Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

„Das Kind strahlt von Beginn an seinen Willen in die Welt“

Dr. Jörg Maywald im Gespräch mit Prof. Dr. Franz Resch, Ordinarius für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Heidelberg und Präsident der Deutschen Liga für das Kind

Maywald: Die Zeitschrift frühe Kindheit existiert seit nunmehr zehn Jahren. Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an dieser Zeitschrift?

Resch: Das Markenzeichen der Zeitschrift frühe Kindheit besteht für mich darin, dass es eine Zeitschrift ist, die versucht, wichtige Themen zu Kindern und ihrer Entwicklung auf einem Niveau gehobenen Feuilletons darzustellen und dies auf direkte Weise durch spezielle Autorinnen und Autoren mit Fachkompetenz. Das heißt, wir haben Artikel von Juristen, die sich mit Kinderrechten beschäftigen, wir haben Artikel von Ärzten, Psychologen, Psychotherapeuten, Pädagogen, Soziologen, die ihre jeweiligen Themen für den gebildeten Laien verständlich darstellen. Diese Vermittlerstellung zwischen Fachkompetenz und interessierten Laien halte ich für eine Besonderheit.

Maywald: Vor 20 oder 30 Jahren bezeichnete der Begriff „frühe Kindheit“ insbesondere aus ärztlicher Sicht die Altersspanne von der Geburt bis zum dritten Lebensjahr. Aufgrund von Entwicklungen vor allem im Bereich der Sozialwissenschaften sind mit „früher Kindheit“ – early childhood – heutzutage im Allgemeinen die ersten sechs Lebensjahre gemeint. Welche Altersabgrenzung macht aus Ihrer Sicht Sinn?

Resch: Meine Ansicht in diesem Zusammenhang ist, dass für die frühe Kindheit der Zeitraum zwischen null und sechs Jahren der richtige ist, weil die Entwicklungsprozesse nicht nur im Bereich der Kognitionen, sondern vor allem auch im Bereich der Selbststeuerung, im Bereich der Emotionen und der sozialen Fertigkeiten letzten Endes einen Einschnitt erst mit dem Schulalter erleben, wo ein neues Thema der Verantwortung im Bildungsprozess auf das Kind zukommt, während eine Trennungslinie bei drei Jahren aus meiner Sicht unter Entwicklungsgesichtspunkten sehr künstlich ist. Daher meine ich, dass alle Entwicklungsprozesse der frühen Bildung und der frühen Erziehung, aber auch der Prävention im medizinisch-psychologisch-soziologischen Bereich eine Kontinuität im Altersbereich von null bis sechs Jahren nahe legen.

Maywald: Die Zeitschrift frühe Kindheit versteht sich wie – wie auch die Liga für das Kind insgesamt – als interdisziplinäres Forum im Dreieck von Wissenschaft, Praxis und Politik. Warum ist Interdisziplinarität wichtig?

Resch: Ich glaube, dass alle großen Themen unserer Zeit nicht mehr von einer Fachgruppe kompetent gelöst und bearbeit werden können. Wir erleben in vielen gesellschaftlichen Bereichen, dass nur die Vernetzung und die Zusammenarbeit unterschiedlicher Kompetenzen, Denkstile und Sichtweisen zu fruchtbaren Erklärungen und Lösungen für Lebensprobleme der Menschheit führen. Deshalb meine ich, dass gerade im Bereich der frühen Kindesentwicklung diese Interdisziplinarität von besonderer Bedeutung ist, weil wir im Wissen um die Entwicklung des Kindes erst am Anfang stehen.

Maywald: Die Mitglieder im Vorstand der Liga für das Kind kommen aus den Bereichen Pädiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Entwicklungspsychologie, Pädagogik, Soziologie und Recht. Wie funktioniert die Zusammenarbeit in der Praxis?

