Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Kindersexualität, die Hintergründe von Gefährdungsdiskursen und sexuelle Bildung

Von Uwe Sielert

Drei verschiedene Gefährdungsdiskurse rund um Kindersexualität wurden in den letzten drei Jahren durch die Medien in die Öffentlichkeit getragen: Sechs Jahre nach Erscheinen einer Aufklärungsbroschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) für Eltern von Kindern im Alter zwischen ein und sechs Jahren mit dem Titel „Körper, Liebe, Doktorspiele“ begann 2007 eine Medienkampagne gegen dieses Heft, das Kindermusical „Nase, Bauch und Po“ und weitere Schriften der BZgA sowie gegen alle, die in Deutschland eine sexualfreundliche Erziehung fördern. Urheber der aufgeregten Kampagne war ein Netzwerk fundamentalistischer Christen, die in den offiziellen Materialien wie auch der schulischen Aufklärung Hinweise auf die frühe Sexualisierung von Kindern auszumachen glaubten.

Seitdem sowohl im Stern (Wüllenweber 2007) als auch in dem medial breit vermarkteten Buch mit dem Titel „Deutschlands sexuelle Tragödie“ (Siggelkow 2008) von kleinen Mädchen die Rede ist, die von sechsjährigen Jungen bedrängt werden, um Geschlechtsverkehr nachzuspielen, ist von „sexueller Verwahrlosung“ die Rede, auf den Punkt gebracht durch den Untertitel des oben genannten Buchs: „Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist.

Ganz aktuell ist der Gefährdungsdiskurs rund um sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in kirchlichen und anderen pädagogischen Institutionen. Diesmal stehen nicht staatlich legitimierte Sexualaufklärer(innen) am Pranger oder libertinäre, pornografisierte Familien, sondern pädophile Erwachsene und pädagogische Moralapostel mit infantil gebliebener sexueller Identität.

Was die einzelnen Ereignisse und gesellschaftlichen Diskurse miteinander vereint und welche Besonderheiten sie voneinander unterscheiden, soll hier nicht erörtert werden. Das wäre eine sexualsoziologische Aufgabe, die noch aussteht. Hier soll allein konstatiert werden, dass es um Sexualität geht, um vermutete und reale Gefährdungen von Kindersexualität, die zu sehr unterschiedlichen Präventionsstrategien Anlass geben und in diesem Beitrag mit sexueller Bildung beantwortet werden.

Der Umgang mit Sexualität, insbesondere mit Kindersexualität berührt Menschen fundamental
Der Umgang mit Sexualität, insbesondere mit Kindersexualität (ver)führt regelmäßig zu erregten Grundsatzdebatten um Sein oder Nichtsein von Kultur und Gesellschaft, um Glückssehnsüchte und Wertezerfall. Regelmäßig wird das mit ihr verbundene Erregungspotential politisch instrumentalisiert. In der Bevölkerung existiert eine Ahnung davon, was wir seit der Psychoanalyse Sigmund Freuds wissen und was man auch als Skeptiker seiner Sexualtheorie anerkennen kann: Sexualität ist als Lebensenergie mit allen Facetten menschlichen Seins verbunden – individuell und kollektiv. Individuell ist sie eingewoben in die Bedürfnis-, Körper-, Beziehungs- und Geschlechtsbiografie, kollektiv entscheidend für das Verständnis vom Menschen und „gelungenem Leben“ überhaupt. Das alleine begründet die Bedeutung auch sexueller Bildung von Anfang an, zumal es in der aktuellen Bildungsdebatte nicht (immer) nur um kognitives Lernen sondern auch um die Kultivierung von Emotionalität und Sozialität, um den ganzen Menschen geht.

Kindersexualität erregt besonders und berührt tief liegende Wünsche nach unbeschwerter Sinnlichkeit aber auch Ängste vor Sexualisierung und sexuellen Übergriffen – vor allem in einer Zeit hoch emotionalisierter Familienbeziehungen. Dafür gibt es einen ganz verständlichen, human zu nennenden Grund. Wir gehen seit den 1960er Jahren entspannter, liberaler, gewährender mit unserer Sexualität um und wir reden seit den 1980er Jahren mehr von der selbst bestimmten Sexualität. Wir sind sensibler geworden gegenüber sexuellen Übergriffen und Grenzverletzungen, auch solchen, die aus dem Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern resultieren. Soweit der aufklärerische Teil, den zum Beispiel die Missbrauchsdebatte enthält.

