Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Wir wollen Kindern Lust auf gesunde Ernährung und Bewegung machen

Jörg Maywald im Gespräch mit Renate Künast, Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft

Maywald: Jedes fünfte Kind in Deutschland gilt heute bereits als übergewichtig. Woran liegt das? Kommen die falschen Produkte auf den Markt, versagen die Eltern oder hat sich das Verhalten der Kinder negativ verändert?

Künast: Nach allem, was wir heute wissen, kommen mehrere Faktoren zusammen: Viele Kinder und Jugendliche essen zu viele energiereiche Lebensmittel und bewegen sich zu wenig. Die genetische Veranlagung wird in manchen Fällen auch eine Rolle spielen. Wichtig ist, dass die Eltern hier ihre Verantwortung wahrnehmen, dabei wollen wir sie unterstützen.

Maywald: Kann es sein, dass die Lust an übermäßigem und gesundheitsgefährdendem Essen bei Kindern nur ein Anzeichen für ganz andere Probleme ist? Bewegungsmangel, Konflikte zwischen den Eltern, Stress schon in Kindergarten und Schule?

Künast: Bewegungsmangel trägt sicher zur Entwicklung von Übergewicht bei. Bei manchen Kindern dient Essen auch als Trostpflaster für fehlende Zuwendung und Stress. Deshalb ist es wichtig, bei der Vorbeugung von Übergewicht ganzheitlich vorzugehen: eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung sowie Stressbewältigung und ein insgesamt positives Lebensumfeld gehören zusammen. Übrigens, wer schon frühzeitig lernt, mit der Ernährung und dem eigenen Körper richtig umzugehen, ist viel weniger anfällig für Übergewicht oder andere Essstörungen. Dabei wollen wir die Eltern unterstützen.

Maywald: Es ist bekannt, wie wichtig Erwachsene als Vorbilder für Kinder sind. Wenn man sich erwachsene Essgewohnheiten anschaut, so fällt auf, dass die Zeiten gemeinsamen Essens sogar in Familien immer kürzer werden. Fast Food ist auf dem Vormarsch. Wie beurteilen Sie diese Tendenz?

Künast: In unserer Kampagne „Kinder und Ernährung“ geht es auch darum, den Kindern Lust auf gesunde Ernährung und Bewegung zu machen, und zwar ohne erhobenen Zeigefinger. Sie haben Recht, dabei ist das Vorbild der Erwachsenen besonders wichtig. Deshalb appelliere ich immer wieder an das Verantwortungsbewusstsein von Eltern und Erziehenden. Auch angesichts veränderter Lebens- und Arbeitssituation in vielen Familien ist es möglich, gemeinsame Mahlzeiten und auch gemeinsames Kochen zu organisieren.

Maywald: Viele Firmen versuchen mit großem Aufwand, eigene Produktlinien für die Kleinen am Markt zu etablieren. Kinder übernehmen häufig kritiklos diese Werbebotschaften, obwohl bekannt ist, dass viele Produkte – Stichwort Zwischenmahlzeiten – aus ernährungswissenschaftlicher Sicht als bedenklich einzustufen sind. Welche Möglichkeiten sehen Sie, hier auf den Markt einzuwirken?

Künast: Auch die Wirtschaft beteiligt sich an unsere Kampagne „Kinder und Ernährung“. Da wird es in den kommenden Monaten intensive, sicher nicht immer einfache Diskussionen geben. Denn dabei wird es z.B. darum gehen, bei manchen Lebensmitteln den Fettgehalt zu verringern, bei der Werbung sehr viel genauer zu arbeiten, insbesondere bei den sogenannten „Kinderlebensmitteln“, und nur dann mit Aussagen zur Gesundheitsförderung zu werben, wenn diese gerechtfertigt sind.

Maywald: Das Thema „Kinder und Ernährung“ soll in den kommenden Jahren ein Aktionsschwerpunkt Ihres Ministeriums sein. Was sind die Ziele, wen wollen Sie ansprechen und welche Aktionen sind geplant?

Künast: Ziel ist, die Ernährungssituation der Kinder in Deutschland zu verbessern. Wir wollen dabei sowohl bei der Verpflegung der Kinder als auch der Ernährungserziehung ansetzen. Außerdem wollen wir die Kinder zu mehr Bewegung ermutigen. Da wir nur etwas erreichen können, wenn wir alle Akteure einbeziehen, werden wir Vertreterinnen und Vertreter von Eltern, Schulen, Kindertagesstätten, Multiplikatoren im Gesundheitswesen, Sportvereinen, Wissenschaft, Ernährungswirtschaft und Medien und natürlich auch die Kinder selbst ansprechen. Die Aktionen werden gemeinsam mit allen Beteiligten in vier Arbeitsgruppen entwickelt, die am 9. Juli 2003 ihre Arbeit aufnehmen. Einige Initiativen laufen aber schon, wie zum Beispiel die Kampagne „FIT KID: Die Gesund-Essen-Aktion für Kitas“, die sich an Beschäftigte in Kindertagesstätten richtet.

Maywald: Eine abschließende Frage zu Einfluss und Ohnmacht der Politik: In welchem Maße ist Ihrer Meinung nach Politik überhaupt in der Lage, das Verhalten von Menschen nachhaltig zu beeinflussen, zumal in einer so persönlichen Frage wie der des Essens?

Künast: Verhalten zu ändern ist immer schwierig. Beim Essverhalten kommt hinzu, dass man die negativen Folgen einer unausgewogenen Ernährung nicht gleich, sondern erst in einigen Jahren oder Jahrzehnten zu spüren bekommt. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass wir mit der Kampagne „Kinder und Ernährung“ wesentlich zu einer Verbesserung des Ernährungsverhaltens und des Speisenangebots in Schulen und Kindertagesstätten beitragen können. Denn unsere Kampagne steht auf einer sehr breiten Basis, das verbessert die Erfolgschancen