Resch: Die praktische Zusammenarbeit der unterschiedlichen Disziplinen funktioniert über eine gemeinsame Begriffsabklärung, einen Grundkonsens in der Haltung gegenüber dem Kind und einen grundsätzlichen Respekt jeder Fachdisziplin vor der anderen. Keiner hat sozusagen die Oberhand und die Erklärungsdominanz über die andere Disziplin. Das muss der Ausgangspunkt sein. Und wenn dieser Grundkonsens erfüllt ist, sehen wir, dass in organisatorischen Sitzungen wie den Vorstandssitzungen et cetera die inhaltliche Diskussion immer wieder aufflammt und dass das wechselseitige Interesse immer wieder neu entfacht wird, weil es für jeden einzelnen ganz besonders spannend ist zu hören, was der andere in seinem Fachgebiet zu bestimmten Themen des Kindes vorbringen kann.

Maywald: Wenn Sie die wissenschaftliche Forschung im Bereich der frühen Kindheit in den zurückliegenden zehn Jahren einmal Revue passieren lassen, welche Erkenntnisse halten Sie für besonders wichtig?

Resch: Da fallen mir mehrere Erkenntnisse ein. Das eine, was ich für sehr bedeutsam halte ist, dass das Kind keine determinierte Maschine ist, dass das Kind nicht nach dem, wie es sich in den ersten Lebensjahren entwickeln durfte, entsprechend vorhersagbar weiter läuft. Das Kind ist in jeder Lebensphase neu plastisch offen gegenüber der Umwelt. Einerseits hat das Kind immer neue Entwicklungschancen, auch wenn es aus einer vorübergehenden Periode ungünstiger Entwicklungsbedingungen kommt. Wir wissen heute, dass das Kind nicht so schnell in den Brunnen fällt, dass es immer wieder neue Chancen hat. Aber wir wissen andererseits auch, dass das Kind durch diese Plastizität in der Entwicklung immer wieder neu gefährdet ist. Das heißt, wir können uns als Erwachsene nie zurücklehnen und sagen, jetzt ist alles erreicht, jetzt läuft alles von selbst weiter, sondern wir müssen immer neu schauen, dem Kind in jedem Lebensalter möglichst gute Rahmenbedingungen zu verschaffen. Die zweite wichtige Erkenntnis ist die, dass das Kind nicht nur bedürftig ist in Bezug auf seine Umwelt, sondern dass es von Beginn an einen Willen in die Welt ausstrahlt und eine hohe Kompetenz im Umgang mit dieser Welt hat. Das halte ich für einen ganz wichtigen Punkt. Das Kind ist also nicht nur ein schutzlos angewiesenes Objekt der elterlichen Fürsorge, sondern es ist von Beginn an ein aktives Mitglied der Gesellschaft und geht aktiv in die Welt hinein. Dies ist eine wichtige Erkenntnis der Entwicklungspsychologie in den letzten 20 Jahren: immer mehr wird die aktive Rolle in der Gestaltung der eigenen Entwicklung beim Kind erkennbar. Eine dritte wichtige Erkenntnis sehe ich in der Bedeutung der Emotionen für die kindliche Persönlichkeitsentwicklung. In der Entwicklung des Kindes soll man nicht nur die Talente und kognitiven Aspekte des Kindes fördern, sondern auch die emotionale und die soziale Entwicklung des Kindes unbedingt heranbilden. Die Erkenntnis führt zur Forderung, dass der frühe Bildungsprozess nicht nur das Kognitive, sondern auch das Gefühlshafte mit einschließt. Wir könnten in diesem Zusammenhang den altmodischen Begriff der Herzensbildung heranziehen und sagen, dass im fördernden Umgang mit dem Kind immer auch dieser emotionale Austausch eine ganz große Rolle spielt.

Maywald: Werden diese Erkenntnisse Ihrer Ansicht nach in der Praxis ausreichend berücksichtigt und welche Hindernisse bestehen, die eine solche Umsetzung gegebenenfalls verhindern?

