Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Neue Herausforderungen für die Gesundheitsförderung

Fehlernährung und Bewegungsmangel als Schlüsselprobleme

von Klaus Hurrelmann und Heidrun Bründel

Gesundheit ist dann gegeben, wenn ein Kind körperlich, biologisch, physiologisch, nervlich und seelisch in Balance mit den Innen- und Außenanforderungen ist, konstruktiv Sozialbeziehungen aufbauen kann, sozial integriert ist, die eigene Lebensgestaltung an die wechselhaften Belastungen des Lebensumfeldes anpassen und dabei seine individuelle Selbstbestimmung sichern kann. Gesundheit kann deshalb auch als das jeweils aktuelle Resultat einer „gelingenden“ Sozialisation verstanden werden. Krankheit bezeichnet den Gegenpol, die Überbeanspruchung von körperlichen, psychischen und sozialen Anpassungs- und Bewältigungsfähigkeiten und das Resultat einer nicht gelingenden Sozialisation.

Die Veränderung des Krankheitsspektrums

Wie anfällig ein Kind für Beeinträchtigungen der Gesundheit ist, richtet sich nach dem Verhältnis zwischen Belastungsfaktoren und Schutzfaktoren, also den sozialen, psychischen und körperlichen Ressourcen zur Bewältigung der Belastungen. Sind diese Ressourcen unzureichend, dann kann ein Kind den Anforderungen der inneren und der äußeren Realität nicht gerecht werden. Gesundheitsstörungen und Krankheiten können die Folge sein.

Im historischen Vergleich fällt auf, dass die Infektionskrankheiten und die jahrhundertelang mit Kindheit und Jugend verbundenen Epidemien und Mangelkrankheiten in den westlichen Gesellschaften heute weitgehend zurückgedrängt sind. Mit der Einführung von Hygienemaßnahmen, Reihenimpfungen, systematischen Diagnoseverfahren (Früherkennung) und verbesserten Behandlungsmethoden ist es gelungen, den größten Teil der Kinder dauerhaft vor schwerer Krankheit zu bewahren. Probleme bereiten die Belastung und Verschmutzung der natürlichen Lebensgrundlagen, insbesondere von Wasser, Luft und Boden, die Veränderung des Weltklimas, das Waldsterben und die damit verbundenen ökologischen Belastungen, die Kinder besonders stark treffen. Zu bedenken ist auch, dass die erwähnten Verbesserungen nur für die reichen Industrieländer des Westens und auch hier nur für die gut situierten Teile der Bevölkerung gelten. Sie greifen zum Beispiel nicht für die in den letzten Jahren wieder anwachsenden Minderheiten, die in Armut und ungünstigen sozialen Verhältnissen leben.

Chronische körperliche Krankheiten

Das Krankheitsspektrum wird bei Kindern heute durch die „chronischen“ Krankheiten beherrscht, die nicht wirklich heilbar sind, sondern fast wie eine Behinderung wirken. Die chronischen Erkrankungen können viele Jahre lang in mehr oder weniger bedrohlicher Weise das Handeln und Empfinden eines Kindes beeinflussen. Je ernsthafter die körperliche Störung ist, desto größer ist in der Regel auch das begleitende Ausmaß von psychischen Störungen.

Während die akuten Kinderkrankheiten meist durch den Verlauf „Ursache-Ausbruch-Höhepunkt-Abklingen-Symptomfreiheit“ gekennzeichnet und zu achtzig bis neunzig Prozent auf Infektionen, Unfälle und Vergiftungen zurückzuführen sind, sind die chronischen Krankheiten durch einen anderen Verlauf charakterisiert. Bei ihnen kommt es nicht zu einem kurvenförmigen Ablaufmuster, sondern sie sind schleichend und fortdauernd, mal abklingend, mal wieder anschwellend. Auch in Abklingphasen bleiben Symptome bestehen; dazu kommt die Angst und die Sorge vor einem erneuten Auftreten und vor Folgesymptomen. Im Kindesalter treten heute vor allem die folgenden chronischen Krankheiten auf:

Krebserkrankungen: Krebskrankheiten, also pathologische Zellwucherungen, befallen bei Kindern nicht so oft wie bei älteren Menschen das Oberflächengewebe, sondern es sind Leukämien und Lymphknotengeschwulste, die die Hälfte der Neuerkrankungen ausmachen. Danach folgen Hirntumore, die bei etwa jedem siebten jungen Patienten festgestellt werden. Der Anteil von Krebskrankheiten ist in den letzten Jahren konstant geblieben.

Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit): Der Diabetes stellt eine chronische Stoffwechselerkrankung dar, die durch den Mangel des in der Bauchspeicheldrüse gebildeten Hormons Insulin gekennzeichnet ist. Etwa 0,5 Prozent aller Kinder sind betroffen. Der Mangel an Insulin beeinträchtigt den Transport des im Blut gelösten Traubenzuckers in die Körperzellen. Kinder sind meist von einem bestimmten Typ von Diabetes betroffen, bei dem ein völliges Fehlen von Insulin vorliegt. Die entsprechenden Zellen der Bauchspeicheldrüse sind zugrunde gegangen und damit ist die Krankheit nicht heilbar. Die Kinder sind lebenslang auf künstliches Insulin angewiesen.

Rheuma: Bei Gelenk- und Rückenschmerzen vom rheumatischen Typ muss von einer Verbreitung von etwa 0,5 Prozent ausgegangen werden. Rheumatische Erkrankungen treten schubweise auf und sind mit starken Schmerzen verbunden.

Epilepsie: Von epileptischen Anfallsleiden sind 0,5 bis ein Prozent der kindlichen Bevölkerung betroffen. Die Ursachen für eine Erkrankung liegen – neben einer erblichen Disposition – in den Folgeerscheinungen nach einer exogenen Schädigung des Gehirns. Leistungs- und Funktionsstörungen (zum Beispiel Intelligenzminderung) sind wahrscheinlich nicht auf die Anfälle zurückzuführen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass hierfür zum einen die (für die Epilepsie ursächlichen) Hirnfunktionsstörungen, zum anderen die beträchtlichen Nebenwirkungen der Medikamente (Antikonvulsiva) verantwortlich sind.

Allergien: Unter Allergien wird eine veränderte Reaktionslage des Körpers auf Umweltstoffe verstanden. Es handelt sich um eine teilweise angeborene Bereitschaft des Organismus, mit (Über-) Empfindlichkeitserscheinungen auf bestimmte Umweltstoffe zu antworten. Die Stoffe, die zu allergischen Reaktionen führen können, (Pollen, Hausstaubmilben, Tierhaare, Nahrungsmittel, chemische Substanzen) kommen in der häuslichen Umgebung und in der Natur vor und sind für eine sensibilisierte Person schädlich. Diese Schadstoffe werden als Allergene oder Antigene bezeichnet. Sie regen in einem empfindlichen und meistens erheblich belasteten Organismus die Bildung von spezifischen Antikörpern (Immunglobulinen) an. Die häufigsten allergischen Krankheiten (Atopien) sind Heuschnupfen und andere allergische Fließschnupfen, Bronchialasthma und das atopische Ekzem (konstitutionelle Neurodermitis). Seltener sind Nahrungsmittelallergien, bestimmte Formen von Ausschlägen und Insektenstichallergien. Allergien sämtlicher Ausprägungen kommen zusammengenommen heute bei 25 Prozent aller Kinder vor.

Endogenes Ekzem (Neurodermitis): Beim endogenen Ekzem (auch als atopische Dermatitis oder Neurodermitis bezeichnet) handelt es sich um eine Hauterkrankung, die sich sehr früh, meist innerhalb der ersten beiden Lebensjahre ausprägt und einen chronischen Verlauf nimmt. Sie ist gekennzeichnet durch Veränderungen der Haut, die sich an charakteristischen Stellen häufen, sowie durch einen starken Juckreiz. Die Verbreitung ist schwer abzuschätzen, dürfte aber bei mindestens fünf Prozent eines Jahrgangs liegen.

