Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Auswege aus der Gewaltspirale

Vom Opfer zum Täter: Auswirkungen von Gewalt auf die Selbstentwicklung von Kindern

von Franz Resch

Jede Suche nach Auswegen beginnt mit Umsicht. Erst das Durchschauen der Gefahren gibt den Blick auf Auswege frei. Wir leben im Zeitalter der bewegten Bilder: Die Bilder sind es, die uns in Atem halten. Die Öffentlichkeit ist aufgeregt, was ist mit unseren Kindern und Jugendlichen? Gewalt in der Schule, bewaffnete Kids, Respektlosigkeit, Rechtsextremismus, Vergnügungssucht und Werteverlust.

Immer wieder sind es plakative Gewalttaten, die uns aufhorchen lassen. Die biographischen Hintergründe der Täter entsetzen uns. Immer wieder stellt sich die Frage nach Schuld und Selbstverantwortlichkeit neu. Die Gewaltspirale lässt Opfer von Gewalt erneut als Täter und Verursacher von Gewalt auf den Plan treten. Opferschutz und die richtige Behandlungsweise von Tätern im Sinne der Prävention weiter eskalierender Gewalt müssen unser Anliegen sein.

Meist unbemerkt von medialer Aufmachung findet sich bei Kindern und Jugendlichen auch stille Gewalt: Selbstverletzungen, schwere Verzweiflung, vermeintliche Ausweglosigkeit, die sich in mittelbarer oder unmittelbarer Gewaltausübung gegenüber dem eigenen Körper der Betroffenen äußern. Die Kinder setzen sich Schnittverletzungen oder bringen durch Suizidversuche ihre negativen Gefühle zum Ausdruck. Beide Formen von Gewalt haben eine individuelle Geschichte. Beide Formen von Gewalt bei Kindern und Jugendlichen nehmen unserer Erfahrung nach zu.

In den Erklärungen, was denn unsere Kinder verändert und gefährdet, sind sich die Experten nicht ganz einig. Moderne neurowissenschaftliche Erkenntnisse der Hirnfunktion und Wissen um psychodynamische Prozesse – also der seelischen Funktionen – verkörpern Gegenpole und können nur durch einen interdisziplinären Dialog aufeinander bezogen werden. In einer Zeit hoher Gegenwartsbezogenheit ist die Beschäftigung mit psychischen Dynamismen gegenüber den eindrucksvollen Bildern der Hirnfunktion eher ein unmodernes Unterfangen: Psychodynamik untersucht die Wirkung von persönlicher Geschichte auf die Gegenwart und hat die Kontinuität und Tiefe von wichtigen Beziehungen zum Inhalt. Die Bedeutung von emotionalen Wurzeln für die psychische Entwicklung des Kindes wird hervorgehoben. Dies kann in einer Zeit der Vergötterung von Flexibilität und Wandel zu Friktionen führen. Psychodynamik betont auch die Wichtigkeit von Sprache in einer Welt der Bilder und sie legt Wert auf die Subjektivität des Menschen gegenüber einem „Mainstream“ der Verobjektivierung von Gefühlen und Beziehungen. Psychodynamik betont die individuelle Zeit, das persönliche Erleben und die narrative Konstruktion von Bedeutungen im zwischenmenschlichen Kontext. Und gerade deshalb ist Psychodynamik zwar vielleicht nicht modern, aber um so bedeutsamer

Zwei moderne Denkrichtungen bergen die Gefahr der Kurzschlüssigkeit in sich, wenn es um die Interpretation kindlicher Fehlverhaltensweisen geht:

  1. Die voreilige Annahme, dass menschliches Verhalten und psychische Störungen einem genetischen Determinismus unterliegen, kann zu ebenso voreiligen Überlegungen führen, dass es die Gene sind, die uns unglücklich und verstört, kontaktarm und wütend machen. Dies birgt die Gefahr in sich, dass Wünsche nach einer Manipulierbarkeit des Erbgutes laut werden. Durch genetische Eingriffe sollte dann das psychische Unglück aus der Welt geschafft werden. Ich nenne dies einen biogenetischen Kurzschluss.
  2. Eine zweite Denkrichtung beschreibt den Menschen als kontextuell determiniert durch Umgebungsvariablen, durch situative Manipulation und Sachzwänge gelenkt. Auch wenn verschiedene soziale Systeme Rahmenbedingungen des persönlichen Handelns bilden, gibt es doch individuelle Unterschiede im Erleben und Verhalten, die nicht durch einen kontextuellen Determinismus wegdiskutiert werden können. Einen solchen kontextuellen Determinismus durch Sach- und Systemzwang nenne ich den soziogenetischen Kurzschluss.