Die affektive Wucht, der erregte Teil der Debatte ist damit noch nicht zu erklären: Weder das sensationslüsterne Starren auf die dingfest gemachten Väter als Täter oder außerfamiliären Missbraucher noch das gewachsene Misstrauen erotisch-zärtlicher Eltern-Kind-Interaktion oder die Aufregung über (angeblich) moralisch verwahrloste Familien. Das alles ist nicht allein durch den Wunsch nach Kinderschutz zu erklären, sondern auch als ein Bedürfnis nach Selbstschutz, der natürlich schambesetzt ist und daher nicht als solcher formuliert werden kann (Simon 1995:113). Letzteres berührt uns als Pädagog(inn)en besonders, weil wir als Lehrerinnen, Familienhelferinnen, Sexualpädagogen, Jugendberater mit der allgemeinen Verunsicherung konfrontiert sind und wissen sollten, was dahinter steht.

Angstthemen im Umkreis von Kindersexualität
Sexualpädagogen, die bei Elternabenden anwesend sind, werden des öfteren mit diffusen Befürchtungen wie den folgenden konfrontiert: Wenn Kindern Sexualität zugestanden wird, sich die Kinder in der Kuschelecke der Tagesstätte auch an den Genitalien berühren, mit Vätern zusammen baden, wenn auch der Großvater den Säugling wickelt und eincremt, wenn die älteren nach dem Sport unter der Dusche Poklatschen spielen – weckt das nicht Begehrlichkeiten vor allem bei denen, die Kinderkörper erregend finden, bei Trainern, Erziehern, Großvätern, dem eigenen Papa?

Wenn Erzieherinnen die Lustorgane (z. B. die Klitoris) ganz spezifisch benennen und sogar zeigen, wo sie zu finden sind; wenn die Geschlechtsteile nicht mehr abgedeckt, versteckt, ins Intime gehörend aus der Öffentlichkeit ausgegrenzt werden – sind die Kinder dann noch vor sich selbst geschützt, vor ihren eigenen Begierden? Wird nicht gerade dadurch das Sexuelle seines Zaubers beraubt, wenn alles „normal“ wird und schon Kinder ihre Geschlechtsorgane wie die Füße benennen können? Liegt in alle dem nicht die Ursache für die sexuelle Verwahrlosung, bei der alle Schranken sogar in der eigenen Familie fallen und Mütter vor ihren Kindern mit wechselnden Partnern schlafen und Pornos anschauen? Wenn alle traditionellen Haltepunkte und Tabus erodieren, bleiben dann nicht der blanke Konsum von Lust und das pure Erregungssammeln übrig?

Ängste sind wirklich und gestalten die Wirklichkeit – es wäre deshalb zu einfach, hinter allen diesen Vorbehalten gegen eine lustfreundliche Sexualerziehung nur fundamentalistische Verirrungen zu suchen. Ängste sind meist ambivalent: Sie haben eine wichtige Warnfunktion, können Gefahren abwenden und damit dem Leben dienen; und Ängste können Gefahren Vorschub leisten, sie geradezu herausfordern und damit lebensfeindlich wirken. Der Unterschied ist eine Frage der (auch sexuellen) Bildung. Nicht allein der formellen, auf Wissen und Schulabschlüsse bezogenen, sondern der non-formalen und informellen Bildung beim sich Zurechtfinden in unserer modernen Sexualkultur.

Die moderne Kleinfamilie: Zwischen Intimisierung und Inzestbedrohung
Es hilft die Aufregung und Verunsicherung zu verstehen, wenn wir näher betrachten, in welchem historischen Kontext, in welchem gesellschaftlichen Zustand von Familie solche Ängste öffentlich werden und Missbrauchsdebatten verschiedener Couleur geführt werden: Eine erste „Inzest-Debatte“ findet sich während der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als sich die bürgerliche Familie konsolidierte und der erste große Intimisierungsschub, die Emotionalisierung des Familienlebens, stattfand. „Von allen Familienmitgliedern wurde nun schier Unmögliches verlangt: innige emotionale, warme, intime Beziehungen zu haben, aber – Vater und Mutter ausgenommen – bei strengster sexueller Abgrenzung“ (Schmidt 1996, 106).

Parallel zu dieser Intimisierung des Familienlebens veröffentlichten Sexualforscher erstmals Fakten über das Sexualleben der Kinder und Freud konzipierte das Bild des auch sexuell sinnlichen Kindes. Gemeinsam führten diese beiden Phänomene, die Emotionalisierung, Versinnlichung des Familienlebens einerseits und die Konfrontation mit der Tatsache, dass auch Kinder sinnlich sexuelle Bedürfnisse haben und sie auch gegenüber den Erwachsenen zur Wirkung bringen andererseits, zu einem gesellschaftlichen Klima, in dem besorgt und aufgeregt über Inzest geredet und geschrieben wurde.

Freud entdeckte damals, dass manche Neurosen von Frauen auf frühkindliche sexuelle Traumen, etwa Missbrauch durch Männer zurückzuführen waren. Die bürgerliche Gesellschaft war empört, machte das Kind zum Träger der Inzestwünsche. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sprach man vom „Lolita-Phänomen“ und zehn Jahre später korrigierte Freud seine Missbrauchsthese leicht, indem er einräumte, noch nicht genügend über Erinnerungstäuschungen gewusst zu haben, die neben den realen sexuellen Erfahrungen auch wirksam waren. Solche Täuschungen ließen nämlich auf verdrängte erotisch-sexuelle Phantasien schließen, die die Frauen schon als Kinder hatten und so abspeicherten, als seien sie tatsächlich Realität gewesen. Seitdem wurden die Inzestwünsche immer hin und her geschoben: mal nur beim Erwachsenen festgemacht, mal nur beim Kind. Offenbar war und ist es immer noch kaum zu glauben, dass jede zwischenmenschliche beglückende Beziehung sinnlich-erotische Beigaben enthält, die in dichten emotionalen Kontexten wie in der Familie unausweichlich virulent werden und mit denen die Menschen umgehen müssen.

Die Inzestdebatte um die Jahrhundertwende ist also nicht nur der Tatsache geschuldet, dass tatsächlich Missbrauchsfälle aufgedeckt wurden, sondern auch der allgemeinen Verunsicherung über die emotionalen, auch erotisch-sexuellen Wünsche, die in der affektiv dichten Familienatmosphäre ausgebrütet wurden.

Ähnliches wiederholt sich seit den 1980er Jahren. Die Kinder- und Jugendsexualitätsstudien der BZgA (1980 bis 2010) weisen aus, dass Sexualität heute viel stärker familiarisiert ist als noch vor 50 Jahren. Nacktheit ist in den meisten Familien kein Tabu mehr, Eltern erlauben ihren Jungen und Mädchen sehr viel häufiger, mit Freund und Freundin zu Hause zu übernachten. Eltern sind viel mehr mit dem Sexualleben ihrer Kinder konfrontiert und vermutlich verstecken auch sie ihre sexuellen Beziehungen nicht mehr so sorgfältig wie früher vor den Kindern.

Die Offenheit und Intimität zwischen Eltern und Kindern hat derart zugenommen, dass – psychoanalytisch benannt – die Inzestbedrohung heute stärker präsent ist als früher und besondere Abwehrleistungen erforderlich sind. Oder, mehr pädagogisch ausgedrückt, der Umgang mit Sexualität ist offener, aber auch real komplizierter geworden und verlangt von den Erwachsenen die Kompetenz, einerseits beziehungs- und entwicklungsförderliche sinnliche Gravitationen zuzulassen, also die spontane Sinnlichkeit als „Erotik des Leibes und des Herzens“ (Sigusch 2005, 143), ohne andererseits die kindliche Erotik vorzeitig zu sexualisieren, mit den Bedeutungen der Erwachsenensexualität zu deuten und zu missbrauchen.

