Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Buchrezensionen

Bemutterung: auf das richtige Maß kommt es an

Wer über Bemutterung spricht, gerät leicht in ideologisches Fahrwasser. Während die einen ein Zurück zu mehr Mütterlichkeit fordern, warnen andere vor den Gefahren eines unkritischen Muttermythos. Worin aber besteht in modernen Gesellschaften ein angemessenes Maß an mütterlichem Engagement?

Diese Frage konsequent aus der Perspektive des Kindes zu beantworten, ist das Verdienst der in Wien tätigen Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert. Mit ihrem neuen Buch „Wieviel Mutter braucht ein Kind?“ ist ihr ein großer Wurf gelungen. Im Verlauf ihrer präzisen Interpretation der wichtigsten Daten anthropologischer, neurobiologischer, psychologischer und pädagogischer Forschung gelangt sie zu dem Ergebnis, dass es „den“ Universaltyp einer zur Natur des Menschenkindes allein passenden frühkindlichen Betreuung nicht gibt – und nie gegeben hat. Vielmehr geht es immer wieder neu darum, die mütterlichen mit den väterlichen und darüber hinausgehend gesellschaftlichen Anteilen früher Betreuung, Erziehung und Bildung sinnvoll zu balancieren. Dass dabei die begrenzte Anpassungsfähigkeit des Kindes wie auch der erwachsenen Beteiligten nicht überfordert werden darf, darauf weist die Autorin eindringlich hin.
Vor diesem Hintergrund formuliert Ahnert aktuelle fachliche und gesellschaftspolitische Orientierungen: Sowohl das Extrem der ausschließlich mütterlichen Betreuung als auch ihr Gegenteil, eine zu große Heterogenität in den Betreuungsabläufen, sind für das Kind risikoreich. Zum Wohl des Kindes braucht es vielmehr eine neue Partnerschaft zwischen privater und öffentlich verantworteter Tagesbetreuung, die auf wechselseitigem Respekt vor den unverzichtbaren Fähigkeiten des jeweils anderen basiert.
Ein faszinierendes Buch, dazu noch eines, das für Fachleute wie Eltern gleichermaßen gewinnbringend lesbar ist.

Dr. Jörg Maywald

Lieselotte Ahnert
Wieviel Mutter braucht ein Kind?
Bindung – Bildung – Betreuung: öffentlich und privat
Spektrum Verlag 2010
334 Seiten
24,95 €

Ist Liebe messbar?
Die Affenexperimente von Harry Harlow

Als Harry Harlow zu Beginn der 1930er Jahre als Psychologe seine Forschungen an der Madison Universität von Wisconsin begann, stand ihm kein Labor mit Versuchsratten zur Verfügung, wie es damals üblich war. Angeregt durch eine Unterhaltung auf einer Dinnerparty kam es dazu, dass er in den örtlichen Zoo ging und die dort lebenden Orang-Utans und ihre Beziehungen untereinander beobachtete. Das sollte tief greifende Folgen für seine Forschung und die Entwicklung der Wissenschaft vom Kind haben.

Vorherrschende Richtung in der Psychologie der damaligen Zeit war der Behaviorismus mit der Ansicht, dass Verhalten objektiv und experimentell mess- und kontrollierbar sei und durch exakten Input konditioniert werden könne, vor allem in Bezug auf die Kindererziehung. Gepaart mit überhöhten Hygieneansprüchen galten körperliche Berührungen, Zärtlichkeiten und Bemutterung als hinderlich auf dem Weg zu einem starken Charakter und der Beherrschung von Emotionen.
Im Gegensatz dazu entwickelte Harlow eine beziehungsorientierte Theorie über die Bedürfnisse von Kindern und führte zahlreiche bahnbrechende Affenexperimente zu frühen Beziehungen von Primaten durch, mit wegweisenden Ergebnissen zum Ursprung und zur Entwicklung von Liebe und Zuneigung.
Der Wissenschaftsjournalistin und Pulitzer-Preisträgerin Deborah Blum ist mit diesem Buch sowohl ein meisterhaft vielschichtiges und tiefgründiges Portrait der zuweilen sehr umstrittenen Forscherpersönlichkeit Harry Harlows als auch ein lebendiges Bild der Wissenschaftsgeschichte des vorigen Jahrhunderts mit aktuellem Bezug zu heutigen Fragen der Kinderbetreuung und der zentralen Bedeutung von Beziehungen gelungen.

Marita Salewski

Deborah Blum
Die Entdeckung der Mutterliebe
Die legendären Affenexperimente des Harry Harlow
Übersetzt aus dem Englischen von Sabine Grunwald
Beltz Verlag 2010
352 Seiten
24,95 €