Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Es ist normal, verschieden zu sein!

Die Integrative Kindertagesstätte PUSTEBLUME in Speyer am Rhein

Von Doris Heintz

Es ist normal, verschieden zu sein: ausgerüstet mit diesem Selbstverständnis erleben Kinder mit ohne Behinderung die Vielfalt in unserer Städtischen Integrativen Kindertagesstätte PUSTEBLUME in Speyer am Rhein. Dieses Selbstverständnis bildet die Basis für soziales Lernen in der frühen Kindheit. Viel Fachkompetenz und „Herzblut“ setzen Erzieher(innen) und Therapeut(inn)en täglich ein, um mit allen Kindern diese Vielfältigkeit ihrer individuellen Bedürfnisse im KiTa-Alltag zu leben. Unter dem Stichwort „Inklusion“ geht es uns darum, den uns anvertrauten Kindern frühzeitig viele verschiedene Möglichkeiten der Begegnung des Normalisierungsprinzips zu bieten.

Unsere Definition von Inklusion: Wir begrüßen die Vielfalt und versuchen, Formen für das Lernen, Lachen und Spielen in der Gemeinschaft zu finden. Ein respektvoller Umgang mit Unterschieden und entschiedenes Eintreten gegen Diskriminierung erfordert ein hohes Maß an Toleranz. Die Lernsituationen gestalten wir nach Möglichkeit so, dass verschiedene Begabungsprofile unserer Kinder gleichrangig Berücksichtigung finden können. Eine innere Einstellung zum Schwerpunkt Inklusion erwartet von allen Fachkräften, dass ihre Haltung von Wertschätzung geprägt ist und sie dies entsprechend vorleben können. Kinder mit Behinderungen sind für uns in erster Linie Kinder mit besonderen Bedürfnissen, wie sie jedes Kind entwickelt.

Die KiTa PUSTEBLUME
Insgesamt besuchen 60 Kinder im Alter zwischen zwei und sechs Jahren die KiTa PUSTEBLUME. 20 Kinder haben laut ärztlicher Diagnose eine Behinderung. Jeweils 15 Kinder lernen, spielen und lachen gemeinsam in einer Kindergruppe. Davon haben fünf Kinder eine Behinderung. Betreut werden sie von 2,5 Erzieherinnen. Ein Fahrdienst holt auf Wunsch der Eltern die Kinder direkt von zu Hause ab und bringt sie in die KiTa bzw. am Nachmittag wieder zurück. Wir bieten täglich eine Öffnungszeit von 7.00 bis 16.30 Uhr für alle Kinder an. Die KiTa Pusteblume befindet sich in der Trägerschaft der Stadt Speyer.

Unser Konzept
Unser Konzept basiert auf den vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz unter dem Aspekt „Zukunftschance Kinder – Bildung von Anfang an“ erarbeiteten Bildungs- und Erziehungsempfehlungen. Ausgewählte pädagogische Schwerpunkte setzen die Akzente in der Arbeit mit allen unseren Kindern. Eine im Team erarbeitete pädagogische Konzeption liegt für alle Interessierte, insbesondere für Eltern, in schriftlicher Form vor und kann gerne bei uns angefordert werden. Als sehr wertvoll erweist sich die therapeutische und psychologische Versorgung während der Anwesenheitszeit vor Ort in der KiTa.

Die Rahmenbedingungen
Fachkräfte unterschiedlicher Berufsgruppen (Erzieher/innen mit Zusatzqualifikationen, Therapeutinnen für die drei Bereiche LOGO, ERGO und Physiotherapie, Psychologin und Kinderärztin) bilden gemeinsam das interdisziplinäre Team. Hierzu besteht für die therapeutischen, psychologischen und medizinischen Leistungen ein Kooperationsvertrag zwischen der Stadt Speyer und dem Sozialpädiatrischen Zentrum/Frühförderung in Ludwigshafen. Eigene gut ausgestattete Therapieräume vor Ort in der KiTa unterstützen das pädagogische Konzept. Die Personalbemessung orientiert sich an den gesetzlichen Vorgaben des Landes Rheinland-Pfalz.

