Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Die Bedeutung von Beziehung und Erziehung bei der Entstehung früher Traumata

von Peter Riedesser

Vor gut zwei Jahrzehnten, als ich noch Assistenzarzt in der kinderpsychiatrischen Ambulanz der Universitätsklinik Freiburg war, kam eine Mutter zum ersten Gespräch und berichtete, sie habe große Probleme mit ihrem Kind und sei von einer regionalen „Beziehungsberatungsstelle“ an uns verwiesen worden.

Dieser Freudsche Versprecher, nämlich statt Er-ziehungsberatungsstelle sagte sie Be-ziehungsberatungsstelle, hat mich seither immer wieder angeregt, über das Verhältnis von Erziehung und Beziehung nachzudenken, weil es für das Eltern-Kind-Verhältnis generell und speziell hinsichtlich Diagnostik, Therapie und Prävention psychischer Störungen, besonders psychischer Traumatisierungen, von großer Bedeutung ist.

Erziehung hat in jeder Kultur einen hohen Stellenwert. Kulturelle und religiöse Wertvorstellungen, Traditionen, Riten, Verhaltensnormen, Fertigkeiten etc. sollen von einer Generation zur anderen weitergegeben werden; in den sog. Kalten Kulturen sind die Erziehungsinhalte und -methoden über Jahrhunderte relativ stabil, in den sog. Heißen Kulturen wie in der unseren sind die Traditionen nicht mehr festgefügt, sondern unterliegen rascher Veränderung, und die Erziehungsziele sind nicht mehr eindeutig kulturell oder subkulturell definiert, sondern zunehmend individuellen und familiären Entscheidungsprozessen überlassen. Was früher traditionell, geradezu rituell, stattgefunden hat, muss jetzt neu überlegt und ausgehandelt werden. Viele Eltern sind dadurch verunsichert und suchen Hilfe: Sie greifen zu Erziehungsratgebern in Buchhandlungen, fragen Freunde und Bekannte oder Journalisten um Rat oder suchen Erziehungsberatungsstellen auf.

Grundsätzlich ist eine solche Verunsicherung positiv und als Chance zu sehen. Allzu oft sind pädagogische Ideologien von einer Generation zu anderen weitergegeben worden, unterstützt durch inkompetente professionelle Beratung. Sie kennen alle noch die Thesen, nach denen man „Säuglinge schreien lassen“ solle, „weil das die Lungen stärkt“, dass man sich „von Säuglingen nicht erpressen lassen“ dürfe, dass man „Kinder durch Gewalt zum Gehorsam erziehen“ müsse.

In meiner Schulzeit wurden aus dem griechischen Altertum – fast mit Vorbildcharakter – Sentenzen präsentiert wie der Satz: „Wer nicht geschunden wird, wird nicht erzogen“ oder: „Kinder brauchen Schläge“. In dem Buch „Kinderärzte als Erzieher“ sind die zum Teil brutalen pädagogischen Ratschläge von Kinderärzten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschrieben; und noch nicht vor allzu langer Zeit sagten selbst Fachleute: „Der Säugling bekommt nichts mit, empfindet keinen körperlichen und seelischen Schmerz“, oder: „An was man sich aus der Kindheit nicht erinnern kann, hat keine Bedeutung für später“.

Hier waren und sind einzelne, kinderfeindliche Meinungen zu pädagogischen Ideologien geworden, die sogar durch seelenblinde Professionelle, zum Beispiel Kinderärzte, Lehrer oder Psychiater unterstützt wurden. Anstatt die Probleme der Kinder zu lösen, wurden sie Teil dieser Probleme. Dies zeigte sich übrigens bis vor kurzem noch in den argumentativen Rückzugsgefechten gegen das „Rooming-in“ bei kranken Säuglingen und Kleinkindern, welches in Deutschland von sensiblen Eltern gegen den hinhaltenden Widerstand von Ärzten und Schwestern erkämpft werden musste.