Asthma bronchiale: Unter Asthma bronchiale wird eine anfallsweise auftretende Atemnot bezeichnet, die durch eine die Ausatmung behindernde Verengung der äußeren Luftwege verursacht wird. Schleimhautschwellungen, übermäßige Sekretion und Verkrampfungen der Bronchialmuskulatur sind die Auslöser. Die Symptomatik gipfelt meist in Anfällen von Atemnot mit verlängerter Ausatemphase sowie vielfältigen, intensiven körperlichen Beeinträchtigungen. Eine Häufung solcher Anfälle kann lebensgefährlich sein. Zwischen den Anfällen liegen bei den Patienten häufig keine Beschwerden vor. Diese Erkrankung zeigt sich vor allem im ersten Lebensjahrzehnt. Man schätzt, dass etwa sechs Prozent aller Kinder an Asthma bronchiale leiden.

Adipositas (Übergewicht) und Magersucht: Die Störungen des Essverhaltens können nach verschiedenen Erscheinungsformen der Dickleibigkeit (Adipositas), der Magersucht (Anorexia nervosa), und der Esssucht (Bulimie) klassifiziert werden, wobei die beiden letzteren überwiegend bei Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen anzutreffen sind, erstere jedoch häufig schon bei Kindern. Unter Adipositas versteht man ein ausgeprägtes Übergewicht, das gleichzeitig durch eine ungewöhnliche Ansammlung von Fettgewebe gekennzeichnet ist. Die Krankheit ist zum Teil auf genetische Faktoren, aber zugleich auch meist auf die abnorme Gewohnheit zurückzuführen, einerseits zu viel von allem und andererseits einseitig, das heißt zum Beispiel zu viel Süßigkeiten, zu essen, so dass die Appetitregulation gestört wird. Wir schätzen, dass schon 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter Adipositas leiden.

Auffälligkeiten im Wahrnehmungsbereich

Neben den chronischen körperlichen Krankheiten spielen psychologische Auffälligkeiten heute eine große Rolle. Viele Kinder sind mit Konflikten und Schwierigkeiten konfrontiert und zeigen in Form von „Verhaltensauffälligkeiten“, dass ihnen die Bearbeitung dieser Probleme schwer fällt. Die Ursachen hierfür können sehr unterschiedlich sein und in innerpsychischen Konflikten, familiären Spannungen und problematischen sozialen Verhältnissen liegen. Nach repräsentativen Studien zeigen zehn bis zwölf Prozent der Kinder im Grundschulalter psychosoziale Auffälligkeiten. Hierunter fallen vor allem Störungen im Wahrnehmungs- und kognitiven wie Verarbeitungsbereich, Leistungsstörungen, Lese-Rechtschreib- oder Rechenschwäche. Wie bei den körperlichen Krankheiten ist auch hier die Belastung von Jungen im Kindesalter deutlich höher als die von Mädchen.

Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitäts- Syndrom (ADHS)

Viele Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass fast jedes zwanzigste Kind im Schulalter unter Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen leidet. Die Kinder träumen viel, lassen sich leicht ablenken, können nur schwer eine Aufgabe zu Ende bringen, ermüden rasch. In ihrer schwerwiegenden Ausprägung werden Konzentrationsstörungen als Hyperaktivität oder Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom bezeichnet. Dieses Syndrom ist bei Jungen weitaus häufiger als bei Mädchen, es tritt bei etwa zwei Prozent aller Kinder auf. Hyperaktivität umfasst eine Fülle von ineinander greifenden Einzelsymptomen.

Ausgangspunkt ist meist eine fahrige und hektische Motorik in der frühen Kindheit, die mit bestimmten Lern -und Verhaltensstörungen einhergeht. Zu den Primärsymptomen können motorische Unruhe, ziellose Aktivität, Impulsivität, ungesteuerte Motorik, Konzentrationsschwäche, Aufmerksamkeitsstörungen, erhöhte Reizempfindlichkeit, sehr schnelle Erregbarkeit und niedrige Frustrationstoleranz gerechnet werden. Die Kinder sind durch ein überstürztes Problemlöseverhalten gekennzeichnet, sie kommen zu überhasteten und unkonzentrierten Arbeitsweisen, die vor allem im schulischen Bereich auffallen. Die Fähigkeit zur ruhigen und konzentrierten Handlungssteuerung ist ausgefallen und wird durch übertriebene Reizbarkeit und Erregbarkeit überlagert.

