Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Brauchen wir eine Bildungsoffensive für die frühe Kindheit?

Podiumsdiskussion

Es diskutieren: Norbert Hocke (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft), Prof. Dr. Franz Resch (Kinder- und Jugendpsychiater und Präsident der Deutschen Liga für das Kind), Prof. Dr. Wolfgang Tietze (Kleinkindpädagoge), Ilse Wehrmann (Vorsitzende des Bundesverbandes Evangelischer Kindertageseinrichtungen).

Moderation: Annette Wilmes (Journalistin und Pressereferentin der Deutschen Liga für das Kind)

Wilmes: Wir wollen uns über das Thema Bildung in der frühen Kindheit unterhalten. Nicht nur im institutionellen Bereich, sondern auch in der Familie. Wie soll diese Bildung aussehen? Brauchen wir eine Bildungsoffensive im frühkindlichen Bereich?

Resch: Als Kinder- und Jugendpsychiater bin ich in der Klinik und in der ambulanten Behandlung tätig. Dort wird immer deutlicher, dass vor allem der emotionale Dialog zwischen Eltern und ihren Kindern bedroht ist. Und dass es eine ganze Reihe von schwieriger werdenden Kindern gibt, dass komplexe Strukturstörungen, Persönlichkeitsentwicklungstörungen bei Kindern zunehmen. Als Psychiater sehen wir, dass die Störungen dieses emotionalen Dialogs in vielen Bereichen unerkannt stattfinden. Zwar gibt es ein allgemeines Bewusstsein in der Bevölkerung dafür, dass die kognitive Förderung der Kinder etwas sehr wichtiges ist, und alle Eltern wollen, dass ihre Kinder intelligent sind, aber die emotionale und sozio- emotionale Förderung ist etwas, das wenig bekannt und wenig bewusst ist und das auch nicht in allen Bereichen durchgängig vermittelt wird. Und gerade dieser emotionale Dialog braucht institutionelle Rahmenbedingungen im Bereich der frühen Erziehung, die wir ganz deutlich nicht erfüllt sehen. Wenn wir sehen, dass ein bisschen schwierige Kinder aus Kindergärten ausgeschlossen werden, dass sie aus Schulen ausgeschlossen werden, dann stimmt auch etwas mit der Institution nicht, denn Desintegration und Demütigung sind genau die Kriterien, die diese negativen Entwicklungen bei den Kindern noch stärker voranschreiten lassen.

Tietze: Ich bin in der Disziplin der Erziehungswissenschaften vermutlich ein Exot, denn Bildung beginnt üblicherweise mit dem ersten Schuljahr. Menschen, die sich unterhalb dieser institutionellen Grenze mit Bildung beschäftigen, gehören nach allgemeiner Auffassung nicht unbedingt in den Wissenschaftsbetrieb, sondern haben ihre Daseinsberechtigung eher in informellen Zusammenhängen. Abgesehen davon vielleicht in Situationen, in denen Entwicklung gestört verläuft, dann ist man eher bereit, den fachlichen Rat anzuhören. Wir befassen uns mit Fragen der pädagogischen Qualität in Kindertagesstätten.

Wilmes: Vielleicht können Sie etwas dazu sagen, was Bildung überhaupt in der frühen Kindheit bedeutet.

