Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Salutogenese:
Raum und Zeit für Eltern und Kinder

Das FamilienRaum-Projekt – der kleine KREISEL in Hamburg Altona

von Margarita Klein

Wenn wir eine schwangere Frau, einen werdenden Vater oder die Großeltern fragen, was sie sich für das Kind wünschen, werden sie in den meisten Fällen antworten: Hauptsache, es ist gesund! Es ist das gemeinsame, erklärte Ziel der nahen Angehörigen des Kindes und aller Fachleute, die sich mit Kindern beschäftigen, so zu handeln, dass ein Kind gesund zur Welt kommt und sich gesund entwickelt. Gesundheit im Sinne körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Wohlbefindens ist ein hohes Gut für Menschen jeden Alters.

Eine gesunde Entwicklung bedeutet nun nicht die dauerhafte Freiheit von Belastungen, sondern Gesundheit beschreibt die Fähigkeit, psychisch oder körperlich belastende Ereignisse, die im Leben unausweichlich auftreten, zu bewältigen. Ein Mensch ist gesund, der mit seinen Störungen halbwegs gut leben kann, sagt der Psychiater Manfred Lutz und für die Entwicklung von Kindern könnte das bedeuten, ein Kind ist gesund, wenn es die natürlichen Krisen des Großwerdens immer wieder bewältigt.

Lange Zeit galt die Aufmerksamkeit sowohl der Medizin als auch der Entwicklungspsychologie und der Pädagogik vor allem der Frage: wie entstehen Krankheiten und Störungen und wie können sie früh erkannt und vielleicht verhindert werden? Aus der Beschäftigung mit der Pathogenese entstand die Idee der Früherkennung und Prävention, also des vorbeugenden Schutzes vor Krankheiten. Das ist aber noch nicht automatisch das Wissen um die Entstehung von Gesundheit.

Über Krankheiten und Störungen in der Entwicklung wissen wir heute viel, aber wissen wir auch etwas über Gesundheit und wie sie entsteht? Unser Gesundheitssystem – und für das Erziehungswesen lässt sich dieselbe Aussage treffen –, das sich vorwiegend mit Krankheit und Störungen beschäftigt, ist sehr aufwändig, gesund macht es nur begrenzt. So tragen viele Frauen heute im Mutterpass den Vermerk „Risikoschwangerschaft“, wenige sind völlig unbelastet einfach „guter Hoffnung“.

Auch um die Gesundheit der Kinder scheint es nicht gut bestellt zu sein: So viele Vorsorgeuntersuchungen vom Beginn der Schwangerschaft an – Schwangerschaft und Kindheit sind sozusagen scheckheftgeprüft – und dennoch: die Anzahl der Frühgeburten wurde in den letzten 30 Jahren nicht mehr entscheidend verringert (sie liegt bei 5% bis7%).

Viele Kinder geben in ihren ersten Lebensjahren Anlass zur Sorge: Asthma und Allergien, Regulationsstörungen, Bewegungsstörungen, Ernährungsstörungen, später kommen hinzu Störungen der Lern- und Konzentrationsfähigkeit, der Fähigkeit, aufmerksam zu sein: im Schulalter fällt etwa jedes vierte Kind aus dem Rahmen dessen, was die Umwelt für gesund im weiteren Sinne hält. Die Kinder gelten als behandlungsbedürftig, nicht selten mit Medikamenten. Man spricht von den „neuen Kinderkrankheiten“.

Vielleicht sind die Reaktionen der Kinder so etwas wie sinnvolle Symptome, die darauf hinweisen, dass in unserer Gesellschaft manches unbekömmlich ist. Wie aber entsteht Gesundheit, was brauchen Eltern und Kinder für eine gemeinsame gesunde Entwicklung?

Der Kinderpsychiater Eckhard Schiffer beschreibt in Anlehnung an Aaron Antonovsky und dessen Konzept der Salutogenese die folgenden Zusammenhänge: Gesundheit ist die Fähigkeit, trotz Belastung körperlich und seelisch gesund zu bleiben und bei Erkrankung oder Störungen schnell wieder gesund werden.

Die Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen hat sich in vielerlei Forschungen bei solchen Menschen als besonders hoch erwiesen, die ein hohes Kohärenzgefühl haben. Als Kohärenzgefühl wird die Grundüberzeugung eines Menschen bezeichnet, dass es in seinem Leben einen inneren Zusammenhang und einen äußeren Zusammenhalt gibt. Im Zusammenhang damit steht der Kohärenzsinn, eine innere Steuerungsinstanz, die vorhandene Ressourcen wahrnimmt und auswählt. Kohärenzsinn und Kohärenzgefühl können sich entwickeln, wenn

– die Welt verstehbar erscheint, wenn Zusammenhänge begreifbar sind;

– die Welt handhabbar erscheint, wenn der Mensch sich selbst als wirksam erfährt;

– wenn Anstrengungen sich lohnen und sinnvoll sind.