Resch:Wir erleben ein geradezu absurdes Paradox, dass wir auf der einen Seite wissenschaftlich immer besser erkennen, wie wichtig die frühe Bildung und Förderung von Kindern ist, wie wichtig die frühe Sozialisation ist, und wir sehen, dass auch in der Politik diese Erkenntnisse zumindest in Wahlreden, teilweise auch in politischen Initiativen aufgegriffen werden. Wenn wir aber in die Alltagsgeschehnisse und in die Finanzierungsgeschehnisse Einblick nehmen, dann sehen wir, dass in die frühe Bildung und Erziehung viel zu wenig von der Gesellschaft investiert wird, dass im Gegenteil in den Bereichen der frühen Bildung und Erziehung ein Personal- und Kompetenzmangel ausgemacht werden muss und dass die Gesellschaft dieser frühen Zeit viel zu wenig finanzielle Unterstützung zukommen lässt. Diese Absurdität müssen wir heute erleben, dass die Kindheit als Chance der Gesellschaft leider immer noch nicht die notwendige materielle öffentliche Unterstützung erfährt. Man kann sagen, dass jedes Kind durch seine Entwicklung für die Gesellschaft einen gemeinschaftlichen Nutzen bringt, dass jedoch die Risiken und finanziellen Belastungen privatisiert sind. Das heißt, die Familien müssen heute eine unglaubliche Last tragen, um die Gesellschaft von morgen zu ermöglichen.

Maywald: Wie sieht es in diesem Zusammenhang mit den Institutionen auf, in denen sich Kinder aufhalten?

Resch:Auch dort erleben wir das Paradox, dass auf der einen Seite politisch die Notwendigkeit des Einrichtens von kompetenten Früherziehungs- und Krippenplätzen erkannt wird, dass aber auf der anderen Seite durch finanzielle Probleme die Institutionen ausgedünnt werden mit der Folge, dass es personelle Mangelzustände gibt, dass es Struktur- und Ablaufmängel gibt und dass damit die Qualität solcher frühen Entwicklungs- und Bildungseinrichtungen nicht dem wissenschaftlichen Standard entspricht, den wir eigentlich fordern.

Maywald: Wir leben in einer demographisch alternden Gesellschaft, was Einfluss auf das Wählerpotential und auf das Wählerverhalten hat. Wie könnte Ihrer Ansicht nach die frühe Kindheit im gesellschaftlichen Bewusstsein angemessen in den Blick geraten?

Resch:Wir wissen, dass Eltern mit Kindern im Bereich der Wählerschaft eine Minorität darstellen. Das bedeutet auch, dass sich der politische Focus auf jene Wählerschichten richtet, die Mehrheiten generieren. Und das sind nicht die Eltern. Daher vertritt die Liga für das Kind über eine Initiative aus unserem Vorstand – hier ist besonders Frau Dr. Peschel-Gutzeit zu erwähnen – die Auffassung, dass Eltern für ihre noch jungen Kinder deren Wahlrecht im Sinne einer Stellvertretung wahrnehmen können sollten und dass sich dadurch das politische Bewusstsein ändern und das Kind mehr in den Blickpunkt der Tagespolitik rücken könnte. Wir setzen uns daher auch im Sinne dieser Bewusstseinsbildung für ein Wahlrecht von Geburt an ein.

Maywald: Wie wird Ihrer Meinung nach die Zukunft für Kinder aussehen?

Resch: Ich teile nicht den fatalistischen Pessimismus vieler Menschen, die sich angesichts der heutigen Rahmenbedingungen für die Entwicklung von Kindern und angesichts der Komplexität der gesellschaftlichen Vielfalt fragen, wie Kinder in dieser komplexen Welt eine normale Entwicklung nehmen und ihren Platz im Leben finden können. Ich bin da viel optimistischer. Die Tatsache, dass wir viele Zusammenhänge im Blick der Gegenwärtigkeit heute noch nicht erkennen, sagt nicht, dass es nicht eine tiefere Entwicklungslinie in der Gesellschaft gibt. Ich meine, dass das Bewusstsein gegenüber den Entwicklungsbedürfnissen von Kindern zugenommen hat, dass auch die Feinfühligkeit gegenüber Kindern zunimmt, trotz aller Widrigkeiten und Vernachlässigungen im Alltag. Ich habe eigentlich eine große Hoffnung, dass je mehr die wissenschaftlichen Erkenntnisse vom Kind in die Gesellschaft einfließen können – eine Aufgabe, die auch die Liga neben vielen anderen Nicht-Regierungsorganisationen mit übernommen hat – dass wir damit für die Kinder der Zukunft gerade in unseren Breiten und in unseren gesellschaftlichen Möglichkeiten bessere Entwicklungschancen bieten können als wir oder unsere Vorväter, die Kriege erlebt haben, das konnten.

