Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Stärkung elterlicher Kompetenzen zur Prävention von Kindeswohlgefährdung

Arbeitsweise und vorläufige Befunde des Modellprojekts Pro Kind

Von Tanja Jungmann und Margot Refle

Das Modellprojekt Pro Kind erprobt seit 2006 den Einsatz eines präventiven Hausbesuchsprogramms bei mehrfach risikobelasteten Erstgebärenden. An insgesamt 15 Standorten in den Bundesländern Bremen, Niedersachsen und Sachsen wurden 750 Frauen in das Projekt aufgenommen. Pro Kind stärkt die elterlichen Kompetenzen von Müttern und Vätern in schwierigen Lebenslagen. Es vermittelt konkrete theoretische und praktische Kenntnisse, die Eltern dazu befähigen, Verantwortung für ihre Lebensplanung, ihre Gesundheit und die ihres Kindes zu übernehmen. Es unterstützt in einem beziehungsorientierten Ansatz Eltern darin, eine emotionale Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen und ihr Kind altersadäquat in seiner Entwicklung zu fördern. Gesundheits- und Entwicklungsrisiken für Mutter und Kind sollen so frühzeitig entdeckt und reduziert werden. Das Frühpräventionsprogramm ist eine Adaptation des in den USA erfolgreich etablierten Konzepts des Nurse Family Partnership (NFP), welches von Prof. David Olds an der Universität Colorado entwickelt wurde. Pro Kind wird von einer umfangreichen Forschung begleitet, um den Erfolg der Maßnahme zu ermitteln, die festgestellten Wirkungen zu erklären sowie die intendierte Umsetzung zu überprüfen und die Einsparungen im Gesundheits- und Sozialsystem zu bestimmen.

Das intuitive Elternverhalten, in dessen Zentrum das sensitive und responsive Eingehen auf die kindlichen Kommunikationssignale und Beziehungsangebote steht, hat einen zentralen Einfluss auf die kindliche Entwicklung. Es bestimmt maßgeblich mit, wie offen das Kind für spätere Lernerfahrungen ist (z. B. Explorationsverhalten, Erkundung seiner Umwelt im Spiel). Fehlt die feinfühlige Stimulation durch die Eltern, entwickeln sich hochkomplexe Strukturen im Gehirn nur unzureichend und erschweren eine Anpassung an die Herausforderungen alterstypischer Entwicklungsaufgaben. Das Risiko hierfür ist insbesondere in Familien erhöht, in denen Ressourcen fehlen, z. B. durch negative Erziehungserfahrungen der Eltern, Partnerschaftsprobleme bis hin zur häuslichen Gewalt, soziale Isolation und finanzielle Probleme.

Um einer Kindeswohlgefährdung im engeren Sinne (z. B. Vernachlässigung oder Misshandlung) oder im weiteren Sinne (Entwicklungsverzögerungen oder -abweichungen) entgegenzuwirken, bedarf es niedrigschwelliger, primär präventiver Angebote. Diese Notwendigkeit ergibt sich auch daraus, dass die Angebote der Eltern- und Gesundheitsbildung von den oftmals höher risikobelasteten Familien aus der sozialen Basisschicht, die diese dringend benötigen, in weitaus geringerem Maße in Anspruch genommen werden als von Familien der sozialen Mittel- und Oberschicht (Präventions-Paradoxon). Auch für Frühe Hilfen, wie dem Hausbesuchsprogramm Pro Kind, dessen Arbeitsweise in einem ersten Schritt umrissen wird, stellt sich die Frage nach dem Zugang zur Zielgruppe der mehrfach risikobelasteten Familien. Ergebnisse zur Zugangsgestaltung, den Herausforderungen und den letztlich gefundenen Wegen zu den Familien werden im Anschluss daran dargelegt.

