Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Begrüßung

durch Prof. Dr. Franz Resch, Präsident der Deutschen Liga für das Kind

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Rund 16 Millionen Kinder und Jugendliche leben heute in Deutschland. Die junge Bevölkerung stellt damit nur noch 19% der Gesamtbevölkerung von insgesamt 82 Millionen Einwohnern dar. Während vor 30 Jahren auf ein Kind noch 2,6 Erwachsene kamen, verzeichnen wir derzeit in Deutschland 4,4 Erwachsene auf ein Kind. Auch wenn Kindheit in Deutschland heute noch Kindheit in einem reichen Land bedeutet, haben Kinder eine Reihe von Entbehrungen zu erleiden. Viele Erwachsene können sich ein Leben mit Kindern gar nicht mehr vorstellen. Auch wenn Essen, Kleidung und basale Schulbildung gewährleistet sind, finden sich bei genauerem Hinsehen doch zahlreiche Probleme, unter denen Kinder bei uns leiden.

Auch wer sich Mühe macht, hinter die schönen Kulissen des relativen Wohlstands zu schauen, wird erkennen, dass der Schein trügen kann. Ein Vater muss nicht dem Alkohol verfallen, eine Mutter nicht schwer depressiv erkrankt oder tablettenabhängig sein, um Kindern ein schlechtes Milieu zu bescheren, in dem Perspektivlosigkeit, Abstumpfung, Aggression und Kriminalität gedeihen. Auch erfolgreiche und angesehene Eltern können den Kontakt zu ihren Kindern verlieren, ohne es überhaupt selbst wahrzunehmen. Wir beschenken unsere Kinder mit Bergen von technischem Spielzeug, wir fördern ihr Denken, ihre Logik und Schlagfertigkeit, aber nicht selten bleibt ihre Kinderstube leer und kalt. Beschleunigt und gehetzt bleiben kindliche Gefühle, Fragen und Sorgen unbeantwortet. Das soziale und emotionale Klima in der Familie ist nicht mehr nur eine Frage der gesellschaftlichen Stellung, der Finanzen und der Bildung. Wer gut lebt, muss dafür bezahlen: mit Geld und vor allem mit Zeit. Der ökonomische Druck ist groß, Flexibilität wird im Beruf gefordert und wer Kinder hat, muss sich entscheiden. Der Druck der Arbeitswelt lastet oft schwerer als die enttäuschten Augen des Kindes, das wieder einmal in den Hintergrund treten muss. Im Alltagsverhalten wird das Ohr für Kinder oftmals taub, trübt sich der Blick fürs Wesentliche, wird die Schulter weggedreht und lässt nicht anlehnen. Nicht aus Bosheit und Unwissenheit, nein, weil Erwachsene selbst mit sich und ihren Zielen so beschäftigt sind. Ich nenne es das Syndrom der kalten Schulter, eine Mischung aus Genervtheit und Ungeduld, mangelnder Einfügung und Geschäftsmäßigkeit im Umgang mit Kindern.

Wenn hier nicht Abhilfe geschaffen wird, wird dies Konsequenzen nach sich ziehen. Vernachlässigen wir als Gesellschaft die Kinder von heute, werden wir morgen dafür zu bezahlen haben. Und zwar in Form explodierender Kosten für Krankenhäuser und Gefängnisse. Um das zu vermeiden, muss das soziale Klima der Lebensräume, in denen Kinder sich entwickeln, verbessert werden. Die Deutsche Liga für das Kind setzt sich dafür ein. Eltern müssen in ihren erzieherischen Bemühungen aktiv angeleitet und unterstützt werden. Lebensräume für Kinder müssen nicht nur zu Hause, sondern auch in Kindergärten, Kindertagesstätten und Schulen etabliert werden. Sonst besteht die Gefahr, dass eine Generation von Verlierern heranwächst, die entweder dumpf und emotionslos vor sich hin lebt, in Traurigkeit versinkt oder sich in Aggression entlädt. Die moderne Fassadenfamilie kann so eine Entwicklung nicht verhindern helfen, wohl aber eine warmherzige, vertrauensvolle Atmosphäre, in der es Zeit gibt Fragen zu stellen und die Bereitschaft Fragen zu beantworten. Die emotionale Entwicklung von Kindern zu verstehen, zu fördern und ihre Bedeutung herauszustreichen, ist unsere Aufgabe.

Ich wünsche der Tagung einen guten Verlauf.