Beide wissenschaftlichen Kurzschlüsse legitimieren eine Passivierung, Entsubjektivierung und Manipulierbarkeit des Individuums und liefern es tatenlos dem Primat der Ökonomie aus. Darin sehe ich eine große Gefährdung unseres Umgangs mit Kindern und Jugendlichen. Es gilt Individualität und Subjektivität wieder mehr in den Vordergrund zu stellen.

Der Philosoph Foucault sagt, dass man sich als ein selbstschaffendes Subjekt erst im Spiegel der anderen sehen könne, so wie man gesehen wird, erfährt man sich gleichsam von außen. Die Zuwendung zu anderen ist nach Foucault die in unserer Gesellschaft notwendigerweise geforderte Arbeit am Selbst, man wird selbst durch die Auseinandersetzung mit den anderen. In Zeiten einer chaotisierenden Beschleunigung des gesellschaftlichen Lebens dürfen wir Psychiater nicht einfach beruhigt in die molekularbiologischen Labors gehen, um die Wurzeln einzelner seelischer Leidenszustände in biologischen Begründungen zu erkennen. Die Genetik bietet uns keinen Ausweg aus der Gewaltspirale. Die genetischen Voraussetzungen des Verhaltens bieten nur einen Rahmen für die Subjektivität der menschlichen Lebensinszenierung. Der Mensch ist nicht biologisch determiniert, er ist geschichtlich gewachsen und jede Erlebnisspur seiner Biographie wird zu einem Bestandteil seines Selbst. Diese in Gedächtnis, Erfahrung und Selbststruktur festgehaltenen Erlebnisse sind der Ort, wo Gewalt gegenüber Kindern ihre fatalen Auswirkungen zeitigt. Das Gros der Gewalt, zunehmende Gewaltbereitschaft sind nicht angeboren, sondern Ausdruck der Gewaltspirale von der Kindheit über das Jugendalter ins Erwachsenendasein.

Gewalt und andere Traumen teilen sich der Person über die Gefühle mit, nicht nur der körperliche Schmerz ist dabei eine gestaltende Komponente, sondern im Besonderen auch der seelische Schmerz. Daher werden Kinder auch dann traumatisiert, wenn sie nur den Gewaltszenen in ihren Familien zusehen, auch wenn sie selbst nicht physisch von dieser Gewalt betroffen sind. Schon das Erlebnis solcher Grenzüberschreitungen prägt sich tief in die sich entwickelnden Seelen ein. Ausgehend von einer kurzen Erörterung über die Notwendigkeit der Gefühle im zwischenmenschlichen Dialog und einer eklatanten Störung dieses Dialogs durch Gewalt, möchte ich zur wissenschaftlichen Definition des Traumas – also der seelischen Verletzung – voranschreiten und schließlich auf die Auswirkungen solcher traumatischer Erfahrungen auf die Entwicklung der Persönlichkeit von Kindern eingehen. Ich möchte dabei mit einigen Mythen aufräumen, die besagen, dass verhaltensgestörte Kinder keine emotional gestörten Kinder seien. Ich werde zu zeigen versuchen, dass das schlagende und störende Kind selbst verstört ist. Wenn man diese gefühlshafte verletzte Seite nicht erkennt, kann man solchen Kindern nicht gerecht werden.

Zum Abschluss möchte ich dann im Sinne der Prävention auf den postmodernen Problemkreis einer zunehmenden Beschleunigung unserer Alltagswelt und die Auswirkungen auf den emotionalen Dialog zwischen Eltern und Kindern eingehen. Danach sollen Wege aus dem Dilemma ausgemacht und erörtert werden.

