Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Spielen: Grundform des Lebens

Das kindliche Spiel als Motor der Persönlichkeitsentwicklung

von Leona Maywald

„Und wir spielten und spielten und spielten, so dass es das reine Wunder ist, das wir uns nicht tot gespielt haben.“ Astrid Lindgren, Das entschwundene Land

Zum Leben jedes Kindes gehört das Spiel. Alle Kinder haben von Geburt an die Bereitschaft zum Spielen. Wenn Erwachsene an die Spiele ihrer Kindheit denken, gelingt es ihnen bisweilen, den besonderen Zauber zu spüren, der damit verbunden war. Dann tauchen sie vielleicht wieder ein in die sagenhaften Märchenschlösser, abenteuerlichen Expeditionen und wilden Scharmützel, in denen immer wieder neue Fabelwesen erschienen, losgelöst von Zeit und Raum. Auch wenn Erwachsene die Fantasiewelten ihrer Kindheit längst verlassen haben, so bleiben ihnen diese dennoch als innere Kraftquelle erhalten, die hilft, Herausforderungen des Lebens zu meistern.

Wenn wir ein Kind beim Spielen beobachten, fällt eine bestimmte Art seiner Vertiefung auf, ein Zustand gleichzeitiger Zugewandtheit und Zurückgezogenheit, die der Konzentration Erwachsener ähnelt. Das ins Spiel versunkene Kind geht ganz in seiner Tätigkeit auf. Der Verlauf der Spielhandlung schreitet flüssig voran. Die Konzentration erfolgt wie von selbst. Die Zeit wird weitgehend ausgeblendet. Spielen entspringt einer inneren Motivation des Kindes, die keinen äußeren Antrieb benötigt.

Spiel lässt sich als eine Tätigkeit mit Selbstzweck charakterisieren. Die Wirklichkeit wird umgestaltet zu einer Fantasiehandlung, die alle Möglichkeiten offen hält. Häufig werden die Spielszenarien wiederholt und bekommen den Charakter eines Rituals. Spiel ist nicht nur Lustgewinn und Mittel zur Bedürfnisbefriedigung. Die biologischen und anthropologischen Wurzeln liegen viel tiefer.

Warum Kinder spielen
In der Evolution hat sich das Spiel bereits bei Säugetieren herausgebildet. Aus biologischer Sicht ist Spielen ein Grundbedürfnis und zentrales Verhaltenssystem des Menschen. Für das aktuelle Erleben eines Kindes ist es ebenso bedeutsam wie für die Persönlichkeitsentwicklung. Das Kind lernt im Spiel, sich mit seiner Umwelt vertraut zu machen, sie zu begreifen und zu bewältigen. Aus Sicht des Entwicklungspsychologen Jean Piaget ist das Spiel eng verknüpft mit der geistigen Entwicklung des Kindes. Im Spiel gestaltet das Kind seine Neugier auf die Umwelt, seine Art und Weise, sie zu erforschen, seine Leistungsmotivation. Neugier, Freude und Begeisterung speisen sich aus der inneren Motivation eines Kindes. Diese wiederum wird genährt aus dem frühen spielerischen Zusammensein mit seinen Eltern. Hierbei lernt schon der Säugling, seine Emotionen zu regulieren und neue Fähigkeiten zu erproben. Auf einer späteren Entwicklungsstufe – dem Symbolspiel – unternimmt das Kind mentale Probehandlungen und löst dadurch besser soziale Konflikte.

Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, beschreibt die Wunsch erfüllende Funktion des Spiels. Diese erlaubt dem Kind, den Zwängen der Realität zu entfliehen. Sie ermöglicht das Ausleben von Bedürfnissen, vor allem aggressive Impulse, die mit den Gesetzen der Umwelt kollidieren. Durch die Wiederholung im Spiel kann das Kind bedrohliche Situationen beherrschen. Der englische Psychoanalytiker Donald W. Winnicott hält Spiel sogar für eine Universalie. Er versteht Spiel als Ausdruck von Gesundheit und ist der Auffassung, dass ohne Spiel keine Kommunikation, kein Austausch, keine wirklichen Beziehungen und damit kein Gefühl von Lebendigkeit möglich sind. Der Entwicklungspsychologe Rolf Oerter wiederum geht davon aus, dass Spielen hilft, genau diejenige Anpassungsfähigkeit zu gewinnen, die im späteren Leben notwendig ist, um die unterschiedlichsten Herausforderungen zu bewältigen. Mit all diesen Überlegungen wird dem Spiel ein tieferer Sinn zugewiesen: Es übernimmt Aufgaben der Lebensbewältigung zu einem Zeitpunkt, da dem Kind andere Möglichkeiten noch nicht zur Verfügung stehen.