Tietze: Der Bildungsbegriff ist ein sehr schillernder Begriff und in der Tradition haben wir zwei Hauptlinien: einen inhaltlich gefüllten Bildungsbegriff, also wenn ich Latein lerne, eine Differentialgleichung lösen kann, dann bin ich gebildet. Eine zweite Schiene sieht Bildung als eine Kräftebildung beim Kind, also ein eher formaler Bildungsbegriff, demzufolge das Kind in die Lage versetzt werden soll, sich bestimmte Instrumentarien, bestimmte Zugänge zur Welt anzueignen. Wir gehen heute davon aus, das beides nötig ist. Inhalte können nicht ausgeschlossen werden, denn wer Mathematik lernt, logisches Denken, der kann das nicht zwingend auf zum Beispiel die Kritik politischer Zusammenhänge transformieren. Insofern würde ein Bildungsbegriff, der sich auf die reine Kräftebildung beim Kind bezieht, zu kurz greifen. Außerdem halte ich es für wichtig, welches Konzept von Bildung und kindlichem Lernen wir im Kopf haben. Und da wird deutlich, dass sich diese Dinge in unserer Gesellschaft doch sehr verändert haben. Denken Sie an das Bild vom Nürnberger Trichter: das Kind ist ein hohler Kopf, der Pädagoge tröpfelt hinein. Das Kind ist passiv, der Pädagoge hat das kulturelle Wissen, was er an die nächste Generation weitergibt. Das ist nicht nur ein Zerrbild, sondern diese Vorstellung hat es in der Pädagogik gegeben und wurde mit dem lateinischen Begriff der tabula rasa beschrieben: das Kind, das unbeschriebene Täfelchen. Wir gehen heute davon aus, dass das Kind von Anfang an ein aktives Wesen ist. Es beteiligt sich an seiner Entwicklung und Bildung. Wir gehen davon aus, dass die Bildung des Kindes von Anfang an beginnt. Bildung dokumentiert sich in Pflegesituationen, in engen Interaktionssituationen der Mutter mit dem Kind, da wird dem Kind Sicherheit vermittelt, es wird angeregt, hier wird der soziale Kontext aufgespannt, der wichtig ist, damit sich das Kind zunehmend Welt aneignet. Und die Stufen unterscheiden sich im Prinzip darin, dass entsprechend dem Entwicklungsstand des Kindes neue Formen der Auseinandersetzung des Kindes mit seiner materiellen und sozialen Umwelt nötig sind. Pädagogik hat die Aufgabe, in einer dem Entwicklungsstand des Kindes angemessenen Form zu wissen, wie Umwelten materiell und sozial gestaltet werden müssen, damit Kinder in der Auseinandersetzung die Erfahrungen machen können, die für ihre Kräftebildung wichtig sind, aber auch wie sie die Dinge erfahren können, die für unsere Kultur bedeutsam sind. Deswegen geht man heute von einer co- konstruktivistischen Perspektive aus: Kultur, Kind und soziale Umwelt konstruieren gemeinsam, was das Leben eines Kindes ausmacht.

Wilmes: Sie haben nun formuliert, wie es idealer Weise aussehen sollte. Dass es so nicht aussieht, wissen wir alle. Frau Wehrmann, Sie sich Bundesvorsitzende der evangelischen Tageseinrichtungen. Gibt es Ansätze in diese Richtung, ist das zu verwirklichen in den Kindertagesstätten?

Wehrmann: Was die Entwicklung betrifft, bin ich optimistisch, insofern als sich in vielen parteipolitischen Programmen Themen zur Familien- und Bildungspolitik wiederfinden. Ich glaube aber, dass der frühkindliche Bereich gesamtgesellschaftlich immer noch als völlig unbedeutend angesehen wird. Wenn der Kindergarten die erste Stufe des Bildungssystems ist, dann ist dem, was die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen angeht, überhaupt nicht Rechnung getragen. Das drückt sich schon in der Beitragssituation aus. Im Kindergarten muss man Beiträge bezahlen und häufig ist dies eher ein Kindergarten-Verhinderungs-Beitrag. Warum muss man bis sechs Jahre Beitrag bezahlen und ab der Schule ist es beitragsfrei? Hier gibt es einen Reformbedarf. Auch im Hinblick auf die Erzieherinnenausbildung und die Trägerqualifikation ist viel vernachlässigt worden. Im europäischen und weltweiten Vergleich müssen wir offensichtlich einiges nachholen. Außerdem glaube ich, dass wir uns über Bildungsinhalte Gedanken machen müssen, aber der Kindergarten ist in den letzten Jahren leider sehr unter quantitativen Gesichtspunkten diskutiert worden, es ging um den Ausbau von Plätzen unter ökonomischen Gesichtspunkten. Es kann aber die Entwicklung von Kindern nicht davon abhängig sein, wieviel Geld die Kommune für eine Kindertagesstätte hat. Hier sind wir, was die Rahmenbedingungen betrifft, strukturell ein Entwicklungsland.

