Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Wohnen mit Kindern in der Stadt

„Wir sollten ein Klima schaffen, in dem Familien nicht mehr das Gefühl haben, sie müssen mit ihren Kindern an den Stadtrand ziehen.“

Jörg Maywald im Gespräch mit Gunhild Reuter, Vorsitzende des Bundesverbandes „Wohnen mit Kindern“ e.V.

Maywald: Sie sind Vorsitzende des Bundesverbandes und des Berliner Vereins „Wohnen mit Kindern e.V.“ Wie kam es zur Gründung dieses Verbandes?

Reuter: Es begann in den 1970er Jahren mit der Frustration mehrerer Mütter, die in Mehrgeschosswohnungen im sozialen Wohnungsbau wohnten und die Wohnungen dort als sehr kinderfeindlich empfunden haben. Das kann man auch nur bestätigen: Mini-Küchen, in denen man sich nur alleine bewegen kann und jedes spielende Kind im Weg sitzt. Winzige Kinderzimmer. Der Balkon am Wohnzimmer, das zum Teil Durchgangszimmer war, so dass es keine Grenze gab zwischen dem Bereich, in dem Kinder spielen und dem Bereich, in dem Erwachsene die ihnen wichtigen Dinge ausbreiten. Vor den Häusern und um die Häuser herum Rasenflächen, die man nicht betreten durfte. Miniatur-Kinderspielplätze. Das war der Ausgangspunkt.

Der erste Verein „Wohnen mit Kindern“ wurde dann in Moers gegründet. Dort wurde erreicht, dass die Moerser Wohnungsbaugesellschaft ein Modellprojekt gebaut hat. Dieses Modellprojekt, das jetzt über 20 Jahre alt ist, existiert heute noch. Als Reihenhaussiedlung ist es immer noch vorbildlich. Auf der Erschließungsseite der Häuser befindet sich ein relativ kleines Wohnzimmer für die Eltern und auf der Gartenseite eine große Wohnküche mit Zugang zum Garten, der überwiegend gemeinschaftlich genutzt wird. Jede Partei hat eine kleine Terrasse zur alleinigen Nutzung. Im Obergeschoss geht es relativ konventionell weiter. Die Kinderzimmer sind allerdings größer als acht Quadratmeter und haben eine Galerie im Dach. Im Keller gibt es einen Raum, in dem Tischtennis gespielt werden oder eine Party gefeiert werden kann. Das ist eine kleine aber von der Konzeption her immer noch vorbildlich geplante Siedlung.

Im Laufe der Zeit haben sich dann weitere Vereine gegründet, in Dortmund, Düsseldorf, Trier und auch in Berlin. Zwischenzeitlich wurde dann Mitte der 1990er Jahre der Bundesverband gegründet.

Maywald: Acht Quadratmeter für ein Kinderzimmer. Was bedeutet diese Zahl?

Reuter: Das war die DIN-Norm 18011. Diese Norm war ein Kind der 1950er Jahre, die festlegte, wie viel Platz Kindern mindestens zugestanden werden musste. Wir haben einmal die sich daraus ergebende freie Spielfläche für Kinder von genau 1,20 m auf 1,80 m mit einem Zollstock ausgelegt und die Spielsachen eines Kindes darauf verteilt. Das ist unglaublich, man sah richtig, wie die Spielsachen überall über diese Fläche hinausragten.

Maywald: Interessant in diesem Zusammenhang ist vermutlich nicht allein die absolute Fläche, die Kindern zur Verfügung gestellt wurde, sondern auch das Verhältnis von Erwachsenen- zu Kindflächen.

Reuter: Genau, man hätte diese Begrenzungen akzeptiert, wenn die Wohnungen insgesamt immer noch sehr klein gewesen wären, wie dies in den 1950er Jahren der Fall war. Aber dann hat sich die Gesamtgröße der Wohnungen verändert. Und was größer geworden ist, war eigentlich hauptsächlich das Wohnzimmer. In zweiter Linie dann noch das Schlafzimmer, damit man dort die große Schrankwand unterbringen konnte. Die Bäder wurden ebenfalls größer. Und dann war Schluss. Die Küchen blieben klein und die Kinderzimmer blieben klein. Das Elternschlafzimmer hatte, da es für zwei Erwachsene berechnet war, zwischen zwölf und 16 Quadratmeter. Hinzu kommt, dass in vielen Familien das Wohnzimmer den Kindern nicht wirklich zur Verfügung stand. Das hat sich erst durch das Aufkommen des Fernsehens verändert. Die Kinder durften jetzt im Wohnzimmer fernsehen, mussten dort aber schön stillsitzen.