Die doppelte Aufgabenstellung von Pro Kind besteht in der Stärkung der elterlichen Kompetenz von Müttern und Vätern auf der einen und der Sicherstellung des Kinderschutzes in Risikosituationen durch klare Hilfestellungen und Kontrollstrategien auf der anderen Seite. Damit bewegt sich das Hausbesuchsprogramm an der Schnittstelle zwischen Prävention von Kindeswohlgefährdung und Intervention im Kinderschutz:
– Auf der Ebene der primär präventiven Begleitung werden den Frauen niedrigschwellige Angebote unterbreitet, die zur Information und Aufklärung dienen, die Erziehungskompetenz verbessern oder zur gewaltfreien Konfliktlösung befähigen. Die Teilnahme ist freiwillig.
– Darüber hinaus sind die Familienbegleiterinnen unter Berücksichtigung der Zielgruppe auf ein potentiell sekundär präventives Agieren bei Gefahr einer sich anbahnenden Kindeswohlgefährdung vorbereitet. Den Projektakteuren steht umfangreiches Wissen um Risikofaktoren, Zuständigkeiten, Ansprechpartner und verschiedene Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Die Familienbegleiterinnen sind Vermittlerinnen, sie unterstützen indem sie z. B. gemeinsam mit den Frauen Termine wahrnehmen und durch ihre Arbeit zur perspektivisch selbständigen Beantragung von Hilfen und deren Inanspruchnahme befähigen. Der Ausbau der formellen Unterstützungsnetzwerke ist in die Zielrichtung von Pro Kind eingebunden. Im Fall eines tatsächlichen Verdachts oder einer vorliegenden Kindeswohlgefährdung folgt die Familienbegleiterin einem Ablaufplan, der in Absprache mit Sozialbehörden und Jugendämtern entstanden ist. Eine Kontaktaufnahme mit dem Jugendamt geschieht nicht ohne das Wissen der Pro Kind-Teilnehmerin. Nach einer sich anschließenden Intervention im Kinderschutz wird die Begleitung idealerweise fortgesetzt, in jedem Fall jedoch ein Übergang gestaltet (vgl. Jungmann, Adamaszek, Helm, Sandner, Schneider, 2010, S. 22).

Da Programme Früher Hilfen wie Pro Kind für den Sozialstaat kostenintensiv sind, stellt sich schließlich die Frage nach dem Nutzen für die Familien und die Kinder. Um diese Frage beantworten zu können, wird Pro Kind von einer umfangreichen Forschung mit randomisiertem Kontrollgruppendesign begleitet. Es wurden insgesamt 755 Frauen in das Projekt aufgenommen und zufällig entweder der Treatmentgruppe (n = 393) oder der Kontrollgruppe (n = 362) zugewiesen. Somit lassen sich im Rahmen der Evaluationsforschung Programmwirkungen von Veränderungen, die über die Zeit ohnehin eingetreten wären, unterscheiden. Weiterhin wird zur Erklärung des Wirkmodells im Rahmen der Implementationsforschung die Qualität der Programmumsetzung prozessbegleitend erfasst. Die Kosten-Nutzen-Analyse ermittelt die Effizienz des Programms für das Gesundheits- und Sozialsystem (für eine ausführliche Darstellung des Forschungsdesigns vgl. Jungmann, Kurtz, Brand, Sierau, von Klitzing, 2010, S. 1180-1181).

Da die erste Phase der Begleitforschung erst Mitte des Jahres 2012 mit dem zweiten Geburtstag aller Kinder beendet ist, handelt es sich bei den in diesem Beitrag präsentierten Ergebnissen noch um vorläufige Befunde zur kurzfristigen Programmwirksamkeit. Zum mittel- und langfristigen Nutzen sowie zur fiskalischen Effizienz des Programms wird man erst in einigen Jahren gesicherte Aussagen treffen können.