Eine gute Voraussetzung, um die Welt auf diese Weise wahrnehmen zu können, ist ein ausgeprägter Eigen-Sinn. Eigen-Sinn, der Sinn dafür, dass ich etwas ganz Eigenes bin, ermöglicht Kontakt und Begegnung. „Am Anfang ist Beziehung. Der Mensch wird am Du zum Ich“, sagt Martin Buber. Die Entfaltung der Identität ist ein lebenslanger schöpferischer Prozess. Er balanciert zwischen isolierter Einzigartigkeit und dem widerstandslosen Aufgehen in den Erwartungen der anderen.

Eigen-Sinn setzt voraus, dass sich der Mensch mit allen Sinnen selbst wahrnimmt im Kontakt mit seiner belebten und unbelebten Umwelt. Schon das Ungeborene ist in einem dialogischen Kontakt mit seiner Mutter. Sein Hautsinn lässt ihn als erstes die Grenze seines Körpers spüren, der Rhythmus seines Herzens ist ein ganz eigener, von Anfang an, seine Bewegungen sind nicht ihre. Kontakt, Bewegung und Berührung stärken den Eigen-Sinn. Im Lauf der Entwicklung gilt es, diese Wahrnehmung für sich selbst auf allen Sinneskanälen zu verfeinern. Die sinnliche Wahrnehmung des eigenen Körpers und den des anderen Menschen lässt eine Basisidentität entstehen, die im inneren und äußeren Dialog zur Identität erweitert wird.

Das Gefühl für Kohärenz, für inneren Zusammenhang und äußeren Zusammenhalt, entsteht im Dialog. Eckhard Schiffer weist darauf hin, dass Menschen sich schon immer Geschichten erzählt haben, um dem Leben Sinn zu verleihen und um sich über diesen Sinn miteinander zu verständigen. Sheherezade heilt mit 1001 Geschichten die verletzte Seele des Sultans und rettet damit ihr Leben.

Die „Sprechstunde“ gibt dem Patienten Gelegenheit, seine „Geschichte“ zu erzählen, damit Gehör zu finden, sich verstanden zu fühlen mit seinen Bedürfnissen und Anliegen. Dann fühlt er sich weniger allein, weniger ohnmächtig und geängstigt, weniger gestresst. Der Dialog wirkt heilend, vor allem wenn im Erzählen deutlich wird, dass die Ereignisse einen inneren Zusammenhang haben, dass Verhaltensweisen sinnvolle Reaktionen sind.

Die Voraussetzung für den dialogischen Kontakt ist das Bewusstsein, dass ich ein Selbst bin, das eng verbunden aber nicht identisch mit dem Gegenüber ist. „Jeder Mensch ist eigentümlich und Kraft seiner Eigentümlichkeit berufen zu wirken, er muss aber an seiner Eigentümlichkeit Geschmack finden,“ sagt Franz Kafka.

Das Projekt „der kleine KREISEL“, FamilienRaum in Hamburg Altona

„Der kleine KREISEL“ setzt diese Gedanken in die Praxis um. Er bietet Kurse, Begegnung und Beratung für Schwangere, Eltern und Kinder. Er ist eine Hebammenpraxis, ein Ort für Begegnung und für gemeinsames Spielen und Lernen und eine Praxis für lösungsorientiert-systemische Beratung. Das Angebot umfasst

– einen offenen Frühstückstreff, bei dem eine Kinderkrankenschwester und Ernährungsberaterin für Fragen zur Verfügung steht und eine Praktikantin die Kinder betreut

– rund um die Geburt: Geburtsvorbereitung und Schwangeren-Yoga, Wochenbettbetreuung, Rückbildungsgymnastik und eine Hebammensprechstunde

– Kurse für Babys im ersten Lebensjahr und ihre Eltern: Babymassage, PEKiP-Kurse, Angebote nach dem Ansatz von Emmi Pickler („Das Baby zeigt den Weg“), Singen, Spielen und Bewegen

– Kurse für kleine Kinder und ihre Eltern: „Die kleinen Entdecker“, Musik und Rhythmus auch in türkischer und englischer Sprache, „Spiel mit mir!“ (ein Angebot für das Vorschulalter)

– im ElternKREISel finden Eltern die Möglichkeit, sich zu brisanten Erziehungsthemen zu informieren und auszutauschen

– Kurse für Frauen: Beckenbodentraining und die „Mütteroase“

– Lösungsorientiert-systemische Beratung bei Krisen vor und nach einer Geburt und im Leben miteinander

Das Team der Kursleiter(innen) besteht aus einer Hebamme, drei Pädagog(inn)en, einer Kinderkrankenschwester mit Heilpraktikerausbildung, einer Lerntherapeutin. Daneben arbeiten vier Frauen je einen Tag im Büro, zwei davon sind Studentinnen der Pädagogik. Ihnen kommt die Rolle der Gastgeberin zu: am Telefon und bei der Ankunft die Eltern willkommen zu heißen, alle Fragen geduldig zu beantworten, die Räume einladend zu gestalten.

