Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Ins Schreiben hinein

Kinder auf der Suche nach dem Sinn der Zeichen

von Donata Elschenbroich

Im Wissenschaftskolleg Berlin fragte ich einmal die Fellows nach ihrer frühesten Erinnerung ans Lesen oder Schreiben. Dreißig von zweiunddreißig Wissenschaftlern erinnerten sich an erste Leseerlebnisse zuhause, in der Familie.

Zwanzig Jahre später wird sich eine andere Generation, aufgewachsen in den letzten Jahrzehnten des „Jahrhunderts des Kindes“ (Ellen Key) in Deutschland, vielleicht an etwas anderes erinnern: wie sie sich mit ihren Lesekenntnissen im Kindergarten zurückhielten, weil die Erzieher so verhalten darauf reagierten. Vielleicht hatten sie sogar gespürt, daß sie durch ihre Neugier auf die Welt der Schrift und Zeichen ihre Mütter in ein schiefes Licht bringen könnten und man damit bis zum Schuleintritt zu warten hatte, so wie es die Pädagogen ihren Eltern empfahlen.

Zum Erbe, das das „Jahrhundert des Kindes“ in Deutschland hinterlassen hat, gehört die Vision einer glücklichen Kindheit als einer wissensfreien und schriftfreien Kindheit. Die Mütter wurden von den Pädagogen eingeschüchtert: darf ein Kind mit der linken Hand schreiben? Deutet sich beim spiegelbildlich schreibenden Kind eine Legasthenie an? Die ersten Schritte in die Welt der Schrift galten als so prekär, daß Dilettanten wie Eltern oder Kindergärtnerinnen – letztere in Deutschland ausschließlich fürs Soziale, nicht für Bildung zuständig – möglichst die Hände davon lassen sollten. Deutschland ist kein Land mit beunruhigenden Raten von erwachsenen Analphabeten. Aber Freude am Schreiben, weltvertrauendes, expressives Schreiben, ist nach wie vor das Privileg von Wenigen. Weil das Schreiben von den meisten erst in der Schule, als Fremdarbeit erfahren wurde?

Anstöße aus angelsächsischen Ländern befreien neuerdings den Blick auf „preliteracy“ im Vorschulalter. Kinder suchen nach dem Sinn der Schriften und Zeichen, von denen sie umgeben sind, sie wollen von den Geheimnissen der Erwachsenen nicht ausgeschlossen bleiben. Wenn Striche auf dem Papier oder Leuchtzeichen auf einer Hauswand sich unversehens mit einem inneren Bild verbinden zu einem primären Leseerlebnis, oder wenn ein anderer Mensch erstmals eine vom Kind geschriebene Botschaft versteht, „gehört dieser Augenblick im Leben gerahmt“.

In jeder Schriftkultur ist das Lesenlernen eine Initiation, ein Übergang vom Zustand der Unselbständigkeit und der beschränkten Verständigung zur Fähigkeit, mit Hilfe des Aufgezeichneten am kollektiven Gedächtnis teilzuhaben. In vielen Kulturen ist die Einführung in die Schriftlichkeit eine Aufgabe der Mutter. „Maria lehrt den Jesusknaben lesen“, „Anna unterrichtet Maria“ sind beliebte Motive der mittelalterlichen Malerei. Japanische Kinder – im 19. Jahrhundert bereits bis in entlegenene Dörfer schreibkundig, als das in Europa noch den Oberschichten vorbehalten war – lernen die Zeichen der Silbenschriften mit der Mutter. Wenn sie mit sechs Jahren in die Schule kommen, haben sie bereits einige in hiragana geschrieben Bücher gelesen. Gelernt werden die 50 Zeichen der Hiragana auf Einkaufsgängen, durch Reklame, durch eine hoch entwickelte Kinderliteratur, gelernt auch vor dem Fernseher, einem in Japan mit viel Vertrauen akzeptierten Lehrmeister. In einer traditionellen Serie für Mutter und Kind, okaasan-to ishho, die die meisten Mütter bereits aus ihrer Kindheit kennen, werden nebenbei auch Zeichen der hiragana vermittelt. Nicht zuletzt gibt es auch formalen Unterricht durch die Mutter, eine tägliche Viertelstunde, auf dem Boden oder am Tisch. Muttersprache ist auch Mutter-Schrift.

