Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Ein Buch für die eigene Geschichte

Das Erinnerungsbuch hilft Pflegekindern ihre Lebensgeschichte zu verstehen

Von Heidrun Sauer

Jedes Pflegekind hat seine ganz individuelle Lebensgeschichte, aber alle Pflegekinder haben eine Vielzahl von gemeinsamen Themen: sie können nicht in ihrer Geburtsfamilie aufwachsen und haben Trennungen von Bezugspersonen, Lebensorten und Gewohnheiten erlebt. Ihr Leben ist durch Brüche gekennzeichnet. Zu ihren besonderen Herausforderungen gehört es, die Zugehörigkeit zu zwei Familiensystemen auszubalancieren, als Kinder im Jugendhilfesystem aufzuwachsen, viele Informationen über die Vergangenheit gar nicht zu kennen und trotz all dieser Erschwernisse eine sichere Identität zu entwickeln.

Hier setzt Biografiearbeit an, die mit ihren vielfältigen Möglichkeiten und Methoden Pflegekindern die Chance bietet, (1) ihre Lebensgeschichte zu rekonstruieren, (2) Brücken zwischen den verschiedenen Bezugspunkten zu bauen und (3) komplexe Zusammenhänge verstehbar zu machen.

Kinder, deren Leben durch Lücken in der Biografie und durch komplizierte, schwer nachvollziehbare Zusammenhänge gekennzeichnet ist, neigen dazu, bestehende Lücken mit ihren Phantasien zu füllen. Diese Phantasien können sich sowohl aus positiven wie negativen Bildern zusammensetzten. Biografiearbeit unterstützt Pflegekinder dabei, diese verinnerlichten Phantasien und Mythen mit überprüfbaren Fakten der äußeren Realität in Einklang zu bringen. Sie ordnet das innere Chaos, das durch fehlende und lückenhafte Informationen entsteht und hilft ihnen, eine Antwort auf die zentrale Frage zu finden, warum sie nicht ihre Geburtsfamilie leben können. Biografiearbeit unterstützt ihre Identitätsfindung und stärkt das Selbstwertgefühl.

Biografiearbeit mit Pflegekindern hat viele Facetten, die je nach Alter und Lebenssituation des Kindes ganz individuell eingesetzt werden können. Sie lebt durch das Gespräch, durch Reden, Zuhören, durch gemeinsames Erleben und Dokumentieren von Ergebnissen. In diesem Prozess wird die Lebensgeschichte des Pflegekindes neu zugänglich und verstehbar gemacht. Ergebnisse der Biografiearbeit können beispielsweise eine Schatzkiste, ein Poster oder ein Lebensbuch sein.

Das Erstellen eines Lebensbuches bietet darüberhinaus weitere hilfreiche Effekte: es ist Leitfaden für Biografiearbeit, ein Nachschlagewerk für die Pflegekinder und eine immer wieder einsetzbare Gesprächsgrundlage.

Das Erinnerungsbuch
Das Erinnerungsbuch ist ein Lebensbuch, das für Kinder entwickelt wurde, die in einer Pflegefamilie oder Erziehungsstelle leben. Der Rahmen ist ein liebevoll gestalteter Ordner. Zum Inhalt gehören:
– ein Inhaltsverzeichnis über die Themen, die für Pflegekinder von Bedeutung sein können;
– 43 Themenseiten, die ganz individuell gestaltet und ausgefüllt werden können;
– ein Begleitheft als Einführung für die Erwachsenen, die die Pflegekinder beim Erstellen ihres Erinnerungsbuches begleiten sowie
– eine CD, auf der alle Seiten des Erinnerungsbuches als Dateien vorhanden sind und bei Bedarf ausgedruckt und oder auch verändert werden können.

Für die einzelnen Seiten des Erinnerungsbuches wurden bewusst wenig gestalterische Vorgaben gemacht. Dadurch bleibt viel Raum für die Ideen und die Kreativität der Pflegekinder, Pflegeeltern und anderer Personen, die in die Biografiearbeit des jeweiligen Kindes oder Jugendlichen einbezogen sind. Auch andere Erinnerungen, Dokumente, Briefe oder Fotos finden hier ihren Platz. Durch die Loseblattsammlung kann ausgewählt werden, wo man beginnen bzw. weiterarbeiten möchte.

Durch die thematischen Vorschläge der einzelnen Seiten ist das Erinnerungsbuch gleichzeitig ein Leitfaden für die Biografiearbeit. Wichtige Fakten und Ereignisse aus dem Leben der Pflegekinder können auf diese Weise mit unterschiedlichen Gestaltungselementen dokumentiert werden. Was auf dem Papier festgehalten ist, hat eine andere Beständigkeit als gesprochene Worte und kann nicht so schnell umgedeutet werden. Pflegekinder können jederzeit auf die Ergebnisse ihrer Biografiearbeit zurückgreifen, unabhängig davon, was sich in ihrem Leben verändert und wo sie leben. Was nicht vergessen werden sollte: das Erinnerungsbuch gehört dem Pflegekind, es ist sein Begleiter im Alltag, bei schwierigen Situationen, bei Übergängen. Deshalb sollte das Buch den Kindern und Jugendlichen auch immer zugänglich sein.