Der klassische Entwicklungsweg von gewalttätigem Verhalten ist seit gut 15 Jahren bekannt, wobei sich Forschungen aus verschiedenen Feldern der Medizin und Pädagogik intensiv darauf richten. Gewalttätiges Verhalten beginnt bereits im häuslichen Umfeld mit erziehlichen Problemen beim Klein- und Vorschulkind. Die Regelkreise eines negativen Umgangs zwischen Erwachsenen und Kindern in der Primärfamilie führen nicht selten bereits zu oppositionell-aggressiven Verhaltensweisen im Kindergarten. Solche expansiven Schwierigkeiten erstrecken sich nicht nur auf die Beziehungen zu den Elternfiguren oder andere Erwachsene, sondern auch bereits auf die Gleichaltrigengruppe. In der Schule führen schließlich negative Schulbilanz und sozialer Misserfolg zu weiteren Einschränkungen der Entwicklungsmöglichkeiten, so dass sich schließlich bei Jugendlichen das Risiko erhöht, bei kriminellen oder drogenmissbrauchenden Gruppen bevorzugt Anschluß zu suchen. Auf diese Weise münden die Betroffenen schließlich in die Zielgerade einer delinquenten Entwicklung ein. Oberflächlich betrachtet erweckt dieser Entwicklungsweg den Eindruck einer Einbahnstraße, so als wäre die gewalttätige Karriere durch Genetik oder Erziehungsfehler determiniert. Es lässt sich jedoch zeigen, dass in jeder Phase der negativen Entwicklung auch die Umwelteinflüsse, die gesellschaftlichen Wirkfaktoren zumindest mit beteiligt sind an einem Prozess, den man unter psychodynamischen Gesichtspunkten mit den zwei Schlagworten „Demütigung“ und „Desintegration“ bezeichnen kann.

Die Entwicklung individueller Gewalt hat zwei Bestimmungsstücke:

Das individuelle Temperament des Kindes bestimmt seine Fähigkeit, Wut zu regulieren, und kennzeichnet die emotionale Reaktionsweise auf Enttäuschung und Eingrenzung. Daneben finden wir eine Reihe von Risikofaktoren, die außer einem Temperament – mit mangelnder Selbstberuhigungstendenz und erhöhter Reizempfindlichkeit – durch Sprachentwicklungsstörungen und Impulshaftigkeit – wie sie im Rahmen des hyperkinetischen Syndroms zu beobachten ist – gekennzeichnet sind. Aufmerksamkeitsstörungen und Impulshaftigkeit des Kindes können die Eltern-Kind-Beziehung nachhaltig beeinträchtigen und bei den Eltern gewalttätige Reaktionsweisen hervorrufen. Auch Teilleistungsschwächen (z.B. Lese-Rechtschreibschwäche) gelten als Risikofaktoren, die den Kindern noch zusätzliche Misserfolge im Leistungsbereich bescheren und zu Konflikten im familiären Umfeld Anlass geben.

Als Risikofaktoren expansiver Störungen, die durch die Eltern an die Kinder herangetragen werden, gelten vor allem die verschiedenen Formen emotionaler Vernachlässigung durch die Bezugsperson. Auch ein inkontingenter Erziehungsstil mit Verwöhnung und Nachlässigkeit einerseits und/oder drakonischen, unangemessenen Bestrafungen andererseits wirkt sich negativ aus. Vor allem erziehliche Gewaltanwendung führt im Sinne der Vorbildwirkung zur Erkenntnis beim Kind, dass die eigenen Ziele am besten nachdrücklich auf gewalttätige Weise durchzusetzen sind. Demütigende und schmerzhafte Gewaltanwendung führt zur seelischen Traumatisierung – wie sie weiter unten dargestellt wird.

Elterliche Streitigkeiten stellen ebenfalls für Kinder einen schweren Belastungsfaktor dar. Nicht nur die Gewaltanwendung gegenüber dem Kind selbst, sondern auch Gewalttätigkeiten unter den geliebten und vorbildhaften Bezugspersonen können Traumatisierungen hervorrufen. Verhaltensstörungen und Übertretungen sozialer Regeln bei den Eltern führen zu einem erhöhten Risiko von Verhaltensstörungen bei den Kindern. Körperliche Misshandlung durch Bezugspersonen und sexueller Missbrauch innerhalb der Familie zählen wohl zu den schlimmsten Traumatisierungen der Kinder, wobei neben emotionalen Schwierigkeiten schließlich expansive Verhaltensstörungen auftreten können. Die Resonanz des Umfeldes außerhalb der Familie, der gesellschaftliche Lebens- und Erfahrungsraum, bildet ebenfalls einen Bezugsrahmen, in dem die kindliche Aktivität, das kindliche Gefühlsleben entfaltet oder verformt werden kann.