Frühe Formen des Spiels
Ab wann können Kinder spielen? Die moderne Säuglingsforschung hat gezeigt, dass ein Baby bereits mit erstaunlichen Kompetenzen zur Welt kommt. Von Geburt an verfügt es über eine Reihe von Fähigkeiten, seine Umwelt wahrzunehmen, diese Wahrnehmungen zu speichern und nach Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen zu sortieren. Daraus bildet es dann Erwartungen, die es ständig überprüft und korrigiert. Es entdeckt Regeln und stimmt sein eigenes Verhalten darauf ab.

Schon kurz nach der Geburt imitiert ein Baby seine Eltern. Nachahmung ist ein wichtiger Baustein der Kommunikation, denn damit versetzt sich das Kind in seine Eltern. So nimmt es deren Verhaltensmuster wahr und auch die Gefühle, die dadurch bei ihm ausgelöst werden. Mit Hilfe der Imitation baut der Säugling seine angeborenen Kapazitäten ständig aus.

Vom Spielen kann man dann sprechen, wenn der Säugling durch absichtsvolle Betätigung etwas in seiner Umwelt verändert. Das ist in der Regel mit drei bis vier Monaten der Fall. Das Baby hat nun durch erste Greifversuche, zum Beispiel nach Klanghölzchen, die Erfahrung gemacht, dass es immer neue Klangvariationen hervorbringt, wenn es die Hölzchen in Bewegung setzt. Natürlich sind seine kognitiven Fähigkeiten noch nicht voll ausgebildet. Deshalb haben die Eltern in den ersten Monaten die wichtige Aufgabe, ihrem Kind die Umwelt in spielerischer Weise zu vermitteln. Auch sie haben die Fähigkeit, intuitiv das Richtige zu tun. Ohne nachzudenken nehmen Eltern im Kontakt mit ihrem Kind zum Beispiel genau den passenden Sichtabstand von ca. 20 cm ein, bei dem Neugeborene über eine optimale Sichtweise verfügen. Wie automatisch sprechen sie in höherer Tonlage, tragen einfache Sätze in häufiger Wiederholung vor. Ihre Anregungen variieren zwischen Wiederholung und Abwechslung, Bekanntem und Unbekannten. Damit bieten sie ihm eine Kette von Anreizen, die nicht abreißt.

Beim Säugling kommt es so zu bestimmten Erwartungen und auch immer wieder zu Überraschungseffekten, die dem Spiel einen besonderen Reiz geben. Das gemeinsame Spielen des Babys mit seinen Eltern enthält also schon alle wichtigen Elemente des Spiels: Erwartung über dessen Ablauf, Freude über deren Erfüllung, Verfremdungseffekte mit einer Spur von Lustangst, wenn die Eltern neue Anreize einbringen. Das einfache Guck-Guck-Da-Spiel enthält alle diese Komponenten. Das Baby wird in die Lage versetzt, Zusammenhänge zwischen Ereignissen aus der Umwelt und seinem eigenen Handeln zu entdecken. Immer wieder stellt es Vermutungen an, die sich erfüllen oder nicht. Wenn sie sich erfüllen, freut es sich, wenn nicht, korrigiert es seine Tätigkeiten entsprechend. Das Baby macht die Entdeckung von Urheberschaft. Es spürt: „Ich kann etwas bewirken!“ Damit wird durch diese Art des Spiels die Grundlage für Selbstwirksamkeit, zielgerichtetes Handeln und Willenskraft geschaffen.