Als Folge der Primärsymptome der Hyperaktivität treten oft sekundäre Symptome auf, wie Kontakt- und Beziehungsstörungen, Lernstörungen im schulischen Bereich, Selbstwertprobleme und Verhaltensauffälligkeiten, die sich in Disziplinschwierigkeiten und Aggressivität ausdrücken können.

Lese-Rechtschreib-Schwäche

Der häufigste Anmeldegrund in schulpsychologischen Beratungsstellen sind Auffälligkeiten im Wahrnehmungsbereich, die sich in Schulleistungsstörungen niederschlagen. Unter den Schulleistungsstörungen in der Grundschule ist die Lese-Rechtschreib-Schwäche (Legasthenie) am stärksten verbreitet. Sie tritt etwa bei 15 Prozent aller Grundschulkinder auf und bezeichnet eine aus dem Rahmen der sonstigen Schulleistungen herausfallende Schwäche im Erlernen des Lesens und Schreibens. Sie betrifft Jungen deutlich häufiger als Mädchen. Die Kinder beherrschen in der Regel das Lesen und Schreiben der einzelnen Buchstaben und Zahlen, haben aber Schwierigkeiten bei Worten und Sätzen.

Rechenschwäche

Eine Rechenschwäche liegt dann vor, wenn die Rechenfähigkeit im Vergleich zu den Leistungen in den anderen Fächern stark beeinträchtigt ist. Man vermutet hinter der Rechenschwäche – ähnlich wie bei der Lese-Rechtschreib-Schwäche – grundlegende Störungen im Wahrnehmungsbereich, und zwar in der Erfassung räumlicher Beziehungen, der Rechts-links-Orientierung und des Körperschemas. Als spezifische Wahrnehmungsschwächen werden Beeinträchtigungen bei der Wahrnehmung von Form-, Größen und Mengenkonstanzen bezeichnet.

Psychosomatische und affektive Störungen

Eine dritte Gruppe von gesundheitlichen Störungen sind die psychosomatisch-affektiven. In der psychiatrischen Literatur wird zwischen neurotischen und reaktiven Störungen mit psychischer Symptomatik und körperlicher Symptomatik unterschieden. Zeigt sich die Leitsymptomatik vorwiegend im emotionalen Bereich, dann wird von einer psychischen Symptomatik gesprochen. Die wichtigsten Erscheinungsformen in diesem Bereich sind die folgenden:

Angst- und Affektsyndrome

Hierunter werden Angstzustände gefasst, die als krankhaft angesehen werden, weil die Intensität der Angstempfindung ungewöhnlich hoch ist, die alterstypischen Aktivitäten eingeschränkt sind und die Inhalte und Objekte der Ängste ungewöhnlich sind. Angst und Ängstlichkeit nehmen mit dem Älterwerden verschiedene Ausdrucksformen an, die mit der Entwicklungsstufe eines Kindes korrespondieren. So wird im Säuglingsalter überwiegend von der Acht-Monats-Angst gesprochen, im Vorschulalter von der Trennungsangst, später der Schulangst und in der Adoleszenz von Angstneurosen. Bei Schulangst oder Schulphobie sind starke Schulverweigerungstendenzen, körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und Übelkeit und die Neigung zu Angstzuständen und depressiven Verstimmungen erkennbar.

Die Angstneurose wird als eine Kombination von körperlichen und psychischen Angstsymptomen verstanden, die keiner realen Gefahr zuzuschreiben sind, sondern „eingebildet“ sind. Die Angst ist diffus und kann sich bis zur Panik steigern. Als Folge ergibt sich häufig ein sozialer Rückzug der Kinder. Als Reaktion zeigen sich auch vegetative Erscheinungen, wie beschleunigte Atmung und Herztätigkeit, Blutdrucksteigerung, Schweißausbrüche und Verdauungsstörungen. Die Verbreitung ist schwer abzuschätzen. Es gibt aber Hinweise darauf, dass in den letzten zehn Jahren durch die öffentliche Diskussion globaler Themen wie Kriegsgefahr, Terroranschläge und Umweltverschmutzung Zukunftsängste und damit auch spezifische Formen von Angstzuständen bei Kindern zugenommen haben.