Wenn wir in unserem beruflichen Alltag mit Eltern zu tun haben, die von uns möglichst konkrete Erziehungsratschläge haben möchten, wie sie zuhause mit einer bestimmten Situation umgehen sollen, dann ist es sicher manchmal machbar, durch einfache Ratschläge einen Teufelskreis zu durchbrechen. Solche schnellen und einfachen Lösungen sind aber nach meiner Erfahrung nur selten möglich. Erziehungsprobleme sind meist nur die Spitze eines Eisberges von Beziehungsproblemen. Wer also nur Erziehungsratschläge gibt, ohne die darunter liegenden Beziehungsprobleme zu verstehen, kann meist den Ratsuchenden nicht wirklich helfen und schadet ihnen manchmal sogar.

Bei einem offensichtlich problematischen Erziehungsverhalten von Eltern stellt sich also nicht die Frage: Was kann ich ihnen raten?, sie muss vielmehr lauten: Warum sind die Eltern nicht imstande, selbst die Lösung zu finden, was eigentlich sehr naheliegend wäre? Wie kann ich ihre Fähigkeit zur Identifikation mit ihrem Kind erhöhen und durch diesen Perspektivenwechsel mehr Verständnis schaffen für die tiefere Psycho-Logik des kindlichen Erlebens und Verhaltens?

Meine These lautet also zugespitzt:

Wenn es gelingt, gemeinsam mit den Eltern ihre Beziehung zu ihren Kindern zu verstehen, dann brauchen diese wenig oder keine Ratschläge mehr, die ja manchmal auch entmündigend sein können.

Dazu ein Beispiel:

Eine Mutter kam zu mir und berichtete, dass sie mit ihrer achtjährigen Tochter total „im Clinch“ liege. Sie seien vollkommen zerstritten, und sie wisse nicht mehr weiter. Sie bat mich um Erziehungsratschläge.

Im Rahmen des ersten Einzelgespräches mit ihr konnten wir dann herausarbeiten, dass sie mit ihrer Tochter unbewusst eine Beziehung konstelliert hatte, wie sie sie mit der Schwester in der eigenen Kindheit hatte, und jetzt sozusagen einen Schattenkampf mit der eigenen Schwester inszenierte. Den nächsten verabredeten Termin nahm sie nicht mehr wahr, rief mich vielmehr vorher an und erklärte, ein weiteres Treffen sei nicht mehr nötig, sie habe ein „Aha-Erlebnis“ gehabt und gehe nun mit ihrer Tochter ganz anders um; es habe sich jetzt alles beruhigt.

Es hatte also keine Er-ziehungsberatung, sondern eine Be-ziehungsklärung stattgefunden, und die Mutter war dann imstande gewesen, die Projektionen auf ihre eigene Tochter zurückzunehmen und sich und das Kind zu entlasten.

Solche Blitzerfolge sind allerdings nur dann möglich, wenn die Eltern-Kind-Beziehung primär intakt ist und sich nur eine eher kurzfristige Beziehungskrise einer bestimmten Entwicklungsphase angebahnt hat. Wir kennen ja Eltern, die gut mit ihren Kindern durch die Kindheit kommen, aber in manchen Entwicklungsphasen eine Verhakung erfahren wie beim Flößen von Holz, wenn sich ein Stamm quer stellt und plötzlich Stillstand droht. Hier kann durch einen geringfügigen Eingriff der Strom der Entwicklung weiterfließen.

Wenn wir uns nun der vielschichtigen Beziehung zwischen Eltern und Kindern zuwenden, so ist nochmals darauf hinzuweisen, dass diese nicht in einem leeren Raum steht, sondern dass sich elterliches Fühlen und Verhalten im Gesamtkontext einer kulturellen, familiären und individuellen Tradition, einer Beziehungsgeschichte, bewegen.