Konzeptuelles Modell und Arbeitsweise des Hausbesuchsprogramms Pro Kind Das Hausbesuchsprogramm Pro Kind, eine Adaption des in den USA erfolgreich etablierten Nurse-Family Partnership (NFP)-Programms (z. B. Olds, 2006), wird seit 2006 als Frühe Hilfe für mehrfach risikobelastete Erstgebärende in insgesamt 15 Kommunen der Bundesländer Bremen, Niedersachsen und Sachsen erprobt. Die regelmäßigen Hausbesuche beginnen während der Schwangerschaft und enden mit dem zweiten Geburtstag des Kindes. Ziel ist es, die mütterliche und kindliche Gesundheit bereits in der Schwangerschaft positiv zu beeinflussen, die vorhandenen, wenn auch vielfach verschütteten, elterlichen Kompetenzen zu kräftigen und Ressourcen freizusetzen, mit deren Hilfe die eigenen Lebenswege und Lebensräume selbstbestimmt gestaltet werden können.

Während in den USA „Nurses“ die Frauen bei der Entdeckung der eigenen Stärken unterstützen und ihnen Hilfestellungen bei der Aneignung von Selbstbestimmung und Lebensautonomie geben, werden in Deutschland zwei Varianten der Familienbegleitung unterschieden: In der einen Variante arbeiten Hebammen und Sozialpädagoginnen in einem Team, in der anderen Variante fungiert eine festangestellte Hebamme in engerer Anlehnung an das NFP-Konzept als Familienbegleiterin. Sowohl Hebammen als auch Sozialpädagoginnen bringen bereits wichtige Grundqualifikationen für die Arbeit als Familienbegleiterin mit. Zusätzlich erhalten beide Professionen noch weitere Fortbildungen zu den Schwerpunkten des Programms. Die praktische Arbeit der Familienbegleiterinnen basiert auf drei Theorien, die in ihren Grundzügen exemplarisch am Beispiel der Stärkung der Elternkompetenzen kurz erläutert werden.

(1) Nach der Selbstwirksamkeitstheorie Banduras (1977, 1982) spielen kognitive Bewertungsprozesse und individuelle Überzeugungen über den Zusammenhang zwischen eigenen Anstrengungen und erhofftem Ergebnis eine wichtige Rolle bei der Änderung bestehender maladaptiver Verhaltensweisen (wie z. B. dem Nikotin- oder Alkoholkonsum, aber auch einem strafenden Erziehungsverhalten) und beim Erwerb und der Beibehaltung neuer Verhaltensmuster (z. B. positives Erziehungsverhalten). Die Familienbegleiterinnen von Pro Kind werden darin geschult, den Frauen in einem ersten Schritt Hilfestellungen bei der Setzung kleiner, erreichbarer Ziele zu geben. Dies stärkt ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zur Verhaltensänderung. In einem zweiten Schritt werden dann die intendierten Gesundheits-, Pflege- und Erziehungsverhaltensweisen systematisch von den Familienbegleiterinnen verstärkt. Durch das Aufzeigen von bereits bestehenden Stärken wird ebenfalls sukzessive das Vertrauen der Eltern in ihre Fähigkeiten aufgebaut, was auch einen Anreiz für den Erwerb weiterer Fähigkeiten schafft.

(2) Ein zentraler Anwendungsbereich ist die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung, der in der Bindungstheorie Bowlbys (1969) eine wichtige Funktion für die spätere sozial-emotionale sowie kognitive Entwicklung der Kinder zugeschrieben wird. Eigene negative Bindungserfahrungen der werdenden Mutter oder auch des Vaters spiegeln sich in späterem ungünstigen Kommunikations- und Beziehungsverhalten wider. Fundamental für eine Veränderung dysfunktionaler Bindungsschemata sind enge, nahezu therapeutische Bündnisse zwischen den Familienbegleiterinnen und den Familien, die frühzeitig während der Schwangerschaft geknüpft werden. Der Aufbau einer durch Respekt und Empathie geprägten Beziehung soll helfen, sich selbst als jemanden zu sehen, der Unterstützung, Aufmerksamkeit und Liebe verdient. Darüber hinaus soll den Eltern geholfen werden, ihr Kind als Individuum mit eigenen Bedürfnissen zu betrachten, die sich von ihren eigenen unterscheiden. Die Wahrnehmung der kindlichen Motivation und Kommunikation soll entwickelt werden. Dabei fungieren die Familienbegleiterinnen insbesondere im Rahmen des PIPE-Curriculums (Perkins, Butterfield & Ottem, 2002) als ein Modell für sensitives, responsives und engagiertes Erziehungsverhaltens, auf das nachfolgend noch ausführlicher eingegangen wird.

