Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

„Weißt Du was? Mein Papa kommt!“

Bundesweites Netzwerk erleichtert getrennt lebenden Vätern und Müttern nach der Trennung den regelmäßigen Besuch beim Kind

von Annette Habert

Kinder lassen sich nicht scheiden. Darum gibt es die bundesweite Initiative „Mein Papa kommt“. Es ist ein einfaches Konzept mit viel Potenzial: Das Netzwerk vermittelt kostenfreie Übernachtungsplätze für Väter und Mütter, die nach der Scheidung ihr Kind in einer anderen Stadt besuchen.

„Mein Papa wohnt am Bodensee. Er besucht mich jedes Wochenende. Aber das geht nur im Sommer. Da kann er im Auto schlafen. Kannst du da was machen?“

Als mir der neunjährige Sven im Religionsunterricht diesen Wunsch mit auf den Weg gegeben hatte, war die Idee zum Projekt „Mein Papa kommt“ geboren. Mich hat die Geschichte des kleinen Jungen, dessen Vater bei Besuchen im Auto schläft, sehr berührt. Wie ist es wohl für Sven, wenn er nach einem Besuchstag zu Hause ins eigene Bett geht und weiß, dass sein Papa jetzt auf irgendeinem Parkplatz im Auto schläft? Was erfährt er dabei über sich als Sohn und was prägt sein Bild über Vaterschaft? Was erfährt er über den gesellschaftlichen Umgang mit Abschieden und Lebensübergängen?

Es stellte sich bald heraus, dass die Geschichte von Sven kein Einzelfall ist. Viele Eltern können sich nach Abzug der Unterhaltszahlungen die Fahrtkosten und ein Hotelzimmer einfach nicht leisten. Wir erleben besuchende Eltern, die im Auto schlafen, am Bahnhof oder auf dem Campingplatz – und schließlich die Besuche bei ihrem Kind aufgegeben haben.

Ich bin Anwältin und mein Mandant hat mich informiert, dass er die Kosten für den Umgang mit seinem Kind durch ihre Hilfe besser aufbringen kann. Ich möchte Ihnen für die nette Unterstützung meines Mandanten danken und verbleibe mit freundlichen Grüßen

Warum kann ein Vater, der sein Kind besucht, denn nicht bei der Mutter seines Kindes übernachten?
Die Kinder spüren, dass der Umgang der Eltern miteinander nicht unbelastet ist, und so wird es für alle Beteiligten kein unbeschwertes Zusammensein geben. Manche Kinder hoffen auch auf einen dauerhaften Einzug des anderen Elternteiles, wenn sie Mutter und Vater endlich wieder gemeinsam am Frühstückstisch erleben. Für besuchende Eltern aber kann die Rückkehr in die einmal verlassene Wohnung so bedrückend sein, dass sie den Besuch bei ihrem Kind schon deshalb vermeiden. Wird von einem der Elternteile eine Folgefamilie gegründet, bringt die Übernachtung des Vaters in der mütterlichen Wohnung seines Kindes erhebliche Verunsicherungen für die neuen Partner mit sich. So mag es vieles geben, was die gemeinsame Zeit zwischen dem alleinlebenden Elternteil und seinem Kind erschwert oder sogar verhindert.

Meine Gastfamilie war sehr freundlich und ich bekam die Zusage, mich bei Bedarf jederzeit wieder melden zu dürfen. Meine Kinder haben sich sehr gefreut, ihren Papa wieder sehen zu können. Auch in ihrem Namen Danke! Ich reiste am 12.10. abends an und am 15.10. sehr früh wieder ab. Liebe Grüße, alleinlebender Vater.

Kann der Vater sein Kind am Wochenende nicht einfach mit zu sich abholen?
Für das Kind ist es nach der Trennung der Eltern sehr hilfreich, den Wohnort des Vaters zu erleben. Erst dann hat das Kind vor Augen, wo der Vater eigentlich ist, wenn er nicht bei ihm ist. Holt der Vater andererseits das Kind aber immer nur zu sich, erlebt er nicht mehr das Lebensumfeld seines Kindes. Niemals wird dieses ihm zeigen können, wo es das Schaukeln gelernt und wen es zur Freundin hat.

Vielen Dank für Ihren Anruf gestern Abend. Ich bin mit dem Projekt „Mein Papa kommt“ sehr zufrieden. Ich übernachte jetzt regelmäßig in Berlin, wenn ich meine Tochter besuche. Liebe Grüße, alleinlebender Vater.

