Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Gemeinsam von Anfang an

Die Bedeutung interdisziplinärer Zusammenarbeit in der frühen Kindheit

von Bärbel Derksen, André Jacob, Rüdiger Bohn und Martina Ladewig

Der Beginn der Elternschaft ist eine Zeit intensiver Veränderungen. Auf der Seite der Eltern stehen Fragen zur Partnerschaft, Etablierung der elterlichen Rollen, Umstrukturierung der Lebenssituation, ökonomische Veränderungen, berufliche und wohnliche Einschränkungen im Mittelpunkt. Beim Kind geht es um die Anpassung an eine neue Lebenssituation im Rahmen einer sehr rasch verlaufenden Entwicklung. Diese Übergänge tragen Chancen als auch Risiken der Entwicklung in sich, welche die Bedeutung früher Hilfen wie Früherkennung, Frühberatung und Frühförderung deutlich machen.

Das Interesse in Bezug auf Prävention, Früherkennung und Frühbehandlung wächst ständig, da frühe und präventive Maßnahmen das Auftreten oder die Chronifizierung von Verhaltensproblemen verhindern können. Gefordert sind der Ausbau von verlässlichen Rahmenbedingungen und kontinuierlichen, fest in den Hilfestrukturen verankerten Unterstützungsmöglichkeiten für junge Familien mit Säuglingen und Klein(st)kindern, ein flächendeckendes Netz spezialisierter Angebote und damit zusammenhängende stärkere Kooperation unterschiedlicher Fachkompetenzen.

Die Zusammenarbeit zwischen medizinisch-therapeutischen und psychosozial- therapeutischen Fachkräften muss ausgeweitet werden. Gleichzeitig ist es notwendig, Fachkräfte, die mit Eltern und ihren kleinen Kindern zusammenarbeiten, im Bereich der Früherkennung, Frühdiagnostik, Frühförderung und Beratung auszubilden und aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse weiter zu vermitteln.

Der fachliche Hintergrund

Für die Arbeit mit Eltern und sehr kleinen Kindern sind vor allem Themen aus Sozialarbeit (Familienstrukturen, familiale gesellschaftliche Rahmenbedingungen, rechtliche Grundlagen zu Mutterschutz, Erziehungsurlaub usw.), Medizin (Gynäkologie, Geburtshilfe, Pädiatrie, Neonatologie) und Psychologie (Entwicklungs-, Persönlichkeits-, Klinische-, Gesundheits-, Sozialpsychologie) von Bedeutung, die eng an den Bereich Elternschaft und frühe Kindheit anknüpfen.

Da die Pathogenese frühkindlicher Störungen sehr vielschichtig und komplex sein kann, ist die Verknüpfung unterschiedlicher diagnostischer, beratender und therapeutischer Verfahren und Methoden, die speziell auf Familien mit kleinen Kindern abgestimmt sind, sinnvoll und notwendig.

Auf der Seite der Kindes gibt es noch keine scharfe Abgrenzung einzelner Verhaltensweisen- oder Funktionsbereiche: frühkindliches Erleben, sein Verhalten und die somatischen Funktionen sind sehr eng miteinander verknüpft und die Entwicklung verläuft sehr rasch. Auf Seiten der Erwachsenen ist der Übergang zur Elternschaft mit intensiver Reorganisation bzw. Neubildung adaptiver Bewältigungsmöglichkeiten verbunden.

Das Beratungs- und Therapiekonzept der Erziehungs- und Familienberatungsstelle des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Berlin Süd-West integriert deshalb entwicklungspsychologische, klientenzentrierte, kommunikations- und verhaltenstherapeutische, psychodynamische und systemische Ansätze. Wann und mit welcher Gewichtung die verschiedenen Konzepte und Methoden zum Tragen kommen, hängt unter anderem von der jeweiligen Ansprechmöglichkeit der Beteiligten, dem Schweregrad der kindlichen Störung und der Beziehungsdynamik zwischen Eltern und Berater(in) ab. Trotz dieser integrativen Arbeitsweise reichen in besonders belasteten, komplexen, multifaktoriell bedingten Problemlagen die Kompetenzen und Hilfsangebote einer einzelnen (hier: psychologisch-psychotherapeutischen) Fachrichtung nicht aus.

