Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Buchrezensionen

Früher war der Mann auch mal ein Kind

Mit diesem Satz beginnt das Kinderbuch „Ein mittelschönes Leben“, in dem in einer gelungenen Mischung aus Sachlichkeit und warmherziger Einfühlsamkeit das Leben eines Mannes beschrieben wird, der jetzt als Obdachloser auf der Straße lebt.

Seine Geschichte in der Herkunftsfamilie, Schule, Freundeskreis, Freizeit und Beruf bis hin zum Kennenlernen seiner Frau, den damit verbundenen Verliebtheitsgefühlen und der Gründung einer Familie mit zwei Kindern wird anschaulich geschildert und ähnelt der von Millionen anderer Menschen in Deutschland.
Dann aber kommt alles anders. Am Beispiel des Mannes lässt sich sehr gut nachvollziehen, wie es möglich ist, dass sich das „normale“ Leben bei widrigen Umständen sehr schnell ändern und in einen belastenden Kreislauf aus Armut und Ausgrenzung geraten kann, aus dem sich die Betroffenen oft nur schwer befreien können.
Herausgeber ist das soziale Projekt „Hinz&Kunzt“, das sich in Hamburg seit vielen Jahren um obdachlose Menschen kümmert und die gleichnamige Straßenzeitung herstellt.
Im zweiten Teil formulieren Kinder aus einer Grundschulklasse ihre Fragen an Obdachlose, Hinz&Künztler-Straßenverkäufer antworten darauf. Ergänzt wird das Buch durch Sachinformationen über die Lebenssituation von Obdachlosen und bestehende Hilfsangebote.

Marita Salewski

Kirsten Boie, Jutta Bauer
Ein mittelschönes Leben
Ein Kinderbuch über Obdachlosigkeit

Hinz&Kunzt gemeinnützige Verlags- und Vertriebs GmbH, 2. Auflage 2009
28 Seiten
4,80 €

Armutsbekämpfung: mehr Suppenküchen oder Umverteilung des Reichtums?

Je nachdem, ob die Schuld an bestehender Armut in erster Linie bei den Armen selbst oder in ungerechten gesellschaftlichen Verhältnissen gesehen wird, wird die Antwort unterschiedlich ausfallen, welche Strategien geeignet sind, Armut wirksam zu bekämpfen.

Für Christoph Butterwegge, Politikwissenschafter aus Köln, ist die Antwort eindeutig: Angesichts der sich verfestigenden Armut breiter Schichten der Bevölkerung – darunter bis zu drei Millionen Kinder – reicht eine Verstärkung sozialer Arbeit durch Suppenküchen und Co. allein nicht aus. In seinem inzwischen in zweiter, aktualisierter Auflage erschienenen Buch „Armut in einem reichen Land“ plädiert der renommierte Armutsforscher für einen Mix aus Umverteilung des Reichtums durch eine andere Wirtschafts-, Finanz-, Steuer-, Familien- und Sozialpolitik und einen massiven Ausbau der sozialen Infrastruktur vor allem für Kinder und Jugendliche. Besonders anregend ist die von ihm vorgenommene Unterscheidung zwischen Armutsbekämpfung und Armutsprävention. Während Armutsbekämpfung nach Auffassung des Autors vor allem auf Umverteilung durch Einführung einer allgemeinen Bürgerversicherung sowie einer bedarfsorientierten Grundsicherung bauen solle, verlange Armutsprävention den massiven Ausbau von Kitas und Ganztagsschulen. Das Buch verbindet eine wissenschaftliche Analyse der „Armut in einem reichen Land“ mit einer politischen Bewertung möglicher Strategien zu deren Bekämpfung und trägt zur Entwicklung eines im besten Sinne politischen Bewusstseins bei.

Prof. Dr. Jörg Maywald

Christoph Butterwegge
Armut in einem reichen Land
Wie das Problem verharmlost und verdrängt wird

2., aktualisierte Auflage 2011
392 Seiten
24,90 €