Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Dimensionen von Geschlecht

Von Katinka Schweizer und Hertha Richter-Appelt

Das Geschlecht eines Menschen stellt ein komplexes Konstrukt dar, auch wenn es im Alltagsverständnis als selbstverständliche Gegebenheit erscheint. Eine intensivere Beschäftigung mit der eigenen Geschlechtlichkeit wird oft erst ausgelöst, wenn sie in Frage gestellt, als brüchig, untypisch oder besonders erlebt wird.

Bei genauerer Betrachtung ist das Geschlecht unter biologischen, sozialen, kulturellen und psychologischen Aspekten zu unterscheiden: (1) das biologische Körpergeschlecht; (2) das soziale Geschlecht, das dem Neugeborenen oft bereits schon vor der Geburt nach medizinischer Geschlechtsbestimmung zugewiesen („es wird ein Junge!“) wird; (3) das kulturelle Geschlecht: das Kind wird in eine Kultur hineingeboren, die von bestimmten kulturellen Geschlechtsbildern und einem kulturellen Geschlechtsmodell geprägt ist (z. B. dem Zwei-Geschlechter-System). Schließlich entwickelt das Kind (4) ein psychologisches Geschlecht, das die subjektiven Aspekte des Geschlechtserlebens und -verhaltens umfasst.

Die individuelle Geschlechtsentwicklung eines Kindes vollzieht sich in zwei miteinander verbundenen, aber unterschiedlichen Prozessen, der somatosexuellen und psychosexuellen Entwicklung. Der Begriff der Somatosexualität bezieht sich auf die körperliche Geschlechtsentwicklung. Bereits pränatal bilden sich die körperlichen Geschlechtsmerkmale aus: Auf die genetische Geschlechtsdeterminierung, d. h. die Festlegung des chromosomalen Geschlechts, folgt die Ausbildung der Gonaden (Keimdrüsen) in der Regel zu Ovarien (Eierstöcken) oder Testes (Hoden und Hodensack). Anschließend bilden sich die inneren und äußeren Genitalien aus in Abhängigkeit von der Hormonausschüttung. Erwähnenswert ist, dass die Geschlechtsanlagen etwa bis zur zwölften Schwangerschaftswoche geschlechtsneutral sind, und sie das Potential haben, sich sowohl männlich als auch weiblich zu entwickeln.

Im Folgenden geht es um die Entwicklung der Geschlechtsidentität, die nicht wie lange Zeit angenommen mit dem 18. Lebensmonat abgeschlossen ist, sondern in der frühen Kindheit beginnt und sich bis ins Erwachsenenalter verändern kann. Die psychischen Aspekte des Geschlechtslebens und -verhaltens lassen sich unterteilen in die Konstrukte der Geschlechtsrolle, der Geschlechtsidentität und der sexuellen Orientierung.

In der Geschlechtsrolle, die eine Person trägt und lebt, kommt das kulturell und sozial erwartete geschlechts-typische Verhalten einer Person zum Ausdruck. Sie umfasst angenommene Fähigkeiten, Interessen, Einstellungen und Verhaltensweisen des jeweiligen Geschlechts. Geschlechtsrollen-Vorstellungen unterliegen dabei einem Wandel innerhalb der eigenen und zwischen verschiedenen Kulturen.

Der Begriff der Geschlechtsidentität bezieht sich auf das subjektive Geschlechtserleben einer Person. Darunter wird das subjektive Gefühl eines Menschen verstanden, sich männlich, weiblich oder auch anders (z. B. dazwischen) zu fühlen.

Der Begriff der sexuellen Orientierung bezeichnet die bevorzugte Sexualpartnerwahl einer Person. Ähnliche Konzepte sind die der sexuellen Präferenz und der sexuellen Identität (Dannecker 2004). In der Fachliteratur werden sexuelle Orientierung und sexuelle Präferenz häufig synonym verwendet. Die sexuelle Identität ist erst in der Adoleszenz ausgeprägt und beschreibt das eigene subjektive Erleben als hetero-, homo- oder bisexuell.

Es lässt sich zusammenfassen: Das Konzept der Geschlechtsidentität gibt Antwort auf die Frage: Wer bin ich und wie fühle ich mich – als Mann oder Frau oder auch anders? Hinter der Geschlechtsrolle verbirgt sich die Frage: Wie verhalte ich mich – geschlechtstypisch, rollenspezifisch? Das Konzept der sexuellen Orientierung gehört zu der Frage: Wen begehre ich, wer ist der bevorzugte Sexualpartner?

Entwicklung der Geschlechtsidentität
Die Entwicklungspsychologie hat verschiedene Theorien zur Entwicklung der Geschlechtsidentität hervorgebracht. Wichtige Ansätze aus der psychoanalytischen bzw. psychodynamischen Tradition und aktuellere kognitive und lerntheoretische Modelle werden vorgestellt.

Psychosexuelle Entwicklung bei Freud
Bekanntlich spielt die Geschlechtlichkeit des Menschen in der psychoanalytischen Theorie eine wichtige Rolle. Sigmund Freud (1905), der Begründer der Psychoanalyse, beschreibt eine sehr weit reichende Verwendung und Bedeutung des Begriffs der Psychosexualität. Diese bezieht sich nicht nur auf eine rein genitale (ausgereifte Erwachsenen-)Sexualität, sondern auf alle bereits frühkindlich auftretenden lustvollen Körperempfindungen und -strebungen. So ist auch die von Freud beschriebene und häufig missverstandene infantile oder kindliche Sexualität gemeint im Sinne von lustvoll besetztem Körpererleben. Somit wird Psychosexualität im psychoanalytischen Verständnis vor allem unter dem Aspekt des Lust- oder Unlust-bezogenen Körpererlebens verstanden.

Eine weitere Prämisse der psychoanalytischen Theorie lautet, dass die Kindheitserfahrungen die Grundlage für die Entwicklung der Erwachsenenidentität und -sexualität bilden. Freud ging von einer psychosexuellen Entwicklung aus, die bereits mit der Geburt und nicht etwa erst mit der Pubertät beginnt. Sie läuft in verschiedenen Phasen ab, die er nach denjenigen Organen und Körperzonen benannte, an denen das körperliche Lustempfinden zum jeweiligen Zeitpunkt sein Zentrum hat.

Schon vor Erwerb der Sprache lernt das Kind, dass es unterschiedliche Kategorien von Menschen gibt, Männer und Frauen. Für die Entwicklung der eigenen Geschlechtsidentität ist die Erkenntnis des anatomischen Geschlechtsunterschieds, vor allem aber auch die Anerkennung der eigenen Monosexualität, das heißt die Erkenntnis nur einem Geschlecht anzugehören, von grundlegender Bedeutung. Auch wenn das Wissen um die Geschlechterkonstanz erst mit dem sechsten bis siebten Lebensjahr abgeschlossen ist, sind gerade diese Aspekte für die Anfänge der Entwicklung der Geschlechtsidentität wesentlich.

Eine wichtige Stufe innerhalb des psychoanalytischen Phasenmodells stellt die Bewältigung des Ödipuskomplexes dar (Freud 1924). Im Sinne einer Entwicklungsstufe wird das Erleben um den Ödipuskomplex zeitlich um das vierte/fünfte Lebensjahr angesiedelt, doch er wirkt, je nach Lösung der ödipalen Herausforderungen mehr oder weniger über das gesamte Leben fort. Grundideen der ödipalen Theorie basieren bereits auf einer eindeutigen Unterscheidung der Geschlechter. Die ödipale Entwicklungsaufgabe besteht für das Kind darin, die Generations- und Geschlechtergrenzen anzuerkennen. Idealisierung und Identifizierung sind wesentliche Bestandteile dieser Entwicklungsstufe. Das Kind muss lernen, die elterliche Liebe zu teilen und anerkennen, davon auch ausgeschlossen zu sein. So entwickelt sich die inzwischen vorhandene dyadische Beziehungsfähigkeit weiter zur Fähigkeit, auch trianguläre Beziehungen, im Sinne eines Beziehungsdreiecks (Triangulierung) zu erleben und zu akzeptieren. Das Kind wird eine unterschiedliche Identifikation mit dem gleich- wie dem gegengeschlechtlichen Elternteil erleben.

Aus Freuds eigener, männlicher Sicht ist das ödipale Erleben gekennzeichnet von der Verliebtheit des Sohnes in die Mutter und der Eifersucht gegen den Vater, was affektiv dazu führt, dass der Knabe den Vater (in der Fantasie) aus dem Weg schaffen will. Freud nahm an, dass durch Bewältigung des Ödipuskomplexes sowohl das Erleben von Männlichkeit oder Weiblichkeit als auch die sexuelle Orientierung („Objektwahl“) geformt wird. Ausgehend von der psychischen Bisexualität (Doppelgeschlechtlichkeit) ist das Kind in diesem ödipalen Stadium in der Lage, sich mit beiden Elternteilen und deren Geschlecht zu identifizieren. Aufgrund der Identifikation mit beiden Eltern verinnerlicht das Kind männliche und weibliche Anteile und nimmt diese in die eigene Identitätsentwicklung auf.

Stollers „Kerngeschlechtsidentität“
Nach Freud hat sich die psychodynamische Blickrichtung auf die Frage nach der Entstehung der Geschlechtsidentität um zahlreiche Faktoren erweitert. Frühe Beziehungserfahrungen, die Phantasien der Eltern über die Geschlechtlichkeit des Kindes, kognitive Kompetenzen, Identifizierungen und Selbstkategorisierungen, kulturelle Normierungen und Zuschreibungen haben als Einflussfaktoren an Bedeutung gewonnen. Als eines der vorherrschenden psychoanalytischen Modelle zur Entwicklung der Geschlechtsidentität gilt die Theorie des amerikanischen Psychoanalytikers Robert Stoller (1968). Anders als Freud nahm er an, dass die männliche und weibliche Differenzierung und die Entwicklung des subjektiven Geschlechtserlebens, die Kerngeschlechtsidentität, bereits mit der Geburt startet.

Geschlechtsidentität sensu Stoller umfasst somit bereits ein präverbales Erleben, das darum kreist, einem Körpergeschlecht anzugehören. Zwar nahm auch er an, dass der gesamte Geschlechtsentwicklungsprozess bis in die Adoleszenz reicht, doch gegen Ende des zweiten Lebensjahres sei die Kerngeschlechtsidentität als relativ „konfliktfreie“ innere Gewissheit etabliert; in weiteren Schritten entwickelt sie sich auf höherem symbolischem Niveau weiter.

Stoller zufolge vollzieht sich die primäre Kerngeschlechtsidentitätsentwicklung analog zur Sprachentwicklung des Kindes. Die Kerngeschlechtsidentität entwickelt sich mit zunehmendem Sprachverständnis als geschlechtsgebundenes Selbstkonzept. Wie beim biologischen Konzept der Prägung, in der es ein kritisches Zeitfenster gibt, nahm Stoller an, dass das Erkennen der eigenen Geschlechtlichkeit nach dem 18. Lebensmonat nicht mehr ohne weiteres veränderbar sei. Insgesamt betrachtete er die Entwicklung der Kerngeschlechtsidentität als komplexes Zusammenspiel zwischen verschiedenen biologischen und psychosozialen Faktoren. Als entscheidende Einflussfaktoren nannte er (1) die Eltern-Kind-Beziehung besonders in der frühen Kindheit sowie andere soziale Erfahrungen (z. B. mit Geschwistern); (2) die Wahrnehmung der eigenen äußeren Genitalien durch das Kind und (3) die Kraft der biologischen Geschlechtsvariablen (die Bedeutung biologischer Kräfte wurde ihm anhand seltener Fälle von Intersexualität deutlich, bei denen weder die äußeren Genitalien noch die Geschlechtsrollenzuweisung oder die Einstellungen der Eltern den entscheidenden Einfluss auf die Geschlechtsidentität zeigten). Gleichzeitig betonte Stoller, wie schwierig es ist, die relative Bedeutung der jeweiligen Faktoren für das Entwicklungsergebnis der Geschlechtsidentität zu bestimmen, da jeder einzelne Faktor nicht vom andern getrennt betrachtet werden kann.

Moderne Psychoanalytische Annahmen
Neuere Untersuchungen und Theorien (z. B. Chodorow, 2001) haben gezeigt, dass es eine wichtige Zwischenstufe zwischen „unbewusstem Babyzustand“ und dem Bewusstwerden eigener Geschlechtlichkeit ab dem Kleinkindalter (z. B. „ich bin vielleicht ein Mädchen oder Junge“) gibt. Diese Art „Zwischenphase“ ist durch das Vorhandensein von geschlechtsübergreifenden Vorstellungen gekennzeichnet. Das Auftreten solcher kindlichen Omnipotenzphantasien, beide Geschlechter sein zu können, wird heute als Vorstufe zur Entwicklung einer männlichen oder weiblichen Geschlechtsidentität betrachtet. Es wird angenommen, dass sich Kinder bis zum zweiten Lebensjahr als „geschlechtsübergreifend“ erleben. Diese Vorstellungen können aber auch bis zum dritten oder vierten Lebensjahr bestehen. Beim Jungen äußern sie sich z. B. in der bisexuellen Größenphantasie, später auch Kinder bekommen zu können, beim Mädchen darin, ebenfalls einen Penis zu besitzen, auch wenn dieser gerade nicht sichtbar sei (vgl. Quindeau, 2008).

Erst allmählich lernt das Kind, die eigenen Geschlechtsgrenzen anzunehmen. Für die Geschlechtsentwicklung ist außerdem bedeutsam, dass Eltern sich ihren Töchtern und Söhnen gegenüber unterschiedlich und geschlechtsspezifisch verhielten.

Die Adoleszenz als psychosexuelle Krise: Neben der Bedeutung der ersten Lebensjahre für die Entwicklung der Geschlechtsidentität spielt auch die Bewältigung der adoleszenten Lebensphase eine besondere Rolle. Besonders relevant sind die pubertären Körperveränderungen und die Veränderungen des Selbsterlebens. Die große Entwicklungsherausforderung ist durch den Verlust des kindlichen Körpers gegeben, durch das Wachstum von Genitalien und sekundären männlichen und weiblichen Geschlechtsmerkmalen. So bestehen wichtige Aufgaben in der sukzessiven Integration und Anpassung des eigenen Körperbilds.

Die körperlichen Veränderungen lösen eine starke Verunsicherung aus. Gleichzeitig nimmt in der kognitiven Entwicklung die Fähigkeit zur Selbstreflexion zu, die zusammen mit den rapiden Körperveränderungen und der Wahrnehmung sexueller und erotischer Wünsche zu einem ständigen Beschäftigt-Sein mit der eigenen Person, dem eigenen Aussehen und ggf. zu ängstlicher Befangenheit gegenüber Mitmenschen führen kann. Die eigene Identität entwickelt sich nun aus der Ablösung und Neubewertung bisheriger Identifikationen und durch Integration von Selbstaspekten, die aus verschiedenen Entwicklungsphasen stammen. Dabei spielt die Verankerung von seelischem Erleben in körperlichen Erfahrungen für die Festigung von Identität und Geschlechtsidentität eine wichtige Rolle.

Lerntheoretische und kognitive Modelle der Geschlechtsentwicklung
Einen anderen Blick auf die psychosexuelle Entwicklung bieten die kognitions- und lerntheoretischen Ansätze. Die sozialen Lerntheorien gehen im Wesentlichen davon aus, dass Kinder ihre Geschlechtsrolle und -identität auf zwei Hauptwegen erwerben oder erlernen: zum einen durch direkte Bestätigung und Verstärkung geschlechtstypischer Aktivitäten durch die primären Bezugspersonen, zum andern durch Beobachtungslernen und Imitation gleichgeschlechtlicher Vorbilder.

Besondere Bedeutung kommt der Theorie der Geschlechtsentwicklung von Lawrence Kohlberg (1966) zu. Kohlberg nahm an, dass die Geschlechtsrollenentwicklung vom Stand der kognitiven Entwicklung abhängt, insbesondere von der Entwicklung des kindlichen Verständnisses des Konzepts Geschlecht. Außerdem ging er davon aus, dass Kinder sich aktiv selbst sozialisieren und nicht nur passive Empfänger sozialer Einflüsse sind.

