegebedürftige Angehörige synchron bewältigen zu müssen. Deshalb plädiert der 7. Familienbericht der Bundesregierung für eine Neujustierung von Lebensläufen und für einen intelligenten, zielgruppenbezogenen Mix aus Zeit-, Infrastruktur- und monetärer Transferpolitik.

Prof. Dr. Uta Meier ist Hochschullehrerin für Familienwissenschaft und Ökonomie des Privathaushalts an der Justus Liebig-Universität Gießen und Mitglied im Vorstand der Deutschen Liga für das Kind.