Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Die Seelische Gesundheit von Kindern in den ersten Lebensjahren in Ungarn

von Julianna Gádoros (unter Mitarbeit von Tünde Németh)

Von den rund zehn Millionen Einwohnern Ungarns sind etwa 18 Prozent im Kindes- und Jugendalter. Die Zahl der Geburten ist seit den 1980er Jahren um etwa 40 Prozent zurückgegangen und liegt gegenwärtig bei circa 95.000 Geburten pro Jahr. Mit 8,7 Prozent ist der Anteil der Frühgeburten relativ hoch. Wie in vielen anderen Ländern auch, werden die Frauen und Männer bei der Geburt ihres ersten Kindes immer älter. Etwa zwei Drittel der Eltern von Neugeborenen sind verheiratet. Die Kinderarmut insbesondere in Mehrkinderfamilien nimmt zu. Etwa sechs Prozent der ungarischen Bevölkerung gehört einer ethnischen Minderheit an, darunter sind überwiegend Roma-Familien. Die Zuwanderung stellt derzeit noch kein Problem dar.

Seit dem Ende der Ära des Kommunismus 1989 sind zahlreiche positive Veränderungen, aber auch neu entstandene Schwierigkeiten zu beobachten. Die Entbindungskliniken haben sich deutlich humanisiert, die Schwangerschaftvorsorge steht heutzutage allen Schwangeren zur Verfügung und die Entwicklung der hochspezializierten medizinischen Versorgung hat spürbare Fortschritte gemacht. Zugleich vergrösserten sich die sozialen Unterschiede. Kinderarmut und Vernachlässigung von Kindern nahmen zu. Die früher im allgemeinen gut organisierte medizinische Versorgung der Kinder veränderte sich: die kinderärztlichen Praxen wurden überwiegend privatisiert; die Tätigkeit der Kinderfürsorgerinnen war zwischenzeitlich sehr desorganisiert. Erst in den letzten zwei Jahren ist eine gewisse Reorganisation festzustellen.

Die UN-Kinderrechtskonvention wurde von Ungarn 1991 ratifiziert. In diesem Zusammenhang wurden zahlreiche Fortbildungen und Tagungen für Kinderärzte zum Thema Kindesmisshandlung durchgeführt. Ein Erhebungsbogen zur Erkennung und Behandlung von Kindesmisshandlungen wurde ausgearbeitet und breit bekanntgemacht. Die Situation von Säuglingen und Kindern in staatlichen Erziehungsheimen und die Probleme von Adoptivkindern werden zunehmend diskutiert.

Im Folgenden berichten wir über zwei Aktivitäten, die unmittelbar zur Thematik der seelischen Gesundheit der Kinder in den ersten Lebensjahren gehören.

Das Programm „Familienfreundlichkeit”

Aufgrund von Erfahrungen mit der Behandlung psychosomatisch erkrankter Kinder begündete Tünde Németh 1993 das Programm „Familienfreundlichkeit”. Das staatlich finanzierte Programm ist dem Landesinstitut für Kindergesundheit angegliedert, das die Aufgabe hat, in Zusammenarbeit mit anderen Gesellschaften und Organisationen Vorschläge und methodische Empfehlungen für die Verbesserung des sozialpädiatrischen Versorgungssystems in Ungarn auszuarbeiten.

Das primärpräventive Programm „Familienfreundlichkeit” hat das Ziel, Familien in die Lage zu versetzen, sich selbst helfen zu können. Es werden offene Kurse zur Vorbereitung der Elternschaft durchgeführt. Außerdem wird in geschlossenen Gruppen mit Paaren gearbeitet, bei denen die Frau bereits schwanger geworden ist. Neben Heilgymnastik, Entspannungs- und Atemübungen wird dort die Möglichkeit geboten, eigene Konflikte bzw. früher erlittene Traumata aufzuarbeiten und individuelle psychotherapeutische Hilfen zu erhalten. Nach der Entbindung können die Eltern mit den Babys und Kleinkindern an Spielgruppen teilnehmen.

Jährlich werden Tagungen zu Themen rund um Familiengründung und Kleinkinderziehung durchgeführt, die sich sowohl an Fachleute (Ärzte, Krankenschwestern, Fürsorgerinnen, Psychologen, Soziologen etc.) als auch an Laien richten. Bei dem letzten Kongress unter dem Titel „Verstehen (oder missverstehen) wir die von den Säuglingen gegebenen Zeichen?” haben Martin Dornes, Hans Peter Hartmann und Éva Hédervári-Heller Vorträge gehalten, die auf großes Interesse gestoßen sind. Unter der Leitung von Éva Hédervári-Heller wird außerdem für hochqualifizierten Fachleute seit 2004 eine Weiterbildung in Eltern-Kind-Beratung angeboten.

Eltern-Baby-Sprechstunde

Das zweite Programm, worüber wir berichten möchten, entstand im Rahmen des Stiftungskrankenhauses Vadaskert in Budapest. Das Krankenhaus hat drei stationäre kinderpsychiatrische Abteilungen, zwei Tageskliniken sowie eine Ambulanz für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit psychiatrischen Problemen. Es werden Gruppen- und Familientherapien durchgeführt, und es finden verschiedene heilpädagogische Aktivitäten statt. Angegliedert an das Krankenhaus ist eine Sonderschule.

In diesem Rahmen wurde vor etwa drei Jahren eine spezielle Sprechstunde für Eltern und Babys ins Leben gerufen, die unter der gemeinsamen Leitung einer Psychiaterin, die auch als Psychotherapeutin und Hebamme qualifiziert ist, und einer klinischen Psychologin steht, die über eine Ausbildung in individueller dynamischer Psychotherapie verfügt. Nach Voranmeldung werden Patienten mit unterschiedlichen Problemen im Zusammenhang mit Schwangerschaft, Fertilität und früher Eltern-Kind-Beziehung empfangen. Die Eltern kommen häufig auf Empfehlung von Kinderärzten, Psychiatern, Geburtshelfern oder Fürsorgerinnen in die Spechstunde. Seit der Gründung haben sich mehr als 250 Familien mit Problemen wie Angst vor der Schwangerschaft, In-vitro-Fertilisation, Familienplanung, Plötzlicher Säuglingstod, Postnatale Depression, Zwangsstörungen oder mit Fütterungsproblemen angemeldet. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Eltern-Baby-Sprechstunde sehr erfolgreich arbeitet und eine wichtige Position in der Prävention vieler seelischer Erkrankungen einnehmen kann.

Dr. Julianna Gádoros ist Kinder- und Jugendpsychiaterin in Budapest.
Dr. Tünde Németh ist Kinderärztin in Budapest.

Geburtenzahl, Frühgeburten und Säuglingssterblichkeit in Ungarn 1949-2004
1949 1960 1970 1980
Früh- geburten % 9,2 10,7 10,4 9,3
Säuglings- sterblichkeit % 8,56 4,53 3,57 2,32
Lebend- geburten 190.389 146.461 151.819 148.637
1990 2000 2001 2002 2003
Früh- geburten % 9,3 8,4 8,5 8,5 8,7
Säuglings- sterblichkeit % 1,49 0,91 0,79 0,72 0,72
Lebend- geburten 125.679 97.597 97.047 96.804 94.647