Depressive Syndrome

Depressive Störungen im Kindesalter unterscheiden sich nicht wesentlich von denen Erwachsener. Sie setzen sich zusammen aus emotionalen Symptomen (Gefühle tiefer Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit, Mutlosigkeit und Lustlosigkeit), kognitiven Symptomen (Gedanken eigener Wertlosigkeit und Unzulänglichkeit, Selbstzweifel, Selbstvorwürfe, Selbstbestrafung, Selbstentwertung), motivationalen Symptomen (Erlahmung des Aktivitäts- und Antriebsniveaus und der Entscheidungsfähigkeit) und körperlichen Symptomen (Müdigkeit, Erschöpfung, Appetitlosigkeit und Schlafstörungen). Depressive Störungen zeigen sich altersspezifisch und drücken sich bei jüngeren Kindern unter zehn Jahren häufig in Trennungsängsten (bei Besuch des Kindergartens oder bei der Einschulung) und in Schulverweigerung aus, bei älteren Kindern in Verstimmungen, Leistungsabfall und Rückzugstendenzen.

Medikamenten- und Drogenkonsum

Nach elterlichem Vorbild greifen Kinder heute auch schon bei geringfügigen körperlichen Beschwerden sehr schnell zu Medikamenten. Häufig tun sie dies auch, um in unangenehmen Lebenssituationen Entlastung und Ablenkung oder Anregung und Leistungssteigerung zu erfahren. Viele Eltern begründen diesen Schritt mit „Verhaltensauffälligkeiten“ der Kinder, wobei Konzentrationsstörungen, Schulversagen, Zappeligkeit, Kopf- und Magenschmerzen sowie Schlafstörungen am häufigsten genannt werden. Wir schätzen, dass von zwanzig Prozent der Kinder im Grundschulalter regelmäßig, mindestens wöchentlich, Schmerzmittel und teilweise auch andere Medikamente eingenommen werden, um damit die Leistungsfähigkeit zu stabilisieren und Schmerzempfindungen vorzubeugen.

Auch der Konsum von Drogen, von legalen und illegalen Stoffen zur Manipulation des zentralen Nervensystems, kommt bei Kindern immer häufiger vor. Das Einstiegsalter in den Zigaretten- und Alkoholkonsum hat sich in den letzten zehn Jahren auf immer früher verlagert. So haben zwei Prozent der Jugendlichen nach eigenen Angaben schon vor dem zehnten Lebensjahr regelmäßige Alkoholerfahrungen. Im Alter von zehn bis elf Jahren wächst der Anteil von Einsteigern um jeweils sieben Prozent an. Das Ergebnis ist, dass bis zum Alter von elf Jahren schon 16 Prozent und bis zum Alter von zwölf Jahren 36 Prozent Kinder regelmäßige oder gelegentliche Alkoholkonsumenten sind. Ganz ähnliche Trends zeigen sich beim Zigarettenkonsum, der altersmäßig noch früher als der Alkoholkonsum einsetzt. Mit einem frühen Einstieg ist die Wahrscheinlichkeit verbunden, das Konsummuster über den ganzen weiteren Lebensweg aufrechtzuerhalten.

