Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Ein Haus voller Spiele und Geschichten

Das Spielmuseum Soltau

von Stefanie Kautz

Hereinspaziert ins Spielmuseum Soltau! Ein Haus voller Träume und Bewegung, Kostbarkeiten und Geschichte(n) wartet darauf erkundet zu werden. Besucher heben ab ins Reich der Fantasie und gehen auf Entdeckungsreise in die Kindheit: Das Museum eröffnet Spielräume für die ganze Familie. Auf 600 qm beherbergt es eine der besten und vielfältigsten Spielzeugsammlungen der Welt. Einzigartige Exponate und faszinierende Erzählungen führen durch Lebens- und Denkwelten aus vier Jahrhunderten. Auf drei Stockwerken werden typische und besondere, simple und kostspielige Spielzeuge präsentiert. Von Holzfiguren über Porzellanpuppen bis zu Eisenbahnen werden alle Kernbereiche des Kinderspiels veranschaulicht. Sammlungen, Geschichten, Ausstellungen und Spiele fügen sich im Spielmuseum zu einem bunten Mosaik, einem begehbaren, kulturhistorischen Spielbilderbuch zusammen. Ergänzt wird die Dauerausstellung durch im Frühjahr und Herbst stattfindende Sonderausstellungen: Unter einem jeweils wechselnden Motto ziehen dann historische Spielzeuge und interaktive Stationen ins Museum ein.

Das erklärte Ziel des Spielmuseums ist es, sich in ein Spiel- und Geschichtenhaus zu verwandeln. Neben der Präsentation von historischem Spielzeug sollen Erinnerungen geweckt und Geschichten erzählt, Impulse zum aktiven Erleben des Museums gegeben und die Generationen spielerisch ins Gespräch gebracht werden. Große und kleine Gäste werden zum Spielen angeregt: In fast jedem Raum können die Besucher selbst tätig werden – zum Beispiel Materialien und Formen erfühlen oder ihre Geschicklichkeit und Phantasie spielerisch erproben. Ob sich Kinder an einer Schulbank verkleiden und im Schreiben mit dem Griffel üben, ob auf Knopfdruck das Licht angeht oder das Zirkusorchester aufspielt – überall gibt es etwas zu entdecken und auszuprobieren. An sechs Stellen finden sich Hörstationen, die Geschichten zu ausgewählten Exponaten erzählen: So erinnert sich ein Sammler an die Eisenbahnspiele in der elterlichen Wohnung; neben einer erzgebirgischen Arche Noah wird die Geschichte von der Sintflut in einer historischen Kinderbuchversion vorgelesen; und zwischen Puppenbehausungen können sich Hörer in eine Stubenpuppe versetzen, die aus ihrem Jahrhundertwendebau auf ein modernes Haus der 1990er Jahre blickt.

An vielen Vitrinen werden historische Spielprinzipien durch Reproduktionen begreifbar: Zum Beispiel zeigt ein Schlangenkästchen, wie auch einfachste Mechanismen überraschen können; Lebensrad und Praxinoskop führen optische Bewegungseffekte vor, die der Idee des Films zugrunde liegen. Zu Metamorphosen vor Ort ermuntern Masken und Ankleidepuppen – während ein großer Guckkasten zu einer Bilderreise durch das Europa der Zeit um 1770 animiert. Zum Verweilen laden zwei Veranden ein, die unter anderem mit einem Kinderkaufladen und einem großen „Mensch ärgere Dich nicht!“-Spiel ausgestattet sind.

Museumspädagogik
Mach mit im Museum! Dazu fordert eine offene Veranstaltung im Spielmuseum immer samstags Kinder ab fünf Jahren auf. Jede Woche eröffnet ein unterschiedliches Thema neue Spielzeugwelten und es gibt viel zu hören, zu entdecken und auszuprobieren. Warum baute ein Vater seinem Sohn eine Puppe? Wer rasierte den Teddybären und was macht ein Zeppelin auf den Schienen? Die Kinder verwandeln sich in Zirkusartisten, Weltreisende und Piraten, basteln Rasseln, Masken und Filztiere und erproben lustige Spiele aus aller Welt. Eltern sind während dieser Zeit schnell vergessen und können sich getrost ins Cafe oder in die Eisdiele setzen – oder auf eigene Faust das Museum erkunden. Für Schulklassen und Kindergärten sind spezielle museumspädagogische Programme im Angebot, die nach den jeweiligen Schwerpunkten der Gruppe flexibel ausgerichtet werden und den jungen Besuchern das Museum spielerisch und kindgerecht näher bringen. Und auch die seit einiger Zeit angebotenen Kindergeburtstage, deren Thema sich das Geburtstagskind nach seinen Vorlieben selbst aussuchen darf, erfreuen sich großer Beliebtheit.