(3) Die Ökologische Theorie (Bronfenbrenner, 1992) betont die Wichtigkeit des sozialen Umfeldes der Teilnehmerin und hebt ihre Fähigkeit hervor, sich aktiv Zugang zu Informationen, Dienstleistungen und Unterstützungsressourcen zu eröffnen und zu nutzen. Eine verbesserte Inanspruchnahme der sozialen Netzwerke, so die Annahme, vermindert die Belastung der Eltern und wirkt sich dadurch auch positiv auf ihr Erziehungsverhalten und die Interaktion mit ihrem Kind aus.

Insgesamt zielt Pro Kind darauf ab, die teilnehmenden Frauen zu einer Wiederaneignung von Selbstbestimmung über die Umstände ihres eigenen Lebens zu ermutigen. Wie der Abbildung 1 zu entnehmen ist, wird von der Annahme ausgegangen, dass sich der weitere Entwicklungsweg eines Kindes bis ins Jugendalter nachhaltig durch die frühzeitige Stärkung der Familien beeinflussen lässt.

Als Methoden der theoriebasierten Wissensvermittlung und Alltagsbegleitung fungieren Leitfäden, die die Familienbegleiterin an die konkreten Bedürfnisse der Familie anpasst. Zudem werden sie in ihrer Arbeit durch regelmäßige Fachberatungen von den Programmkoordinatorinnen unterstützt. Ein zentrales Ziel von Pro Kind ist die Prävention von Kindeswohlgefährdung durch die Stärkung der elterlichen Erziehungskompetenzen (PIPE), Informationsvermittlung (z. B. zu den gravierenden Auswirkungen des Schüttelns auf den Säugling), Förderung von Kommunikationskompetenz (z. B. zur gewaltfreien Konfliktlösung) sowie Ausbau der informellen Netzwerke der Frau (z. B. durch Einbezug der Partner und anderer Familienmitglieder). Die Leitfäden, die während der Begleitung bearbeitet werden, umfassen sechs Themenbereiche:

– Der Bereich „Persönliche Gesundheit“ subsumiert Themen, die den Gesundheitszustand und das Gesundheitsverhalten der (werdenden) Mutter, vor allem während der Schwangerschaft, betreffen.
– Im Bereich „Gesundheitsförderliche Umgebung“ werden ganz alltägliche Gesundheitsgefährdungen im Haushalt (z. B. Schimmelpilzbefall, Treppenabsätze, offene Steckdosen in Reichweite des Kindes, offene Haushaltsreiniger), aber auch z. B. das Passivrauchen des Kindes durch Nikotinkonsum der Mutter oder ihres Partners besprochen.
– In den Bereich „Mutter-/Vater-/Elternrolle“ gehören sowohl die eigenen Bindungserfahrungen und Erziehungseinstellungen, die kindliche Pflege und Ernährung sowie die prä- und postnatale Bindung zwischen dem Kind und seinen Eltern.
– Die Größe und Qualität des informellen sozialen Netzwerkes der werdenden Mutter wird im Bereich „Familien- und Freundeskreis“ thematisiert (z. B. welche Personen werden als unterstützend wahrgenommen und könnten als Ressource genutzt werden).
– Mit dem Bereich „Nutzung von Gesundheitsversorgung und sozialen Diensten“ wird das formelle Netzwerk angesprochen und beispielsweise geklärt, welche sozialen Dienstleistungen wie in Anspruch genommen werden können. Hier sind die Familienbegleiterinnen z. B. auch beim Ausfüllen von Anträgen behilflich.
– Der Bereich „Entwicklung einer eigenen Lebensperspektive“ reicht von Thematiken der beruflichen Angelegenheiten über private bis hin zu rein lebenspraktischen Belangen.