Neue Herausforderungen für die Gesundheitsförderung

Die kurze Darstellung des Spektrums von körperlichen und psychischen Krankheiten macht deutlich, dass die akuten Infektionskrankheiten, die früher häufigen „Kinderkrankheiten“, nur noch selten auftreten. Die bei den Erwachsenen vorherrschenden chronischen körperlichen Erkrankungen sind dank einer sehr guten Diagnose, Behandlung und Nachsorge ebenfalls vergleichsweise selten. Alle diese Krankheiten zusammen belasten etwa zwanzig Prozent der Kinder. Problematisch ist dabei die folgende Beobachtung: Die meisten der heute vorherrschenden gesundheitlichen Störungen liegen im Schnittbereich zwischen Körper, Psyche und Umwelt, sie entstehen durch die Fehlanpassung von physiologischen, seelischen, sozialen und ökologischen Systemen. Viele dieser Störungen haben eine genetische, in der Persönlichkeit tief verankerte Komponente, die aber nur deshalb zum Zuge kommen kann, weil psychische, soziale und ökologische Schutzfaktoren verloren gegangen sind. Bei vielen Kindern ist der elementare Prozess der körperlichen, psychischen und sozialen Auseinandersetzung mit ihren inneren und äußeren Lebensbedingungen aus dem Rhythmus geraten, sie haben in diesem Sinn ihre Lebenstüchtigkeit und ihre Kompetenz eingebüßt, sich mit der Realität so auseinander zu setzen.

Fehlernährung und Bewegungsmangel als Schlüsselprobleme

Für Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung ergeben sich aus dieser Bestandsaufnahme neuartige Herausforderungen. Neben die gezielte Vorbeugung gegen die Ausgangsbedingungen von akuten Infektionskrankheiten und chronischen körperlichen Krankheiten muss auf eine gut abgestimmte und konzeptionell überzeugende Gesamtlinie der Gesundheitsförderung für Kinder geachtet werden. Es bietet sich an, nach einem gemeinsamen Nenner für die vielfältigen bio-, psycho- und öko-sozialen Störungsbilder der Gesundheit zu suchen und sich nicht in krankheits- und symptombezogenen Einzelinitiativen zu verzetteln.

Dieser gemeinsame Nenner liegt unserer Auffassung nach in den beiden Ausgangsfaktoren Fehlernährung und Bewegungsmangel. Sie stehen in einem direkten oder zumindest indirekten Zusammenhang mit vielen der Gesundheitsbeeinträchtigungen und Krankheiten, die heute bei Kindern zu verzeichnen sind. Über eine Beeinflussung des Bewegungs- und Ernährungsverhaltens lassen sich auch Probleme ansprechen und bearbeiten, die mit anderen Dimensionen des nicht gelingenden Prozesses der Bewältigung von inneren und äußeren Herausforderungen zusammenhängen, insbesondere den Problemen des schlecht trainierten Immunsystems, der fehlenden Anregung und Schulung der Sinne, der Verbesserung der motorischen Koordination, des Abbaus von Aufmerksamkeitsdefiziten und Hyperaktivität und der Stärkung von Konfliktfähigkeit und Frustrationstoleranz. Bewegungsmangel und Fehlernährung ihrerseits hängen in ihrer Verursachung und in ihren Erscheinungsformen eng zusammen:

  • Der Bewegungsmangel hängt mit den wenigen räumlichen Möglichkeiten des freien und offenen Spielens zusammen, die sich in den durch Straßenverkehr und Zersiedelung geprägten Wohnvierteln beobachten lassen. Hinzu kommt eine teilweise übervorsichtige und ängstliche Haltung der Mütter und Väter, die ihren Kindern nicht den Freiraum für die selbstständige Erkundung der Umwelt lassen, den sie für ihre Entwicklung eigentlich benötigen. Hintergrund hierfür sind auch die veränderten häuslichen Lebensbedingungen mit einer starken Konzentration des Familienlebens auf die Wohnung, verstärkt durch Massenmedien wie Fernsehen, Radio und Computer. Auch die Motorisierung der Familienhaushalte trägt das ihre dazu bei, dass sich Kinder viel zu wenig bewegen. Sie werden in vielen Familien zu Kindertagesstätten, Kindergärten, Musikschulen und später Grundschulen gefahren und haben dadurch nur wenig Gelegenheit, sich selbst im Wohnviertel und darüber hinaus aus eigener Kraft zu bewegen.
  • Das veränderte Ernährungsverhalten hängt mit der Umstellung des Lebensrhythmus der Familien zusammen. Nur noch etwa in der Hälfte der Familienhaushalte wird regelmäßig gekocht und gemeinsam gegessen. Immer mehr setzt sich Fertigkost vom Typus „Fast Food“ durch, die einen übergroßen Anteil von Fett und Kohlehydraten und einen mangelnden Bestand an Ballaststoffen, Vitaminen und Mineralien aufweist, und deswegen bei vielen Kindern objektiv zu Fehlernährung führt. Bei Kindern ab dem Grundschulalter kommt noch hinzu, dass innerhalb und außerhalb der Schule Schnellrestaurants beliebte Treffpunkte im Freundeskreis sind und wegen der Bedeutung der Gleichaltrigengruppe sich fast kein Kind mehr der ,,McDonaldisierung“ der Nahrungszufuhr entziehen kann. Hierdurch kommt es zu unregelmäßigen, mit dem Biorhythmus der Kinder meist nicht abgestimmten Abfolgen der Nahrungsaufnahme und zu einer unausgewogenen Kombination der Nahrungsbestandteile. Die in der Werbung für Kinder angepriesene „nährstoffangereicherten“ Lebensmittel tragen zu einer weiteren Förderung von falschen Essgewohnheiten bei und bringen in vielen Familien den Nahrungshaushalt durcheinander.