Das Spiel mit der Zunge
Benjamin (3 Monate) richtet seine wachen, weit geöffneten Augen neugierig auf seine Mutter Miriam. Als es ihm gelingt, ihren Blick einzufangen, lächelt er. Intuitiv liest Miriam aus seiner Körpersprache heraus, dass er nun bereit ist für ein kleines Spiel. Spielerisch neckend streckt sie ihm die Zunge heraus. Fasziniert ahmt Benjamin sie nach und streckt seinerseits die Zunge heraus. Miriam reagiert darauf mit freudiger Überraschung. Benjamin fühlt sich bestätigt und schaut gespannt auf den Mund seiner Mutter. Diese enttäuscht ihn nicht und zeigt erneut in leicht variierter Weise ihre Zunge. Nun strahlt Benjamin begeistert, weil seine Erwartung erfüllt worden ist. Das gegenseitige Imitieren geht eine Weile wie bei einem Pingpongspiel hin und her, bis es einen Höhepunkt erreicht: Benjamin und Miriam lachen und jauchzen nun laut. Schließlich wendet Benjamin kurz den Blick ab. Damit signalisiert er seiner Mutter, dass er nun eine kurze Erholungspause benötigt. Miriam nimmt dies wahr und wartet geduldig eine Weile, bis Benjamin wieder bereit ist zu einem neuen Spiel.

Wenn man den frühen spielerischen Dialog zwischen Eltern und Kind beobachtet, erinnert dies an die Schönheit eines zyklischen Tanzes: Es gibt einen Beginn, einen Höhepunkt und ein Ende. Bei diesem Tanz kommt es zu einem Hin und Her von Anreizen und gegenseitiger Nachahmung, bis ein optimaler Erregungszustand erreicht ist. Es entsteht nun ein Selbsterleben von großer Freude und Spannung beim Kind. Zu diesem lustvollen Erleben kann das Baby gelangen, wenn die Eltern die Intensität und Dauer ihrer Anregungen sorgfältig dosieren, das heißt, wenn sie ihm nur anbieten, was seinem Entwicklungsalter, seiner momentanen Stimmung und Befindlichkeit entspricht. Wenn der spielerische Dialog dann seinen Höhepunkt erreicht hat, ebbt er ab, indem der Säugling durch Wegschauen oder Abwenden des Kopfes seinen Eltern nun signalisiert, dass er genug hat und Erholung braucht. Dies ist einer der ersten Akte der Selbstbehauptung des Kindes. Im positiven Fall setzen die Eltern dem Säugling nun nicht nach, sondern warten geduldig, bis er zu einem neuen Spielzyklus bereit ist. Beim gemeinsamen Spiel spiegeln die Eltern die Gefühle des Säuglings einfühlsam. Das Baby bringt seine Eltern mit seinem Blickverhalten, seiner Mimik und Motorik dazu, es zu stimulieren oder zeigt ihnen, wenn es ein anderes Stimulationsniveau wünscht. Dieser Gefühlszustand, den das gemeinsame Spiel bewirkt, schwillt in regelmäßigen Rhythmen an und ab. Durch die langsame Steigerung des Intensitätsniveaus gestaltet sich eine Spirale positiver gegenseitiger Bestätigung. Nicht nur das Kind erwirbt ein Gefühl hoher Selbstwirksamkeit, sondern auch die Eltern fühlen sich in ihrer Kompetenz als Eltern anerkannt, sind zufrieden und genießen ihr Baby.

In diesem zyklischen Tanz ist ein Element enthalten, das für die seelische Gesundheit eines Kindes unverzichtbar ist: die gegenseitige Affektabstimmung. Sie entspricht einer Art Intuition von Eltern und Kind. Der Säugling ist auf einen anderen angewiesen, der sein Selbsterleben reguliert, um sich dann nach und nach selbst regulieren zu können. Durch die Nachahmung und die Spiegelung der Gefühle des Babys tragen die Eltern zur Gefühlsregulierung ihres Kindes bei. Es kommt zu einer aktuellen Regulierung. Gefühle, die das Baby überreizen oder verängstigen, werden von den Eltern wahrgenommen und in einer Weise zurückgespiegelt, die sie für das Kind erträglich machen und es wieder in ein emotionelles Gleichgewicht pendeln lassen. Außerdem fördert dieses Spiegeln einen Prozess der Bewusstwerdung über seine eigenen Gefühlszustände und somit die Ausbildung von komplexen inneren Bildern über sich selbst und seine Umwelt. Auf der Grundlage dieser inneren Bilder entwickelt das Kind ein Selbstempfinden. Nur mit dessen Hilfe ist es später in der Lage, seine eigenen Gefühle zu identifizieren und sich in andere Menschen einzufühlen.