Für erwachsene Besucher stehen regelmäßig Erkundungstouren auf dem Programm, die neue Blickwinkel auf die Bestände des Museums erschließen und unter fachkundiger Führung zu einer spannenden Reise durch die Welt des Spielzeugs einladen. Auch größere Reisegruppen sind jederzeit herzlich willkommen und es wird flexibel auf ihre Wünsche und Bedürfnisse eingegangen.

Durch zahlreiche Kooperationen, Veranstaltungen und Außenstationen zum Beispiel in einem Seniorenwohnheim, einem Wildpark und einer Rehabilitationsklinik eröffnet das Museum auch über seine Mauern hinaus Spielräume. Für die nahe Zukunft ist geplant, das Museum durch den Bau eines Fahrstuhls barrierefrei zu machen, um endlich auch gehbehinderten Besuchern den Zugang zu den oberen Stockwerken zu ermöglichen.

Die Sammlung
Die Sammlung des Museums wurde in mehr als dreißig Jahren von der Soltauer Familie Ernst zusammengetragen. Im Zentrum stehen exemplarische spielzeug- und kindheitsgeschichtliche Objekte, die sich familienoriginal erhalten haben und einen vielfältigen Kontext aufweisen. Das älteste Stück – ein Verwandlungsspiel mit Marienglasscheiben – entstand um 1647, die jüngsten Exponate sind erst wenige Jahre alt. Eine besondere Stärke des Museums bilden in Mitteleuropa produzierte Spielzeuge aus der Zeit zwischen 1750 und 1900. Da die deutsche Spielwarenindustrie ab 1820 bis zum Ersten Weltkrieg den Weltmarkt dominierte, erschließen sich von hier aus weit reichende internationale Perspektiven; bezeichnenderweise wurden viele Sammlungsstücke in Frankreich, Großbritannien und Nordamerika erworben. Die Bestände umfassen das ganze Spielzeugspektrum: von der Stumpfdocke bis zum Teddybären, vom Schaukelpferd bis zum Blechauto.

Das Spielmuseum versucht, komplexe Objektgruppen, die jeweils die Spielwelt einer Familie repräsentieren, geschlossen zu erhalten und vielseitig zu dokumentieren. Das weltweit wohl umfangreichste und älteste Ensemble füllt einen eigenen Raum: weit über hundert Kostbarkeiten, die zwischen 1700 und 1840 die Kinder einer oberpfälzischen Adelsfamilie beschäftigten. Zu diesem kulturhistorischen Schatz gehören unter anderem ein winziges Bergwerk in einer Walnuss und ein prächtiges Puppenkleid aus grüner Seide.

Originale Garderoben zeichnen die Puppenkollektion aus, die am Anfang aller Sammelaktivitäten stand. Die Bandbreite reicht von einer kindlichen Holzpuppe (um 1700), die ein Kleid mit Gängelbändern trägt, bis zu einem Celluloidpaar im 20er-Jahre-Partnerlook. Ein weiterer Akzent liegt auf unterschiedlichen Materialien, Hautfarben und Gesichtsausdrücken, wie sie nach 1900 ins Spiel kamen; besonders reizvoll sind in diesem Bereich Künstlerpuppen aus Stoff sowie Mehrgesichterpuppen mit Porzellanköpfen. Eine exquisite Sammlung von „Pedlar Dolls“ bewegt sich zwischen Puppen- und Stubenbereich. Eine dieser Bauchladenfiguren trägt auf einem Zettel auch ihre Geschichte bei sich: Eine Straßenhändlerin gestaltete sie nach ihrem eigenen Vorbild auf der Wanderung von Schottland zur ersten Weltausstellung, die 1851 in London stattfand – und schenkte sie dort Queen Victoria.

Als Mikrokosmen wirken original ausgestattete Stuben und Häuser, die im Miniaturformat alltagsgeschichtliche Veränderungen reflektieren. Die Spielküchen des Museums decken den Zeitraum zwischen 1780 und 1960 ab und veranschaulichen so unter anderem den Übergang vom offenen Feuer zum E-Herd. Außerordentlich reichhaltig ist die Einkaufswelt vertreten. Zu den prachtvollsten Stücken zählen eine Berliner „Conditorei“ von 1820 und eine „Markthalle“, die von der sächsischen Firma Gottschalk um 1880 hergestellt wurde.

Die Erzgebirge-Abteilung glänzt mit Aufbauspielen, so genannten „Bauereien“: Fast alle Typen und Themen – vom Bauernhof bis zur Stadt, vom „Jahrmarkt“ bis zum Zoologischen Garten – haben sich in frühen und qualitativ hochwertigen Versionen eingefunden, darunter auch eine außerordentlich reizvolle Arche Noah und eine Menagerie. Hieran anknüpfend, entfaltet das Museum einen Tierpark, der genauso Quietschspielzeuge aus Papiermaché wie selbst gemachte Plüschtiere umfasst.