Somit ist die Begleitung inhaltlich breit gefächert, kann aber je nach den individuellen Bedürfnissen und Problemlagen der einzelnen Frau bestimmte Themenbereiche fokussieren. Die Hausbesuchsfrequenz ist kontinuierlich und regelmäßig. Unmittelbar nach der Aufnahme in das Modellprojekt sowie kurz nach der Geburt des Kindes finden vier wöchentliche Besuche statt. In der verbleibenden Zeit werden die Frauen vierzehntägig besucht. Je nach Bedarf können die Termine aber auch häufiger oder seltener stattfinden. Die Frauen entscheiden sich freiwillig für die Teilnahme am Modellprojekt und können diese jederzeit widerrufen (vgl. Jungmann, 2010).

Zugänge zur Zielgruppe gestalten
Die Aufnahme in das Modellprojekt sollte möglichst schon in der 12. bis 16., spätestens aber bis zur 28. Schwangerschaftswoche erfolgen. Dieser Umstand grenzt zwar die Zielgruppe erheblich ein, nimmt damit aber eine Personengruppe in den Fokus, die in ihren Erziehungseinstellungen und -verhaltensweisen noch offen und veränderungssensibel ist. Im Sinne von primärer Prävention lässt sich so die Entstehung negativer Entwicklungsverläufe eines Kindes durch die positive Beeinflussung der in Entstehung begriffenen elterlichen Kompetenzen möglicherweise verhindern. Um bei Pro Kind aufgenommen zu werden, müssen sich die Frauen darüber hinaus in einer finanziellen Problemlage befinden (z. B. Arbeitslosengeld II-Bezug, Überschuldung) sowie weitere persönliche oder soziale Belastungsfaktoren aufweisen (z. B. Minderjährigkeit, Alleinerziehendenstatus, soziale Isolation, eigene Gewalterfahrungen). Dies begründet sich aus den amerikanischen Forschungsergebnissen, die dafür sprechen, dass eine besonders hohe Programmeffektivität bei besonders risikobelasteten Familien erzielt werden konnte (vgl. Olds, 2006).

Den Zugang gerade zu diesen besonders risikobelasteten Frauen, die ihr erstes Kind erwarten und wenig eigeninitiativ nach Angeboten suchen, bereits in der Schwangerschaft zu finden, stellt die Projektakteure vor eine große Herausforderung: gängige Wege der Öffentlichkeitsarbeit mit Flyern und Plakaten oder Kampagnen können nur ein Teil der Strategie zur Teilnehmergewinnung sein, da häufig negative Vorerfahrungen mit institutionellen Angeboten den selbstständigen Zugang erschweren oder verunmöglichen. Neben der persönlichen Ansprache potentieller Teilnehmerinnen wurde zeitlich parallel versucht, relevante Fachkräfte, die Kontakt zur angestrebten Zielgruppe haben, als Multiplikatoren zu gewinnen (insbesondere Gynäkologen, Hebammen, Schwangerenberatungsstellen, die ARGE, Jobcenter und Sozialarbeiter an berufsbildenden Einrichtungen). Bewährt hat sich dabei ein Verfahren, bei dem nach der Erklärung ihres Einverständnisses Kontaktdaten der potentiellen Teilnehmerin von den Multiplikatoren an das Projekt übermittelt werden konnten. Das ermöglichte die aktive Kontaktaufnahme von Seiten der Praxisprojekte mit den Teilnehmerinnen (vgl. Refle 2009).

