Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Familiennetzwerk Tannenzwerge

Ein Angebot für Betreuung, Erziehung und Bildung des Stadtteilbüros Tannenbusch des Diakonischen Werkes Bonn und Region gGmbH

Von Tina Laux

„Tannenbusch ist besser als sein Ruf!“ So lautet das Motto einer Bürgerinitiative im Bonner Stadtteil Neu-Tannenbusch. Und das hat seinen Grund. Wer in diesem Stadtteil lebt, dem haftet ein Stigma an. Denn Neu-Tannenbusch hat in der Tat einen schlechten Ruf. Das führt so weit, dass Jugendliche, die hier leben, enorme Schwierigkeiten haben, einen Praktikumsplatz und/oder eine Ausbildungsstelle zu finden.

Neu-Tannenbusch ist ein sozialer Brennpunkt. Hier leben Menschen aus über 140 Nationen und überdurchschnittlich viele Transferleistungsempfänger, d. h. Menschen, die in Armut leben oder von Armut bedroht sind. Das Bild des Stadtteils ist geprägt von Hochhaussiedlungen der 1960er und 1970er Jahre, die einen enormen Sanierungsbedarf haben und zum Teil einen hohen Leerstand aufweisen. Es ist keine Seltenheit, dass in einigen Wohnblocks im Winter über Wochen die Heizung ausfällt und/oder es kein warmes Wasser gibt. Gewalt und Kriminalität bestimmen die lokalen Schlagzeilen dieses Stadtteils. Um diesen und anderen Missständen entgegenzuwirken, hat sich die Stadt Bonn erfolgreich um die Aufnahme in das Bund-Länderprogramm „Soziale Stadt“ beworben.

Das Diakonische Werk Bonn und Region – gemeinnützige GmbH unterhält in vier problematischen Bonner Stadtteilen, so auch in Neu-Tannenbusch, sogenannte Stadtteilbüros. Hier bieten wir den Menschen im Stadtteil, vor allem denen in prekären Lebenslagen, Rat und Hilfe in sozialen und wirtschaftlichen Notlagen an. Dabei liegt unser Schwerpunkt auf der Einzelfallberatung. Der Zugang zur Beratung wird über unsere niedrigschwelligen Gruppenangebote erleichtert. Gleichzeitig können wir bei Bedarf Klienten der Sozialberatung sowohl in unsere eigenen Angebote als auch in die anderer Anbieter und Kooperationspartner vermitteln. Durch die Verbindung von Sozialberatung und Gruppenangeboten leisten wir umfangreiche Hilfe aus einer Hand.

Gemeinwesenarbeit und unseres Diakonischen Auftrages. Unsere Angebote beziehen unmittelbar das soziale Umfeld, d. h. die Lebenswelten und die Lebenslagen der Klienten mit ein. Wir sind Akteure im Sozialraum und bringen unsere Fachkompetenzen – über den Einzelfall hinaus – in die lokalen Netzwerke ein. Sowohl der gesamtgesellschaftliche als auch der sozialpolitische Kontext ist Teil unseres Arbeitsfeldes, in dem wir die berechtigten Anliegen von benachteiligten Menschen vertreten. Wir verfügen über detaillierte Kenntnisse der Stadtteile und des sozialen Milieus, was sich positiv und förderlich auf die Einzelfallberatung auswirkt. Diese steht in unmittelbarer Wechselwirkung zur Gemeinwesenarbeit.

ist sowohl die Förderung der Kinder als auch die Stabilisierung und Unterstützung der Familie insgesamt. Mit PEKiP-Gruppen, Eltern-Kind-Gruppen und Vorkindergartengruppen, die unter dem Titel „Familiennetzwerk Tannenzwerge“ zusammengefasst sind, leisten wir einen wesentlichen Beitrag zur Prävention und Integration der Familien sowie zur Vermeidung und dem Entgegenwirken von Armut in ihren verschiedenen Dimensionen.