Ein wichtiger Bestandteil einer gelungenen Affektabstimmung ist das Markieren. Dies ist ein betont spielerischer Umgang mit den Gefühlen, die das Baby zeigt. Diese Affekte werden in übertriebener, dramatisierter Weise von den Eltern wieder gegeben. Wenn Erwachsene miteinander so kommunizieren würden, erschiene dies bizarr. Das Baby aber ist auf diese übertriebene Spiegelung angewiesen, weil es dadurch lernt, dass es sich bei den Eltern um einen Als-Ob-Affekt handelt, also um einen Affekt, der nicht wirklich ihrer ist. So erkennt das Kind, das es sich bei dem markierten Affekt um seinen eigenen handelt. Es kann also den elterlichen Affekt von seinem eigenen entkoppeln und ihn als Ausdruck seines eigenen wahrnehmen.

In dieser frühen Spielform geht es um das Erlernen der emotionalen und körperlichen Selbstregulation im spielerischen Dialog und der wechselseitigen Affektabstimmung mit den Eltern. Sie ereignet sich innerhalb der ersten beiden Lebensjahre. Hier werden die Grundlagen der kindlichen Spielfähigkeit gelegt.

Wie Eltern das frühe Spiel fördern können
In der Regel können Eltern auf die angeborenen Kompetenzen ihres Babys und auf ihre eigenen intuitiven Fähigkeiten vertrauen. In den meisten Fällen haben sie all diese wunderbaren Fertigkeiten in ihrer frühen Kindheit erworben. Diese angeborenen und intuitiv zur Verfügung stehenden Programme sichern einen wechselseitigen Anpassungsprozess, in dem Eltern und Kind sich mit ihrem Verhalten spielerisch aufeinander einstimmen.

Trotzdem fühlen sich viele Eltern nach der Geburt ihres Babys verunsichert. Manchmal können sie nicht mehr auf die Unterstützung und Orientierung ihrer eigenen Herkunftsfamilien zurückgreifen, wie dies der Fall war, als Familienverbände noch dichter beieinander lebten. Manche Eltern möchten alles perfekt machen und keine Förderungsmöglichkeit für ihr Kind versäumen. Dies kann dazu führen, dass Eltern sich mit einer Vielzahl von Elternratgebern unterschiedlichster Ausrichtungen eindecken. Bisweilen übergehen sie dann ihre intuitiven Kompetenzen und verlassen sich lieber auf das Fachwissen von Spezialisten, um nur nichts falsch zu machen. Das kann leicht zur Verwirrung führen. Es ist viel wichtiger, auf die eigenen Eingebungen zu horchen und das Baby genau zu beobachten. Wenn Eltern sich Zeit und Ruhe nehmen, beantworten sie die Signale ihres Säuglings in der Regel einfühlsam und angemessen.

Im ersten Jahr braucht der Säugling kaum Spielzeug. Ein Mobile über dem Wickeltisch, ein paar bunte Rasseln und Klanghölzchen reichen vollkommen aus. Viel wichtiger ist das gemeinsame Spiel mittels Körper, Mimik, Gestik und Stimme in den aktiven Wachphasen des Babys. Zu viel Spielzeug kann den Säugling überstimulieren und eine Distanz zwischen Eltern und Kind herbeiführen. Wenn Eltern gelassen bleiben, ihren Kompetenzen vertrauen und das Spiel mit ihrem Kind genießen, dann kommt es meistens zu Empfindungen der Freude, die genau den Glanz in die Augen der Eltern bringt, den das Kind braucht, um ein starkes Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Auch in gut eingespielten Eltern-Kind-Paaren kommen Fehlabstimmungen vor. Das liegt daran, dass kein Elternteil den emotionalen Zustand seines Babys identisch wiedergeben kann. Die Signale des Säuglings werden immer mit der Brille der eigenen Lebenserfahrungen wahrgenommen. So kommt es bei der Beantwortung der kindlichen Signale bisweilen zu leichten Verzerrungen oder Missverständnissen. Diese Verfehlungen in der gegenseitigen Verständigung gehören notwendig zur Entwicklung. Eltern müssen deswegen kein schlechtes Gewissen haben. Das Verfehlen der Grenzen eines Babys zum Beispiel zwingt es zu Anpassungsmaßnahmen, die seinen Spielraum ausweiten. Wenn die Wünsche eines Kleinkindes fast jederzeit und über das erste Lebensjahr hinaus wie von Zauberhand erfüllt würden, dann hätte das Kind keine Chance, sich dieser Bedürfnisse bewusst zu werden und sie einzufordern.