Bewegungsmangel und Fehlernährung leisten den genannten Krankheiten und Gesundheitsstörungen Vorschub, besonders die bisher nur im Erwachsenenalter beobachtet wurden. Das gilt für die erwähnten psychosomatischen Störungen, Herz-Kreislauf- Probleme, Bluthochdruck, Koordinationsprobleme und Übergewicht. Mangelnde Bewegung und falsche Ernährung treten bei vielen Kindern auch in Kombination auf, wenn zum Beispiel viele Stunden täglich vor dem Fernseher, Videogerät oder Computer verbracht werden und parallel dazu unkonzentriert und ohne festen Rhythmus Fertiggerichte und Fast-Food-Produkte konsumiert werden. Auch der wachsende Anteil von untergewichtigen Kindern weist auf den aus dem Rhythmus geratenen Ernährungs- und Bewegungshaushalt hin. Schon im Grundschulalter treten etwa zehn Prozent der Jungen und 15 Prozent der Mädchen Diäten an, um ihr Gewicht zu regulieren. Vor allem die Mädchen haben den Eindruck, ihr Gewicht sei zu hoch, sie führen das aber nicht auf ihr langfristiges Entnährungs- und Bewegungsverhalten zurück, sondern ausschließlich auf die Menge der Nahrungszufuhr. Diäten sind meist ein deutliches Alarmsignal für aus der Kontrolle geratene Körperbeherrschung und führen nur in den seltenen Fällen zu einem Wiedergewinn einer ausgeruhten körperlichen und psychischen Konstitution.

Anregung des Bewegungsverhaltens

Eine entscheidende Störquelle für eine gelingende Balance von Risiko- und Schutzfaktoren bei Kindern ist der Mangel an alters- und körperangemessener Bewegung. Bewegung reguliert einerseits die Nahrungszufuhr und den Kalorienverbrauch, sie trägt andererseits aber auch zum Stressabbau und zur Abfuhr innerer Spannungen und Aggressionen bei. Angemessene Bewegung ist so gesehen das wichtigste Medium der körperlichen und psychischen Entwicklung, es ermöglicht die Erkundung und Aneignung der sozialen und physikalischen Umwelt, sorgt für die Koordination aller Sinneserfahrungen und ist der Motor für die gesamte körperliche, psychische und soziale Entwicklung eines Kindes.

Alle sensiblen Konzepte der Gesundheitsförderung setzen heute auf die Akzeptanz des kindlichen Bewegungsdrangs, eine lebendige und herausfordernde Umsetzung und Förderung von Aktivität und handelnder Tätigkeit mit zugleich altersangemessener psychischer Herausforderung von Kreativität und Selbstbehauptung. Dazu gehört die Kunst, Aggressionspotentiale spielerisch aufzunehmen, zu kanalisieren und frei zu geben, etwa durch Musik, Kunst und Theater, aber auch durch Abenteuerspielplätze, Hüttenbau und Gruppenspiele.