Sexuelle Bildung: Entwicklung des sexuellen Selbst durch Eigensinn und Grenzerfahrungen
Aus Kindern, die sich anfangs in diversen inneren und äußeren Abhängigkeiten befinden, sollen Heranwachsende, Erwachsene werden, die sich gelöst haben aus vorgegebenen, fremdbestimmten Mustern und Beziehungen. Die innere Instanz des Ichs, als Vermittlungsstelle zwischen Lust und Realitätsprinzip, soll sich entwickeln können. Es ist von Anfang an da, dieses Ich als Keimzelle der Mündigkeit. Es muss wachsen dürfen und sich abgrenzen können, sowohl von inneren Impulsen des Getriebenseins, von Lust und Aggression (Freud: „Wo Es war, soll Ich werden“) als auch von äußeren Zwängen in Form von Erwartungen und Verboten und vorgegebenen Verhaltensmustern.

Kinder müssen lernen, sich selbstbestimmt zu entscheiden für alte oder neue Bindungen, müssen Nein und Ja sagen können auf dem Hintergrund eines inneren Gespürs, eines Sensors für das Eigene, das selbstbestimmt Gewollte. Dieser Sensor wächst nur durch Erfahrung, durch Tun und Grenzerfahrungen. Schon Kinder entwickeln ein Spürbewusstsein zu dem, was Glück und Selbstwirksamkeit nährt, wenn es ihnen gelingt, Grenzen zu überschreiten und Folgen abzuschätzen, das dabei Erfahrene zu besprechen, Rat zu holen und alles in das neue Tun einfließen zu lassen. Der Kern des Ichs bleibt klein und unterentwickelt, wenn sich das Kind nur in ein Werte- und Normenkorsett fügt, körperlichen, sexuellen Erfahrungen aus dem Weg geht und sich von außen steuern lässt. Er bleibt aber auch unterentwickelt, wenn sich alles unmittelbar Aufdrängende grenzenlos ausweiten kann und keine Versagungen bewältigt werden müssen.

Wenn wir uns das alles vergegenwärtigen, wird sofort deutlich, wie untauglich Angstabwehrmechanismen sind, welche die Lösung für Identität schädigende Erfahrungen nach außen verlegen und die Aufmerksamkeit nur auf die Suche nach ‚Pädophilen’ und die Einschränkung von Medienzugängen lenkt. Es wird auch einsichtig, wie kontraproduktiv Versuche sind, die diffuser gewordenen innerfamiliären Schranken wieder in der Familie – an falscher Stelle – aufzurichten, die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern zu entsinnlichen und Sexualität generell wieder zu tabuisieren. Immer noch existiert die Vorstellung vom Dämon des sexuellen Triebs, der nur durch Einsperren und hohe Mauern vom sonstigen sozialen und kulturellen Leben gebändigt werden kann. Nicht genutzt wird angesichts einer solchen Vorstellung die im Zuge der sexuellen Liberalisierung auch feststellbare Entdramatisierung und Intellektualisierung der Sexualität im Erleben der meisten Menschen, die dadurch auch besprechbar und kultivierbar wird. Je nach kulturellem Kapital allerdings unterschiedlich.

Sexuelle Bildung zur Stärkung sexueller Identität
Eine Gesellschaft, welche jedem Individuum die (auch sexuelle) Selbstbestimmung zumutet und die notwendigen Hilfestellungen dazu bieten möchte, kann sich nicht mehr auf äußere Gebote und Verbote beschränken und schon gar nicht mehr Kinder vor Gefährdungen schützen, indem ihnen Sexualität abgesprochen wird. Vielmehr brauchen Menschen sexuelle Bildung von Anfang an mit den Zielen (1) eines realistischen Selbstkonzepts („Ich weiß auch sexuell, was ich mag und kann und darf“); (2) eines angemessenen Selbstwertgefühls („Ich bin gut so wie ich bin – mit meinen Lüsten und Ängsten“); und (3) einer realistischen Selbstwirksamkeit („Ich bin auch bei der Entfaltung meines Liebeslebens nicht ohnmächtig, nicht allmächtig, sehr wohl aber partiell mächtig“).

