Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Interkulturelle Beratung im Internationalen Familienzentrum

von Paul Friese

Die Erziehungs- und Familienberatungsstelle im Internationalen Familienzentrum e.V. in Frankfurt/Main ist ab 1973 als eine der ersten interkulturellen Beratungsstellen in Deutschland entstanden. Hintergrund waren Veränderungen in der Migrationspolitik, die eine Familienzusammenführung ermöglichten.

Folgende Merkmale prägen die Struktur des Internationalen Familienzentrums, das seit 1977 ein geigenständiger Verein ist und zuvor Teilbereich des katholischen Hauses der Volksarbeit war: (1) von Beginn an muttersprachliche Arbeit in vielen verschiedenen Sprachen, keine Fixierung auf bestimmte Sprachbereiche; (2) interkulturelles Konzept unter Einbeziehung deutscher Klientel in den meisten Bereichen, kein „Sonderdienst“ (dieser Konzeptansatz war in den 1970er Jahren vollkommen neu und widersprach den in der damaligen Zeit üblichen kompensatorischen Vorstellungen in der sozialen Arbeit); (3) Einbettung der Beratung in ein umfassendes Bildungs-, Beratungs- und Kinderbetreuungskonzept; hier wurden schon früh konzeptionelle Ansätze realisiert, die heute in Form von Beratungszentren, Mehrgenerationenhäusern oder Early-Excellence-Centers besondere Aufmerksamkeit finden.

Die heutige Struktur ist in ihren Grundzügen bereits in der Aufbauphase des Familienzentrums zu erkennen gewesen.

Für den Sprössling eines katholischen Trägers hätte eine Vereinsgründung unter dem Dach des Caritasverbandes nahe gelegen. Die Gründung als gemeinnütziger Verein im Jahr 1977 trug aber der Notwendigkeit Rechnung, auch Fachkräfte anderer Glaubensrichtungen einzustellen, was zu jener Zeit innerhalb des Caritasverbandes nicht möglich gewesen wäre. Der Verein wurde aber korporatives Mitglied des Caritasverbandes, um so seine Wurzeln dokumentieren zu können. Im Leitbild des Internationalen Familienzentrums heißt es hierzu: „Grundlagen für unsere Arbeit sind das christlich humanistische Menschenbild und die Herkunft des Vereins aus kirchlichen Wurzeln. Das bedeutet für uns, die Würde und Identität der Menschen zu akzeptieren, gleich welcher Herkunft, Kultur oder Religion und ihnen mit Respekt und Anerkennung zu begegnen. Dies ist unser Beitrag zum friedlichen und gleichberechtigten Miteinander der Menschen in unserer Stadt.“

Zu Beginn der Beratungsarbeit wurde in Ermangelung qualifizierter Muttersprachler der Versuch unternommen, die Beratungen mit Hilfe geschulter Dolmetscher(innen) durchzuführen. Ab Ende der 1970er Jahre konnten vermehrt fremdsprachige Fachmitarbeiter(innen) eingestellt werden, zumeist ausländische Fachkräfte, die in Deutschland studiert und ihren Abschluss gemacht hatten. Konzeptionell bedeutete dies, dass ein multikulturelles Fachteam entstand und Rat Suchende zunehmend „direkt“, d. h. ohne Sprachvermittlung beraten werden konnten.

Seit 1982 ist das Internationale Familienzentrum federführend in der Vernetzung mit anderen psychosozialen Diensten für Migrant(innen) in Deutschland. Ab 1986 wurde eine Erweiterung um ein psychosoziales Versorgungssystem für erwachsene Migrant(inn)en mit psychischen Erkrankungen vorgenommen. Hintergrund war die Tatsache, dass immer mehr Migrant(inn)en im Erwachsenenalter die Unterstützung der Beratungsstelle suchten, da sie keine anderen muttersprachlichen Fachleute als Ansprechpartner finden konnten. Daraus entwickelte sich das Psychosoziale Zentrum für psychisch kranke Migrant(inn)en in Frankfurt mit unterschiedlichen Unterabteilungen: Psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle, Betreutes Wohnen, Tagesstätte und Begegnungsstätte, sowie ein Projekt für psychisch kranke Asylbewerber.

Angesichts der ständig sich verändernden Formen der Zuwanderung war es erforderlich, die Arbeitskonzeption kontinuierlich fortzuschreiben, um den immer neuen Anforderungen gerecht zu werden. So änderte sich das Selbstbild der Institution, die als Einrichtung für Arbeitsmigranten entstanden war, erheblich durch die Beschäftigung mit der Flüchtlingsthematik und die steigende Anzahl von Asylbewerbern, vor allem aber auch durch den Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Fragen ethnischer Herkunft, die zuvor durch das Thema Arbeitsmigration überlagert waren, gewannen existenzielle Bedeutung und forderten auch von den muttersprachlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine völlig neue Selbstdefinition und von der Institution eine klare Positionierung im Sinne von Annahme neuer Aufgabenbereiche (z. B. Arbeit mit Traumatisierten).

Konzeptionell wurde eine enge Verbindung zwischen der Erziehungsberatungsstelle und der Interkulturellen Familienbildung hergestellt, um im Feld der präventiven Arbeit gemeinsam wirkungsvolle Angebote machen zu können. Das HIPPY-Projekt („Home Instruction Project for Preschool Youngsters“ – ein Förderprogramm für Mütter mit Kindern im Vorschulalter auch in Form von Hausbesuchen), interkulturell bzw. muttersprachlich modifizierte Elternkompetenzkurse „Starke Eltern – starke Kinder“ sowie andere interkulturelle Bildungs- und Informationsveranstaltungen sind Ausdruck dieser fruchtbaren Zusammenarbeit.

In der 2007 neu gefassten Konzeption der Beratungsstelle wird Interkulturelle Kompetenz wie folgt beschrieben: Fachkräfte unterschiedlicher Herkunft, Grundberufe und Ausbildungen arbeiten im Team der Beratungsstelle zusammen. Sie bringen ihre Fachkompetenz und besonders ihre Kenntnisse und Erfahrungen im Bereich der Migration und ihrer Auswirkungen auf Entwicklung und psychische Gesundheit in die Arbeit mit Rat Suchenden und in die Fachdiskussion im Team ein.

Interkulturelle Kompetenz spiegelt sich über Angebote unterschiedlicher Beratungssprachen hinaus in der Beratungssituation durch folgende Merkmale wider:
– Unter interkulturellen Aspekten sind wir daran orientiert, Rat Suchenden einen leichten und unmittelbaren Zugang zu den Beratungsangeboten zu ermöglichen. Die Wartezeit bis zum Erstkontakt liegt in der Regel unter 14 Tagen.
– Die Rat Suchenden werden muttersprachlich beraten, wenn dies inhaltlich erforderlich und/oder ihr Wunsch ist. Eine Fixierung der Mitarbeiter(innen) auf eine bestimmte Nationalität findet nicht statt; alle Berater(innen) arbeiten auch in deutscher Sprache.
– Deutsche Mitarbeiter(innen) arbeiten selbstverständlich mit ausländischer Klientel, wenn dies sprachlich möglich ist.
– Alle Formen interkultureller Zusammenarbeit von Mitarbeiter(inne)n der Erziehungsberatungsstelle „am Fall“ – arbeitsteilig oder im interkulturellen Ko-Beratungs-Setting – werden besonders gefördert und unterstützt.
– Exploration und Anamneseerhebung sind migrationsspezifisch.
– Bei allen Rahmenbedingungen werden interkulturelle Fragestellungen und Betrachtungsweisen besonders berücksichtigt: in der Gestaltung der Räume und der Öffnung der Beratungsstelle für Rat Suchende, in der Art und Weise der Kontaktaufnahme oder durch Formen aufsuchender Arbeit.
– Spezifische, mehrdimensionale Fallbearbeitung im Team der Beratungsstelle unter besonderer Berücksichtigung von migrationsbedingten und kulturspezifischen Aspekten.
– Wir arbeiten mit für Migrant(innen) bedeutsamen Institutionen sowie selbst organisierten Migrantenorganisationen zusammen.

Die Erziehungs- und Familienberatungsstelle sah es von Anfang an als ihre Aufgabe an, interkulturelle Sichtweisen in die Kooperationsgespräche der Frankfurter Erziehungsberatungsstellen einzubringen. Im Jahr 2006 wurden die Frankfurter Leitlinien für Erziehungsberatungsstellen erarbeitet und vom Jugendhilfeausschuss verabschiedet. Kurz zusammengefasst unsere wichtigsten Erfahrungen zu den Voraussetzungen interkultureller, kultursensibler Beratungsarbeit: (1) klare Vorgaben durch den öffentlichen Auftraggeber (z. B. Jugendamt), (2) Verankerung in Leitbild und Struktur des jeweiligen Trägers, (3) Fixierung in Konzeption und Alltagspraxis der Beratungseinrichtung, (4) Förderung und programmatischen Weiterentwicklung durch die Fachverbände.

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Paul Friese ist Diplom-Psychologe und Leiter der Erziehungs- und Familienberatungsstelle und des Bereichs Jugendhilfe sowie stellvertretender Geschäftsführer im Internationalen Familienzentrum e.V. in Frankfurt/Main.