Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

Kürzlich hat eine große Fast-Food-Kette ein Werbefoto veröffentlicht, das einen Säugling darstellt, der an einem der mütterlichen Brust nachempfundenen Hamburger nuckelt. Dass solche Manipulationen Erfolg haben und wohin sie führen, zeigt die Statistik. Zwischen 10 und 20 Prozent aller Kinder – in manchen Regionen und in sozial benachteiligten Schichten weitaus mehr – gelten bundesweit als übergewichtig. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht bereits von einer Besorgnis erregenden Epidemie.

Die Auswirkungen von Übergewicht und seiner krankhaften Steigerung, der Adipositas, treffen in erster Linie das einzelne Kind: Störungen im Fett- und Glukosestoffwechsel, Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparats, erhöhter Blutdruck, Diabetes bereits in jungen Jahren können die Folge sein. Besonders leiden dicke Kinder unter der Stigmatisierung durch die Umwelt. Ihr Selbstwertgefühl ist erniedrigt, was wiederum einen Risikofaktor für die psychosoziale Entwicklung und die Herausbildung von Essstörungen darstellt.

Aber auch die Gesellschaft insgesamt trägt schwer am zu hohen Gewicht eines wachsenden Teils ihrer Mitglieder. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu einem Drittel der Gesamtkosten des Gesundheitswesens durch ernährungsmitbedingte Krankheiten verursacht werden. Die Prävention von Übergewicht im Kindesalter ist eine der bedeutendsten gesundheitspolitischen Herausforderungen.

Die Vorbeugung ist schwierig, weil die Ursachen vielfältig und weil lieb gewonnene Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten betroffen sind, die nicht von heute auf morgen geändert werden können. Zu den wichtigsten Maßnahmen gehören: Förderung des Stillens (gestillte Kinder sind weniger anfällig später übergewichtig zu werden!), Verzicht auf zuviel Fett im Essen, Belebung der gemeinschaftlichen Esskultur, mehr Bewegung im Alltag, Ausbau der Therapieangebote für übergewichtige Kinder. Hinzu kommen müssen eine bessere Verpflegung in Kindergarten und Schule, die Stärkung der Ernährungsbildung und der Aufbau eines Nationalen Ernährungsmonitoring.

Nicht zuletzt geht es um die Mitverantwortung der Industrie, die mit immer raffinierteren Methoden eigene Produktlinien für Kinder anpreist, die gesundheitlich teilweise bedenklich sind. In den USA hat sich der größte Nahrungsmittelproduzent, der Konzern Kraft, inzwischen zu Maßnahmen gegen Übergewicht bereit gefunden. Vorgesehen sind Aufklärungskampagnen und kleinere Portionen. Hintergrund der geplanten Aktionen sind übrigens drohende Klagen von Übergewichtigen.

Mit herzlichen Grüßen

Prof. Dr. Franz Resch, Präsident der Deutschen Liga für das Kind
Dr. Jörg Maywald, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind