Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Erfahrungen aus der Gruppenarbeit mit Scheidungskindern

von Berthold Menzel

Zunächst: nach fast zehnjähriger Co-Leitung von „Gruppen für Kinder aus Trennungs- und Scheidungsfamilien“ sage ich heute ja zum Begriff „Scheidungskind“. Die Ermutigung, das Kind beim Namen zu nennen und nicht mehr pädagogisch-psychologisch „korrekt“ zu vermeiden, ihm zu nahe zu treten, verdanke ich den Kindern selbst. Sie haben uns ermöglicht, mit ihren Augen auf die verrückte Welt der Erwachsenen zu blicken, die nicht erst jenseits der so genannten „Normalfamilie“ beginnt, sondern zu den allgegenwärtigen Ungereimtheiten unserer Zeit gehört.

Der Schatten der Eltern

Vielleicht müssen Scheidungskinder nur früher als andere beginnen, aus dem Schatten der Eltern herauszutreten und Entwicklungsschritte in der Ausbildung ihrer Identität machen. Die Eltern können sie davor nicht bewahren, dazu ist die Realität ihrer Trennung zu hart. Ihnen bleibt aber die Aufgabe, in der neuen Situation die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen und angemessen zu erfüllen. Ein hoher Anspruch, aber im Kern handelt es sich nur darum, dass Mutter und Vater Eltern bleiben und das Kind ihr Kind bleibt. Es gehört ihnen nicht, aber es gehört – noch – zu ihnen.

Ohne Zweifel: für das Kind gerät die Welt der Eltern aus den Fugen, die äußere Realität verändert sich bisweilen dramatisch und die wichtigste Erfahrung ist, dass Vater und Mutter jetzt extrem mit sich zu tun haben; sie müssen sich erst einmal selbst wiederfinden. In der Hauptsache mutet der Verlust der Elterneinheit dem Kind aber zu, sich unfreiwillig als unabhängiges Wesen zu erleben – an sich ein unverzichtbarer Entwicklungsschritt in der Ausbildung seiner Identität.

Chance und Risiko

Zieht man in Betracht, wie stark Streit und Aggression den Familienalltag von Kindern vor einer Trennung gewöhnlich beherrschen, sind die Chancen erkennbar, die für das Kind im unsanften Wach-werden-müssen angelegt sind. Es ist die begründete Hoffnung, die Enge des durch Unfrieden begrenzten Beziehungsraumes hinter sich zu lassen und in der Begegnung mit Mutter und Vater freier zu werden.

Das Risiko droht in Gestalt eines leeren Raumes, in dem das Kind allein und unverstanden vor seiner Bewältigungsaufgabe steht. Es braucht als Abpufferung der schmerzhaften Anpassung an die Elterntrennung einen Zwischenbereich, der sowohl Bestandteile der inneren als auch der äußeren Welt enthält und geeignet ist, beide miteinander zu verbinden.

Daran mitwirken können viele: zuallererst sind Mutter und Vater aufgerufen, für ihr Kind verlässlich zu bleiben. So stärken sie sein Gefühl des Vertrauens als zentrale Produktivkraft bei seiner Entwicklung. Ebenso ist der Beistand von Geschwistern, Großeltern und anderen im bisherigen Leben des Kindes wichtigen Personen gefragt, die seine Anpassung an die harte Realität abfedern, es von seiner Aufgabe ausruhen lassen und ihm allzu große Ängste nehmen.

Als überaus unterstützend beim Vermittlungsprozess zwischen äußerer Wirklichkeit und innerem Erleben haben sich angeleitete Gruppen für Scheidungskinder erwiesen. Die Gruppe wird von ihnen als schützende Hülle erlebt, in der sie Zugang zu ihren Gefühlen des Verlustes und der Verunsicherung gewinnen. Unterstützt von den anderen Kindern können sie sich im zweiten Schritt wirkungsvoll mit ihrer äußeren Realität auseinandersetzen. Die Leistung des Kindes besteht darin, die Elterntrennung auf der Paarebene von Mutter und Vater zu begreifen und ihre Bedeutung für sich nachzuvollziehen. Das Kind schafft so aktiv eine Verbindung zwischen sich und seiner familiären Situation. Zugegeben ein mühevoller Weg, aber er führt vom vage erfassten Unglück zum angenommenen und gestaltbaren Familienschicksal.