Die ökologische Entwicklungstheorie von Uri Bronfenbrenner kann als Hintergrundtheorie dieser Ansätze verstanden werden. Sie hat darauf hingewiesen, dass die Ausschaltung, Unterdrückung und Nichtinanspruchnahme der menschlichen Organe alle Sinne krank macht, während die Entfaltung durch die Auseinandersetzung mit einer herausfordernden sozialen und physikalischen Umwelt eine stärkende und aufbauende Wirkung hat. Sie setzt sich für die Gestaltung von Umwelten ein, die eine Mannigfaltigkeit von wohl dosierten Reizen für alle Sinne bereithalten. Die „Erlebnispädagogik“ hat praktische Beispiele für die pädagogische Umsetzung solcher Konzepte beigesteuert. Sie plädiert für pädagogisch und psychologisch gut strukturierte Konzepte der Förderung von Erlebnis, Abenteuer, Verantwortlichkeit und Kreativität.

Bewegungsförderung als Herausforderung der Sinne

Die Konsequenz aus diesen Erkenntnissen ist, in Kindergärten und Grundschulen, aber auch in anderen kommunalen Räumen das freie und naturnahe Spielen zu fördern. Dabei müssen Kindern gezielte Risikomöglichkeiten eingeräumt werden. Es geht nicht darum, ihnen nur mehr organisierte Bewegungsspiele vom Typus des Mannschaftssports anzubieten, sondern vor allem darum, ein nachhaltiges und abenteuerliches Freispiel zu ermöglichen. Die persönlichen und sozialen Ressourcen von Kindern können nur entwickelt werden, wenn sie auf wohl dosierte Widerstände stoßen.

Gesundheitsressourcen sind Fitness, Stärkung des Immunsystems und der Herz-Kreislauf-Leistungsfähigkeit im körperlichen Bereich sowie Zuversicht, Optimismus, positives Selbstkonzept und Selbstvertrauen im persönlichen Bereich. Im sozialen Bereich müssen Unterstützung und Anerkennung in der Gruppe hinzukommen. Ein stabiles Selbstkonzept von Kindern kann nur durch Aktivitäten gefördert werden, bei denen Kinder ihre eigenen Stärken erkennen und sich ihrer bewusst werden können, Eigenaktivität und Selbsttätigkeit herausgefordert werden, eine vorschnelle Hilfeleistung vermieden und jeder auch noch so kleine Erfolg positiv bewertet wird. Wenn Kinder in ihren Familien diese Herausforderungen nicht in genügendem Ausmaß erfahren, dann ist es die Aufgabe der öffentlichen Erziehungseinrichtungen Kindergarten und Grundschule, ausgleichend tätig zu werden.

Der Mangel an öffentlichen, gestaltbaren Flächen und Räumen wirkt sich auf die Entwicklung von Kindern ungünstig aus. Sie brauchen Räume, die sie sich aneignen, besetzen, gestalten und verändern können. Nur hierdurch kann die Stimulation der Sinne, das Erleben von öffentlichem Handeln mit der Erfahrung von Unbekanntem und Fremdsein aufgebaut werden. Im sozialen Bereich Kompetenzen aufbauen heißt auch, Ängste zu überwinden, sich zu präsentieren, also eine Form der Behauptung und der Selbstbehauptung einzuüben. In einem öffentlichen Raum sind immer fremde und unbekannte Menschen, es stellen sich neuartige und irritierende Situationen ein. Zugleich kann hier Zugehörigkeit und Ortsverbundenheit erfahren werden. Deswegen dürfen die Räume nicht perfekt sein, sondern müssen die Einflüsse von Kindern ermöglichen.

Der Beitrag ist eine überarbeite Fassung von Ausschnitten aus dem Buch „Einführung in die Kindheitsforschung“, Weinheim 2003. Mit freundlicher Genehmigung des BELTZ Verlages.

Prof. Dr. Klaus Hurrelmann ist Hochschullehrer für Sozial- und Gesundheitswissenschaft an der Universität Bielefeld und Direktor des WHO-Collaborating Centers Child and Adolescent Health Promotion

Dr. Heidrun Bründel ist Diplompsychologin an der Bildungs- und Schulberatung in Gütersloh