Hocke: Zunächst ist wichtig, dass in der Politik ein zutreffendes Bild entsteht von der Wichtigkeit der ersten sechs Jahre. Ein Beschluss der Finanzministerkonferenz vor zwei Wochen sagte, wenn wir in Deutschland rückgängige Kinderzahlen haben, dann werden wir in der nächsten Zeit im Bildungssystem gar nicht mehr so viel Geld brauchen. Die Kinderzahlen gehen zurück, also können wir dieses Geld in ganz andere Dinge stecken. Nein! Genau umgekehrt müsste es sein, denn wir wissen heute viel mehr über die Bedeutung dieser ersten Lebensjahre und wir müssten daher den Rahmen ganz anders gestalten. Wir müssten viel stärker in die Ausbildung derer investieren, die Kinder erziehen. Wir müssten die Konkurrenz zwischen familiärer und institutioneller Erziehung abbauen. Kindergärten könnten auch eine Familienbildungsstätte sein. Dieser Ansatz muss endlich gefunden werden, damit wir die Ressourcen, die knapper werden, anders einsetzen und bündeln können. Wir müssen einen anderen Zugang bekommen für die Bedeutung dieser ersten Lebensphase, es muss eine Umkehr des Bildungssystems stattfinden. Dass dies möglich ist, zeigen Länder um uns herum wie Schweden, Dänemark, Italien, England. Diese Länder versuchten in den letzten Jahren unter vergleichbaren ökonomischen Bedingungen einen anderen Ansatz zu finden. Ich hoffe, dass die Qualitätsinitiative der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend uns einen gewissen Schub gibt. Das Forum Bildung, ein Zusammenschluss der Bundesbildungsministerin und gesellschaftlicher Gruppen, wird demnächst seine Ergebnisse vorstellen, die besagen: Wir müssen in die Pädagogik der frühen Kindheit investieren und wir müssen die Ausbildung der Erzieherinnen dramatisch umstellen.

Resch: Wenn es jetzt wirklich weniger Kinder gäbe, läge darin eine gewisse finanzielle Chance, bei einem vorhanden Budget durch Qualitätsverbesserung etwas voran zu bringen. Die Tatsache, dass weniger Kinder geboren werden, bedeutet aber nicht, dass in demselben Maße weniger Kinder da sind. Es kommen ja welche durch Zuwanderung hinzu. Hier aber zeigt sich deutlich, dass dann Aspekte der sprachlichen und kulturellen Integration mehr Probleme geben werden. Das heißt, man darf nicht nur in Zahlen denken, sondern muss auch in Problemen und Problemkreisen denken. Und was wir sehen ist, dass die Ausbildung von Erziehern oder auch von Lehrern den neuen Kriterien, der psychologischen Entwicklung von Kindern, den Schwierigkeiten, die Kinder in unserer Gesellschaft derzeit haben, überhaupt nicht Rechnung trägt. Wir sehen eine Fülle von überforderten Pädagogen, die komplementär zu den bereits überforderten Familien die Überforderung auf institutioneller Ebene noch fortsetzen. Dass auch dort Überforderung herrscht, Gruppen zu groß sind, entsprechende Spielmöglichkeiten nicht geboten werden, und auf diese Weise geraten wir in eine Schere hinein, wo gerade auf dem Sektor der emotionalen Bildung wirklich ein Dilemma droht.

Publikum: Für mich ist bisher die familiäre Bildung zu kurz gekommen. Wie helfen wir Eltern, wie helfen wir den Vätern und Müttern, wenn schon Pädagogen überfordert sind? Und wie erkennen wir rechtzeitig, welche Methoden, welche Maßnahmen getroffen werden können? Brauchen wir einen Elternführerschein, müssen wir Eltern ausbilden, damit sie in Zukunft ihre Kinder richtig erziehen können? Oder müssten wir neben dem Elternführerschein die Kinder den Eltern so früh wie möglich wegnehmen, in gute Einrichtungen bringen, die Pädagogen gut ausbilden, damit Störungen verhindert werden?

Publikum: Das wichtigste Moment aus meiner Sicht ist die Verzahnung zwischen Familie und Tageseinrichtung. In England gibt es Early Excellence Center, dort beginnt man schon vor der Geburt mit angehenden Eltern zu arbeiten, da gibt es Gespräche darüber, wie es ist, ein Kind zu bekommen. Es gibt das Angebot der Babymassage, wenn die Kinder geboren sind. Die Kinder gehen in den Kindergarten, wo die Eltern als Experten ihrer Kinder betrachtet werden. Entwicklungsschritte der Kinder werden zum Teil auf Video aufgenommen, mit Eltern und Erzieherinnen gemeinsam besprochen und es wird gemeinsam überlegt, wie eine Förderung der Neugier des Kindes aussehen kann. Da gibt es sehr viele Möglichkeiten. Was wir brauchen, ist eine andere Öffentlichkeit. Verzahnung und Vernetzung darf nicht nur in internen Kreisen diskutiert werden. Und wir brauchen eine andere Ausbildung der Erzieherinnen, die nicht nur das Kind, sondern die Familien mehr in den Blick nehmen müssen.

Wehrmann: Man wird ja auf alles vorbereitet, nur nicht auf die Erziehung von Kindern. Das ist inzwischen auch ins bundespolitische Bewusstsein gerückt. Das Bundesfamilienministerium hat daher einen Auftrag an das Institut für Frühpädagogik erteilt, ein Familien-Online-Handbuch zu entwickeln. Das steht auch schon im Internet unter www.familienhandbuch.de. Begleitend wird in den Ländern ein System entwickelt, in dem in Verbindung mit Kindertagesstätten und Elternbildungszentren Multiplikatoren ausgebildet werden, Seminare für Eltern anzubieten. Es muss ein System von Beratung und Bildung für Eltern entwickelt werden, und Kindertagesstätten sind häufig der Ort, wo die Schwellenängste für Eltern sehr gering sind. Kindertagesstätten müssten daher Netzwerke für Elternbildung und -beratung werden. Nach Untersuchungen haben etwa 24% der Eltern Beratungsbedarf, aber nur 5% nehmen Beratung in Anspruch. Da muss man natürlich fragen, warum sie es nicht nutzen. Weil Schwellenängste zu hoch sind! Und da bieten Kindertagesstätten gute Möglichkeiten, Netzwerke für Elternbildung und -beratung im Stadtteil zu werden. Hier liegt eine Menge Zukunftspotential im Sinne von Prävention. Aber leider ist unsere Gesellschaft ja keine sehr präventiv orientierte Gesellschaft, sie reagiert häufig erst, wenn schon viel passiert ist. Im Hinblick auf Netzwerkbildung möchte ich hinzufügen, dass sich Kindertagesstätten auch umfassender definieren müssten, was Angebote angeht, welche die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern. Auch wenn es schön ist, dass wir infolge des Geburtenrückgangs Geld frei kriegen, ist es trotzdem ein alarmierendes Zeichen für unsere Gesellschaft, wenn ich höre, dass sich die Hälfte der Frauen mit akademischem Abschluss für die Kinderlosigkeit entscheidet. Das ist für mich etwas sehr Beängstigendes. Da muss doch reagiert werden im Hinblick auf Vernetzung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf und hier müssen andere strukturelle Bedingungen in unserer Gesellschaft geschaffen werden.

Publikum: Wir sollten uns aber alle gut überlegen, was wir unseren Kindern antun, wenn wir sie morgens um acht Uhr im Hort abgeben und den ganzen Tag über dort lassen.