Die Lebenswelt der meisten Familien, die an den Gruppen teilnehmen, zeichnet sich durch mangelnde Teilhabemöglichkeiten am gesellschaftlichen Leben aus. Neben dem materiellen Mangel (Geringverdiener und/oder Transferleistungsempfänger) erfahren die Familien auch einen sozialen und psychischen Mangel durch die Einschränkungen in ihrer sozialen, kulturellen und persönlichen Entfaltung. Der Lebensalltag der Betroffenen ist gekennzeichnet von sozialer Randständigkeit, fehlenden Perspektiven und wenig Hoffnung auf eine bessere lebenswerte Zukunft, Apathie, mangelnde (Aus-)Bildung und Qualifikation, (Langzeit)Erwerbslosigkeit und geringe gesellschaftliche Durchsetzungsfähigkeit sowie einen Mangel an Gesundheit.

Diese so theoretisch beschriebene Armut begegnet uns tagtäglich in den Menschen, die unsere Einrichtung besuchen. Das Zusammenkommen mehrerer Faktoren wie Erwerbslosigkeit, Schulden, Partnerschaftsprobleme, Suchtproblematik, Erziehungsschwierigkeiten, intellektuelle Verständnisprobleme, Sprachbarrieren und psychischer Probleme führt zu Überforderung mit dem eigenen Leben. Unter diesen so genannten Multiproblemlagen leiden Kinder am meisten. Durch ein Leben in Armut sind ihre Entwicklungsmöglichkeiten entscheidend behindert.

Mit dem „Familiennetzwerk Tannenzwerge“ möchten wir den Familien einen erleichterten Zugang zu Bildung und Beratung geben und die Möglichkeit, aus dem sozialen Abseits und der Isolation herauszutreten. Dadurch, dass unsere Einrichtung direkt vor der Haustür liegt und wir seit drei Jahrzehnten im Stadtteil mit unseren Angeboten vertreten sind, bedarf es nur geringer Überwindung, den Weg zu uns zu finden, im Gegensatz beispielsweise zu Eltern-Kind-Gruppen von Familienbildungsstätten oder anderer Anbieter in zentraler Stadtlage. So ist es uns sogar möglich, auch bildungsfernere Eltern für das sonst eher mittelschichtorientierte Angebot der PEKiP-Gruppen (Prager-Eltern-Kind-Programm) zu gewinnen.

Da die Erzieherinnen bzw. Gruppenleitungen mit der Alltagsrealität der Familien vertraut sind, können sie in anderer, d. h. Verständnis vollerer Art und Weise, im wahrsten Sinne des Wortes, auf diese zugehen. Die Beziehung zwischen Eltern und Erzieherinnen ist von gegenseitigem Respekt und vor allem von Vertrauen geprägt. In dieser Atmosphäre ist es den Erzieherinnen so auch leichter möglich, problematische Themen, wie Verhaltensauffälligkeiten oder Entwicklungsverzögerungen der Kinder, anzusprechen. Aber auch Überforderungssituationen der Eltern werden benannt, nicht selten von diesen selbst. In diesen Fällen findet in der Regel eine Weitervermittlung in die Sozialberatung statt.

Neben der Qualifikation in PEKiP hat eine weitere Mitarbeiterin die Zusatzausbildungen Sprachförderung und Psychomotorik. Auch diese beiden Aspekte kommen im Alltag „unserer“ Familien häufig zu kurz und werden ganz bewusst in unsren Gruppen eingesetzt. Im Alltag „unserer“ Kinder gibt es nur geringe Aktionsmöglichkeiten. Die Gettowohnsiedlungen und die oftmals sehr beengten Wohnverhältnisse bieten wenig Anreize, die Sinne vielfältig und ausreichend zu entwickeln. In der Folge entstehen Defizite in der Motorik und der Sprachentwicklung. Durch psychomotorische Förderung, d. h. durch Angebote bzw. Anreize zu Bewegung, Spiel und Sport, wo das Kind selbst entschiedet, wie viel es sich zutraut, wird die Entwicklung positiv beeinflusst.