Die vielfältigen Verwendungs- und Verwandlungsmöglichkeiten von Papier motivierten den Aufbau einer Spezialsammlung, die mit Unikaten wie einem Augsburger Puppenhausbuch von 1783 eine internationale Spitzenposition erreicht hat. Neben Ankleidepuppen und Pendelfiguren nehmen Papiertheater und Aufstellbücher, Modellierbögen und Baukästen, Würfel- und Wurfspiele einen breiten Raum ein. Den meisten Platz benötigt eine um 1870 entstandene österreichisch-ungarische Militärparade mit 1.200 Soldaten. Für eine kräftige Prise Humor sorgen mehr als hundert Bilderbücher von Lothar Meggendorfer (1847-1925), die häufig Tiergestalten in Bewegung bringen. Meggendorfer unterhielt als junger Künstler eine Seidenraupenzucht und wohnte zeitweise mit Pferden und Pfauen, einem Papagei und zwei Affen in einem Landhaus nahe München, das „Arche Noah“ genannt wurde.

Seit vier Jahren ist in Soltau das wohl bedeutendste Puppenhaus des 19. Jahrhunderts zu sehen. Mit „Dingley Hall“ gelang der in mehrfacher Hinsicht größte Ankauf in der Geschichte des Spielmuseums: Drei Meter in der Breite und zwei Meter in der Höhe misst das Puppenhaus, das bei Christie’s in London ersteigert werden konnte. Eine eigens entwickelte Spezialvitrine eröffnet jetzt eine einzigartige Doppelperspektive auf die Fassade und die Räume des Hauses. So lässt sich die Miniaturwelt von innen und außen aus nächster Nähe erkunden. 1875 begannen Laurence und Isaac Currie, die damals acht- und zwölfjährigen Söhne einer englischen Bankiersfamilie, Regalfächer mit kleinen Möbeln und Bildern zu dekorieren. Bald wuchs aus zunächst sechs Puppenzimmern ein herrschaftliches Anwesen mit einer repräsentativen Fassade und fünfzehn prächtigen Räumen. Vom japanischen Salon bis zur katholischen Hauskapelle, von der Bibliothek bis zur Küche ergeben sie einen faszinierenden Mikrokosmos. Über 1.000 Einrichtungsgegenstände verleihen dem von gut 50 Puppen bevölkerten Haushalt europäischen Zuschnitt: Golddruckmöbel aus Waltershausen stehen neben seidengepolsterten Sitzgruppen aus Paris, Glasleuchter aus Venedig funkeln über englischen Kaminen.

Zu den berühmtesten Raritäten des Museums gehören vier Schauszenen der Firma Steiff, die um 1910 in geringen Stückzahlen primär für Werbezwecke produziert wurden. Aus einer amerikanischen Zirkusfamilie stammt eine mehr als drei Meter lange Kutsche mit fünf Filzfiguren. Als Begleitung tritt eine Zirkus-Blaskapelle auf, die musikalisch mit einem zehnköpfigen Dorforchester konkurriert. Darüber hinaus präsentiert das Spielzeugmuseum eine komplette Steiff-Schule, in der Lehrer Lämpel zwölf kecke Schüler unterrichtet.

Museumsgeschichte
Angefangen hat dies alles vor fast 40 Jahren mit einer Porzellankopfpuppe aus einer Haushaltsauflösung. 1984 entschloss die Puppenbesitzerin Hannelore Ernst sich dann dazu, ihre stetig wachsende Sammlung einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und das Museum zu gründen. Seit diesem Zeitpunkt hat es sich auf wunderbare Weise entwickelt: 1988 zog es in ein denkmalgeschütztes Gebäude um und 1999 konnte die Ausstellungsfläche verdreifacht werden. Im Jahr 2005 ging die Sammlung in den Besitz der gemeinnützigen Stiftung Spiel über, die seitdem das Spielmuseum betreibt und darüber hinaus weitere Projekte mit Spielbezug anstößt und verwirklicht.

Aus der anfänglich nur auf Anfrage zu besichtigenden Sammlung wurde ein im wahrsten Sinne des Wortes offenes Haus, das 365 Tage im Jahr täglich von 10 bis 18 Uhr besucht werden kann. Auch an Sonn- und Feiertagen kann hier gestaunt und gespielt werden!

Stefanie Kautz ist Magistra (M.A.) der Kulturwissenschaften und Mitarbeiterin im Spielmuseum Soltau.

Stiftung Spiel
Spielmuseum Soltau – Norddeutsches Spielzeugmuseum

Poststraße 7, 29614 Soltau
Tel.: 05191-82182
www.spielmuseum-soltau.de