Manchmal kommt es aber auch zu anhaltenden Dialogentgleisungen. Wenn eine Mutter beispielsweise an einer nachgeburtlichen Depression erkrankt, kann sie nur zeitlich verzögert auf die kindlichen Signale reagieren und ihm nur geringe Anregungen geben. Das kann dazu führen, dass das Interesse des Kindes an gegenseitigem Austausch und seine Neugier an der Umwelt sich reduzieren. In anderen Fällen überhäufen Mütter ihr Baby mit spielerischen Angeboten, z. B. aus Angst zu versagen. Dann kann sich das Erregungsniveau des Säuglings auf ein unerträgliches Maß steigern. In solchen Situationen sind die mütterlichen Fähigkeiten der Wahrnehmung und Einfühlung absorbiert von eigenen unbewältigten inneren Konflikten.

Missverständnis beim Wickeln
Anja wickelt ihre Tochter Nele (4 Monate). Dabei trägt sie ihr fröhlich einen Schüttelreim vor, den sie noch aus ihrer eigenen Kindheit kennt. Vergnügt strampelt das Kind mit seinen nackten Beinchen im Rhythmus der Sprachmelodie. Als die Mutter versucht, ihre immer lebhafter werdende Tochter in ein Hemdchen zu zwängen, stockt plötzlich ihr Redefluss. Nele ist verunsichert. Warum schweigt die Mutter abrupt und zerrt so unbehaglich an ihr herum? Sie versteht nicht, was plötzlich geschieht. Beunruhigt stemmt sie beide Beinchen gegen Anjas Bauch, um sich damit zu zentrieren und auf diese Weise zu beruhigen. Die Mutter reagiert darauf ärgerlich und sagt in scharfem Ton: „Hör auf mich zu treten!“ Nele erschrickt und beginnt zu weinen.

Wenn es anhaltend zu solchen Dialogentgleisungen kommt, ist es empfehlenswert, sich an eine Babyambulanz oder an eine(n) niedergelassene(n) Kindertherapeutin/Kindertherapeuten mit Zusatzqualifikation in Eltern-Säuglings-Therapie zu wenden. Hier können oft schon in wenigen Sitzungen Ursachen für einen entgleisten Eltern-Kind-Dialog aufgedeckt und Lösungsmöglichkeiten gefunden werden.

Das Symbolspiel
Etwa in der Mitte des zweiten Lebensjahres tritt das Symbolspiel in den Vordergrund. In diesem Alter kann sich das Kind im Spiegel bereits selbst erkennen. Es hat nun die Fähigkeit zur inneren Vorstellung, der so genannten Imagination. Beim Symbolspiel geht es um die Stellvertreter der Dinge und um ihre möglichen Bedeutungen. Dies erfordert eine gewisse Distanz zu den Geschehnissen, die schon im Säuglingsalter eingeübt wird. Die Eltern konfrontieren ihr Baby mit gespielten Affekten, verbunden mit der Botschaft: dies ist ein Spiel.

In der Gestaltung von Als-Ob-Situationen macht sich das Kind die Realität verfügbar. Mittels symbolischer Gesten und Handlungen setzt es Erfahrungen und Ereignisse in Szene, die von realen Geschehnissen und Gegenständen entkoppelt sind. Die komplexeste Form des Symbolspiels ist das Rollenspiel.