Kohlberg (1966) verstand die Geschlechtsidentität als kognitive Selbstkategorisierung eines Kindes von sich als Junge oder Mädchen. Aus seinen Beobachtungen schloss er, dass Kinder drei Entwicklungsstufen durchlaufen, in denen sie ein allmählich reifendes Verständnis der eigenen Geschlechtlichkeit entwickeln. Im ersten Entwicklungsschritt lernen Kinder, das eigene Geschlecht zu identifizieren und auch andere geschlechtlich zu kategorisieren (Gender labeling). Im Alter von drei Jahren haben sich Kinder unter dem „label“ Junge oder Mädchen eingeordnet. Etwas später, im Alter von ca. vier Jahren, sind sie in der Lage, Geschlecht auch als eine über die Zeit stabile Kategorie anzusehen (gender stability). In diesem Entwicklungsschritt lernen sie, dass Jungen sich (in der Regel) zu Männern und Mädchen zu Frauen entwickeln. Im dritten Schritt (sechstes bis siebtes Lebensjahr) ist das Geschlechtskonzept vollständig internalisiert: das Kind realisiert nun, dass die eigene Geschlechtlichkeit auch in verschiedenen Situationen konsistent bleibt (gender consistency).

Als Kritik wurde diesem Modell entgegengehalten, dass Kinder erste Geschlechtszuordnungen bereits vor dem dritten Lebensjahr vornehmen und auch ein rudimentäres Verständnis von Geschlecht sowie geschlechtstypisches Verhalten zeigen, bevor eine reife und stabile Geschlechtsidentität ausgeprägt ist. Tabelle 1 zeigt ein entsprechend modifiziertes Modell, in dem die ursprünglichen drei Phasen erweitert wurden.

Tabelle 1: Fähigkeiten der Geschlechtsentwicklung
Alter Entwicklungsstufe

15-18 Monate I. Gender labeling/Basic gender identity
24 Monate Gender identity
3-4 Jahre Gender role stereotypes
4 Jahre II. Gender stability
5-6 Jahre III. Gender constancy/consistency
____________________________________________________________ (nach Kohlberg, 1966)

Ein ähnliches Verständnis liegt der so genannten Gender-Schema-Theorie zugrunde. (z. B. Bem, 1983). Ähnlich wie bei Kohlberg wird angenommen, dass die Geschlechtsidentität beim Kind als geschlechtliche Selbst-Sozialisation im Alter von zweieinhalb bis drei Jahren deutlich wird. Ausgehend von einer intrinsichen Motivation, Informationen in Geschlechter-Schemata zu sortieren, entwickeln Kinder zunächst einfache „in-group“- und „out-group“-Schemata. Darauf aufbauend erwerben sie ein zunehmend detailliertes Schema des eigenen Geschlechts („own-sex-schema“), das handlungsleitend für die eigene Geschlechtsrolle und geschlechtskonsistentes Verhalten wird.

Zusammenfassung
Den dargestellten Ansätzen ist gemeinsam, dass sie die Entwicklung der Geschlechtsidentität als einen interaktiven Prozess (zwischen Biologie und Sozialisation) verstehen, in dem sowohl intrapsychische (innerseelische) als auch soziale (zwischenmenschliche) Vergleichs-, Lern- und Identifikationsprozesse eine zentrale Rolle spielen. Sie gehen von einem Differenzierungsprozess aus, in dem die Entdeckung der eigenen Anatomie und das zunehmende Kennenlernen der eigenen Geschlechtlichkeit im zweiten Lebensjahr wichtige Meilensteine darstellen. Dabei gehen die psychoanalytischen Modelle von lebensgeschichtlich früher ansetzenden Prozessen aus, die mit dem vorbewussten Körpererleben beginnen.

Besonderheiten und untypische Geschlechtsentwicklungen: Transsexualität und Intersexualität
Die psychosexuelle Entwicklung, insbesondere die Entwicklung der Geschlechtsidentität im Einklang mit der körperlichen Geschlechtlichkeit, gilt als zentrale Entwicklungsaufgabe des Kindes. Die dargestellten Modelle haben sich auf typische Verläufe bezogen und werden daher anderen Entwicklungsverläufen und Varianten nicht gerecht. Besonderheiten und spezielle Herausforderungen zeigen sich z. B. bei der Transsexualität und der Intersexualität.