Maywald: Haben sich diese Normen inzwischen verändert?

Reuter: Ja, die DIN-Norm 18011 ist Ende der 1980er Jahre ersatzlos gestrichen worden. Aber das hat nicht wirklich etwas verbessert. Im Gegenteil. Die Norm galt in erster Linie für den sozialen Wohnungsbau und wurde dort immer in Bezug genommen. Nach der Streichung haben die Bundesländer für sich selbst entschieden, wie sie dies handhaben wollen. Es gab dann zeitweise eine Tendenz in Richtung zehn Quadratmeter, aber es ging auch wieder zurück. Inzwischen gibt es, jedenfalls in Berlin, überhaupt keine Förderung des sozialen Wohnungsbaus mehr. Und was ich heute oft bei Einfamilienhäusern beobachte, ist, dass die Kinder in den Keller geschickt werden, ins Souterrain. Die Zimmer dort sind vielleicht nicht einmal klein, aber sie sind eben im Keller und die Kinder schauen dann gegen eine Böschung.

Maywald: Hält der „Wohnen mit Kindern“ eine Normierung von Mindestflächen für notwendig?

Reuter: Wir haben seinerzeit in den Normenausschuss einen eigenen Entwurf eingebracht, der vorsah, dass alle Räume in der Wohnung gleich groß sind. Dass man also als zentralen Raum eine große Wohnküche hat, so dass die Küchenmöbel und der Essplatz hineinpassen Und möglichst noch Platz bleibt, damit Babys oder Kleinkinder auf dem Fußboden spielen können. Und dann sollten alle weiteren Räume etwa gleich groß und austauschbar sein. Wir hatten damals die Vorstellung von 16 Quadratmetern für ein Zwei-Bett-Kinderzimmer, das man dann, wenn ein zweites Kind kommt, in zwei Zimmer von jeweils acht Quadratmetern teilen kann. Dahinter steht die Erfahrung, dass kleine Kinder große Räume und große Kinder eigene, notfalls kleine Räume benötigen. Zwei kleine Kinder, die im Vorschulalter sind, brauchen einfach sehr viel Platz und können diesen Platz auch gemeinsam nutzen. Und wenn die Kinder etwa zehn Jahre alt sind, dann wollen sie lieber ihr eigenes Reich haben, und dann lässt sich das Zimmer teilen.

Genauso kann man es mit den Eltern sehen. Auch sie benötigen mindestens 16 beziehungsweise acht Quadratmeter. Es ist gar nicht einzusehen, warum Eltern immer in einem gemeinsamen Zimmer schlafen müssen. Der eine oder andere schnarcht, oder man ist sich mal nicht so grün, das passiert doch alles.

Maywald: Familien verändern sich, die Kinder werden größer, gehen irgendwann aus dem Haus. Inwieweit kann sich die Planung auf diese Veränderungen einstellen?

Reuter: Planung kann sich darauf nur durch Flexibilität einstellen. Indem man gleich große Räume vorhält und sagt: diese Räume kann man so oder auch anders nutzen. Ein 16-Quadratmeter-Zimmer zum Beispiel ist auch als Wohnzimmer wunderbar, wenn man nicht damit repräsentieren muss.

Maywald: Zum Wohnen gehört nicht allein die Wohnung sondern auch das Wohnumfeld, die Nachbarschaft. Was sind hier Ihre Beobachtungen und Vorschläge?

Reuter: Meine Beobachtung ist, dass es in den städtischen Häusern immer weniger Kinder gibt. Das heißt, Kinder finden heute in vielen Häusern – egal ob Alt- oder Neubau – fast keine anderen Kinder mehr zum Spielen. Das ist eine sehr unglückliche Situation. Die Eltern sind inzwischen gezwungen, ihre Kinder, damit diese überhaupt soziale Kontakte pflegen können, spazieren zu fahren. Das ist für alle Beteiligten sehr ärgerlich. Kinder sind ja eigentlich viel spontaner und würden viel lieber einfach zu ihren Freunden hinübergehen und dann, wenn es vielleicht Zoff gibt, schnell wieder weggehen. Das können sie gar nicht mehr und es führt bei Kindern zu einem eigentlich unnatürlichen Verhalten.