Der Banküberfall
Paul (5 Jahre) und sein Vater spielen Banküberfall. Bewaffnet mit einer Spielzeugpistole, ist Paul der Sheriff. Kai, sein Vater, bekommt die Rolle des Bankräubers zugewiesen. Nach einem kleinen Gefecht verhaftet Paul ihn und legt ihm Handschellen an. Dann sperrt er ihn in ein enges Gefängnis, das er zuvor aus Polsterteilen gebaut hat. Während er ihn bewacht, schießt er immer wieder aus dem Polstergefängnis auf weitere Räuber draußen. Dann wird der Vater von den Handschellen befreit und zum Hilfssheriff ernannt, damit er Paul gegen die feindliche Übermacht draußen beistehen kann. Gemeinsam besiegen sie ihre Gegner. Nun schlägt Paul einen Rollentausch vor. Kai soll den Bankdirektor spielen und er selbst den Bankräuber, der ihn überfällt.
Paul spielt eine stimmige, in sich geschlossene Geschichte, die auf der Als-Ob-Ebene verbleibt. Mit großem Eifer und Vergnügen ist er bei der Sache. Er pendelt zwischen der Seite des Guten und des Bösen – seinen Triebwünschen und seinem Über-Ich. So bewältigt Paul spielerisch seine aggressiven Impulse, die mit gesellschaftlichen Regeln und Verboten kollidieren. Sein Vater hilft ihm dabei, indem er ihm als Spielpartner zur Verfügung steht und mit ihm in seine Fantasiewelten eintaucht.

Wie gut ein Kind die Fähigkeit zum Symbolspiel entwickelt, hängt u. a. von der elterlichen Unterstützung ab. Die wechselseitige Nachahmung im spielerischen Austausch mit dem Kind ist dabei sehr hilfreich. Ebenso sind das Lenken der kindlichen Aufmerksamkeit auf alle Arten von Symbolen und deren sprachliches Betonen von großer Bedeutung bei der Ausgestaltung dieser Spielkompetenz. Die Ausbildung und fortschreitende Differenzierung des Symbolspiels geht mit der Fähigkeit zum symbolischen Denken einher.

Ein Beispiel dafür, wie Spielen das symbolische Denken fördert, ist das Versteckspiel Guck-Guck-Da. Hierbei verwandelt das Kind die erlebten Spiel- in Erinnerungsepisoden. Wenn sich diese Spiele häufig wiederholen, verfestigen sich die Erinnerungsepisoden zu inneren Bildern oder Repräsentanzen. Beim Guck-Guck-Da-Spiel bildet das Kind die innere Repräsentanz heraus, dass die „verschwundenen“ Eltern immer wieder kommen. Auf diese Weise verhilft das Spiel dem Kind zu einer größeren Sicherheit in Trennungssituationen. Mittels spielerischer Dialoge entwickeln die Kinder eine verinnerlichte Vorstellung von sich selbst und anderen Menschen. Sie können nun auch über Dinge und Lebewesen kommunizieren, die nicht anwesend sind. Die den Kindern hierfür zur Verfügung stehenden Mittel sind die sich entwickelnde Sprache, fiktive Erfindungen und spielerische, zeitlich verzögerte Nachahmungen.

Das Kind hat nun einen großen Entwicklungssprung vollzogen. Beim Symbolspiel macht es die Erfahrung, innere Gefühlszustände durch äußeren Ausdruck erfolgreich steuern zu können. In der Spielhandlung verlagert das Kind seinen inneren Zustand nach außen. Es identifiziert sich mit seinen Spielfiguren und reguliert dadurch seine Gefühle. Die entwicklungsfördernde Wirkung des kindlichen Spiels beruht nicht zuletzt auf dieser Eigenschaft.

Wie Eltern das Symbolspiel unterstützen können
Viele Eltern versuchen, das Interesse ihres Kindes auf Spiele und Spielzeuge zu lenken, die sie für pädagogisch besonders wertvoll halten. Wenn das Kind jedoch gerade in ein Spiel vertieft ist, wird es die elterlichen Versuche, seine Aufmerksamkeit auf einen anderen Gegenstand zu lenken, als Zudringlichkeit empfinden. Kommen solche Unterbrechungen häufig vor, kann dies negative Auswirkungen auf die Spielmotivation haben. Es ist daher sinnvoll, das Kind bei seinen Spielhandlungen möglichst nicht zu unterbrechen und zu warten, bis es bereit ist, seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu richten.

