Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Doktorspiele oder sexuelle Übergriffe?

Von Ursula Enders

Doktorspiele gehören zur normalen Entwicklung von Kindern im Vor- und Grundschulalter. Bereits im Alter von wenigen Monaten entdecken Babys ihren Körper und ihre eigenen Geschlechtsorgane. Schon sehr junge Kinder berühren ihre Vagina oder ihren Penis und genießen die damit verbundene Entspannung. Kindlich-sexuelle Handlungen werden in den ersten Lebensjahren nicht bewusst als „sexuell“ im erwachsenen Sinn wahrgenommen. Kinder nehmen über sexuelle Handlungen Kontakt auf und wünschen sich körperliche Nähe, Zärtlichkeit und Geborgenheit.

Im zweiten Lebensjahr nehmen die kindlichen sexuellen Aktivitäten zu. Viele Mädchen und Jungen mögen es, nackt zu sein, sich in Gegenwart anderer auszuziehen und finden zum Beispiel heraus, dass sie durch Reiben und Anfassen ihrer Geschlechtsorgane sich selbst stimulieren können. Zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr beginnen Mädchen und Jungen, andere in ihre sexuellen Handlungen einzubeziehen. Viele Kinder dieser Altersstufe untersuchen und zeigen die eigenen Geschlechtsorgane und sind an denen anderer Kinder interessiert. Sie haben Begriffe für die Geschlechtsorgane, entdecken Geschlechtsunterschiede und erleben sich selbst als Mädchen oder Junge. Ab dem vierten Lebensjahr wächst das Interesse von Kindern an den Unterschieden zwischen Frau und Mann, an Zeugung und Geburt. Sie übernehmen umgangssprachliche Begriffe aus dem Bereich der Sexualität und stellen neugierig viele Fragen.

Die meisten drei- bis sechsjährigen Mädchen und Jungen spielen Doktorspiele – Kinder im Grundschulalter zunehmend weniger. Ab dem vierten Lebensjahr finden Doktorspiele häufig in Form von Rollenspielen statt: Arztspiele oder Vater-Mutter-Kind-Spiele. Die Kinder untersuchen ihre Geschlechtsorgane, imitieren das Verhalten von Erwachsenen (Händchen halten, knutschen, heiraten) und spielen Zeugungs- und Geburtsszenen. Parallel zu einer zunehmenden Sexualisierung der Gesellschaft ist zu beobachten, dass Kinder im Vorschulalter zunehmend orale sexuelle Handlungen ausprobieren. Im Rahmen von „Doktorspielen“ stecken sich Mädchen und Jungen im Vorschulalter häufig Stifte oder andere Dinge in die Körperöffnungen – auch unter die Vorhaut, in die Vagina und in den Anus. Dabei kann es zu unbeabsichtigten Verletzungen kommen. Doktorspiele werden unter Kindern gleichen Alters oder gleichen Entwicklungsstandes mit maximal zwei Jahren Altersunterschied gespielt. Es sind gleichberechtigte und gegenseitige Spiele. Das heißt: Die Initiative geht dabei nicht nur von einem Kind aus, und kein Kind ordnet sich einem anderen unter. Sie finden eher unter Freundinnen und Freunden als unter Geschwistern statt.

Doktorspiele können die Entwicklung einer selbstbestimmten, lustvollen Sexualität fördern. Spielerisch entdecken Mädchen und Jungen ihre persönlichen Grenzen. So kann es für ein Kind zum Beispiel sehr genussvoll sein, im Rahmen einer „Doktorspiel-Untersuchung“ zärtlich gekitzelt zu werden; für ein anders Kind ist dies unangenehm. Ob Kinder im Doktorspiel ihre Grenzen wahrnehmen und setzen und die Grenzen der anderen achten können, hängt wesentlich von der Erziehungshaltung und den Reaktionen der Erwachsenen auf Doktorspiele ab. Viele Pädagog(inn)en reagieren verunsichert auf Doktorspiele. Einigen ist die Beobachtung sexueller Handlungen unter Kindern peinlich; sie sehen bewusst oder unbewusst weg. Andere haben Angst, auf Doktorspiele positiv zu reagieren: Sie sind in Sorge, positive Reaktionen würden ein zu starkes Interesse an Sexualität fördern. Wiederum andere vernachlässigen aus einer falsch verstandenen Offenheit die Vermittlung klarer Regeln für Doktorspiele. Kinder brauchen jedoch eindeutige Regeln, um im Doktorspiel ihre eigenen persönlichen Grenzen vertreten und die Grenzen der anderen Mädchen und Jungen wahrnehmen und achten zu können.