Eine solche Betrachtung von Entwicklung und Entwicklungsauffälligkeiten in der frühen Kindheit erfordert also: (1) Spezialisierung: die Bereitstellung spezifischer fachlicher Kompetenzen, um einzelne Entwicklungsbedingungen zu verstehen und bei Entwicklungsbeeinträchtigungen gezielt zu beeinflussen; (2) Ganzheitlichkeit: die Betrachtung der Entwicklungsbeeinträchtigungen im Zusammenhang mit anderen Entwicklungsbedingungen; (3) Kooperation/Vernetzung: die Möglichkeit, die spezifischen Kompetenzen unter einem ganzheitlichen Aspekt zu integrieren.

In Berlin Süd-West wird dieser Ansatz auf zwei Ebenen weiter entwickelt: Im Rahmen der „Gemeinsamen Sprechstunde“ und in dem Arbeitskreis „Frühe Hilfen in Steglitz-Zehlendorf“.

Die „Gemeinsame Sprechstunde“

Ziel der monatlich in der Beratungsstelle stattfindenden „Gemeinsamen Sprechstunde“, sind die

– fallbezogene multidisziplinäre Diagnostik z.B. von komplexen Regulations- und Beziehungsproblemen in der frühen Kindheit, Verdacht auf Behinderung, Risikoentwicklung bei Frühgeburtlichkeit usw.;

– fallbezogene Entwicklung und gegebenenfalls Vorhaltung von therapeutischen Angeboten (u.a. psychologische und sozialpädiatrische Entwicklungsberatung, spezialisierte Physiotherapie, Ergotherapie, sensorisch-integrative Therapie, Eltern-Kind-Kommunikationstherapie);

– Mitwirkung bei der Verbesserung bzw. Erhalt der komplexen, interdisziplinären und stabilen Versorgungsstruktur durch intensive Zusammenarbeit der öffentlichen und freien Träger.

Der Kooperationsverbund Frühe Hilfen Steglitz-Zehlendorf

Eine enge Zusammenarbeit der Institutionen und beruflichen Fachgruppen ist auf der fachpolitischen und fachlich-theoretischen Ebene dringend erforderlich. Aufgrund der Besonderheiten frühkindlicher Entwicklungsbedingungen bedarf es eines interdisziplinären Herangehens. Die Aufgabe des Arbeitskreises „Frühe Hilfen in Steglitz-Zehlendorf“ besteht daher in der Vernetzung und Popularisierung vorhandener Angebote, der Verbesserung bzw. dem Erhalt bestehender Versorgungsstrukturen sowie in der Entwicklung von Qualitätsstandards.

Die Literaturangaben sind über die Geschäftsstelle erhältlich.

Erziehungs- und Familienberatungsstelle
des DRK Berlin Süd-West
Ansprechpartnerin: Bärbel Derksen
Düppelstr. 36, 12163 Berlin
Tel.: 030-79 01 13-0

E-Mail: derksenb@drk-berlin.net

Fallbeispiel

Ben ist 13 Monate alt und gedeiht als ehemaliges Frühchen bei seiner von Anfang an bestehenden Fütterschwierigkeit schlecht. Erst im Alter von acht Monaten gelang es, die Ernährung von der Sonde auf die Flasche umzustellen. Die Nahrungsmenge, die er seither je Mahlzeit zu sich nimmt, ist sehr gering. Alle zwei Stunden bietet die Mutter ihm die Flasche an, wobei sich die Fütterungsdauer oftmals über eine Stunde erstreckt. Die aufgenommene Nahrungsmenge bleibt trotz aller Zuspruchs-, Ablenkungs- und Überredungsversuche sehr gering. Verweigert Ben die Flasche mehrmals täglich gänzlich, versucht die Mutter das Defizit durch nächtliches Füttern im Halbschlaf des Kindes auszugleichen.