Auch wenn das Kind die Fähigkeit zum Symbolspiel schon erworben hat, ist es von Bedeutung, dass der Spielpartner den Als-Ob-Charakter des Spielgeschehens deutlich macht. Man stelle sich beispielsweise einen Vater vor, der von seinem Sohn im Spiel angewiesen wird, sich totschießen zu lassen. Der Vater lässt sich auf das Spiel ein, spielt mit und stirbt auf eine dramatisch übertriebene Weise, die deutlich macht, dass er nicht wirklich stirbt. Auf diese Weise hilft er dem Kind, seine aggressiven Impulse zu bewältigen. Durch das gemeinsame Spiel wird der Junge seine aggressiven Wünsche als Fantasien und Gedanken begreifen und nicht als Realität. Würde der Vater mit Ärger oder Furcht auf die Aufforderung seines Sohnes reagieren, so erhielten dessen aggressive Fantasien eine reale Qualität. Beim Kind würde in dieser Situation der Unterschied zwischen Fantasie und Realität verschwimmen.

Die meisten engagierten Eltern und Pädagogen haben den Wunsch, Kinder zu einer ablehnenden Haltung gegenüber Gewalt zu erziehen. Aus diesen Gründen verbieten manche Eltern und Erzieher Kindern prinzipiell den Umgang mit Spielzeugwaffen. Bei aller Anerkennung ihrer Motive, irren sie sich doch über den Sinn des Symbolspiels. Wenn das Spiel mit Spielzeuggewehren tabuisiert oder gar verteufelt wird, besteht die Gefahr, dass Kinder sie wie reale Waffen wahrnehmen. Dann wird es ihnen erschwert, auch hier den Unterschied zwischen Fantasie und Realität zu erkennen. Natürlich sollte nicht zugelassen werden, dass Kinder mit Pistolen oder Gewehren spielen, die täuschend echt aussehen. Damit könnten sie andere Menschen ernsthaft erschrecken und sich selbst in missverständliche, gefährliche Situationen bringen. Allerdings ist es empfehlenswert, ihnen zu erlauben, sich Gewehre, Pistolen und Schwerter aus Holz selbst zu basteln. Wo sollen Kinder den Unterschied zwischen Realität und Fantasie erkennen, wenn nicht im Spiel? Die sich entwickelnde Fähigkeit des Kindes, zwischen Realität und Fantasie zu differenzieren, ist ein wichtiges Kennzeichen seelischer Gesundheit.
Hat ein Kind diese Kompetenz erlangt, ist es auch in der Lage im Zusammenspiel mit anderen Kindern mittels festgelegter Regeln- dem Regelspiel- sein logisches Denkvermögen zu trainieren. Sein Spiel wird nun immer mehr von kognitiven Prozessen gesteuert und verlangt Selbstbeherrschung und Selbstbestimmungsfähigkeiten. Deshalb tritt es ab dem Vorschul- und Schulalter in Erscheinung. In der Pubertät schließlich geht es um das Spiel mit den Grenzen.

Wie man gesundes von gestörtem Spielen unterscheidet
Das Spiel eines seelisch gesunden Kindes ist geprägt von Freude, Konzentration, Fantasie, Spontaneität und Kreativität. Es zeigt einen stimmigen Spielfaden mit Anfang, entfaltetem Höhepunkt und auflösendem Ende, nach dem sich das Kind zufrieden und vom Spiel gesättigt einer anderen Beschäftigung zuwenden kann. Es bezieht andere Menschen und die Umgebung in sein Spiel mit ein, so dass es zu einem kreativen Austausch kommt. Die Geschichte, die das Kind spielt, bleibt auf der spielerischen Als-Ob-Ebene. Beim spielerischen Kampf zum Beispiel greift es seine Gegner nur symbolisch an, nicht wirklich. Es bewegt sich zwischen seinen aggressiven Fantasien und den Regungen seines Gewissens flexibel hin und her. So kann es auch die Rolle des „Bösen“ übernehmen, ohne die Kontrolle über die Steuerung seiner aggressiven Impulse zu verlieren. Eine fesselnde, vergnügliche Handlung in einem fantasierten oder realen Austausch mit Erwachsenen oder Gleichaltrigen dient dem Kind als Quelle der Selbstbestätigung und Kompetenzerweiterung.