Transsexualität (Störungen der Geschlechtsidentität)
Typischerweise wird von biologisch männlichen Kindern erwartet, dass sie auch eine männliche Geschlechtsidentität entwickeln und von biologisch eindeutigen Mädchen, dass sie sich weiblich fühlen. Beim Phänomen der so genannten Transsexualität ist dies nicht der Fall. Menschen mit transsexuellem Erleben leiden darunter, „im falschen Körper“ geboren zu sein. Sie haben zwar meist das Gefühl einer psychischen Geschlechtszugehörigkeit, diese entspricht aber nicht ihrem Körpergeschlecht. Man spricht hier daher von Störungen der Geschlechtsidentität. Aufgabe von klinischen Experten (psychiatrischen Fachärzten, Psychologen, Gender-Teams) ist es, herauszufinden, ob es sich um eine vorübergehende Entwicklungsbesonderheit handelt oder um eine dauerhafte Störung der Geschlechtsidentität. Nach eingehender Diagnostik entscheiden sie ggf. über eine das Geschlecht umwandelnde medizinische Behandlung. Dieses Vorgehen ist bei erwachsenen transsexuellen Personen inzwischen fachlich gut etabliert. Die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit transsexuellem Erleben hingegen wird kontrovers diskutiert.

Intersexualität und Besonderheiten der somatosexuellen Entwicklung
Anders als Kinder und Erwachsene mit Transsexualität, die nach bisheriger Kenntnis ein „unauffälliges“ oder eindeutiges Körpergeschlecht haben, zeigen Kinder mit so genannter Intersexualität bei der Geburt oder zu einem späteren Zeitpunkt körperliche Geschlechtsmerkmale (z. B. Gonaden, Genitalien, Chromosomen), die nicht alle einem Geschlecht entsprechen (Richter-Appelt 2007). Intersexualität (oder auch divergences/disorders of sex development, DSD) ist ein Überbegriff und umfasst eine Vielzahl von verschiedenen angeborenen Besonderheiten. Die medizinische Behandlungspraxis sah bis in die jüngste Zeit vor, Kinder, bei denen eine intersexuelle „Diagnose“ erkannt wurde, schnellstmöglich einem Geschlecht zuzuweisen und sie durch medizinische Eingriffe wie Genitaloperationen, die Entfernung von Gonaden und Gabe von künstlichen Sexualhormonen dem Zuweisungs- und Erziehungsgeschlecht anzupassen und Auffälligkeiten zu beseitigen. Davon versprach man sich u. a., eine untypische psychosexuelle Entwicklung vermeiden zu können. Inzwischen wird dieses Vorgehen aufgrund ethischer Bedenken sowie Kritik aus Selbsthilfebewegung und Wissenschaft stark in Frage gestellt (Richter-Appelt und Schweizer 2010).

Außerdem wissen wir von bisherigen Untersuchungen, dass die Vorhersage darüber, ob Personen mit Intersexualität im Erwachsenenalter eine weibliche oder männliche Geschlechtsidentität entwickeln, bei nahezu keiner Intersexform möglich ist. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass Personen mit biologisch bedingter Intersexualität auch ganz individuelle Geschlechtsidentitäten, z. B. zwischengeschlechtliche oder gemischte (sich gleichzeitig männlich und weiblich zu fühlen) oder andere (z. B. weder männlich noch weibliches Erleben) entwickeln und vielfältige Begriffe verwenden, um ihr Geschlechtserleben zu beschreiben. Dies hat auch die Hamburger Studie zur Intersexualität gezeigt (Leitung: Hertha Richter-Appelt, Brinkmann et al. 2007). Somit ist fraglich, ob die Kategorien männlich und weiblich zur Beschreibung des Geschlechtserlebens von intersexuellen Personen überhaupt ausreichen. Vielmehr geht es um die Anerkennung des individuellen, ggf. intersexuellen Geschlechtserlebens bei Personen mit Intersexualität, welches die früheren Behandlungsansätze zur Korrektur geschlechtlicher Abweichungen hinterfragt (Schweizer und Richter-Appelt 2009).

Die Literaturangaben sind über die Geschäftsstelle erhältlich.

Dr. Katinka Schweizer ist Psychologische Psychotherapeutin und Mitarbeiterin am Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Prof. Dr. Hertha Richter-Appelt ist Psychologische Psychotherapeutin und Psychoanalytikern, Gleichstellungsbeauftragte der Medizinischen Fakultät Hamburg Eppendorf und stellvertretende Leiterin des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.