Das entwicklungspsychopathologische Modell zur Entstehung expansiver Verhaltensweisen unter den skizzierten ungünstigen Entwicklungskonstellationen geht von Störungen in der Entwicklung des Selbst und des Selbstwertes beim Kind aus. Demütigung und Gewaltanwendung erzeugen ein negatives Selbstbild und eine Verzerrung der sozialen Wahrnehmung bei den betroffenen Kindern. Die Kinder fühlen sich rasch provoziert und beschämt, sie verschaffen sich und ihren Interessen Freiräume, ohne auf die berechtigten Anliegen von anderen zu achten. Durch diese Mischung aus Egoismus und Kränkbarkeit kann es zu Problemen in Schule und Gleichaltrigengruppe kommen. Soziale Anpassungsschwierigkeiten und Konflikte sind die Folge. Viele Probleme können vom Kind, das durch ungünstige Entwicklungskonstellationen ja bereits psychische Strukturschwächen aufweist, nur noch in abwehrender Weise bewältigt werden. Die Störungen des Selbstkonzeptes und Beeinträchtigungen des Selbstwertes scheinen als zentrale Faktoren bei jugendlichen Fehlentwicklungen. Schließlich findet der Jugendliche nur noch wenige Entwicklungschancen im sozialen Feld und schließt sich dann mit erhöhter Wahrscheinlichkeit abnormen Gruppen an.

Die Entwicklung des kindlichen Selbst ist nicht nur eine Sache des Kindes und seiner Anlagen. Nach den Kenntnissen der modernen Säuglingsforschung sind die affektive Reagibilität und die Fähigkeit zur Selbstregulation und Selbstorganisation nicht allein angeboren. Das Kind entwickelt sich in einer interaktionellen Matrix. Wir fassen die Selbstwerdung des Kindes als einen Weg von außen nach innen, von der Interaktion zum inneren Konstrukt derselben auf. Schon von Natur aus bedarf der Mensch eines sozialen Rahmens für seine Entwicklung. Das Kind ist in ein Gefüge zwischenmenschlicher Beziehungen eingebettet, die eine wesentliche Voraussetzung für das körperliche Gedeihen, das Selbstverständnis und die Entwicklung des inneren Weltbildes darstellen. Es gibt eine gefühlshafte Wechselwirkung zwischen Bezugspersonen und Kind, die unter dem Begriff „affect attunement“ von Stern schon seit den 1980er Jahren beschrieben wird. Unter „affect attunement“ wird verstanden, dass von der Bezugsperson auf bestimmte Gefühlsäußerungen des Kindes differenziert geantwortet wird. Auf diese Weise können die affektiven Äußerungen des Kindes spiegelnd beeinflusst, variiert, stimuliert oder gedämpft werden. Wenn nun Bezugspersonen unsensibel auf das Kind reagieren oder in unberechenbarer Weise mit eigenen immer wieder wechselnden Verhaltensweisen den kindlichen Affektausdruck beantworten, dann hat dies negative Einflüsse auf die Gefühlsregulation des Kindes. Ein weiteres Phänomen wird unter dem Begriff der sozialen Referenzierung beschrieben. Dabei handelt es sich um das Phänomen, dass kleine Kinder bei Konfrontation mit interessanten, aber Unsicherheit erzeugenden Objekten ihre Bezugsperson anschauen und deren Gesichtsausdruck lesen. Kommuniziert die Mutter einen Angstaffekt, beginnt auch das Kind sich zu fürchten, lächelt sie, setzt das Kind neugierig seine Aktivitäten fort. Über das Phänomen der sozialen Referenzierung werden also affektive Zustände kommuniziert, wobei Desaktualisierung, Bedeutungsgebung und Gefühlsreagibilität beim Kind dadurch mitgestaltet werden. Nach Papoušek besitzen Eltern eine intuitive Kompetenz, die es ihnen ermöglicht, sich optimal auf das Kind einzustellen und gemäß seinen emotionalen Bedürfnissen zu reagieren. Mütterliche und väterliche Feinfühligkeit haben also einen entscheidenden Einfluss auf die Qualität der kindlichen Beziehung mit der Bindungsperson. Die Bezugsperson ist in der Lage, dem Aufmerksamkeitsfokus des Kindes zu folgen und vom Kind vorgegebene Handlungsstränge aufzugreifen. Die feinfühlige Bezugsperson vermeidet es aber, immer die Interaktion zu dominieren. Intrusivität dem Kind gegenüber, also übertriebene Eindringlichkeit oder abweisende Reaktionen können zu Beziehungsstörungen führen. Depressive Verstimmtheit, emotionale Unstetigkeit, Alkoholismus, Drogensucht, Aggressivität bei Bezugspersonen können sich auf diese Weise negativ auf das Selbstgefühl und die selbstregulativen Aktivitäten des Kindes auswirken. Unter dem Begriff der Bindung ist die besondere Art einer affektiv getragenen sozialen Beziehung zwischen dem Kind und einer bevorzugten von anderen unterschiedenen Bezugsperson gemeint, die als stärker, wissender und beschützend vom Kind angesehen wird. Bindungen sind also nicht eine Eigenschaft des Kindes oder der Bezugsperson allein, sondern stellen eine zwischenmenschliche Qualität dar, die von zwei Interaktionspartnern getragen wird. Störungen des emotionalen Dialogs durch Gewaltanwendung führen nicht nur zu unsicheren Bindungsmustern, sondern zu einer kompletten Desorganisation, wie wir sie bei schwer traumatisierten Kindern feststellen können.

Das Gefühlsleben des Kindes ist der primäre Ort der Auswirkung von Gewalt auf die Seele. Die Emotionen – das heißt Gefühle und Stimmungen – stellen eine ganz wesentliche Ausdrucksmöglichkeit und Entscheidungsgrundlage des Kindes dar. Emotionen habe eine eminente Bedeutung für die Entwicklung der Innenwelt und sind mit der Kognition als Teil eines körpernahen Entscheidungssystems untrennbar verbunden. Emotionale Prozesse haben Priorität – sind sie beeinträchtigt, leidet auch die kognitive Entwicklung. Umgekehrt überfordern und modifizieren kognitive Prozesse das emotionale System. Denken und Fühlen sind für die Innenwelt des Menschen unerlässlich.

Affekte nennen wir angeborene psychobiologische Reaktionsformen, die sich im Laufe der Menschheits- und Gehirnentwicklung aus Reflex- und Instinktprogrammen heraus entwickelt haben. Affekte und die daraus differenzierten Emotionen dienen ebenso der äußeren Darstellung wie der inneren Bewertung. Der Begriff der Emotionen bezieht sich sowohl auf die Ausdruckskomponente als auch die Erlebniskomponente von affektiver Zuständigkeit und stellt dahingehend eine Erweiterung des Affektbegriffs dar. Affektive Grundtönungen können über die Lebensspanne hinweg relativ konstant bleiben. Demgegenüber werden Emotionen durch die zunehmende Ausdifferenzierung des motorischen Systems und die Erlebnisgeschichte immer mehr ausgestaltet. Neben der Bedeutung als primäres Motivationssystem, das unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Aspekte in unserer Umgebung richten lässt, besitzen Emotionen eine regulative Funktion bei zwischenmenschlichen Beziehungen. Das Wechselspiel zwischen Bezugsperson und Kind geschieht wesentlich über den Austausch von Emotionen. Über den Affektausdruck kann das Kind bereits in angeborener Weise mit den Eltern einen Dialog führen. Affekte können imitiert und beantwortet werden. Emotionen sind auch eng mit der Gedächtnisbildung verknüpft. Sie beeinflussen, was an Lebensszenarien in affektiv getönten Erlebniseinheiten gespeichert wird und was nicht. Nicht zuletzt dienen die Affekte durch die Unverwechselbarkeit und Einheitlichkeit der Empfindungsqualität der Bildung des subjektiven Selbst. Störungen der emotionalen Regulation, die zu extremen Schwankungen von Gefühlsintensitäten im Erleben führen und zu Widersprüchen in emotionalen Interaktionen Anlass geben, können auf diese Weise die Fähigkeit des Kindes, ein kohärentes Selbst auszubilden, überdehnen. Brüche und Uneinheitlichkeiten im subjektiven Selbst werden als Identitätsproblematik später fassbar. Bei allen unseren Handlungsentscheidungen kommen Emotionen ins Spiel. Dort, wo sich Gewalt besonders auswirkt, ist es der archaische Unterbau unseres Handelns, das Gefühlshafte und Intuitive wird negativ beeinflusst. Die mentalen Modelle, die unbewussten Grundeinstellungen, das basale Urvertrauen oder Urmisstrauen und die Tönungen unseres Erlebens werden durch frühe Gewalt bereits massiv gestört und verändert. Damit wird nicht das logische Denken beeinflusst, sondern Vernunft und Besonnenheit im sozialen Feld. Denn der besonnene Umgang mit andern Menschen wird niemals nur durch logische Entscheidungen, sondern immer durch Werte-Entscheidungen in abwägender Weise geprägt.

Traumen sind seelische Verletzungen, die von seiten der psychosozialen Umwelt an das Kind herangetragen werden, und die die Entwicklung des Kindes entscheidend beeinflussen können. Traumen rufen immer eine emotionale Alarmsituation hervor. Es handelt sich um Ereignisse, die die Gesundheit, die Integrität des Körpers, ja das Leben des Kindes selbst gefährden können. Traumen sind nicht selten durch ein Gefühl des Überwältigtwerdens gekennzeichnet. Keine bekannte Strategie ist verfügbar, um dagegen anzukämpfen. Die Kontrolle über die Situation bricht ab. Bisherige Erfahrungen erlauben keine Vorhersage mehr.

Manche Autoren teilen Traumen in Typ 1 – Traumen von ereignishaftem Charakter, denen beispielsweise Naturkatastrophen, Unfälle und Verbrechen zugeordnet werden können – und Typ 2 – Traumen, die per se Prozess-Charakter besitzen. Zu diesen zählen Misshandlungen, Missbrauchserlebnisse und wiederholte seelische Verletzungen im sozialen Kontext. Auch Ereignisse wie der Verlust eines Elternteils im frühen Kindesalter, können prozesshaft wirksame Folgen nach sich ziehen. Vor allem die Vorgeschichte der Beziehung zur verlorenen Person hat wesentlichen Einfluss, wie der Verlust verkraftbar ist. Wiederholte und prozesshaft wirksame Ereignisse scheinen also eine stärkere traumatische Auswirkung zu besitzen. Gewalterfahrungen in der Familie zählen dazu. In der Diskussion um die Bedeutung von Lebensereignissen ist es unbedingt notwendig, den subjektiven Charakter eines Traumas zu betonen. Wie stark ein Trauma wirksam wird und wie es die seelische Weiterentwicklung beeinflusst, liegt nicht allein im Lebensereignis selbst, sondern wird auch durch das Kind und seine Gefühlswelt mit entschieden. Traumen sind also Ereignisse mit gravierenden sozialen und intrapsychischen Folgen.

Unter emotionstheoretischen Gesichtspunkten kennt die affektive Alarmreaktion zwei Komponenten: Einerseits ist das sogenannte „Übererregungskontinuum“ zu beschreiben, das Angriffs- oder Fluchtreaktionen vorbereitet. Dieses Kontinuum ist durch eine vermehrte Aktivität des Sympathikus, die Aktivierung des Stress-Regulationssystems der Nebennierenrinde und komplexe Beeinflussungen des Immunsystems gekennzeichnet. Angriffsentscheidungen werden durch Zorn und Wut signalisiert, der Affekt von Angst und Furcht leitet wiederum das Fluchtverhalten ein. Wenn Flucht oder Angriff unter den Bedingungen einer Alarmsituation nicht möglich sind, weil die Situation unentrinnbar bleibt, die Gefahr aber weiter besteht, kommt es zu einer persistierenden oder eskalierenden Alarmreaktion. Die steigende Irritation führt beim Kind zu einem Prozess der Verzweiflung, der sich beispielsweise im Schreien und Hilfesuche äußern kann. Auf diese Weise kann unter normalen Bedingungen das Kind Bezugspersonen rekrutieren, die zur Entscheidungshilfe und zur Abwendung von Gefahr zur Verfügung stehen. Führt unter ungünstigen Rahmenbedingungen aber auch die Hilfesuche nicht zum gewünschten Erfolg, findet das Kind kein soziales Echo, keine Resonanz durch die Umgebung – weil beispielsweise die Bezugsperson selbst der Verursacher der Alarmreaktion ist! – dann bleibt das Kind seiner eskalierenden Alarmsituation ausgeliefert. Gewalttraumen in Familien laufen häufig nach diesem Muster. Und nun setzt der zweite Regulationsmechanismus der Alarmreaktion ein, der als Dissoziationskontinuum bezeichnet wird. Diese Alarmreaktion entspricht im Tierreich der Kapitulation und Ergebungsreaktion. Eine Reihe von Veränderungen im vegetativen Nervensystem sind die Folge. Auch Strukturen des limbischen Systems und des Mittelhirns werden betroffen. Insgesamt führt die Dissoziationsreaktion zu einer inneren Distanzierung, die es erlaubt, ein unerträgliches Trauma oder Gefahrenmoment für den Moment auszuschalten und für das Subjekt vermeintlich ungeschehen zu machen. Auf diese Weise kann eine unerträgliche Situation momentan durchgestanden werden, es kommt jedoch zu tiefgreifenden Langzeitveränderungen, die schließlich eine Desintegration psychischer Funktionen herbeiführen kann.