Manchmal jedoch wirken Kinder in ihrem Spiel unbeteiligt, kraftlos, wenig gefühlvoll und verlangsamt. Andere fallen durch Fantasiearmut auf. Es gibt bei ihnen einen planlosen Wechsel von einer Aktivität in die andere und sie scheinen chronisch unzufrieden. Ihre Spielfäden sind brüchig. Stattdessen führen sie unermüdlich immer wieder dieselben Aktivitäten durch, begleitet von einem Minimum an verbalen Äußerungen. Es gibt keine Entwicklung oder Auflösung des Spiels, das trist und freudlos erscheint. Eine symbolische Handlung fehlt. Schließlich gibt es Kinder, für die kein Spielzeug gut genug ist und die sich gänzlich weigern zu spielen, obwohl sie sich langweilen.

Die zertrampelte Burg
Sinja (4 Jahre) steht verloren im Außengelände ihres Kindergartens und beobachtet eine Gruppe jüngerer Kinder, die vergnügt im Sandkasten spielt. Missmutig nimmt sie eine Schaufel in die Hand, die sie dann gleich wieder fallen lässt. Unruhig dreht sie sich um sich selbst und kickt ein Spielzeugauto weg. Auch das Spielangebot einer Erzieherin nimmt sie nicht an. Dann rennt sie plötzlich zum Sandkasten und zertrampelt die Burg der dort in ihr Spiel vertieften Kinder.

In der psychotherapeutischen Arbeit können wir beobachten, wie das Spielen eines Kindes seine frühen Erfahrungen zum Ausdruck bringt. Die Art und Weise, in der ein Kind spielt, zeigt seine Konflikte und möglicherweise sogar Entwicklungs- oder Beziehungsstörungen auf. Wenn ein Kind über einen längeren Zeitraum durch verarmtes oder reduziertes Spielen auffällt oder überhaupt nicht spielt, kann dies ein Symptom sein für einen unbewältigten inneren Konflikt oder eine Entwicklungsstörung. In diesen Fällen sollte eine Erziehungsberatungsstelle oder direkt ein Kinderpsychotherapeut aufgesucht werden.

Die örtlichen Kassenärztlichen Vereinigungen verfügen über Listen mit Praxen zugelassener Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Diese führen mit Hilfe der Spieldiagnostik eine differenzierte Analyse des kindlichen Spiels und seiner Symbolsprache durch. Dadurch erhalten sie genauere Hinweise über das Selbsterleben eines Kindes und die Art und Weise, in der es seine Umwelt wahrnimmt und mit ihr in Beziehung tritt. Reduzierte oder gestörte Formen des Spiels laufen meist parallel zu gestörten Beziehungsmustern und Persönlichkeitsstrukturen.

Durch das diagnostische Spiel bekommen wir Aufschluss über mögliche innere Konflikte. Das lustlose, gefühlsarme und verlangsamte Spiel eines Kindes bietet möglicherweise Anzeichen für eine beginnende depressive Erkrankung. Das sprunghaft getriebene, monotone, wortarme und fantasielose Spiel eines chronisch unzufriedenen Kindes könnte ein Symptom für eine Verhaltensstörung sein. Meist läuft das gestörte oder verweigerte Spielen einher mit anderen Auffälligkeiten, z. B. Problemen in Kindergarten oder Schule, sozialem Rückzug oder übermäßig aggressivem Verhalten.

Nicht selten folgt einer diagnostischen Abklärung die Empfehlung zu einer Kinderpsychotherapie. Aufgabe des Psychotherapeuten ist es dann, das Kind dabei zu unterstützen, sein Spiel wieder voll zu entfalten. Kann ein Kind gar nicht spielen, ist die Psychotherapie darauf ausgerichtet, ihm das Spiel wieder zu ermöglichen. Psychotherapie kann als eine Tätigkeit verstanden werden, bei der zwei Menschen miteinander spielen. Der Psychoanalytiker Winnicott vertrat sogar die Auffassung, dass ein Psychotherapeut, der nicht spielen kann, für seine Arbeit ungeeignet ist.

„Der Mensch ist nur ganz da Mensch, wo er spielt“, schreibt Friedrich Schiller. Tatsächlich ist das kindliche Spiel eine Grundform des Leben, die alles enthält, was dem Menschen ermöglicht, selbst schöpferisch zu sein. Insofern ist ein kreatives und seelisch gesundes immer auch ein spielendes Kind.

Die Literaturangaben sind über die Geschäftsstelle erhältlich.

Leona Maywald ist Analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Berlin.