Verehrung der Schrift ist allen schriftkundigen Kulturen eigen, in Japan ist sie besonders ausgeprägt. Die Götter hören weniger auf Gebete, als daß sie sie lesen. Kinder werden schon in frühem Alter angeregt, ihre Wünsche und Bitten auf Zettel zu schreiben. Im Kindergarten helfen die Erzieherinnen dabei, z.B. beim Tanabata- Fest im Frühjahr. „Jun-chan möchte in den Fußballclub aufgenommen werden! Yukiko-chan soll ihre Allergie überwinden…“ Der Wind bewegt die weißen Papierstreifen an Baum und Busch.

Nicht Mutterschrift, sondern Vaterschrift ist die Heilige Schrift der hebräischen Tradition. Das Lesen der Texte, religiöse Pflicht, mitzvah, soll nicht als vom Lehrer geforderte Zwangsbeschäftigung erscheinen, sondern das Studium selbst soll zur Leidenschaft werden. Um mit dem ganzen Körper die Liebe zur Schrift zu entwickeln, wurden in den mittelalterlichen Thora-Schulen die Texte mit Honig bestrichen, den die jüngsten Schüler ablecken durften. Schaukelndes Mitschwingen des Körpers beim Lesen und Sprechgesang beleben das Gedächtnis. In Israel, dem historischen Land der Schriftkultur, haben wir bei Dreharbeiten kürzlich beobachtet, wieviel Zeit und Phantasie in Formen der preliteracy von Kindern investiert wird – im Kibbuz-Kindergarten nicht anders als in städtisch bürgerlichen oder orthodoxen Kindergärten. Den Erziehern gelingt es, dem Spiel der Kinder immer wieder eine Richtung zu geben, die Anlässe zum Schreiben, zum Aufzeichnen, zum Versenden von Botschaften bietet. Wo im Einwanderungsland Israel neu eingewanderte, buchferne Familien den Anschluß an die rasche Modernisierung ihrer neuen Umgebung nicht finden, kommen in Literarisierungsprojekten Sozialarbeiter mit Kinderbüchern und Spielideen ins Haus.

„Preliteracy“ steht auch im Zentrum von Bildungsinitiativen der Blair- Regierung in England. In keinem Team der mittlerweile dreißig englischen Early Excellence Centers, großzügig ausgestatteten Familienzentren, die neue Formen des Lernens von Erwachsenen und Kindern in bildungsverlassene Gegenden tragen sollen, fehlt ein family literacy worker. Man unterstellt, daß Kinder in Familie und Nachbachbarschaft bereits im ersten Lebensjahr Erfahrungen mit Schrift und mit der Kommunikation mithilfe von Zeichen machen. Die Begeisterung, mit der sich Kinder in frühen Jahren die Welt erschreiben – auch Maria Montessori berichtete aus ihren Kinderhäusern von einer wahren „Schreibwut“, wenn aus Kritzelbriefen erste lesbare Botschaften geworden waren – ist ansteckend. Viele junge Eltern, darunter zahlreiche Schulabbrecher und Analphabeten, hat das Beispiel ihrer Kinder ermutigt, sich selbst wieder mehr zuzutrauen, einen im Excellence Center nachgeholten Schulabschluß zum Beispiel, oder eine Berufsausbildung.

Kinder wissen lange vor der Schule, daß gelesene Botschaften in eine andere Stimmung versetzen, daß Schrift Eigentum markiert, daß Markenzeichen ein Qualitätsurteil über Gegenstände abgeben, daß Musik durch Zeichen wiedergegeben werden kann, daß Gedrucktes eine Geschichte erzählt und es dafür eine Erzählstruktur gibt, und daß aus Büchern neue Gedanken und Bilder aufsteigen.

