Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Soziale Lage und Übergewicht

Ein dickes Kind ist mehr als nur ein zu hoher Body Mass Index-Wert

von Dietrich Delekat

Übergewicht ist nach wie vor eines der größten gesundheitlichen Probleme in den Industrieländern weltweit. Dies gilt uneingeschränkt auch für Kinder. Diese Entwicklung ist besonders kritisch, denn zum einen legt Übergewicht in der Kindheit oft den Grundstein für Übergewicht im Erwachsenenalter und sorgt so für eine deutlich erhöhte Rate an Krankheit und vorzeitiger Sterblichkeit. Zum anderen gestaltet es die Jugendzeit dieser Kinder oft leidvoll; nicht nur durch die körperlichen und zunehmend auch gesundheitlichen Auswirkungen der Fettsucht, sondern besonders auch durch die zunehmende soziale Geringschätzung, die gerade Jugendliche besonders belastet.

Die zunehmende Tendenz, nicht nur den bloßen BMI (Body Mass Index) zu konstatieren, sondern auch die sozialen Umstände mit einzubeziehen, die ihn beeinflussen, ist erfreulich und dringend notwendig. Denn es sind nicht mehr wie früher vorwiegend somatische gesundheitliche Störungen, die heute unsere Kinder in erster Linie gefährden. Die alten gesundheitspolizeilichen Betrachtungsweisen haben ausgedient; heute sind es vielmehr die sozialen, emotionalen, kognitiven und sprachlichen Defizite, die die Schwerpunkte bei der Entwicklung von Präventionskonzepten darstellen müssen.

Von besonderer Bedeutung ist hierbei die Lebenswirklichkeit, in der ein Kind aufwächst. Neben der sozialen Lage wird diese Wirklichkeit stark von der kulturellen Herkunft seiner Familie geprägt. Durch das neue Staatsangehörigkeitsgesetz werden in Berlin in wenigen Jahren etwa 90% der Schulanfänger türkischer Herkunft einen deutschen Pass besitzen. Alle Statistiken, die dann noch die formale Staatsangehörigkeit als Parameter verwenden, werden zu stark verzerrten Aussagen kommen, die die Lebensrealität der Kinder nicht treffen. Die Einschulungsuntersuchung in Berlin hat sich daher von diesem Parameter weitgehend verabschiedet und einen neuen Parameter „Herkunft“ konzipiert, der die frühere Aussagekraft wieder herstellt.

So wissen wir nicht nur bloß, ob ein Kind dick ist. Wir erfahren auch, ob es in einer sozial benachteiligten Familie aufwächst, ob es bei beiden Eltern wohnt, und welcher Herkunft es ist. Wurde es bereits in Deutschland geboren? Haben sich die Eltern um die Impfungen und die Vorsorgeuntersuchungen gekümmert, ist Zähneputzen für sie wichtig? Sieht das Kind viel fern? Wie gut sind seine motorischen, sprachlichen und kognitiven Fähigkeiten? Wenn es nichtdeutscher Herkunft ist, wie gut spricht es Deutsch, hatte es viel Kontakt zu herkunftsdeutschen Kindern? Wohnt es in einem Ballungsgebiet mit vielen Familien nichtdeutscher Herkunft oder unterer sozialer Schicht? Der BMI sagt uns etwas über den Fettgehalt des Körpers. Ein dickes Kind ist aber mehr als nur ein zu hoher BMI-Wert, und wenn wir Prävention mit Aussicht auf Erfolg betreiben wollen, dann müssen wir mehr von den Lebensumständen dicker Kinder wissen als nur diese Messgröße.

2001 waren in Berlin 12,6% aller Einschüler/innen adipös. Hierbei haben wir die von der ECOG empfohlenen Grenzwerte von Rolland-Cachera zu Grunde gelegt, die die 97. Perzentile von Kindern der Fünziger- bis Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts repräsentieren. Die BMI-Werte, mit denen man damals zu den dicksten 3% gehörte, weisen also heute fast 13% aller Einschüler/innen auf.

Interessant ist hierbei, dass nicht etwa alle Kinder gleichmäßig dicker geworden sind. Die 50. Perzentile – also der Median – hat sich im Vergleich zu damals praktisch nicht verändert, sondern nur die 90. und die 97. Perzentile, die merklich bzw. sehr deutlich über den damaligen liegen.

Es wird also deutlich, dass ein gewaltiger Anstieg des Anteils von sehr dicken Kindern stattgefunden hat. Analysiert man die verschiedenen Einflüsse auf die Adipositasrate genauer, so erweist sich, dass dies in Berlin vor allem drei Parameter sind, nämlich Herkunft, soziale Schicht und Geburtsgewicht. Nach unseren neueren Erhebungen, die wir noch nicht publiziert haben, kommen als weitere, starke Faktoren noch der Konsum elektronischer Medien und Motorikdefizite hinzu.

Für uns war nicht die (formale) Staatsangehörigkeit, sondern die Herkunft der Kinder maßgeblich. Als aussagekräftig hat sich dabei die Differenzierung in Kinder aus der Türkei, dem ehemaligen Ostblock und aus westlich geprägten Industriestaaten erwiesen (Abbildung 1). Die Kinder mit deutschem Pass wurden unterteilt in „Herkunftsdeutsche“, „eingebürgerte Deutsche“, und „Deutsche anderer Herkunft“. Letzteres waren Kinder, die nicht eingebürgert waren, aber nur fehlerhaft Deutsch sprachen, also offensichtlich aus einem anderen Kulturkreis stammten. In den Erhebungen ab 2002 wird die Herkunft auf den Kulturkreis gestützt, was gegenüber der obigen Konstruktion eine deutliche Verbesserung darstellt. Die entsprechenden Zahlen werden bald publiziert werden.