Von den kulturellen Mustern haben wir schon gesprochen; das Verhalten der Eltern ihren Kindern gegenüber wird aber auch schon in deren Kindheit programmiert. Wir wissen heute, dass das elterliche Verhalten sich aus sehr vielen Quellen speist; zum Beispiel wird die Art, wie die Mutter mit körperlicher Nähe, Distanz, Zärtlichkeit, Hautkontakt, wechselseitigem Aktiv- und Passivsein etc. umgeht, schon in ihrer eigenen Säuglingszeit angelegt. Es gibt zunehmende klinische und wissenschaftliche Evidenz dafür und eines Tages wird es zu unserem Allgemeinwissen gehören, dass wir im Umgang mit unseren eigenen Kindern, vor allem schon den Säuglingen und Kleinkindern, diejenigen Verhaltensformen präformieren, die diese 20 Jahre später in der Beziehung zu den eigenen Kindern praktizieren werden. Wenn wir also Eltern sind, sind wir gleichzeitig schon mitverantwortlich für unsere Enkel, obwohl die erst in 20 oder 30 Jahren geboren werden.

Es gibt eine Entwicklungslinie der elterlichen Kompetenz, die über Generationen geht und schon in der Säuglingszeit der Eltern beginnt. Elternschaft nur als Querschnittseigenschaft zu sehen, die sozusagen erst in der Schwangerschaft mit Schwangerschaftsgymnastik und Schwangerschaftslektüre beginnt, wäre eine unzulässige Verkürzung.

Vor dem Hintergrund dieser eigenen kindlichen Beziehungsgeschichte, die sich als bewusstes und unbewusstes Modell für Eltern-Kind-Interaktionen in unseren psychischen Apparat – inzwischen übrigens auch, so muss man vermuten, in der Hardware des Gehirns – einprägt, entwickeln sich dann die Beziehungsfantasien gegenüber zukünftigen Kindern: sie gestalten den bewussten Kinderwunsch oder die bewusste Ablehnung, Kinder zu bekommen, aber auch die oft anzutreffende Konstellation, in der sich trotz bewusster Ablehnung der unbewusste Kinderwunsch durchsetzt. Lange bevor das Kind gezeugt und bevor es geboren ist, etabliert sich bereits eine fantasmatische Beziehung, die während der Schwangerschaft weiter ausgestaltet wird, entweder durch die zukünftige Mutter allein oder zusammen mit dem biologischen Vater oder anderen signifikanten Menschen.

Die deutsche Sprache hat für diese Zeit der Vorbereitung auf das reale Kind das Wort von der „guten Hoffnung“ geprägt, eine schöne Metapher, die ausdrückt, dass man für das kommende Kind einen Raum schafft, in dem sich dieses, beschützt und unterstützt durch die Eltern, optimal entfalten kann. Es gibt aber auch Schwangerschaften, die nicht von der „guten Hoffnung“, sondern von vielfachen Befürchtungen und manchmal ambivalenten Gedanken und Gefühlen geprägt sind: Was für einen Charakter wird mein Kind haben? Wird der künftige Junge aggressiv und jähzornig sein wie der leibliche Vater? Wird das Kind pflegeleicht sein oder ein Schreibaby? Ein widerborstiges, starrköpfiges Mädchen? Wird es imstande sein, das negative Selbstbild der Mutter zu kompensieren oder wird es dies bestätigen? Wird es eine unkomplizierte kleine Person sein, eine neue Freundin, Gesprächspartnerin, Trösterin, ein „Antidepressivum“ für die einsame verlassene Mutter?, Beziehungskitt zwischen den Eltern? Eine narzisstische Plombe für Selbstwertprobleme? Die symbolische Wiedergeburt eines verstorbenen Verwandten? Wird es eine Missbildung haben und damit die tiefe Furcht bestätigen, dass aus der Mutter letztlich nichts Gutes kommen kann? Werden die negativ bewerteten Anteile des mütterlichen oder väterlichen Selbst sich sogar sozusagen im leiblichen Kind konkretisieren und allen sichtbar werden? Vor einigen Monaten erzählte mir eine Mutter, dass sie nach der Mitteilung des Geburtshelfers, dass ihr Baby ein Down-Syndrom habe, innerlich erstarrt sei und das Kind als Fremdkörper ablehnte. Sie konnte bis zum heutigen Tag keine Beziehung zu ihm aufbauen, obwohl das Kind schon älter als 20 Jahre ist.