Die Ergebnisse einer postalischen Befragung von N = 361 Multiplikatoren im Rahmen der Implementationsforschung (Brand & Jungmann, 2010, S. 111 ff.) zeigen, dass der Anteil der vermittelten Frauen im Mittel bei 17 Prozent liegt, wobei diese zwischen den Multiplikatorengruppen erheblich variiert (52 Prozent Vermittlungsrate bei den ARGEN/Jobcentern, 40 Prozent bei den Jugendämtern im Vergleich zu nur sieben Prozent Vermittlungsrate bei den Schwangerenberatungsstellen und Hebammen). Als stärkster Hinderungsgrund für nicht kooperierende Multiplikatoren mit viel Kontakt zur Zielgruppe wird die Begleitforschung mit Kontrollgruppendesign genannt. Dies unterstreicht die Notwendigkeit eines engeren Diskurses zwischen Praxis und Forschung zur Notwendigkeit von systematischen Wirksamkeitsprüfungen in der Präventionslandschaft.

Das PIPE-Curriculum als Praxismodul zur Verbesserung der Elternkompetenz Bei PIPE (Partners in Parenting Education; Perkins et al. 2002) fungieren die Familienbegleiterinnen als Partner, die den Eltern beim Bindungsaufbau und bei der feinfühligen Beziehungsgestaltung zum Kind und dessen Erziehung zur Seite stehen. Es ist ein in sich geschlossenes Curriculum, das als zentraler bindungstheoretisch fundierter Programmbaustein in der Domäne „Mutter-/Vater-/Elternrolle“ Anwendung findet. Dabei kommt dem gemeinsamen Spiel auf dem Fußboden („floor time“) eine zentrale Bedeutung zu. Zunächst wird die Mutter gebeten, eine Decke auf dem Boden auszubreiten, auf der sie selber mit ihrem Kind und die Familienbegleiterin mit einer Babypuppe sitzen. Die Familienbegleiterin demonstriert mit der Puppe eine Kommunikations- oder Spielsituation. Es wird eine Puppe gewählt, damit das Kind nicht der Familienbegleiterin gegenüber positive Reaktionen zeigt, die es der Mutter gegenüber möglicherweise verwehrt. Anschließend wird die Mutter aufgefordert, die demonstrierte Aktivität mit ihrem Kind auszuprobieren.

Die mütterliche Wahrnehmung der kindlichen Signale, ihre Zuwendung zum Kind und positive kindliche Reaktionen (z. B. Aufbau des Blickkontaktes, Lächeln) führen zu einer gegenseitigen Verstärkung des positiven, einander zugewandten Verhaltens. Daran anknüpfend kann die Familienbegleiterin als weitere Themen mit der Mutter besprechen, wie sie die kindliche Entwicklung bereits frühzeitig fördern kann, z. B. anknüpfend an die auditiven und visuellen Wahrnehmungsfähigkeiten des Säuglings die Bedeutung der adäquaten elterlichen Stimulation herleiten und der Mutter ihre zentrale Rolle als erste Lehrperson im Leben ihres Kindes verdeutlichen.

Die folgenden drei Leitgedanken von PIPE finden sich in den 28 Themen des PIPE-Handbuchs wieder, von denen bisher sechs in den deutschen Sprachraum adaptiert wurden:

Aktives Zuhören: Hier wird die Bedeutung des aufmerksamen, aktiven Zuhörens und Hinsehens in der Kommunikation mit dem Kind ebenso betont wie die Wahrnehmung des Kindes als eigenständige Persönlichkeit.

Facetten von Zuneigung und Liebe: In Abhängigkeit vom kindlichen Entwicklungsstand und den kindlichen Bedürfnissen kann sich Liebe und Feinfühligkeit im elterlichen Verhalten durch die Herstellung von Nähe und Intimität äußern, aber auch durch das Loslassen des Kindes, wenn dieses seine Umwelt explorieren möchte und zunehmend unabhängiger von seinen Eltern wird.

Gemeinsames Spiel und Sicherheit in der Exploration: Kinder lernen spielerisch, das kindliche Spiel ist mit dem späteren Lernen gleichzusetzen und von besonderer Bedeutung für die kognitive, sprachliche und motorische Entwicklung.