(Abbildung 1)

Nun wird deutlich, dass die erwähnten 12,6% einen Durchschnitt von sehr heterogenen Gruppen darstellen. Die Herkunftsdeutschen liegen bei 10,6%, während die türkischen Kinder fast 23% erreichen.

Der Einfluss des Geburtsgewichtes in Abbildung 2 dargestellt, aufgeschlüsselt nach den größeren Herkunftsgruppen.

(Abbildung 2)

Man beachte, dass die maximale Bandbreite hier auf rund 5% bis 23% gestiegen ist. Und wichtig ist auch: Das Diagramm stellt einen statistischen Zusammenhang dar, es beweist keine Kausalität! Speziell beim Geburtsgewicht sind die Zusammenhänge komplex.

Bei der Darstellung der sozialen Schicht (Abbildung 3) wurde eine Einteilung in drei Gruppen vorgenommen. Es fällt auf, dass ein signifikanter Zusammenhang nur in der Gruppe der Herkunftsdeutschen besteht. Von der Gruppe der türkischen Kinder wissen wir, dass auch bei anderen Themen (Impfen, Vorsorgeuntersuchungen etc.) in keinem Fall ein Einfluss der sozialen Schicht vorhanden war. Bei den Herkunftsdeutschen ist interessant, dass der Abstand der oberen zur mittleren Schicht viel größer ist als zwischen der mittleren und der unteren.

(Abbildung 3)

Aus der Vielzahl der möglichen Fragen und Hypothesen – die sich aber auch noch auf weitere, hier nicht erwähnte Daten stützen können – seien hier nur einige wenige exemplarisch vorgestellt:

  • Der Durchschnittswert von 12,6% hat allenfalls epidemiologische Bedeutung, da er aus sehr heterogenen Gruppen gebildet wird
  • Die Deutschen nichtdeutscher Herkunft liegen mit ihrer Rate genau zwischen den herkunftsdeutschen und den türkischen Kindern. Ein sehr großer Teil von ihnen wird auch türkischer Herkunft sein. Türkische Familien, die Deutsche geworden sind, unterscheiden sich offenbar deutlich von ihren Landsleuten. Hat dies soziologische Gründe, ist die Ernährung anders? Hier ist auch ein Zugang zur Ätiologie von Adipositas gegeben.
  • Soziale Schichtunterschiede wirken sich nur bei Herkunftsdeutschen aus. Besteht bei den anderen Gruppen ein kultureller Einfluss über alle sozialen Differenzen hinweg, der mit seiner prägenden Kraft alles überlagert? Bezieht sich dieser Einfluss hauptsächlich auf die Ernährung oder auf andere Faktoren?
  • Bei allen Gruppen besteht ein deutlicher Zusammenhang mit dem Geburtsgewicht. Eine Kausalität ist damit keinesfalls bewiesen, aber ist es ein Hinweis auf die Größe der Rolle, die ererbte Faktoren bei der Entstehung der Adipositas spielen?
  • Die Bandbreite der Rate von Adipositas reicht von etwa 5% bis 28%. Kann eine solche Differenz mit einer gleich großen Bandbreite an Ernährung erklärt werden?

Vor allem die letzte Frage ist interessant. Die reflexartige Forderung bei erschreckenden kindlichen Adipositasraten ist die nach „gesundem Essen“. Dagegen ist natürlich prinzipiell nichts zu sagen, aber auch die gesündeste Biokost kann gegen die Verbreitung von Fettsucht wenig ausrichten, wenn die Ursachen woanders liegen. Es gibt Studien, die keinen Zusammenhang zwischen Süßigkeitenkonsum und Fettsucht finden, wenn man die anderen Faktoren herausrechnet. Unsere Untersuchungen geben deutliche Hinweise auf den großen Einfluss von sozialen, kulturellen und ererbten Faktoren. Zweierlei wird deutlich: Angesichts der großen Heterogenität in Bezug auf Adipositas zwischen verschiedenen Gruppen wird ein monokausaler Ansatz – wie zum Beispiel die erwähnte Biokost – kaum erfolgreich sein. Und für die Entwicklung von Präventionsstrategien ist eine differenzierte Gesundheitsberichterstattung, die in einem dauernden Verbesserungsprozess die relevanten Parameter der Lebenswirklichkeiten von Kindern erfasst, unabdingbar.

Die vollständige Fassung ist über die Geschäftsstelle erhältlich.

Dietrich Delekat ist Facharzt für Kinderheilkunde und Autor des Spezialberichts der Senatsverwaltung für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz in Berlin 2003-2 „Zur gesundheitlichen Lage von Kindern in Berlin – Ergebnisse und Handlungsempfehlungen auf Basis der Einschulungsuntersuchungen 2001“

Der Bericht ist im Internet zu finden unter: www.berlin.de/sengessozv/statistik/
veroeffentlichungen/spezialberichte/
veroef_spezial.html