Manchmal entwickelt sich schon ein vorgeburtlicher Kampf gegen das Kind; ich erinnere mich an eine Mutter, die erzählte, dass sie den Abtreibungstermin versäumt habe und nun monatelang immer wieder vom Küchentisch sprang in der Hoffnung, dadurch eine Fehlgeburt auslösen zu können.

Dies ist ein Extremfall, aber auch in weniger schwierigen Konstellationen kann ein Drehbuch geschrieben werden, in dem das ungeborene Fantasiekind, vor allem aber das real geborene, schon frühauf ganz klare Rollen festgelegt wird, aus denen es nicht mehr ausbrechen darf. Das Material für dieses Drehbuch stammt aus oft traumatischen Beziehungserfahrungen der Eltern, oft verschärft durch die Erwartungen der Umgebung, und kulturelle und soziale Rahmenbedingungen, die das Denken, Fühlen und Handeln der Mutter beeinflussen. Oft bleibt dann kein Raum mehr für die individuelle Entfaltung des Kindes, es ist oft nur noch Objekt von Erwartungen, Ängsten, Hoffnungen und Wünschen und – schlimmstenfalls – von massiven projektiven Verzerrungen.

Mütter können ja sowohl positive als auch negative Selbstanteile, positive Geschwister- und Elternbilder, aber auch negative Beziehungserfahrungen bewusst und unbewusst auf ihre Kinder übertragen. Wenn dazu noch Unkenntnis über elementare entwicklungspsychologische Tatsachen und die unkritische Übernahme der weit verbreiteten kinderfeindlichen, vielleicht sogar Gewalt gegen Kinder befürwortenden, gesellschaftlichen Ideologien hinzukommen, kann eine maligne Mischung von Faktoren entstehen, die ein gutes Beziehungsklima zwischen Eltern und Kind beschädigt, vielleicht sogar zerstört.

Sie sehen also, dass, bevor das Leben des Säuglings real beginnt und lange bevor von Er-ziehung eines Kindes überhaupt gesprochen werden kann, schon eine ganz lange Be-ziehungsgeschichte abgelaufen ist, die Denken, Fühlen und Handeln der Mutter beeinflusst; oft bleibt dann kein Raum mehr für die individuelle Entfaltung des Kindes, es ist schlimmstenfalls nur noch Objekt von Erwartungen, Ängsten, Hoffnungen und Wünschen.

Bei einer sehr beschädigten Beziehungsgeschichte, die zum Teil in das prozedurale Gedächtnis eingeschrieben und zu unbewussten Schemata des Denkens, Fühlens und Verhaltens geworden ist, soll sich dann die angeborene Sensitivität der Eltern, quasi gegen den Strom, durchsetzen. Wir wissen ja, dass es keine im Wortsinne „urwüchsige“ instinktive Beziehungskompetenz der Eltern gegenüber dem Säugling gibt, die sich unter allen Umständen durchsetzt, sondern nur eine störanfällige, intuitive Kompetenz, die verschüttet oder beschädigt, ja pervertiert sein kann. Daher kann das nicht mehr stattfinden, was Daniel Stern bezeichnet hat als den „Tanz“ der Mutter mit dem Baby und dem des Babys mit Mutter oder Vater, nämlich die Fähigkeit, durch sehr subtilen Signalaustausch eine positive Wechselbeziehung zu erreichen, also die Fähigkeit zur gegenseitigen Einfühlung, Empathie und zu beziehungs- und entwicklungsförderndem Signalaustausch zwischen dem Subjekt „Mutter“ oder „Vater“ und dem Subjekt „Kind“. Es kommt dann vielmehr zu Fehlwahrnehmungen und Missverständnissen; aus der Glücksspirale, die aus der Zeit der „guten Hoffnung“ erwartet worden war, kann ein Teufelskreis werden, in welchem sich eine frühe wechselseitige Feindseligkeit entwickelt, und das Gefühl des Kindes, von der Mutter, und das Gefühl der Mutter, vom Kind verfolgt zu werden.