Kinder lassen sich nicht scheiden
Im Austausch mit Alleinerziehendenverbänden, Müttern, Therapeuten und Trennungsvätern, Kindern, Rechtsanwälten und erwachsen gewordenen Scheidungskindern haben wir darum das Projekt „Mein Papa kommt“ initiiert.

Unter www.mein-papa-kommt.de registrieren sich seitdem bundesweit Menschen, die ihr Gästezimmer für zwei Tage besuchenden Vätern oder Müttern als Schlafplatz zur Verfügung stellen. Alleinlebende Eltern tragen sich ebenfalls ein. Selbst aus dem Ausland erreichen uns Anfragen. Für jeden besuchenden Vater suchen wir drei Gastgeber, um die Gastfreundschaft nicht zu belasten. Ein Team von ehrenamtlichen Mitarbeitern vermittelt dann den Kontakt zwischen Gast und Gastgebern.

Mein Besuch in Hannover bei meinem vermittelten Gastgeber war ein Erfolg! Wir verstehen uns so gut, dass er mir auch weiterhin die Wohnung zwecks Übernachtung anbietet. Haben Sie grundsätzlich noch eine andere Adresse in Hannover, falls mein Gastgeber irgendwann mal im Urlaub oder anderweitig verhindert ist? Vielen Dank für die Vermittlung, die sehr praktisch ist und viel Geld spart. Herzliche Grüße, alleinlebender Vater.

Nach einer oft unterbrochenen Beziehung zwischen alleinlebendem Elternteil und dem Kind ist die Schwelle zu einem Beginn der Besuche nun nicht mehr so hoch, wenn das Kind auch kurzfristig wieder zum alleinerziehenden Elternteil zurückkehren kann. Auch das ist mit einer kostenfreien Übernachtung durch unsere Initiative eher möglich. Nicht zuletzt erhoffen wir uns, dass Säuglinge und Kleinkinder, die zum Stillen oder zum Mittagsschlaf die Mutter und ihr gewohntes Umfeld brauchen, auf diese Weise von Anfang an regelmäßig und niederschwellig vom alleinlebenden Elternteil besucht werden können.

Unsere Rahmenvereinbarungen geben allen Beteiligten die nötige Sicherheit: Vor der ersten Vermittlung hinterlegt der Gast im Büro der Projektstelle eine amtlich beglaubigte Kopie von Personalausweis und Meldebescheinigung. In der Regel ist der Besuch auf zwei Übernachtungen in Folge begrenzt und die Kinder werden nicht zum Gastgeber mitgebracht. Gastgeber erhalten durch uns nicht die Namen und Kontaktdaten des Kindes. Der Gast verzichtet auf den Konsum von Zigaretten und Alkohol in der Wohnung des Gastgebers.

In der Praxis gibt es inzwischen weitere Varianten: Manche Gastgeber laden den Vater zusammen mit dem Kind ein. Ein Vater bringt sein Kind aus der zweiten Ehe mit zum Besuch des ersten Kindes, so dass sich die Halbgeschwister kennenlernen. Väter aus dem Ausland bekommen Gastgeber, bei denen sie für mehrere Tage bleiben können. Väter nutzen die Einladung der Gastgeber, um in der Beratungsstelle das erste Kennenlernen mit dem Kind vorzubereiten und besuchen das Kind noch nicht. Andere reisen schon während der Woche an, um Elterngespräche in Schule und Kindergarten wahrzunehmen. In München startet das begleitende Projekt „SpielRaum“ für besuchende Eltern und Kinder.

Wir arbeiten ehrenamtlich. Zum Ausbau der Initiative hoffen wir auf Spenden und Unterstützung durch Stiftungen. Große Achtung habe ich vor den besuchenden Eltern, die sich in dem von Verletzungen geprägten Abschied aus der bisherigen Familienform nun in so ungewohnter Weise auf den Weg zu ihrem Kind machen.

Und was ist der Erfahrungsschatz auf Seiten der Gastgeber? Für manche von ihnen ist ihre bedingungslose Gastfreundschaft so selbstverständlich, dass sie kaum ahnen, wie zukunftsweisend diese Erfahrung für den besuchenden Vater sein kann: „Ich werde in meiner Vaterschaft gesehen, auch wenn ich im Alltag nicht bei meinem Kind leben kann. Es gibt Menschen außerhalb unserer Familie, die uns nach der Trennung in unserer Elternschaft unterstützen.“

Ich wünschte, die Gastgeber könnten miterleben, was die Kinder mir am Wochenschluss voller Freude im Schulflur zurufen: „Weißt Du was? Mein Papa kommt!“

www.mein-papa-kommt.de

Annette Habert ist Diplom-Religionspädagogin in der Evangelischen Fachstelle für alleinerziehende Frauen und Männer in München.