Ein eigenes Elternsprechzimmer bietet im geschützten Rahmen Raum für individuelle Beratungs- und Entwicklungsgespräche. Auch begrüßen die Eltern das Angebot sehr, sie zu Hause zu besuchen. Wir können zuhören und planen entsprechende Zeitressourcen ein. Grundlage dieser Gespräche sind schriftliche Aufzeichnungen der Entwicklungsdokumentationen bzw. der Förderpläne. Unser Barriere freies Raumprogramm sowie Außengelände ist für alle Kinder gut zu erreichen. Jeder Gruppenraum hat einen separaten Aktionsraum zur Gestaltung der vielfältigen Bedürfnisse und Rückzugsmöglichkeiten unserer Kinder. Für den Bewegungsdrang aller Kinder stehen ein Turnraum, der großzügige Spielflur und der naturnah gestaltete Außenbereich zur Verfügung.

Erfahrungen aus der Perspektive der Kinder
Für unsere Kinder gestaltet sich der KiTa-Alltag ganz normal, d. h. sie lernen von Beginn an mit Empathie umzugehen, Akzeptanz des Anderssein, individuelle Bedürfnisse zu haben, Auseinandersetzungen im Alltag mit vielfältigen Ansprüchen, unterschiedliche Reaktionen erfahren, Verhaltensweisen verstehen lernen etc., eben KiTa-Alltag ganz normal!

Sehr frühzeitig können sich unsere Kinder besondere Sozialkompetenzen aneignen z. B. Wertschätzung üben, Kommunikationsstrukturen aneignen, Hilfe geben, Hilfe anbieten, Hilfe einfordern, niemanden auslachen, abwarten können, Toleranz zeigen, Freude zum Ausdruck bringen, Umgang mit Lob und Kritik usw.

Erfahrungen aus der Perspektive der Eltern
Unsere Eltern wissen die Qualitätsmerkmale der KiTa PUSTEBLUME zu schätzen und bringen diese zu gegebener Zeit auch zum Ausdruck, z. B. interdisziplinäre Teamarbeit täglich vor Ort zu haben, Wertschätzung im Umgang des Verarbeitungsprozesses, Elternpartnerschaft nicht nur mit den Fachkräften, sondern auch mit anderen betroffenen Eltern zu pflegen, Beratung bei Hilfsmittelversorgung Wohnort nah, den Fahrdienst für ihr Kind in Anspruch nehmen zu können, Begleitung beim Übergang von der KiTa in die Schule, Unterstützung bei der Erstellung des Förderbedarfes, Ansprechpartnerinnen für besondere Fragestellungen zu haben etc.

Als Stolpersteine berichten uns viele Eltern ihre Odyssee zu verschiedenen Ärzten und Kliniken, die sie hinter sich haben und damit oft verbunden die zunehmenden Formalitäten im Gesundheitswesen und bei der Eingliederungshilfe.

Erfahrungen aus der Perspektive der Erzieherinnen
Eine persönliche Haltung im Veränderungsprozess vom klassischen KiTa-System zu einer Integrativen KiTa bietet viele Chancen, die es zu gestalten gilt. Der Inklussionsprozess erwartet die ständige konzeptionelle Auseinandersetzung zur individuellen Begleitung aller Kinder. In der persönlichen Auseinandersetzung geraten auch die Fachkräfte manchmal an ihre Grenzen der Belastbarkeit. Ständige Weiterqualifizierung – persönlich oder im gesamten Team – bereichert die Fachkompetenz im Umgang mit kooperierenden Einrichtungen (z. B. Eingliederungshilfe, Hausfrühförderung, verschiedene Schulen, Soziale Dienste, Familienhilfe, Pflegekinderdienst usw). Diese Maßnahmen sind vom Träger gewünscht und werden entsprechend begleitet.

Fazit: Dabeisein ist nicht alles!
Wir sind der festen Überzeugung, dass mit entsprechenden Rahmenbedingungen Inklusion in der frühen Kindheit gelingen kann. Unsere Sorge gilt zurzeit den Einzelintegrationsmaßnahmen in Regelkindertagesstätten. Wichtig ist hier, dass diese Maßnahmen nicht als Sparkonzepte der Politik auf dem Rücken der betroffenen Kinder und Eltern missbraucht werden.

Da Inklusion das gesunde Aufwachsen aller Kinder im Blick hat, wäre es zukünftig für Kinder, Eltern und Fachkräfte sicher hilfreich, sämtliche Hilfen (Kinder- und Jugendhilfe, Gesundheitshilfe, Eingliederungshilfe) aus einer Hand anzubieten und damit kürzere Wege zu schaffen. Eltern sind die besten Experten für ihre Kinder, deshalb sollen und müssen sie bei allem, was wir tun, mit beteiligt und gehört werden.

www.pusteblume.speyer.de

Doris Heintz ist Leiterin der Integrativen Kindertagesstätte PUSTEBLUME in Speyer am Rhein.