Das Lernen in kleinen Schritten ermöglicht Eltern eine schnelle und motivierende Selbstwirksamkeitserfahrung. Der immer gleiche Ablauf gibt Struktur und Sicherheit, was Ressourcen für eigene Lernerfahrungen und Reflexion freisetzt. Dies hilft den Eltern, Gelerntes in den Alltag zu übertragen und sukzessive zu verstetigen (vgl. Jungmann, Kurtz & Brand, 2011). Die vier Schritte werden in Abbildung 2 skizziert und illustriert.
Bisherige Praxiserfahrungen und vorläufige Befunde zum Nutzen des Hausbesuchsprogramms Pro Kind
Die bisherigen Praxiserfahrungen sprechen dafür, dass die Arbeit mit dem PIPE-Konzept im häuslichen Umfeld seitens der Familienbegleiterinnen einiges an Übung sowie zusätzliche Qualifizierung voraussetzt. Ergebnisse der Implementationsforschung zeigen in Übereinstimmung damit, dass das PIPE-Curriculum im ersten Lebensjahr im Mittel in 2,8 Hausbesuchen (Range: 0-17) eingesetzt wurde, im zweiten Lebensjahr im Mittel in 2,0 Besuchen (Range 0-11). Im Rahmen der Evaluationsforschung werden die Mütter im ersten Lebensjahr ihrer Kinder in halbjährigen Abständen, danach in jährlichen Abständen zu ihrer selbstwahrgenommenen Elternkompetenz mit der deutschen Fassung der Parental Sense of Competence (PSoC)-Skala (Johnston & Mash, 1989) befragt. Im Vergleich zur Kontrollgruppe berichten die begleiteten Mütter von einem signifikanten Zuwachs ihrer Elternkompetenz über die Zeit. Allerdings spiegelt sich dies nicht in der Fremdeinschätzung der Qualität der Mutter-Kind-Interaktion im freien Spiel wieder, die im Alter von sechs und zwölf Monaten mit dem CARE-Index (Crittenden, 2006) vorgenommen wird. Immerhin die Hälfte der Interaktionen in beiden Untersuchungsgruppen wird als inadäquat und entsprechend als interventionsbedürftig eingeschätzt (vgl. für eine detaillierte Darstellung Kurtz, Brand, & Jungmann, 2010, S. 350).

Die Frage nach der Effektivität des Hausbesuchsprogramms zur Prävention von Kindeswohlgefährdung im engeren Sinne wird sich abschließend erst im Jahr 2012 beantworten lassen, wenn die Daten aller Teilnehmerinnen und ihrer dann zweijährigen Kinder vorliegen. Vorläufige Befunde der wissenschaftlichen Begleitforschung im Rahmen der Kosten-Nutzen-Analyse zur Häufigkeit der Inanspruchnahme von Jugendhilfeleistungen zeigen, dass die überwiegende Mehrheit der Frauen beider Untersuchungsgruppen (84,7 Prozent) bis zum ersten Geburtstag der Kinder keinerlei Hilfen beantragt hat. Im Rahmen des Hausbesuchsprogramms begleitete Frauen leben häufiger mit ihrem Kind in betreuten Wohnformen, was auf eine Vermittlungsfunktion von Pro Kind für stationäre Hilfen hindeuten könnte. Andererseits werden ambulante Hilfen später von begleiteten Frauen in Anspruch genommen, was damit erklärt werden könnte, dass Pro Kind erziehungsberatende Funktionen erfüllt (vgl. Jungmann et al., 2010, S. 25).

Hinsichtlich der Prävention von Entwicklungsverzögerungen und -störungen – also der Kindeswohlgefährdung im weiteren Sinne – sprechen die vorläufigen Daten der Evaluationsforschung dafür, dass Kinder beider Untersuchungsgruppen in ihrer psychomotorischen, kognitiven und sprachlichen Entwicklung signifikant unterhalb der Normwerte altersgleicher Kinder in den eingesetzten Entwicklungstests (deutsche Fassung der Bayley Scales of Infant Development-II, Reuner et al., 2007; mittlerer Skalenwert = 100, SD = 15; SETK-2, Grimm, 2000; mittlerer T-Wert = 50, SD = 10) bleiben. Allerdings zeigen die Kinder der begleiteten Frauen sowohl im Alter von sechs Monaten, zwölf Monaten und 24 Monaten eine tendenziell positivere kognitive Entwicklung als die Kinder der Kontrollgruppenfrauen, wie auch die Abbildung 3a illustriert. Während sich die Sprachverständnisleistungen auf Wort- und Satzebene im Alter von 24 Monaten nicht unterscheiden, sind die produktiven Sprachleistungen auf Wort- und Satzebene der Kinder von begleiteten Frauen signifikant besser.