Tietze: Ich könnte dieses Statement auch umdrehen: was tun wir unseren Kindern an, wenn wir sie in den Familien lassen? Diese Frage ist wissenschaftlich eigentlich überholt: Familie oder Einrichtung. Es ist ganz klar: es gibt gute und schlechte Familien und es gibt gute und schlechte Einrichtungen. Die Frage ist vielmehr: unter welchen Bedingungen können sich beide Lebenswelten von Kindern ergänzen? Wir wissen übrigens, dass besonders für Kinder aus gefährdeten Milieus die Einrichtung wichtig ist. Es gibt gute kontrollierte Studien hierzu, dass Kinder hiervon eindeutig profitieren und Entwicklungsgefährdungen abgemildert, sicher nicht immer vollständig kompensiert werden, wenn sie andere Erfahrungsmöglichkeiten haben. Das zweite: auch wir sollten davon wegkommen, die Bildungsfrage nur an eine bestimmte Stufe zu fixieren, also für das Säuglingsalter, und das auszuspielen gegen die nächsten Stufen. Wir müssen die Entwicklung von Kindern im Zusammenhang sehen. Schweden zum Beispiel hat ein Curriculum entwickelt für Kinder von 3 bis 16 Jahren. Wir dagegen leisten uns eine kontroverse Diskussion, bei der die Schule auf den Kindergarten und der Kindergarten auf die Schule schimpft. Hier sind Brüche in der Kontinuität. Wir müssen sehen, dass wir eine vertikale Kontinuität bekommen und eine horizontale Vernetzung. Und dass wir wegkommen von der Kontroverse: Einrichtung oder Familie. Wir sollten auch die kulturelle Gebundenheit unserer Vorstellung von exklusiver Mutterbetreuung berücksichtigen, dieses bürgerlichen Modells, das in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entwickelt wurde und in Reinform nur zwei Jahrzehnte lang, also in den 1950er und frühen 1960er Jahren, im Westen Deutschlands realisiert wurde. Wir haben ansonsten historisch wie auch im interkulturellen Vergleich immer Mehrfachbetreuung von Kindern gehabt. Aus der Bindungsforschung haben wir gelernt, dass ein Kind durchaus Mehrfachbindungen aufbauen kann. Natürlich hängt viel davon ab, durch Eingewöhnung von Kindern neue Bezugspersonen einzuführen und hierarchisierte Bindungsmuster in Einrichtungen aufzubauen. Dass hierfür häufig das Personal fehlt oder nicht geschult ist, dass die Bedingungen nicht stimmen, das ist eine ganz andere Frage. Ich würde unsere Aufgabe so formulieren: Wir brauchen so etwas wie eine neue Kultur des Aufwachsens von Kindern. Unsere alten kulturellen Muster, die wir tradiert haben, sind unser den Bedingungen der modernen Welt zusammengebrochen und sie verändern sich fortlaufend. Wir müssen eine neue Kooperation zwischen Einrichtungen auf allen Stufen und dem Elternhaus und sozialen Netzwerken etablieren. Jedenfalls macht der alte Verschiebebahnhof, wie er auch gegenwärtig häufig diskutiert wird, überhaupt keinen Sinn. Ist irgendwas verkehrt gelaufen, dann war die Schule schuld oder der Kindergarten als pädagogische Einrichtung hat versagt. Unsere gesellschaftliche Antwort ist im Augenblick immer, dass wir Spezialinstitutionen bemühen oder ihnen neue Aufgaben zudiktieren und hoffen, die werden unser gesellschaftliches Problem lösen. Mein Plädoyer: Erstens, wir brauchen ein anderes Klima, dieses kann nur politisch hergestellt werden, durch alle, die sich daran beteiligen. Wir brauchen aber auch im ökonomischen Bereich eine Kosten-Nutzen-Rechnung mit langfristiger Perspektive. Wir haben Längsschnittdaten aus den USA, die belegen, dass es sich für unsere Gesellschaft lohnt, jetzt zu investieren. Die Gesellschaft bekommt es später zurück: Weniger Delinquenz, weniger Schulversagen, bis hin zum besseren Steuerzahler. Man muss das alles in ökonomische Indikatoren umwandeln. Und drittens: Wir brauchen eine kohärente Politik, bei der Jugendhilfepolitik und Familienpolitik gemeinsam agieren.

Wilmes: Wir bringen wir die Entscheidungsträger dazu?

