Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Fett macht unsere Kinder fett

Ernährung im Kindesalter: wie kann Übergewicht vorgebeugt werden?

von Berthold Koletzko

Nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Kindern und Jugendlichen nehmen Häufigkeit und Schweregrad von Übergewicht und Adipositas in alarmierender Weise zu. Bereits im Grundschulalter finden wir eine Häufigkeit übergewichtiger Kinder größer als zehn Prozent, mit von Jahr zu Jahr steigender Tendenz.

Auch wenn das Risiko des Einzelnen für die Entwicklung von Übergewicht wesentlich von der genetischen Veranlagung abhängt, bleibt die Lebensweise entscheidend: Übergewicht entwickelt sich, wenn die Energiezufuhr dauerhaft den Energieverbrauch überschreitet. Eine zunehmend sitzende Lebensweise mit geringer körperlicher Aktivität auch bei Kindern – mit niedrigem Energieverbrauch, niedriger Muskelmasse und geringer Fettverbrennung – ist entsprechend ein wesentlicher Risikofaktor für Übergewicht. Bei Grundschulkindern, die täglich mehr als zwei Stunden fernsehen oder Elektronikspiele benutzen, finden wir 1,7fach häufiger Übergewicht.

Gleichzeitig unterliegt die Ernährungsweise bei Kindern deutlichen Veränderungen. Gemeinsame Mahlzeiten am Familientisch mit Verzehr selbst zubereiteter Produkte werden zunehmend durch Gelegenheitskonsum und Verzehr von Fertigprodukten ersetzt, z.B. durch in der Schule, in der Freizeit und beim Fernsehen nebenbei verzehrte kaloriendichte Snacks. Sozialer Kontext, kulturelle Traditionen und zeitliche Intervalle des Essens drohen in den Hintergrund zu geraten. Bei Fertigprodukten besteht ein beunruhigender Trend zu steigenden Portionsgrößen. In den USA nahm der Energiegehalt pro Portion über zwei Jahrzehnte deutlich zu: bei salzigen Snacks um 93 kcal, Hamburgern um 97 kcal, Pommes Frites um 68 kcal und Limonadegetränken um 49 kcal. Mit dem Angebot größerer Portionen nehmen Kinder in Studien deutlich mehr Energie zu sich. Problematisch ist auch der hohe Fettverzehr, der bei Kindern in Deutschland 40% der Nahrungskalorien beiträgt. Fett enthält pro Gramm ca. 2,3fach mehr Energie als Kohlenhydrate (Stärke und Zucker) oder Eiweiss, so dass fettreiche Lebensmittel regelmäßig mehr Kalorien pro Portion enthalten. Zudem ist die Sättigung pro Kalorie bei Fett geringer. Fettreiche Nahrung (z.B. Pommes statt Kartoffeln) führt deshalb deutlich mehr Energie zu. In Populationsstudien nimmt bei Kindern und bei Erwachsenen mit höherer Fettzufuhr das Risiko für Übergewicht zu. Dagegen tritt bei höherem Kohlenhydratverzehr seltener Übergewicht auf, wobei es für die Gewichtsentwicklung von untergeordneter Bedeutung ist, ob mehr Stärke oder mehr Zucker gegessen wird.

Einfach gesagt gilt also: Fett macht unsere Kinder fett. Eine reduzierte Fettzufuhr mit der Nahrung ist praktisch machbar und wirksam, wie das verhaltenstherapeutische Lernprogramm PowerKids für übergewichtige Kinder zeigt (www.powerkids.de). Hier erlernen Kinder mit Fettzie-Punkten spielerisch den Fettgehalt von Lebensmitteln und essen weniger Fett. Sie erreichen damit einen allmählichen aber nachhaltigen Rückgang ihres Übergewichtes.

Eine wirksame Vorbeugung von kindlichem Übergewicht gelingt durch regelmäßige Bewegung sowie bevorzugte Auswahl kohlenhydratreicher Speisen mit begrenzter Energiedichte. Empfehlenswert sind reichlich Gemüse und Obst, wie es die Kampagne „Fünf am Tag“ empfiehlt, reichlich Getreideprodukte, und Zurückhaltung bei fetten Speisen. Verbote sind auch bei Kindern nicht nützlich. Hilfreich sind ein attraktives Angebot kindgerechter Speisen zu Hause und in der Gemeinschaftsverpflegung, sowie die Belebung einer gemeinschaftlichen Esskultur.

Der Beitrag ist die Kurzfassung eines Vortrags auf dem Kongress „Kinder und Ernährung“ am 8.7.2003 in Berlin. Die Literaturangaben sind über die Geschäftsstelle erhältlich.

Univ.-Prof. Dr. med. Berthold Koletzko ist Hochschullehrer am Dr. von Haunerschen Kinderspital im Klinikum der Universität München