Dazu eine kurze Vignette:

In einer Kinderklinik wurde ein Säugling mit mehreren Knochenbrüchen aufgenommen. Hintergrund war, dass die Eltern, beide Heimkinder, voller „guter Hoffnung“ waren, jetzt eine „heile Familie“ zu begründen und ihre frühen Beschädigungen tilgen zu können. Der Säugling konnte diese Rolle aber nicht ausfüllen, er war chronisch unruhig, schrie viel, und die Eltern hatten das Gefühl, ihnen werde wieder einmal eine Familie zerstört, diesmal durch den Säugling, so dass sie „ausrasteten“ und ihn schüttelten und schlugen.

Aus ihrer eigenen Kindheitsgeschichte hatten sie auch nicht die Fähigkeit erworben, averbal-sensitiv den Säugling zu trösten, so dass sich ein Teufelskreis von fataler Perfektion entwickeln konnte.

Konfliktkonstellationen:

In unserer klinischen Arbeit und der Forschung haben wir eine Fülle von Konstellationen identifizieren können, welche die Sensitivität, das „Good-enough-mothering“, oder besser das „Good-enough-Parenting“, beeinträchtigen und frühe Beziehungsstörungen – was dann kurz gefasst seit langem als „Frühe Störungen“ beim Kind bezeichnet wird – herausgearbeitet.

Dazu gehören die Probleme traumatisierter Eltern, die wir aus der Holocaust-Forschung kennen. Eltern, die schwerst traumatisiert das KZ überlebt haben und später ihre Kinder oft nach ermordeten Verwandten benannt haben, waren aufgrund ihrer eigenen Depressivität für ihre Kinder oft schon am Anfang emotional wenig zugänglich; entwicklungsnotwendige, phasenspezifische aggressive Impulse des Kindes waren tabuisiert, weil sonst das eigene Kind plötzlich wieder zum SS-Mann zu werden drohte, und entwicklungsfördernde Trennungen wurden ebenfalls als bedrohlich erlebt.

Auch suchtkranke Eltern können schwere Beziehungsstörungen aufweisen, die zu traumatisierender Vernachlässigung und Unterstimulation bis hin zur Entwicklung eines intrafamiliären Hospitalismus führen können, oder bei Alkoholkranken zu einem Wechselbad von guten und gewalttätigen Beziehungsmodalitäten, je nach Alkoholpegel der Eltern.

Schwer depressive Eltern, besonders Mütter mit langdauernder postpartaler Depression, sind zum Beziehungsaufbau ihren Säuglingen gegenüber oft kaum imstande; das Kind wird, statt den Glanz im Auge der Mutter oder des Vaters zu sehen, in einen blinden Spiegel schauen. Der französische Psychoanalytiker André Green beschrieb bei erwachsenen Patienten mit einer solchen frühen Konstellation das „Syndrom der psychisch toten Mutter“.

Aus der Literatur- und Kunstgeschichte wissen wir, dass berühmte Persönlichkeiten in einer solchen Konstellation aufwuchsen, die später beim älteren Kind in eine „Parentifizierung““ kippte, d.h., das Kind musste die Mutter „bemuttern“.

Sogenannte Borderline-Mütter können u.a. in die Gefahr geraten, ihre Kinder zu misshandeln. Wir müssen davon ausgehen, dass ein beträchtlicher Teil der Borderline-Mütter aus frühtraumatisierten Kindern hervorgegangen ist, und dass diese nun auf fatale Weise infolge ihre Unfähigkeit, Impulse zu steuern, ihr Beziehungstrauma, das sie selbst erlitten haben, an die nächste Generation weitergeben. Es findet ein Kampf auf Leben und Tod statt zwischen Monstermutter und Monsterkind. Das Kind ist zu einer Gratwanderung gezwungen: entweder es rebelliert und wird geschlagen, oder es entwickelt Symptome der Überanpassung und gibt das wahre Selbst auf, um hinter der Fassade des falschen Selbst überleben zu können.

Dies alles zeigt, wie schwierig und unzureichend es sein kann, solche Väter und Mütter bei der Erziehung ihrer Kinder nur mit Ratschlägen zu unterstützen. Erst eine genaue Kenntnis der bewussten realen und unbewussten Beziehungsgeschichte macht eine sinnvolle und hilfreiche Erziehungs- bzw. Beziehungsberatung möglich.