All diese Ergebnisse zeigen die Notwendigkeit präventiver Strategien zur Verhütung von Gewalt im familiären und außerfamiliären Umfeld auf. Ein ganz früher Ansatz muß versuchen, den gefühlshaften Dialog zwischen Kindern und ihren Bezugspersonen zu fördern, damit ein fester Grundstein in der Selbstentwicklung der ersten Lebensjahre gelegt werden kann. Ein solches Ziel ist nur durch die Zusammenarbeit unterschiedlicher ärztlicher, pädagogischer und sozialer Institutionen mit der Politik möglich. Es ist gut, durch psychotherapeutische Betreuung Kindern, die Opfer von Gewalt geworden sind, zu helfen. Besser ist es zu verhindern, dass sie überhaupt Opfer von Gewalt werden.

Zum Abschluß möchte ich ein Gegenwartsproblem nachdenklich aufgreifen, das ich mit dem Begriff des „postmodernen Problemkreises“ umschreibe. Der Begriff Postmoderne besagt, dass das Konzept der Moderne heute nicht mehr dieselbe Evidenz besitzt wie noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nunmehr ist nicht mehr eine Stilrichtung das Kriterium einer Mode, sondern es sind verschiedene Stilrichtungen zulässig, auch wenn sie sich gegenseitig ausschließen. Mode ist heute mehr der Flickenteppich, die Patchworkkonstellation: Widersprüche sind dadurch vorprogrammiert. Kausales Denken hat sich zu Gunsten eines kybernetischen Netzwerkdenkens dezentriert, die Relativität von Erkenntnissen und die Unbestimmheit des Wissens tritt in den Vordergrund. So sehr, wissenschaftlich gesehen, Unvorhersehbarkeit und Zufall innerhalb von definierten Rahmenbedingungen gültig und interessant erscheinen, ist doch in Alltagsentscheidungen der Verlust an Entscheidungssicherheit und Vorhersagemöglichkeit, der Verlust an Einheitlichkeit in einem Wertesystem für das Individuum schmerzlich. Wie viel Relativität, Flexibilität, Unsicherheit und Momenthaftigkeit verkraftet der Mensch ohne Verlust an Identität und ohne erlernte Hilflosigkeit?

Die postmoderne Maxime fordert allerhöchste psychosoziale Kompetenz von der nächsten Generation. Der Zivilisationsprozess verlangt, dass das emotionale Verhalten einem Höchstmaß an Selbstkontrolle, einem Optimum an Regulation unterliegt. Das Erleben von Flexibilität und die Wahl aus der Vielfalt der Möglichkeiten kann nur durch selbstbewusste, gefestigte Persönlichkeiten erfolgen. Wenn nun aber Eltern mit ihren Kindern unter dem gegenwärtigen Alltagsdruck selbst in Ohnmachtsgefühle, Hoffnungslosigkeit oder Hilflosigkeit verfallen, dann stören solche Beeinträchtigungen der Bezugspersonen das emotionale Klima zwischen Erwachsenen und Kindern. Verunsicherte, überreizte, frustrierte und depressive Eltern können nicht angemessen und intuitiv fürsorglich auf die emotionalen Bedürfnisse ihrer Kindern eingehen. Überforderte Eltern zeigen dann das Syndrom der kalten Schulter, sie sind ebenso desinteressiert an den Bedürfnissen des Kindes wie emotional überfordert und können dadurch zur Gewaltausübung neigen. Dann entsteht ein Bruch im emotionalen Dialog im Sinne einer Traumatisierung, die wiederum beim Kind einen Mangel an sozio-emotionaler Differenzierung bewirkt und zur Beeinträchtigung des Selbstwertes sowie strukturellen Defiziten führt. Vor allem eine innere Blindheit gegenüber Gewalt entsteht, die eigene Gewaltausübung gegenüber der Umwelt wird dadurch legitimiert. Bei den Kindern finden sich Egozentrismus und Beziehungshunger, sie erscheinen fordernd und emotional bedürftig, leicht kränkbar und möchten ihre Interessen durch eigene Gewaltausübung durchsetzen. In Fortsetzung dieses Teufelskreises gelingt es dann immer weniger der nächsten Generation jene Selbstsicherheit zu verleihen, die zur Bewältigung von Flexibilität und Globalität notwendig wäre! Schlimmstenfalls könnte also die postmoderne Verunsicherung des erwachsenen Individuums schließlich in einer fatalen emotionalen Deprivation der zukünftigen Generation enden.