Mandy (15 Jahre)
Mandy ist jetzt 15 Jahre alt und seit zehn Jahren in einer Pflegefamilie. Die Pflegefamilie ist längst „ihre“ Familie geworden. In vielem gleicht ihr Alltag dem von anderen Jugendlichen, aber vieles ist bei ihr auch ganz anders. Bis vor kurzem wusste sie wenig über ihre ersten fünf Lebensjahre. Der Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter und ihrem leiblichen Vater ist vor vielen Jahren abgebrochen. Fast Zeitgleich mit ihrem 13. Geburtstag artikulierte sie immer häufiger Interesse an ihrer Vergangenheit und ihrer Geburtsfamilie. Ihre Pflegeeltern standen vor einer Herausforderung. Für sie war es emotional nicht einfach, über die Vergangenheit ihrer Pflegetochter zu sprechen, außerdem fehlten auch ihnen viele Informationen, so dass zahlreiche Fragen offen bleiben mussten.
Inzwischen hat Mandy ein Erinnerungsbuch. Sie bekam es von der Beraterin des zuständigen Pflegekinderfachdienstes mit dem Angebot, gemeinsam zu schauen, welche Seiten und Fragestellungen sie besonders interessieren. Mandy brauchte etwas Zeit, um sich auf diesen Prozess einzulassen, inzwischen sind aber mehrere Seiten ausgefüllt. Besonders gut daran findet sie, dass man auf Themen gebracht wird, mit denen man sich sonst nicht beschäftigt, auch schwierige Themen, wie sie es nennt. Ausgangspunkt war die Seite mit der Fragestellung: „Warum ich nicht bei meiner Mutter und meinem Vater leben kann“. Dann folgten die Themen der Seiten „Hier habe ich schon gewohnt“ und „Wer noch zu meiner Geburtsfamilie gehört“. Durch Gespräche mit der Beraterin, ihren Pflegeeltern und durch gemeinsame Recherche fügten sich immer mehr Fakten zusammen. Durch diesen Prozess bildet sich für Mandy schrittweise eine Brücke zu den ersten Jahren ihres Lebens.

Mario (drei Jahre)
Mario ist fast vier Jahre alt. Für ihn ist es ganz selbstverständlich, dass er zwei Mütter und einen Vater hat. Er lebt seit seinem ersten Lebensjahr bei seiner alleinerziehenden Pflegemutter und einmal im Monat verbringen alle vier einen Nachmittag in den Räumen des Pflegekinderdienstes. Er bekam sein Erinnerungsbuch, als er seine Pflegemutter kennenlernte. Für ihn gehört es zu seinem Leben dazu, es ist ein Bilderbuch über seine Geschichte. Für ihn sind die Seiten wichtig, auf denen er Informationen und Bilder zu seinen „Müttern“ und seinem Vater findet: „Meine Mutter“, „Meine Pflegemutter“, „Mein Vater“. Diese Seiten helfen ihm beim Sortieren seiner Lebenssituation. Viel Spaß hat er mit den Seiten „Ein besonderer Besuchstag“. Davon hat er mehrere, es sind viele Fotos eingeklebt und auf den letzen Seiten haben immer beide „Mütter“ etwas dazugeschrieben und Mario hat Bilder dazu gemalt. Sein Erinnerungsbuch wächst ganz allmählich zu einem bunten Buch seiner Lebensgeschichte heran.

Die beiden Erinnerungsbücher von Mandy und Mario sehen völlig verschieden aus. Für Mandy sind in erster Linie die Themen wichtig, in denen es um ihre ersten Lebensjahre und ihre Geburtsfamilie geht. Weitere Themen, die sich im Prozess ergaben, wurden einfach aufgenommen. Für Mandy hat die Arbeit mit dem Erinnerungsbuch nicht nur die Funktion, ein Stück Vergangenheit zu erobern, sondern sie enttabuisierte auch Themen und machte sie in ihr Leben integrierbar.

Für Mario ist das Erinnerungsbuch seit seiner Aufnahme in die Pflegefamilie ein Lebensbegleiter geworden. Es füllt sich mit weiteren Ereignissen und u. a. auch mit Zeichnungen, die ihm besonders gut gefallen.

Für das Gelingen beider Erinnerungsbücher war es wichtig, dass die Pflegeeltern nicht allein mit dieser Aufgabe waren. Es gab jeweils eine Mitarbeiterin des Pflegkinderfachdienstes, die den Prozess begleitet hat, entweder beratend im Hintergrund oder auch aktiv, wenn es um schwierigere Themenbereiche geht. Marios Beraterin hat aufgeschrieben, wie und warum er in die Pflegefamilie kam und Mandys Beraterin hat mit ihr gemeinsam eine Recherche begonnen, um diesem Thema näher zu kommen.

Aber nicht nur Pflegeeltern und Berater können dazu beitragen, dass das Erinnerungsbuch ein Gewinn für Pflegekinder wird. Auch die Eltern und andere den Pflegekindern nahestehende Personen können je nach Seite und Thema mit ihrem Wissen und ihren Kompetenzen einbezogen werden. Auf einer solchen Grundlage kann das Erinnerungsbuch seine Funktion als Lebensbegleiter erfüllen. Es zeigt den Pflegekindern den roten Faden ihrer Lebensgeschichte auf und öffnet damit den Blick für die Zukunft.

Das Erinnerungsbuch kann über das Kompetenz-Zentrum Pflegekinder e.V. bezogen werden.

www.kompetenzzentrum-pflegekinder.de

Heidrun Sauer ist Diplom-Soziologin und Mitarbeiterin bei Familien für Kinder gGmbH in Berlin.