Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

„Ich hätte nie damit gerechnet, dass nach zehn Jahren Trennung noch solche Probleme auftauchen könnten.“

Unsere Tochter Meike war zur Zeit der Trennung zwei Jahre alt. Mein Ex-Mann zog damals nur wenige Straßen weiter in eine Wohnung. Wir waren uns grundsätzlich einig, dass er und Meike sich so oft sehen konnten, wie sie wollten. Bis zum Ende der Elternzeit, damals Erziehungsurlaub, verlief der Umgang unproblematisch. Meike fuhr auch mit ihrem Vater in Urlaub und übernachtete regelmäßig bei ihm. Sie hatten ein sehr enges Verhältnis zueinander.

Als ich nach Ablauf der Elternzeit wieder in den Beruf einstieg, wurden die Umgangsregelungen konfliktreicher. Mir wäre es am liebsten gewesen, wir hätten Anfang des Jahres abgesprochen, wer in welchen Ferien mit Meike zusammen ist. Darauf wollte sich ihr Vater nicht einlassen. Sein Argument lautete: „Das kriegen wir schon irgendwie hin“. Darüber gab es regelmäßig Streit. Wir suchten dann eine Beratungsstelle auf und hatten zwei – leider erfolglose – Termine zur Mediation.

Ich habe mir dann damit geholfen, dass ich mit meinen Eltern und einer befreundeten Familie vorsorglich die Ferienzeiten abgedeckt habe. Letztendlich brauchte ich dieses Arrangement nie in Anspruch zu nehmen, aber es gab mir Sicherheit.

Einfacher wurde es, als Meikes Vater eine Stelle in Rom annahm. Plötzlich war es für ihn kein Thema, dass Meike möglichst in allen Ferien zu ihm flog. Das war allerdings mir zu viel. So einigten wir uns auf drei Wochen im Sommer und jeweils eine Woche im Frühjahr und im Herbst. Die Weihnachtsferien sollte sie abwechselnd bei ihrem Vater oder bei mir verbringen. Letzteres haben wir wieder abgeschafft, denn Meike wollte Weihnachten auf gar keinen Fall irgendwo anders sein als Zuhause. Anfangs holte Meikes Vater sie mit dem Flieger ab, mit sechs Jahren flog sie alleine. Jeden Sonntag Abend war „Telefontermin mit Papa“. Je älter sie wurde, desto häufiger haben wir sie auch gefragt, wo sie in den Ferien sein möchte. Wir mussten aber feststellen, dass sie eine solche Entscheidung überforderte.

Insgesamt verlief Meikes und mein Alltag während dieser Jahre sehr entspannt. Meike hatte sich auf die Ferien in Italien immer sehr gefreut. Der Kontakt zum Vater war gut und herzlich, je älter sie wurde aber auch kritischer. Durch die regelmäßigen Aufenthalte dort hatte sie auch einen kleinen italienischen Freundeskreis.

Seit etwa eineinhalb Jahren, Meike ist heute zwölf, haben wir ein Problem. Ihr Vater lebt jetzt mit seiner italienischen Frau in einer Stadt ganz in der Nähe. Wir vereinbarten das Übliche: Alle zwei Wochen sollte Meike das Wochenende bei ihm verbringen, die Ferienregelungen wollten wir erst einmal so lassen. Bereits nach wenigen Wochen sagte Meike, sie wolle nicht jedes Wochenende von zu Hause weg. Dann könne sie sich ja gar nicht mit ihren Freundinnen verabreden. Daraufhin haben wir den Umgang etwas modifiziert: Mal fuhr sie nur zwei Tage statt von Freitag bis Sonntag, sie durfte auch Freundinnen mitnehmen, wir streckten den Umgang auf alle drei Wochen, vereinbarten aber regelmäßige Telefongespräche.

Das half alles nichts. Irgendwann brach sie in Tränen aus, wenn nur das nächste Wochenende in Sicht war und weigerte sich, dort noch einmal hinzufahren. Es stellte sich dann heraus, dass die neue Frau ihres Vaters – mit der sich Meike in Italien gut verstanden hatte – wenig freundlich über mich und meine neue Familie sprach, wenn sie mit Meike allein war. Sie beschwerte sich auch über Sorgerechtsvereinbarungen, über die wir mit Meike bis dahin nie gesprochen hatten und verpflichtete sie zudem, mit keinem darüber zu reden.

Zurzeit stecken wir noch mitten im Konflikt und haben uns Hilfe bei einem Therapeuten geholt, weil Meike so genannte „Ticks“ entwickelt hat, sich von der Frau körperlich bedroht fühlt und, wie sie sagt, Angst hat, „dass sie mir den Papa weg nimmt“. Um die Brisanz ein wenig herauszunehmen, setzen wir Übernachtungen beim Vater erst einmal aus. Er kommt Meike jetzt bei uns besuchen und verbringt den Tag mit ihr. Das klappt gut und Meike freut sich sehr auf diese Treffen.

Zurückblickend würde ich sagen, dass das Leben in einem anderen Land Meike ausgesprochen gut getan hat, ebenso die intensiven Kontakte mit ihrem Vater. Ich denke, es ist eine Bereicherung für Kinder, die unterschiedlichen Lebensstile der Eltern kennen und schätzen zu lernen. Allerdings hätte ich nie damit gerechnet, dass nach zehn Jahren Trennung noch solche Probleme auftauchen könnten. Zum ersten Mal seit meiner Trennung fühle ich mich durch das, was meine Tochter bewältigen muss, überfordert und bin unsicher, was in dieser Situation richtig oder falsch ist.

Bericht einer Mutter, ein Kind (Alter bei Trennung zwei Jahre)