Sexuelle Übergriffe unter Kindern sind sexuelle Handlungen, die wiederholt, massiv und/oder gezielt die persönlichen Grenzen anderer Kinder verletzen. Einmalige unbeabsichtigte Verletzungen im Rahmen kindlicher Doktorspiele sind noch kein Grund zur Besorgnis. Treten jedoch wiederholt Verletzungen auf, sind Kinder unterschiedlicher Altersstufen beteiligt und/oder missachten Mädchen und Jungen trotz pädagogischer Interventionen die ihnen bekannten Regeln für Doktorspiele, so ist dieses Verhalten als sexuell übergriffig zu bewerten.

Keinesfalls ist wiederholt oder gezielt sexuell übergriffiges Verhalten Folge eines zufällig beobachteten Geschlechtsverkehrs oder einer einmaligen zufälligen Konfrontation mit pornografischem Bildmaterial. Sexuelle Übergriffe unter Kindern können ein Hinweis auf eigene sexuelle Gewalterfahrungen durch andere Kinder, Jugendliche oder Erwachsene sein – innerhalb und außerhalb der Familie. Oftmals hat übergriffiges Verhalten jedoch andere Ursachen, zum Beispiel:
– emotionale Vernachlässigung;
– körperliche Gewalterfahrungen in und außerhalb der Familie;
– psychische Gewalterfahrungen;
– Mobbing-Erfahrungen;
– Zeugenschaft von (häuslicher) Gewalt;
– und/oder eine die persönlichen Grenzen von Kindern missachtende Umgangsweise in pädagogischen Einrichtungen.

Betroffene Mädchen und Jungen sind Opfer, übergriffige Kinder jedoch keine Täter!
Von sexuellen Übergriffen betroffene Kinder bezeichnet man als Opfer. Viele betroffene Mädchen und Jungen erleben sexuelle Übergriffe durch gleichaltrige und ältere Kinder als Ohnmachtserfahrungen – insbesondere wenn sie durch körperliche Gewalt oder Erpressungen zu Handlungen gezwungen wurden (zum Beispiel: „Wenn du nicht mitmachst, bin ich nicht mehr dein Freund!“).

Neben dem Begriff „Opfer“ hat sich in Fachkreisen der Begriff „sexuell übergriffige Kinder“ durchgesetzt. Man wird sexuell grenzverletzenden Mädchen und Jungen nicht gerecht, wenn man sie als „Täterin“ oder „Täter“ kriminalisiert und ihre Handlungen als „Missbrauch“ bezeichnet. Eine solche Kriminalisierung verschärft in vielen Fällen Konflikte unter den Erwachsenen, die dann oftmals so stark mit gegenseitigen Beschuldigungen beschäftigt sind, dass sie die Kinder aus dem Blick verlieren.

Sexuelle Übergriffe unter Kindern und Kindeswohlgefährdung
Wiederholt oder gezielt sexuell übergriffiges Verhalten von Kindern im Vor- und Grundschulalter darf nicht bagatellisiert werden und ist als ein möglicher Hinweis auf eine akute Gefährdung des Kindeswohls entsprechend § 8a SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz) zu bewerten. Pädagog(inn)en sind folglich rechtlich verpflichtet, frühzeitig mit Fachberatungsstellen oder dem Jugendamt zusammenzuarbeiten. Keineswegs reicht es im Falle wiederholter oder gezielter sexueller Übergriffe aus, mit den Eltern der Kinder zu sprechen, die Mädchen und Jungen zur Einhaltung der Regeln für Doktorspiele zu ermahnen oder sozialpädagogische Unterstützung anzubieten, sondern es besteht ebenso die Notwendigkeit einer klinischen Diagnostik.

Eine Kooperation mit einer Fachberatungsstelle, einer kinderpsychiatrischen Ambulanz oder dem Jugendamt im Sinne des SGB VII §8a sollte zum Beispiel erfolgen, wenn ein Mädchen/Junge
– an Doktorspielen ein größeres Interesse als an anderen altersgemäßen Spielen und Aktivitäten hat;
– eine extrem sexualisierte Sprache benutzt und wiederholt andere Kinder oder Erwachsene mit sexistischen Schimpfwörtern demütigt;
– wiederholt versucht, fremde oder uninteressierte Kinder in Doktorspielen zu einzubeziehen – das heißt: über sexuelle Handlungen Kontakt aufnimmt;
– wiederholt versucht, andere Kinder dazu zu überreden, die eigenen Geschlechtsteile oder die anderer Kinder zu berühren;
– wiederholt andere Kinder zu Praktiken der Erwachsenensexualität auffordert;
– kein Verständnis für die Rechte anderer Kinder auf sexuelle Selbstbestimmung entwickeln kann;
– sich selbst oder andere wiederholt oder gezielt an den Genitalien verletzt;
– andere Kinder zu Doktorspielen überredet, mit Geschenken/Versprechungen besticht, mit Drohungen erpresst oder körperlicher Gewalt zwingt;
– anderen Kindern – unter Anwendung von verbalen Drohungen oder körperlicher Gewalt – ein Schweigegebot über die sexuellen Handlungen auferlegt.