Alle Kursangebote sind getragen von der Idee, dass jedes Kind, jeder Vater und jede Mutter eine einzigartige Persönlichkeit ist, deren Stärken und Fähigkeiten es zu entdecken gilt. Eine wohlwollende, achtsame Haltung der Kursleiter(innen) schafft eine Gruppenatmosphäre, die gekennzeichnet ist vom Respekt füreinander. Eltern lernen auf diese Weise, ihre Wahrnehmung für sich selbst und für ihr Kind zu schärfen und darauf zu vertrauen. Durch Beobachtung und Reflexion wird ihr Eigen-Sinn gestärkt. Die oft monatelangen Kontakte geben die Gelegenheit, all die kleinen Unsicherheiten im Alltag mit dem Kind zu klären. Das Baby und sein Verhalten wird verstehbar, das Leben erscheint nach und nach handhabbar. Die Eltern gewinnen innere Sicherheit, die eine gute Basis für die kommenden Jahre darstellt. Im Kleinkindalter und im Jahr vor der Schule ist der Aspekt des gemeinsamen Spielens und Singens von Eltern und Kindern wichtig, um sinnvolle Anregungen für das gemeinsame Leben zu geben.

Die Arbeit der Hebamme in der Geburtsvorbereitung und in ihrer Sprechstunde betont die Stärkung der Selbstwahrnehmung und Selbstwirksamkeit der werdenden Eltern und bemüht sich, ihnen die Vorgänge in ihrem eigenen Körper verstehbar zu machen. Die Fülle der Worte bleibt dabei in engen Grenzen, denn ein besonderer Schwerpunkt in der Geburtsvorbereitung liegt in der Körpererfahrung: in Übungen und Massagen wird die Wahrnehmung des eigenen Körpers gestärkt. Das ist eine wesentliche Voraussetzung für den Geburtsprozess und auch für die Kommunikation mit dem Baby, die vor allem eine nonverbale Sprache ist. Das Beckenbodentraining und die Mütteroase verstehen sich als Gelegenheiten, um Frauen und Mütter die Kraft des eigenen Körpers bewusst zu machen, aus der sie Energie für ihren Alltag schöpfen können.

Kommt es zu Krisen, weil Ängste und Unsicherheiten vor der Geburt zu überwältigend sind, oder ist es nach der Geburt schwierig, das Erlebte zu verkraften, treten Paarprobleme auf oder bleibt eine anhaltende Traurigkeit, gibt es die Möglichkeit, zur Beratung zu kommen. Allein das Bewusstsein, bei auftauchenden Schwierigkeiten Hilfe holen zu dürfen, hat nach Aussagen der Klient(inn)en schon einen stabilisierenden Effekt. Die lösungsorientierte systemische Beratung betont die Kompetenz der Klient(inn)en für ihr eigenes Leben. Im Dialog wird das eigene Handeln verstehbar, bekommen auch schwierige Situationen einen Sinn, werden Kompetenzen für ihre Bewältigung entdeckt.

In ihrem Buch „Deutschland – armes Kinderland“ wünscht sich Susanne Mayer Kraftwerke für Familien, wo sie auftanken können. Der kleine KREISEL möchte für seine Besucher(innen) so eine Kraftquelle sein. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen: Viele Besucher(innen) freuen sich über die wohltuende Atmosphäre und darüber, dass immer Tee und Wasser und ein paar Kekse oder Süßigkeiten für sie bereitstehen.

Der Verein „KREISEL e.V. … für das Leben mit Kindern“ ist Träger des Anerkennungspreises Frühe Kindheit 2002 der Deutschen Liga für das Kind.

Margarita Klein ist Dipl.-Pädagogin, Familientherapeutin, Hebamme und gemeinsam mit Dr. Jochen Klein Leiterin des KREISEL e.V. in Hamburg

der kleine KREISEL
FamilienRaum … für das Leben mit Kindern

Ehrenbergstr. 25, 22767 Hamburg
Tel: 040-38 55 83