Maywald: Was glauben Sie, werden die großen Themen in den kommenden zehn Jahren nicht zuletzt für eine Zeitschrift wie die „frühe Kindheit“ sein?

Resch: Ich glaube, dass ein ganz großes Thema der nächsten zehn Jahre die Multikulturalität sein wird, die Fähigkeit, unterschiedliche kulturelle Hintergründe in einem gesellschaftlichen Gesamtrahmen mit Respekt und Toleranz nebeneinander und miteinander leben zu lassen. Das zweite ist, dass wir uns mit den so genannten neuen Entwicklungskrankheiten, also der so genannten neue Morbidität von Kindern auseinander setzen müssen. Kinder sind in körperlicher Hinsicht mehr und besser medizinisch versorgt, aber wir kümmern uns noch zu wenig um ihre seelische Entwicklung: wie geht es Kindern nach Transplantationen, wie geht es Kindern, die einen Krebs überlebt haben, wie geht es Kindern, die heutzutage schwere angeborene Erkrankungen überleben können, so wie sie es vor dreißig Jahren nicht konnten. Das wird uns beschäftigen. Und ich glaube, dass ein drittes Thema sein wird, wie wir es Kindern ermöglichen können, unabhängig davon, mit welchem kulturellen Hintergrund und auch mit welchem Ressourcen-Hintergrund sie leben, am gesamten Bildungsprozess teilzuhaben. Die Frage lautet also, wie die Demokratie es schaffen kann, alle Mitglieder so weit in den Bildungsprozess einzubeziehen, dass es keine Menschen gibt, die praktisch zu „functional illiterates“ werden, die nichts lesen, die sich am öffentlichen Diskurs nicht beteiligen können und die dann eben Gefahr laufen, zu einer radikalisierbaren Masse zu werden, die die Gesellschaft bedrohen kann.

Maywald: Die ersten zehn Jahre der Zeitschrift frühe Kindheit fallen in etwa mit dem Zeitraum Ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit als Präsident der Liga für das Kind zusammen. In welcher Weise haben Sie von dieser Zusammenarbeit bisher profitiert?

Resch:Ich selbst habe mich durch die Liga für das Kind mit vielen Themen zu beschäftigen begonnen, mit denen ich mich möglicherweise, wäre ich im Elfenbeinturm der Wissenschaft geblieben, nicht beschäftigt hätte. Ich habe dahingehend sehr profitiert, dass mir mehr und mehr bewusst wurde, wie sehr beispielsweise psychische Störungen und psychisches Leid nicht nur aus der Perspektive gesehen werden dürfen, wie wir aus der Medizin kennen: unter biologischen Aspekten, unter genetischen Aspekten et cetera, sondern wie sehr Armut, wir sehr soziale Widrigkeiten die Entwicklung des Kindes in Richtung einer psychischen Störung beeinflussen können. Mir wurde eine politische Dimension der Unterstützung von Kindern eröffnet, mir wurde eine Zusammenschau von soziologischen, pädagogischen und psychologischen Perspektiven auf das Kind möglich und das hat sicher zwei Dinge bewirkt: Einerseits, dass ich heute ein mehrschichtigeres Konzept von der Entwicklung des Kindes und der psychischen Störungen des Kindes in meinem Berufsfeld habe als vorher und dass ich zweitens ganz stark den Gedanken der Prävention vertrete und meine, wir müssten viel früher – nicht nur im medizinischen Bereich, sondern eben gerade im pädagogischen Bereich der frühen Erziehung Kinder unterstützen, um psychische Störungen zu verhindern.