Pädagogisches Vorgehen bei sexuellen Grenzverletzungen/Übergriffen unter Kindern
Sexuelle Grenzverletzungen kommen in allen pädagogischen Einrichtungen mehr oder weniger häufig vor. Das Ausmaß ist jedoch u. a. abhängig von institutionellen Strukturen und der pädagogischen Konzeption der jeweiligen Einrichtung. Klare institutionelle Strukturen und in der sexualpädagogischen Konzeption verbindlich festgelegte Regeln für Doktorspiele erleichtern es Mädchen und Jungen, sich gegen sexuelle Grenzverletzungen zu wehren und sich bei anderen Kindern und Erwachsenen Hilfe zu holen.

Die Erwachsenen sind für den Schutz von Kindern verantwortlich und müssen bei sexuellen Grenzverletzungen/Übergriffen unter Kindern aktiv eingreifen:

(1) Sexuelle Grenzverletzungen unter Kindern müssen von Erwachsenen gestoppt und die beobachteten Handlungen benannt werden, ohne dass die Art und Weise die beteiligten Kinder abwertet oder beschämt.

(2) Betroffene Mädchen und Jungen als auch sexuell übergriffige Kinder sind behutsam und sachlich in Einzelgesprächen zu befragen. Eine sachliche Klärung der groben Handlungsabläufe unmittelbar nach der Aufdeckung beugt Konflikten in der Elternschaft vor.

(3) Die Aufforderung von Erwachsenen, übergriffige Kinder mögen sich entschuldigen, schadet oftmals betroffenen Mädchen und Jungen. Kindern wird nicht selten vermittelt, dass man Entschuldigungen annehmen, Fehler verzeihen und „dann alles vergessen“ soll. Leider ist auch nach einer Entschuldigung noch längst nicht „alles wieder gut“: Von sexuellen Übergriffen betroffene Kinder leiden häufig unter Schuldgefühlen und Ängsten oder sind wütend oder traurig. Einige belastet es in besonderem Maße, dass sie entgegen der Aufforderung der Erwachsenen die Entschuldigung nicht wirklich annehmen und auch nicht alles vergessen können. Sexuell übergriffige Kinder im Vor- und Grundschulalter haben wenig Verständnis für die Gefühle der betroffenen Mädchen und Jungen. Sie entschuldigen sich häufig nur, um von den Erwachsenen „in Ruhe gelassen“ zu werden. Anschließend verüben sie nicht selten weitere sexuelle Übergriffe – verheimlichen diese allerdings geschickter, sodass die Pädagog(inn)en nichts mehr davon mitbekommen.

(4) Sexuelle Grenzverletzungen/Übergriffe können für betroffene Kinder oder kindliche Zeug(inn)en sehr belastend sein – auch wenn die Handlungen aus Sicht der Erwachsenen relativ harmlos waren.

(5) Wiederholte oder gezielte sexuelle Übergriffe eines Kindes können viele verschiedene Ursachen haben. Das Gespräch mit den Eltern eines sexuell übergriffigen Kindes sollten mit fachlicher Unterstützung einer Fachberatung oder einer Beratungsstelle vorbereitet werden.

Kooperation mit Müttern und Vätern
Sexuelle Übergriffe durch Kinder im Rahmen von Doktorspielen sind häufig Auslöser für Konflikte innerhalb der Elternschaft einer Institution (zum Beispiel in der Kita). Nicht selten kommt es zu massiven körperlichen und/oder verbalen Attacken bis hin zu gerichtlichen Auseinandersetzungen zwischen den Eltern der betroffenen und denen der übergriffigen Kinder. Gegenseitige Beschuldigungen und eine ausgeprägte Gerüchteküche binden oftmals die Aufmerksamkeit der Mütter und Väter sowie der pädagogischen Fachkräfte in so einem starken Maße, dass diese die Kinder mehr oder weniger aus dem Blick verlieren.