Was können wir gesellschaftlich tun? Liegen diese Gefahren einer unbedachten Gewaltanwendung nicht in der emotionalen Entdifferenzierung von Kindern gerade in einer Zeit der Zunahme der Komplexität der Welt, die nur durch besondere Ausdifferenzierung der Gefühlswelt gemeistert werden kann? Wir benötigen neue Wertsetzungen jenseits der Ökonomie, die den Menschen nicht nur den Begriffen der Nützlichkeit und Brauchbarkeit zuordnen lässt. Wir brauchen neue Beziehungskulturen und neue Maßstäbe der kindlichen Erziehung, die sich auf eine zunehmende emotionale Differenzierung konzentrieren. Die kognitive Frühförderung unserer Kinder ist gesamtgesellschaftlich akzeptiert, für emotionale Frühförderung gilt dies nicht im gleichen Ausmaß.

Auf Seiten der Erwachsenen zeigt sich, dass Selbstfürsorge in der Arbeitswelt auch Fürsorge für die Kinder ist. Jene Freiräume, die sich Eltern für ihre Kinder erarbeiten, sind Investitionen in die Zukunft. Es ist notwendig, Kindern mehr Zeit und Geduld zu widmen, auch wenn diese uns lästig, fordernd oder unwillig erscheinen. Das heißt nicht, dass sich Eltern alles gefallen lassen, sondern es heißt in Dialog zu treten, Konflikte nicht zu scheuen und für Kinder und Jugendliche auch Reibebaum zu sein. Elternsein heißt Raum geben, durch Grenzen setzen Spielräume schaffen und emotional besetzte Erfahrungsräume eröffnen. Die Macht des Erwachsenen darf nicht zum Durchsetzen der eigenen Interessen gegenüber dem Kind verwendet werden, sondern soll zur Sicherung der Entwicklungsbedingungen des Kindes dienen! Zeit haben ist das Stichwort: Wir sind die Spiegel, in denen unsere Kinder und Jugendlichen ihre eigenen Sorgen und Passionen erkennen und verstehen wollen. Sind wir nur blinde Spiegel, ungeduldig, selbstsüchtig, lustlos und gewaltbereit, dann wird auch die nächste Generation in ihrem Gefühlsleben düster und unstet bleiben. Die postmodernen Herausforderungen bieten eine Chance zur tiefgreifenden Veränderung auch für uns. Es kommt nicht nur auf unser Wissen, sondern auf unsere Haltungen und Wertschätzungen an – woran wir glauben ist entscheidend. Eine emotionale Wendung von Kognition und technologischer Machbarkeit, von ökonomischem Kalkül und Vergötterung von Erfolg und Effizienz zu Werten des zwischenmenschlichen Ausstausches ist überfällig. Kinder brauchen zum Erlernen des emotionalen Dialogs erwachsene Partner und Vorbilder. Der Ausweg aus der Gewaltspirale beginnt mit einer Einstellungsänderung gegenüber Gewalt, gegenüber dem Missbrauch von Überlegenheit – subtil oder offen. Einstellungen ändern sich nur über Wissen und Werte Als Politiker, Entscheidungsträger, Therapeuten und Eltern von Kindern und Jugendlichen dürfen wir uns der postmodernen Wertediskussion nicht entziehen.

Die Literaturangaben sind über die Geschäftsstelle erhältlich.

Prof. Dr. Franz Resch ist Ordinarius für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Heidelberg und Präsident der Deutschen Liga für das Kind