Wenn wir diese individuellen, familiären und jeweils kulturellen oder subkulturellen Beziehungsmuster genau nachzeichnen, dann können wir verstehen, dass das jeweilige Erziehungsziel und die jeweilige Erziehungsmethode extrem abhängen von den eigenen Beziehungserfahrungen, die sich schon über Generationen entwickelt haben können.

Erziehungstechniken können also transgenerational weitergegeben werden. Wenn zum Beispiel ein Kind im Beziehungskonflikt geschlagen wird, so wird es wahrscheinlich das, was es an Konfliktlösungsstrategien erlebt hat, verinnerlichen und später selbst anwenden, also andere Kinder, Mitschüler oder auch die eigenen Kinder später ebenfalls schlagen.

Umgekehrt können geglückte Beziehungserfahrungen in der eigenen Kindheit die Eltern später davor bewahren, ihre eigenen Kinder, zum Beispiel durch Unterstimulation, Vernachlässigung, Überstimulation oder Misshandlung, zu traumatisieren, weil ein solches Verhalten außerhalb der eigenen Beziehungserfahrungen und des eigenen „Inner-working-models“, des eigenen Arbeitsmodells, liegt. Dann ist aber auch zu verstehen, weshalb gewisse Erziehungsideologien über Generationen fortbestehen: Weil sie nicht als kognitive Meinungen gespeichert und jederzeit wieder verändert werden können, sondern weil sie tief verankert sind in der inneren bewussten und unbewussten Gefühlswelt. Jetzt wird auch verständlich, dass gewisse Formen des Militarismus nur möglich waren, weil die ganz frühen Formen der Beziehung und damit der Erziehung schon gekennzeichnet waren durch Dominanz, das nicht-hinterfragbare Recht des Stärkeren, die Einbahnstraße von Befehl und Gehorsam.

Um es nochmals zu wiederholen: ERZIEHUNG ist kein Wert an sich, sondern ein, wenn man es so hart sagen will, Sozialisationsinstrument, unabhängig von Art und Ziel. Auch die sog. Schwarze Pädagogik war Erziehung, durch viele kulturelle Ideologien abgesichert, und dadurch doch letztlich nur ein Symptom einer brutalen Beziehungskonstellation.

Was ist zu tun?

Wir dürfen Erziehungsratschläge nur dann erteilen, wenn wir die gesamte Konstellation der bewussten und unbewussten Beziehung verstehen und einen Einblick haben in die Beziehungsgeschichte eines Menschen, der auf dieser Basis dann seine Kinder erzieht. Das Kind braucht selbstverständlich im Rahmen einer haltenden elterlichen Beziehung eine Strukturierung seiner Welt, es ist darauf angewiesen, dass seine Würde als Schwächerer gegenüber dem großen, starken, überlegenen Erwachsenen gewahrt wird. Wir müssen Eltern helfen, die Beschädigungen ihrer Beziehungsfähigkeit rückgängig zu machen, damit sie nicht in sinnlose Erziehungskämpfe mit dem Kind geraten, sondern sich teilnehmend mit ihm identifizieren und tägliche Lösungen mit ihm aushandeln können. Dazu kann auch gehören, dass dann zur Erleichterung der Beziehung Ratschläge gegeben werden, zum Beispiel, was das Handling eines Babys betrifft oder wie es gefüttert werden muss; auch dass ein Kind nicht schon in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres zur Sauberkeit erzogen werden soll, kann beratend gesagt werden. Aber schon, wenn angeraten wird, das Kind nicht zu schlagen, und dies allein stehen bleibt, reicht es nicht aus, wenn nicht gleichzeitig alle Beziehungsaspekte, die zum Schlagen führen, geklärt werden können.

Dank der Arbeit der Deutschen Liga für das Kind hat sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit schon in bedeutendem Umfange der frühen Kindheit und der Verbesserung der elterlichen Beziehungskompetenz zugewandt; auf diesem Weg sollte unbedingt weitergegangen werden.

Prof. Dr. Peter Riedesser ist Kinder- und Jugendpsychiater und Lehrstuhlinhaber für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Direktor der Abteilung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf