Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Diabetes (Typ 2) bei Kindern und Jugendlichen

Als direkte Folge chronischer Überernährung und körperlicher Inaktivität ist in Industrienationen die Gesundheit der heranwachsenden Generation bedroht

von Martin Klett

Veränderungen von Lebensweise und Ernährungsgewohnheiten führen nach neuesten wissenschaftlichen Beobachtungen bereits bei Kindern zur Ausbildung der durch Überernährung auslösbaren Zuckerkrankheit. Diese Form der Erkrankung wird üblicherweise als Typ 2 Diabetes bezeichnet und war bislang nur als so genannte „Altersdiabetes“ bekannt. Mehrere wissenschaftliche Arbeitsgruppen aus Europa und den USA haben mittlerweile Studienergebnisse vorgelegt, die keine Zweifel an einem engen Zusammenhang zwischen chronischer Überernährung, körperlicher Inaktivität und der zunehmenden Erkrankungshäufigkeit an Typ 2 Diabetes mehr aufkommen lassen.

Wie entsteht Typ 2 Diabetes ?

Während der Typ 1 Diabetes oder Insulinmangeldiabetes auf einen Verlust der Fähigkeit der insulinproduzierenden Beta-Zellen in der Bauchspeicheldrüse zurückgeht, ist der Typ 2 Diabetes in Folge der Überernährung durch eine erhöhte Insulinproduktion gekennzeichnet, die gepaart ist mit einer Störung der Glucose-Regulation auf zellulärer Ebene, die als Insulinresistenz bezeichnet wird. Dabei verliert der Körper die Fähigkeit, überschüssige Glucose in energiereicheres Fett umzuwandeln, das in Depotform im Fettgewebe abgelagert wird. Ist die Umwandlung von Glucose in Fett gestört, überschreitet der Blutzuckerwert die Normgrenzen, was als Überzuckerung bezeichnet wird. Der Körper hat dann nur noch die Möglichkeit, sich des überschüssigen Zucker durch Ausscheidung im Urin zu entledigen. Dauerhaft erhöhte Blutzuckerspiegel führen ihrerseits zu schweren Folgeschäden wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Arteriosklerose, die wiederum gehäuft Schlaganfälle und Herzinfarkte nach sich ziehen. Diese, das Leben noch junger Menschen bedrohende Kaskade krankhafter Störungen, kann sehr wohl verhütet werden, wenn es gelingt, die Nahrungszufuhr auf das notwendige Maß und die richtigen Inhalte zu begrenzen und gleichzeitig die körperliche Inaktivität aufzuheben.

Warum greifen Überernährung und körperliche Inaktivität immer mehr um sich?

Die moderne Industriegesellschaft zeichnet sich durch Entwicklungen aus, die das menschliche Leben erleichtern und vereinfachen. Die zur Führung eines Haushalts notwendige körperliche Belastung hat sich durch den Einsatz von Maschinen und neuen Technologien drastisch vermindert. Vergleichbares gilt für die körperlichen Anforderungen in Schule, Berufsausbildung und Berufsausübung. Gleichzeitig stehen wir einem wachsenden Angebot industriell vorgefertigter Nahrungsmittel gegenüber, die den Konsum durch einfache Zubereitung wohlschmeckender Gerichte erleichtern. Auch als Zwischenmahlzeiten stehen in großer Zahl leicht verfügbare Nahrungsmittel und zuckerhaltige Getränke zur Verfügung. Die leichte Zugänglichkeit und kaum begrenzte Verfügbarkeit wohlschmeckender Lebensmittel setzt Anreize zu unkontrolliertem Konsum, den vor allem Kinder kaum zu steuern in der Lage sind.

Gleichzeitig entfällt die zum Ausgleich des kalorischen Überangebots angemessene körperliche Bewegung. Anstatt zu Fuß oder mit dem Fahrrad in die Schule oder ins Büro zu fahren, nutzen die meisten Menschen ihren PKW oder öffentliche Verkehrsmittel. Das natürliche körperliche Training entfällt und kann auch durch Fitnessangebote nur unvollständig kompensiert werden. Auch die nach der Schule früher übliche Betätigung auf Spielplätzen oder Sportfeldern ist mittlerweile weitgehend „ersetzt“ durch Videospiele am Computer oder mit dem Joystick. Die Energiebilanz weist daher immer stärker in die Richtung einer chronischen kalorischen Überernährung. Die Alarmglocken läuten, wenn das Körpergewicht bereits bei Kindern die Marge Übergewicht oder Adipositas (Fettsucht) erreicht oder überschreitet. Erfolgt keine Gegenmaßnahme, mündet das Leben in dauerhafte Krankheit mit allen Folgen und Einschränkungen eines chronischen Siechtums.

Welchen Ausweg sieht die Wissenschaft?

Wenn der bestehende Trend zu Überernährung und Bewegungsmangel sich ungebremst fortsetzt, so argumentieren Experten, wird die Wohlstandskrankheit Typ 2 Diabetes in 30 Jahren jeden zweiten Bürger betreffen. Die Auswirkungen auf die Lebensqualität der von Diabetes betroffenen Personen sind erheblich und ziehen Folgekosten nach sich. Die ohnehin schon angespannte wirtschaftliche Situation in der Gesundheitsversorgung würde dann zum Zusammenbruch unseres Sozialsystems führen. Es ist daher unausweichlich, möglichst rasch und intensiv bevölkerungswirksame Programme zu entwickeln, um die prognostizierte Entwicklung zu verhindern.

Die Lösung des Dilemmas kann allerdings nicht in der lebenslangen Behandlung mit Medikamenten liegen, sondern muss vielmehr bereits präventiv durch Änderung von Ernährung und Lebensführung erreicht werden. Programme zur Bekämpfung von Übergewicht und Typ 2 Diabetes müssen deshalb im Kindesalter einsetzen, weil nur dort die Möglichkeit besteht, Ernährungsverhalten zu prägen, um die Entwicklung von Übergewicht zu verhüten. Es müssen daher möglichst frühzeitig präventiv wirksame Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten eingeübt werden, die eine dauerhafte Lenkung von Ernährung und körperlicher Bewegung gewährleisten.

Welche Anforderungen muss ein Programm erfüllen, das so hoch gesteckte Erwartungen befriedigen soll?

Die Entstehungsgeschichte des Typ 2 Diabetes zeigt, dass die Fehlentwicklung entstanden ist, weil der Mensch angestammte Lebens- und Bewegungsabläufe durch Einführung neuer der Lebenserleichterung dienender Techniken verändert hat, ohne deren Folgen einer Abschätzung zu unterziehen. Das ist vergleichbar mit der Entscheidung, auf einen Hochwasserdamm zu verzichten, weil übersehen wurde, dass durch die Fertigstellung einer Flussbegradigung das Überschwemmungsrisiko zunehmen wird.

Da angestammte Lebensgewohnheiten nicht ohne Weiteres änderbar sind, müssen Erkenntnisse und Techniken aus der Verhaltenspsychologie eingesetzt werden, die wiederum einer pädagogischen Vermittlung gewohnheitsbildender Maßnahmen bedürfen. Der Einsatz dieser, auf Veränderung der Lebensführung abzielenden Maßnahmen bedarf einer begleitenden Evaluation, die sowohl die Auswirkungen auf das Verhalten als auch epidemiologische und medizinische Aspekte bewertet. Inhaltlich handelt es sich somit um ein interdisziplinär anzugehendes Problem, das den Einsatz entsprechender Module aus dem psychologischen, pädagogischen, medizinischen und epidemiologischen Bereich erfordert.

Wie werden die erzielbaren Erfolge aus heutiger Sicht eingeschätzt?

Mittlerweile liegen die Ergebnisse verschiedener internationaler Studien aus China, Finnland, den USA und Deutschland vor. Sie weisen Ergebnisse auf, deren Erfolgsrate mit einer Absenkung des Typ 2 Diabetes um 30% bis 58% angegeben wird. Wesentlich erscheint in diesem Zusammenhang, dass die Wirksamkeit einer so genannten „Lifestyle-Intervention“ wissenschaftlich nachgewiesen ist.

Es geht daher vorrangig um die sachgerechte Konzeption eines wirksamen Interventionsprogrammes. In Heidelberg wird derzeit eine Interventionsstudie bei Schülern vorbereitet. Sie umfasst die Ausbildung von Lehrkräften in den Techniken, die geeignet sind, Verhaltensänderungen herbeizuführen und Lifestyle-Modifikationen zu verankern. Gleichzeitig erfolgen Seminarangebote über ausgewogene, kalorisch angepasste Ernährung. Ein begleitendes Programm der zur täglichen Gewohnheitsbildung anregenden körperlichen Bewegung ist ebenso erforderlich wie die Einbeziehung der Eltern, die im familiären Umfeld für entsprechende Rahmenbedingungen sorgen müssen. Es wird darauf ankommen, die aus einer solchen breit angelegten Pilotstudie gewonnenen Erkenntnisse allen mit der Erziehung befassten Personen zugänglich zu machen und bundesweit für einschlägige Aktivitäten zu sorgen.

Prof. Dr. Martin Klett ist Leiter des Gesundheitsamtes Rhein-Neckar-Kreis