Deswegen bin ich der Meinung, man muss im Interesse der Kinder und der Eltern versuchen, Gemeinschaften zu bilden, bei denen sich Familien zusammenfinden. Die Kinder können dann ganz spontan aus der Wohnungstür gehen und woanders klingeln. Und dort sind dann ebenfalls Kinder, mit denen sie spielen können. Und die Eltern können dann auch einmal spontan ins Kino gehen und bei den Nachbarn gegenüber Bescheid sagen. So etwas gibt es einfach viel zu wenig.

Maywald: Ein Problem homogener Nutzungen besteht darin, dass das Haus oder die Siedlung, wenn die Kinder nach und nach aus dem Haus gehen, sich allmählich zu einer Gemeinschaft älterer Menschen entwickelt und dann nicht mehr von Familien mit Kindern genutzt werden kann.

Reuter: Das ist ein Problem, das sich nur praktisch lösen lässt. In dem Moerser Modell gab es eine Regelung, dass die Familie ausziehen muss, wenn das jüngste Kind seine Berufsausbildung abgeschlossen hat. Wir wissen alle, dass dies rechtlich nicht durchzusetzen ist, aber es hat trotzdem funktioniert. Tatsächlich sind mittlerweile alle Familien ausgezogen und es ist eine neue Generation mit Kindern eingezogen. Das kann man natürlich nicht zur Regel machen, obwohl andererseits viele Eltern, wenn die Kinder aus dem Haus sind, sich auch tatsächlich etwas anderes suchen.

Im Lauf der Zeit sind wir dazu übergegangen, uns für das Generationen übergreifende Wohnen einzusetzen, das heißt für eine Mischung aus Wohnungen für Familien und Wohnungen für Ältere, nicht zu vergessen die Wohnungen für Alleinerziehende. Dies alles so zu kombinieren, dass es funktioniert, ist eine planerische Herausforderung.

Maywald: Alleinerziehende haben in der Regel wenig Geld zur Verfügung. Setzt sich der Verein „Wohnen mit Kindern“ für Förderprogramme ein?

Reuter: Wir kämpfen darum, dass es für Wohnprojekte irgendeine Art von Förderung gibt. In Hamburg zum Beispiel gibt die Liegenschaft Wohnprojekten Grundstücke an die Hand, und die können dann ihr Projekt in Ruhe entwickeln. Das ist dann allerdings inzwischen oft nur in Form von Eigentumswohnungen möglich. Ideal für Wohnprojekte sind Genossenschaften, die sich hier auch teilweise engagieren. In Berlin gibt es beispielsweise ein Projekt, bei dem sich ältere Frauen und allein erziehende Mütter in Genossenschaftswohnungen zusammengefunden haben, die sich auch Alleinerziehende Mütter leisten können.

Maywald: Setzen Sie sich für eine öffentliche Förderung des Wohnungsbaus ein?

Reuter: Ich bin nicht der Meinung, dass man grundsätzlich Wohnungen fördern muss, es gibt ja durchaus auch Leerstand in Deutschland. Aber bestimmte sinnvolle Wohnprojekte sollten als Modellvorhaben öffentlich gefördert werden. Diese Modellvorhaben müssten dann auch eine gewisse Breitenwirkung entfalten können.

Maywald: Was sind weitere Anliegen des Vereins „Wohnen mit Kindern“ an die Politik?

Reuter: Ein wichtiges Anliegen ist, insgesamt eine kinderfreundliche Umgebung zu schaffen. Nicht nur einzelne Häuser, wie wir das versuchen, sondern insgesamt ein Klima zu schaffen, in dem die Familien nicht mehr das Gefühl haben, sie müssen mit ihren Kindern an den Stadtrand ziehen. Eltern müssen das Gefühl bekommen, etwas davon zu haben, wenn sie mit ihren Kindern in der Stadt wohnen. Dabei spielen verschiedene Dinge eine Rolle: Umwelt, Verkehrssicherheit, Erholungs- und Spielräume, Kultur und Bildungsmöglichkeiten. Wenn sich hier etwas ändert, würde es möglicherweise sogar wieder mehr Kinder geben.

Dipl.-Ing. Gunhild Reuter ist Architektin und Vorsitzende des Bundesverbandes „Wohnen mit Kindern“ e.V. in Berlin.