Hocke: Indem wir zunächst einmal aufhören, uns gegenseitig die Schuld zuzuweisen. Die einen Institutionen geben wieder den anderen Institutionen Schuld, bis zu dem Punkt, dass Eltern, die ihre Kinder in Kindertagesstätten abgeben, als Rabeneltern bezeichnet werden. Mit solchen Ansätzen kommen wir nicht weiter. Die Schuldzuweisungen müssen aufhören, es muss wieder eine gesellschaftliche Verantwortung für die Erziehung und Bildung in dieser Gesellschaft entstehen. Das passiert aber nicht, sondern die einen schieben es auf die anderen und es bleibt als schwächstes Glied die isolierte Familie oder die einzelnen Glieder der Familie übrig, denn auch dort geht dann untereinander der Streit weiter, dass die Kindern den Eltern die Schuld zuschieben und umgekehrt. Wenn es eine gesellschaftliche Verantwortung für Erziehung gibt, dann ist schon viel gewonnen. Wir müssen uns überlegen, wie wir die Lebensrhythmen der Kinder und Familien anders in die Institutionen einbeziehen. Nur starre pädagogische Zeiten in der Familie oder nur in der Institution werden uns nicht weiterführen. Wir brauchen eine ganzheitliche Pädagogik, die die Ansätze von Familienpädagogik und institutioneller Pädagogik miteinander verbindet. Deshalb müssen die Einrichtungen in die Lage versetzt werden, Eltern einzubeziehen, sie müssen von morgens bis abends geöffnet sein ohne dass die Kinder die ganze Zeit da sind. Zur Zeit gehen wir an bestimmten Punkten leider wieder zurück.

Resch: Ich bin etwas skeptisch, was den Vorschlag eines Elternführerscheins angeht. Wenn ich fahren gelernt habe, ist noch nicht geklärt, ob ich ein Raser bin, ob ich bei rot über die Kreuzung fahre oder nicht. Der Führerschein sagt noch nichts darüber aus, wie ich emotional mit der Fähigkeit, die ich kognitiv erworben habe, umgehe. Wenn wir die Daten von Frau Papoušek nehmen, die besagen, dass es um eine intuitive angeborene Fürsorglichkeit geht, dann heißt das, dass wir in der Lage sind Eltern zu sein, wenn wir nur den Rücken genügend frei haben und ein Stück dieser Ruhe und Zeit wiederfinden, um diese angeborenen Eigenschaften den Kindern gegenüber leben lassen können. Weiterhin müssen wir uns dann fragen, wie denn diese Netzwerke beschaffen sein müssen, in denen Eltern diesen Freiraum für den emotionalen Dialog mit ihren Kindern bekommen. Es geht also weniger um das kognitive Erlernen von Elternschaft, die dann vielleicht wiederum verkrampft sein kann, sondern es geht darum, wie die Eltern diesen Freiraum bekommen. Durch ein Netzwerk, institutionell, aber auch intrafamiliär, auch durch Freunde, auch durch Nachbarschaft. Und ich bin sicher, dass es wieder eine Bildungsoffensive geben wird. Ich bin nur etwas weniger optimistisch, was diesen Aspekt der Postmoderne betrifft, diesen Aspekt der Flexibilisierung des Arbeitnehmers, den Aspekt der Globalisierung der Wirtschaft, was unter Umständen dazu führen kann, dass Arbeitsplatz, Familie, Kindertageseinrichtung immer wieder um hunderte von Kilometern verpflanzt werden müssen. Wir müssen uns als Gesellschaft auf solche postmodernen Changements einstellen, darauf, dass es eine ganze Fülle von Leuten geben wird, die andauernd herumreisen müssen. Wir sehen heute bereits Kinder, die sehr intensiv entwurzelt sind, weil die Eltern dauernd umziehen, weil die Netzwerke sich aus ökonomischen Gründen nicht halten lassen sondern zerrissen werden. Und da müssen wir uns von den strukturellen Rahmenbedingungen her noch etwas überlegen, dass wir nicht auf der einen Seite etwas sehr Wichtiges voran bringen und auf der anderen Seite durch die gesellschaftliche Entwicklung die Dinge wie von selbst verunmöglichen. Das ist meine Sorge.

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