Ebenso entstehen nach der Aufdeckung sexueller Übergriffe unter Kindern in vielen Fällen Konflikte zwischen pädagogischen Fachkräften und Elternschaft. Sehr häufig werden die Mütter und Väter, die als erstes die Übergriffe klar benennen, von den ehren- oder hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als „besonders schwierig“ abgestempelt. Während die Eltern es als Vertrauensmissbrauch bewerten, dass Pädagog(inn)en ihrer Einschätzung nach ihrer Aufsichtspflicht nicht genügend nachgekommen sind, bagatellisieren die meisten pädagogische Fachkräfte in konkreten Einzelfällen das Ausmaß der sexuellen Gewalt unter Kindern: So schützen sie sich selbst vor der Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass unter ihrer Aufsicht „ohne ihr Wissen hinter ihrem Rücken so etwas passieren“ konnte bzw. dass sie selbst Hinweise der betroffenen Mädchen und Jungen zum Beispiel entsprechend der Vorgabe „Du sollst nicht petzen!“ im Keime erstickt und nicht genügend ernst genommen haben. Auch unterschätzen viele pädagogische Fachkräfte das Ausmaß wiederholter oder gezielter sexueller Übergriffe, da viele kindliche Opfer sexueller Gewalt häufig erst mit zeitlicher Verzögerung unter erkennbaren Folgen leiden. In vielen Fällen sind von sexuellen Übergriffen unter Kindern wesentlich mehr Mädchen und Jungen betroffen, als die pädagogischen Fachkräfte zunächst vermuten.

Die Erfahrung von Zartbitter Köln zeigt, dass wiederholte sexuelle Grenzverletzungen innerhalb einer Kindergruppe auch ein Hinweis darauf sein können, dass die Mädchen und Jungen zuvor sexuelle Gewalt durch eine(n) erwachsene(n) Mitarbeiter(in) oder durch ein größeres Kind oder einen Jugendlichen innerhalb der Einrichtung erlitten haben.

Mädchen und Jungen, die sexuelle Übergriffe in pädagogischen Einrichtungen erlebt haben, vertrauen sich eher ihren Eltern an als den Pädagog(inn)en. Nach der Aufdeckung wiederholter oder gezielter sexueller Übergriffe unter Kindern müssen deshalb alle Mütter und Väter der Kindergruppe über die Vorfälle in einer Form informiert werden, die die Intimsphäre einzelner Kinder nicht verletzt. Die Eltern der Kindergruppe brauchen Tipps, wie sie mit ihren Töchtern und Söhnen die Problematik kindgerecht ansprechen können. Sollte sich herausstellen, dass weitere Kinder betroffen sind, so brauchen auch deren Mütter und Väter Informationen über Möglichkeiten der Hilfe.

Bei sexuellen Übergriffen unter Kindern sollten pädagogische Einrichtungen in jedem Fall eine therapeutisch qualifizierte Fachkraft einer Beratungsstelle für eine Zusammenarbeit gewinnen, die Erfahrungen sowohl in der Arbeit mit kindlichen Opfern sexueller Übergriffe als auch im Umgang mit sehr belastenden Gruppendynamiken hat. Mit dieser Fachkraft ist abzuklären, ab welchem Zeitpunkt innerhalb der Kindergruppe Präventionsarbeit gegen sexuelle Übergriffe wieder möglich ist. Eine solche setzt die Aufarbeitung der unmittelbaren Gewalterfahrung der betroffenen Mädchen und Jungen und die Zeugenschaft der anderen Kinder voraus. Im pädagogischen Alltag ist zu beobachten, dass auch bei sehr massiven sexuellen Übergriffen unter Kindern häufig pädagogische Fachkräfte unmittelbar nach der Aufdeckung Präventionsprojekte durchführen – meist die gleichen Fachkräfte, die zuvor die Hinweise der betroffenen Mädchen und Jungen bagatellisiert oder gänzlich überhört haben. Eine solche Vorgehensweise belastet nicht nur Opfer, sondern es ist auch für andere Mädchen und Jungen extrem irritierend und schwächt die Widerstandskraft vieler Kinder.

Seit 1995 arbeitet Zartbitter Köln zu dem Schwerpunktthema „Sexuelle Übergriffe unter Kindern“. Die Bitte um Beratung und Therapie in Fällen sexueller Gewalt unter Kindern macht inzwischen 40 Prozent aller Beratungsanfragen von Zartbitter aus.

www.zartbitter.de

Doktorspiele oder sexuelle Übergriffe?
Informationsbroschüre für Mütter und Väter, die grundlegende Informationen über kindliche Doktorspiele als auch sexuelle Übergriffe vermittelt und Eltern Tipps gibt, wie sie betroffene als auch übergriffige Kinder unterstützen können.
Zu beziehen gegen einen mit 1,54 € frankierten Rückumschlag über
Zartbitter, Sachsenring 2-4, 50677 Köln.

Ursula Enders ist Dipl.-Pädagogin, Traumatherapeutin und Leiterin von Zartbitter Köln.