Zum Selbstkonzept: Gegen Unwissenheit hilft Wissen. Aufklärung ist nach Kant der Auszug des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Nun ist bei Kindern bleibende Unmündigkeit nicht selbst-, sondern fremdverschuldet. Eltern und alle professionellen Erziehenden machen sich schuldig, wenn sie Kindern Wissen verweigern. Wissen meint hier nicht nur, Penis, Scheide, sexuelle Aktivitäten, vielleicht auch Verletzungsgefahren und verbotene Aktivitäten benennen zu können. Gerade bei kleineren Kindern meint Wissen auch, zu wissen, was sie mögen, was sie können, was sie sich zutrauen und was eigentlich nichts für sie ist. In psychologischer Sprache heißt dieses Wissen über sich selbst das „Selbstkonzept“. Es geht darum, ein Bild von sich selbst zu haben, auch von sich selbst als Sexualwesen – und der Prozess, in dem das erworben wird, heißt ‚sexuelle Bildung’. Und wenn das Kind noch so klein ist, sein Selbstkonzept stellt sich nicht plötzlich ein – nach der Pubertät etwa –, sondern es bildet sich von Anfang an. Dies auch nicht von alleine, sondern im Kontakt mit anderen. Und dazu gehört die Rückmeldung von den Eltern und anderen Kindern, dass jede und jeder mit der sinnlichen Erlebnisfähigkeit etwas sehr Wertvolles besitzt, das sich entfalten darf und das vor ungebetenem Kontakt geschützt werden muss.

Zum Selbstwertgefühl: Die zweite Komponente beim Aufbau des eigenen Ichs, der eigenen Identität, ist das Selbstwertgefühl. Und das wird gestärkt, wenn ein Kind von seiner Umgebung erfährt: „Du bist gut so, wie du bist – behalte und nähre deine Lebendigkeit, deine Empfindsamkeit, deinen Hauthunger, deine Zärtlichkeitssehnsucht, dein Lustempfinden und deine Vorsicht, auch Angst vor realistischen Gefahren.“ Gerade Babys sind ganzkörperlustempfänglich (Freud: „polymorph pervers“) und es gibt nichts Schlimmeres als diese Sinnlichkeit aus falscher Vorsicht abstumpfen zu lassen. Auch hier gilt wie bei der Intelligenz, der Motorik und allen anderen Dispositionen, die ein Kind mit auf die Welt bringt: Was nicht genährt wird, verkümmert. Deshalb sollte einem Kind von Anfang an das Gefühl vermittelt werden, dass es gut ist wie es fühlt, denkt, handelt – auch mit seinen Quellen der Beziehungs- und Lebenslust, auch der puren Lust an sich selbst. Libido als Lebensenergie macht stark gegen Frustrationen, die unausweichlich sind, die auch dazukommen müssen, um „mein eigen“ zu werden, um „Ich“ sagen zu können.

Zur Selbstwirksamkeit: Empowerment ist die Brücke zwischen Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeit. Kinder müssen in kleinen Schritten ermächtigt werden, müssen Eigenmacht entwickeln, sich selbst bestimmen lernen, Selbstbestimmung eben; nicht Allmacht entwickeln, nicht Ohnmacht erlernen, sondern erfahren, dass sie partiell mächtig sind. Deshalb ist Trotz auch so wichtig als Durchgangsstadium. Deshalb müssen auch sinnvolle Grenzen erfahren werden, die sich aus den Gefühlen anderer und dem Recht auf Intimitätsschutz ergeben und die letztlich auch zur Kultivierung der Sinnlichkeit führen. Wenn Eltern den Trotz auch gegen sie selbst nicht verurteilen und ihren Kindern den Begrüßungskuss für Oma nicht abtrotzen, können ihre Kinder auch den „unsittlichen Angeboten“ anderer trotzen und sich gegen sexuelle Übergriffe aus der eigenen Clique durchsetzen. Sie wissen auch, wie sie sich selbst Lust verschaffen können, wenn die Welt mal wieder so trübe aussieht und wie sie Erregung aufschieben können, um sie an anderer Stelle umso heftiger zu genießen.

Die Literaturangaben sind über die Geschäftsstelle erhältlich.

Prof. Dr. Uwe Sielert ist Professor für Pädagogik an der Universität Kiel.