In unseren U3-Gruppen legen wir daher besonderen Wert auf die Förderung des Gleichgewichtssinnes, der taktilen Wahrnehmung, der Bewegung des eigenen Körpers, der visuo-motorischen und auditiven Wahrnehmung. Ganz bewusst haben wir in den Gruppen eine gemischte Klientel. Die Kinder stammen zwar überwiegend, aber nicht ausschließlich aus prekären Verhältnissen. Es hat sich gezeigt, dass das gegenseitige Lernen voneinander und das Verständnis füreinander sehr wertvoll sind. Durch die Teilnahme an den Gruppen bilden sich auch Netzwerke unter den Eltern. Es entstehen tragfähige Kontakte, die insbesondere für Familien mit Migrationshintergrund oder neu zugezogene Familien von Bedeutung sind.

Unsere Maßnahme ist ausschließlich Spenden finanziert, da das Konzept in keine der öffentlichen Förderrichtlinien passt. Die Eltern zahlen einen geringen Monatsbeitrag von maximal 35,- Euro. Transferleistungsempfänger zahlen die Hälfte und in besonderen Fällen gar nichts. Unsere Sponsoren sind in der Hauptsache die Johanniter Hilfsgemeinschaft sowie der Verein Sterntaler Bonn e.V.

Fallbeispiel. Frau B. und Yan
Frau B. kam vor drei Jahren mit ihrem damals sechs Monate alten Sohn Yan in unsere PEKiP-Gruppe. Frau B. war damals 21 Jahre alt, alleinerziehend, ohne Ausbildung und aus benachteiligten Lebensverhältnissen. In der Gruppe von Frau B. waren alle Mütter bzw. Eltern schon älter als sie und hatten zum Teil schon das zweite oder dritte Kind und dementsprechend andere Erfahrungen.
Im Umgang mit ihrem Sohn war Frau B. ausgesprochen liebevoll und zugewandt. Auffällig war, dass sie ihrem Kind ausschließlich Fertignahrung gab und beispielsweise zuckerhaltige Saftgetränke ins Fläschchen füllte. Auch bekam der Kleine mit zehn Monaten bereits die erste Chipstüte in die Hand.
Die Gruppenleitung hatte einen guten Zugang zu Frau B. und hat dieses und andere Themen angesprochen. Im Laufe der Zeit von PEKiP über Spielgruppe und späterem Vorkindergarten hat Frau B. ihre und die Ernährungsgewohnheiten ihres Kindes komplett umgestellt. War sie anfänglich noch zögerlich, so hat sie doch stets alle Anregungen aufgenommen, überdacht und letztlich umgesetzt.
Als Frau B. in unsere Einrichtung kam, lebte sie sehr isoliert. Schon in der Zeit der PEKiP-Gruppe knüpfte sie, trotz oder vielleicht gerade wegen des Altersunterschiedes gute Kontakte zu den anderen Frauen. Sie hat sich ein gutes Netzwerk aufgebaut, welches von Geben und Nehmen getragen ist. Sie hat sich teilweise als Babysittern angeboten und konnte in den Familien an diesen Abenden noch mit essen. Wenn sie zu ihrem Nebenjob in der Spätschicht ging, konnte sie ihren Sohn bei den anderen Frauen abgegeben. Diese Kontakte bestehen bis heute, auch wenn die Kinder mittlerweile in verschiedenen Kindergärten sind. Insgesamt hat Frau B. in ihrem ganzen Wesen eine enorme, deutlich sichtbare Entwicklung gemacht. Ihre Teilnahme an den Gruppen war für alle eine große Bereicherung.

Tina Laux ist Diplom-Pädagogin und Einrichtungsleitung der vier Stadteilbüros in Bonn des Diakonischen Werkes.