Wenn die Kinder sich ihrer Gefühle gewahr werden, das Bedrohliche abtasten und anfangen, sich mit ihren Wünschen verständlich zu machen, wird die Frage aktuell: wie reagieren die Eltern darauf?

Familiengeschichten

Wir können eine oft gemachte Erfahrung nur bestätigen: Kinder sind flexibler und offener für den Wandel als ihre Eltern, aber ihre Abhängigkeit von ihnen macht sie verletzlich. Vertrauen in die Zukunft gewinnen sie dann, wenn die Eltern es schaffen, ihnen zuliebe einen neuen Konsens herzustellen.

Müttern und Vätern gibt vielfach erst ihre Trennung den Anlass und die Chance, sich bewusst mit den Fragen von Elternschaft auseinanderzusetzen und das schließt unabweisbar die der geteilten ein. Wenn es unwiederbringlich nicht mehr unsere Liebe schafft, was tue ich und was tust du, um unserem Kind ein unbeschwertes Heranwachsen zu ermöglichen? Auch wenn uns als Ex-Partner Welten trennen, wir bleiben selbstverständlich Eltern, und im Wortsinn heißt das nun einmal: das versteht sich von selbst.

Es ist das Kind, das Verständnis braucht. Es hat ganz eigene Probleme und zeigt unter Umständen Reaktionen, vor denen den Eltern angst ist. Liegt es an mir?, ist oft ihre heimliche Sorge. Scheidungseltern brauchen Begleitung, ob einzeln oder gemeinsam. Dabei geht es um das Entwicklungsinteresse des Kindes, um die Bereitschaft der Eltern, es besser verstehen zu wollen und nicht vordergründig eigene Wünsche erfüllt zu bekommen.

Elternberatung kann zu einem Ort entspannten gemeinsamen Nachdenkens über das Kind werden. Der Druck, für ihre Kinder immer alles richtig machen zu müssen, kann nachlassen, wenn Eltern sich in ihrer Phantasie auf eine Szene einlassen: wie ihre Kinder, noch vor ihrer Geburt, aus himmlischer Höhe sich ihre Eltern unter vielen anderen auswählen. Diese Mutter und dieser Vater sind es, so wenig perfekt sie auch sein mögen.

Und beim Blick in die eigenen Familiengeschichten kann Eltern klarer werden, woher manche ihrer Ängste und Hoffnungen rühren, darüber hinaus aber vielleicht auch, wie sie sich positiv ergänzen könnten.

Der Umgang mit dem Umgang

Was ist das Konzept eines für die Kinder förderlichen Umgangs? Ist es die Standardlösung, jedes zweite Wochenende plus einem Nachmittag in der Woche? Für Kinder welchen Alters? Wohin man schaut, überall tun sich Fragen auf. Ermöglicht der Umgang mit dem Vater wirklich einen Kontakt, der die Beziehung festigt und Erziehung ermöglicht? Was ist mit dem Bedürfnis der Mutter, ihrerseits auch Freizeit mit den Kindern zu verbringen? Wie entgehen Heranwachsende dem Jammer, den Vater zu kränken, wenn sie am Vaterwochenende etwas „Besseres“ vorhaben?

Der Umgang muss letztlich organisiert werden wie eine Sache, das betrifft die Kontaktintervalle und die dazugehörigen Verhaltensweisen der Beteiligten. Und doch bleibt in jedem Fall die Frage, welche Qualität die Eltern dem Kontakt des Kindes mit dem Anderen verleihen können. Sind sie in der Lage, sich emotional Räume abzuringen, in die der andere für das Kind hereingelassen wird, auch wenn er de facto abwesend ist? Kann der andere für das Kind mitgedacht und mitgefühlt werden? Hier handelt es sich nicht, wie bei Zeit und Geld, um die Verteilung begrenzter Ressourcen, sondern es gilt, eine Ressource neu zu schaffen. Dafür gibt es keinen vorgeschriebenen, nur einen individuellen Weg.

Aber erst wenn Kinder auch aus dieser Quelle schöpfen können, wird aus einem wie auch immer gearteten Kompromiss der Eltern bezüglich des Umgangs eine gute Lösung.

Berthold Menzel ist Soziologe, Familientherapeut und Mediator. Er führt bei „Zusammenwirken im Familienkonflikt“ e.V. in Berlin im Co-Team Scheidungskindergruppen mit intensiver Elternberatung durch.