Zusammengenommen deuten die praktischen Erfahrungen und die Ergebnisse der Begleitforschung darauf hin, dass das eingesetzte Material und insbesondere die Arbeit mit dem PIPE-Curriculum noch optimierbar sind. Dennoch zeichnen sich bereits erste, kurzfristige Erfolge des Hausbesuchsprogramms auf die kognitive und sprachliche Entwicklung der Kinder ab. Die Effektstärken sind zwar sehr klein, was allerdings mit internationalen metaanalytischen Befunden zum Nutzen von Hausbesuchsprogrammen (z. B. Gomby, 2005) übereinstimmt.

Ausblick
Das Hausbesuchsprogramm Pro Kind setzt seine praktische Arbeit in der beschriebenen Art und Weise noch bis zum Ende des Jahres 2011 (Niedersachsen und Bremen) bzw. bis Mitte des Jahres 2012 (Sachsen) fort. Die Praxiserfahrungen, die Ergebnisse der prozessbegleitenden Implementationsforschung und die sich daraus ergebenden Empfehlungen und Desiderate werden in dem Buch „Kinder schützen, Familien stärken – Erfahrungen, Empfehlungen und Desiderate für die Ausgestaltung Früher Hilfen aus der Pro Kind-Praxis und -Forschung“ Anfang 2012 im Juventa-Verlag veröffentlicht.

Darüber hinaus finden die Praxiserfahrungen und Forschungsergebnisse ihren Niederschlag in passgenau und bedarfsgerecht auf die Bedürfnisse der Teilnehmer, der Fachkräfte und der Träger zugeschnittene Materialien. Diese werden ab dem kommenden Jahr zur Verfügung stehen werden. Die Materialentwicklung orientiert sich an den Erfahrungen aller existierenden Programme der Frühen Hilfen, insbesondere der Modellprojekte des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen. Die Erstellung erfolgt durch die Stiftung Pro Kind in Kooperation mit ausgewiesenen Experten.
Die an der Begleitforschung beteiligten Universitäten und Institute werden in Forschungsphase II Follow-up-Untersuchungen zunächst bis zum Schuleintritt der Kinder durchführen, um Aussagen über mittelfristige Effekte der Frühen Hilfe Pro Kind machen zu können.

Wir danken den Geldgebern des Modellprojektes Pro Kind: BMFSFJ, Niedersächsisches Sozialministerium, Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz Sachsen, Land Bremen, DRK Kreisverband Bremen, den Kommunen, AOK Niedersachsen, Robert Bosch Stiftung, PSD Bank Braunschweig, TUI Stiftung, den Stiftungen Dürr und Reimann Dubbers.

Die Fotos wurden der Fotoausstellung „Pro Kind – Frühe Hilfen bieten Perspektiven“ entnommen, die im Rahmen von Pro Kind Sachsen erstellt wurde, gefördert durch das Sächsische Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz.

Prof. Dr. Tanja Jungmann ist Professorin für Sonderpädagogische Frühförderung und Sprachbehindertenpädagogik am Institut für Sonderpädagogische Entwicklungsförderung und Rehabilitation (ISER) der Universität Rostock. Sie ist Leiterin der Begleitforschung zum Modellprojekt Pro Kind, in Kooperation mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. Hannover.

Margot Refle ist Diplom-Pädagogin Univ., Institutsleiterin des Felsenweg-Instituts der Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie in Dresden und Projektleiterin Pro Kind Sachsen.