Die Jahre vor der Schule sind eine ideale Bildungszeit, um sich schrittweise in unterschiedliche Schreibhaltungen einzuschreiben – ins kommunikative, werbende Schreiben der ersten Botschaften und Einladungen, oder in erstes wissenschaftliches Dokumentieren (etwa einer Tabelle übers eigene Körperwachstum). Im Kindergarten gibt es noch keinen Fächerkanon, keinen Stundentakt, keine Leistungsbewertung, stattdessen Zeit und Spielraum für Irrtümer und Wiederholungen. Zeit für Schreibspaziergänge, fürs Sammeln und Pflücken von Buchstaben auf Graffitti, Kinoplakaten. Streifzüge durch den Schreibwarenladen und Zeit fürs Hantieren in der Schreibecke des Kindergartens mit Schiefertafel, Filzstiften und Computer. Kinder erkunden dabei zunächst die Außenhaut der Schrift. Wenn sie die Buchstaben abmalen, schreiben sie noch nicht. Sie umkreisen die Welt der Zeichen. Wie letztlich die Kluft vom abstrakten Zeichen zur Bedeutung übersprungen wird, ist noch immer ein Geheimnis.

Die Fähigkeit zu einem aktiven und selbstsicheren Umgang mit dem Lesen und Schreiben erhält künftig nicht einen kleineren, sondern einen größeren Stellenwert: Der Computer ist Schritt für Schritt von Schrift geleitet. In manchen deutschen Kindergärten sieht man heute schon vierjährige Kinder an Leselernprogrammen arbeiten, einmal, zweimal pro Woche. Sie scheinen es gern zu tun, sie arbeiten konzentriert, und wenn sie Puzzle-Elemente den Buchstaben richtig zuordnen, lobt sie der Computer mit Musik. Und doch – wenn der Computer den eigenen Namen perfekter ausdruckt, als sie ihn selbst schreiben können, scheint die Freude darüber nicht sehr tief zu gehen. Auch deshalb das Plädoyer für die Kultivierung der Hand als menschlichem Schreibwerkzeug. Wenn Kinder selbst die Formen der Buchstaben erschreiben, wenn sie dem alten Handwerk der Schrift auf Tontafeln, auf Wachstafeln nachfühlen, wenn sie die Formen der Buchstaben mit einem Stock auf dem Waldboden, mit der Fingerspitze auf der beschlagenen Fensterscheibe entstehen lassen, „spricht das Gehirn mit der Hand und die Hand mit dem Gehirn“. Und wenn sie singen und sich rhythmisch bewegen, üben sie sich zugleich darin, die gesprochene Sprache, dieses Kontinuum von Lauten und Silben, nach Wortanfängen und Silbenenden abzuhören und zu steigern, was in aller Welt heute als ein zentrales Element von preliteracy die „phonologische Bewußtheit“ genannt wird

Als man Kindern eine „schriftfreie“ Kindheit verordnete, hat man sie unterschätzt und ihnen viel vorenthalten. Neuerdings diskutiert man in Deutschland über einen Kanon von Bildungserlebnissen für die frühen Jahre: was ist unverzichtbar, was möchte man allen Kindern wünschen?

Jedes Kind sollte in den ersten sieben Lebensjahren durch eine schriftliche Botschaft in eine andere Stimmung versetzt worden sein: getröstet, erwartungsvoll geworden sein. Jedes Kind sollte bis zu seinem siebenten Lebensjahr ein chinesisches (oder arabisches, phönizisches…) Schriftzeichen geschrieben haben. Es sollte eine e-mail empfangen oder gesendet haben. Es sollte einem Schriftkundigen einen Traum diktiert haben, der vor seinen Augen aufgezeichnet wurde. Es sollte eine Ahnung haben von der Dramatik einer Wachstumskurve. Es sollte seinen Namen in Blindenschrift gefühlt haben – als ermutigende Erfahrung, daß ein Sinn dem anderen aushelfen kann. Jedes Kind sollte die Spannung empfunden haben, die von einem unbeschriebenen, unbemalten Blatt ausgehen kann – als Vorfreude auf sich selbst.

Donata Elschenbroich: Weltwissen der Siebenjährigen. Wie Kinder die Welt entdecken können. München 2001

Film von Donata Elschenbroich und Otto Schweitzer: Ins Schreiben hinein. Kinder auf der Suche nach dem Sinn der Zeichen. 60 Min. DJI 2001 (Vertrieb donata.elschenbroich@t-online.de )