Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Ein familienfreundliches Dorf in der Stadt

Generationenübergreifendes Wohnen im Lutherviertel in Halle an der Saale

von Annekathrin Menger

Kinder spielen auf dem großen grünen Innenhof. Max baut mit seinen Freunden gerade ein Baumhaus, während Tom und Tina ein Gemüsebeet anlegen. „Leih-Oma“ Else achtet dabei darauf, dass die Radieschen und Mohrrüben nicht zu sehr durcheinander geraten. Ihr macht das großen Spaß, denn dadurch ist sie nicht soviel allein. Währenddessen weht vom Grillplatz der Geruch von leckeren Würstchen herüber, die Opa Hans gerade grillt. Am Nachmittag wollen alle zusammen mit dem Angelverein eine Erkundungsfahrt an den See machen. Die Eltern sind froh, dass es in ihrem Wohngebiet viele „Leih-Großeltern“ gibt, die gern ihre Zeit mit den Kindern verbringen, denn die „richtigen“ Großeltern leben weit weg. Somit haben die Eltern die Möglichkeit, ganz in Ruhe um die Ecke einkaufen zu gehen oder einfach etwas Zeit für sich zu haben. All das klingt fast zu schön um wahr zu sein, doch in Halle soll so ein Wohnviertel Wirklichkeit werden.

Der Bauverein für Kleinwohnungen e.G.

Der Bauverein für Kleinwohnungen e.G. wurde 1910 gegründet. Er ist Eigentümer von rund 3.700 Wohnungen in Halle und Bitterfeld. Die Gebäude wurden hauptsächlich 1936 erbaut.

Die Wohnungsgenossenschaft begann 1992 mit der Sanierung, da die Gebäude zu DDR-Zeiten kaum instandgehalten wurden. Etwa 80% der Bestände sind denkmalgeschützt, was die Aufbringung großer Kapitalmittel für der Sanierung erforderlich machte. Daher ist es für den Bauverein ein „Muss“ die sanierten Bestände erfolgreich zu vermieten und darüber hinaus Serviceleistungen anzubieten, die über das übliche Maß hinausgehen. Ein Schwerpunkt der Tätigkeit der Genossenschaft liegt in der Durchmischung ihrer zumeist älteren Mitglieder durch die Ansiedlung junger Familien.

Generationenübergreifendes Wohnen

Der Bauverein für Kleinwohnungen in Halle will im „Lutherviertel“ ein Modell für soziales und familienfreundliches Wohnen initiieren. Es soll hier ein generationenübergreifendes Familienzentrum entstehen. Denn der Bauverein hat ein breites Verständnis von Familie. Nicht nur Eltern mit ihren Kindern sind gemeint, sondern auch ältere Menschen. Dem Bauverein ist es wichtig, eine stabile Struktur im Wohngebiet zu schaffen um damit Verantwortung zu fördern und zu entwickeln.

Dazu der Prokurist des Bauvereins, Herr Berger: „Ein Wohnviertel lebt von der Durchmischung von Jung und Alt, von Kindern, Eltern, Omas und Opas“. Dafür sollen auch Kinderbetreuungs- und Familienangebote in das Viertel integriert werden. Um das zu ermöglichen, ist der Bauverein für Kleinwohnungen e.G. viele Kooperationen eingegangen. Partner sind unter anderem die Saaleklinik GmbH & Co. KG i.G., die Familienberatungsstelle IRIS-Regenbogenzentrum, der Verein für Bewegung und Kreativität in der Kindertagesstätte BUK und die Stadt Halle.

Der Bauverein hat sich auf die Fahnen geschrieben, nicht nur Wohnraum zur Verfügung zu stellen, sondern auch für ein positives Umfeld und eine Gemeinschaft zu sorgen. Sie organisieren Nachbarschaftstreffen und haben einen Bus gekauft, der den Mietern für Ausflüge zur Verfügung steht. Außerdem haben sie zwei Wohnungen zur Verfügung gestellt, die als „Treffpunkt Lutherplatz“ schon jetzt zu einem beliebten und viel genutzten Veranstaltungs- und Kommunikationsort geworden sind. Der Bauverein plant, eine weitere Wohnung so umzugestalten, dass dort Kinder mit besonderem Förderbedarf betreut werden. Außerdem können auch Kinder, die gerade erst mit ihren Familien ins Wohngebiet gezogen sind, in kleinen Gruppen betreut werden, so dass sie sich langsam an ihre neue Umgebung gewöhnen.

In einer Wohngegend wie dem Lutherviertel können neue Formen von Wohngemeinschaften entstehen, denn es gibt dort sehr viel mehr Berührungspunkte zwischen den Anwohnern, als in anderen Wohnvierteln. So sind gegenseitiges Babysitten oder ein gemeinsamer Fernsehraum gut möglich. Die Anwohner können auch gemeinsam Straßenfeste organisieren. Diese stiften Identität und ein Heimatgefühl, welche man als „Haltefaktoren“ für das Wohnviertel sehen kann. Dieses Gemeinsamkeitsgefühl kann durch entsprechende Wohnformen noch weiter unterstützt werden. Es besteht zum Beispiel die Möglichkeit, dass der Bauverein zusammen mit Familien Wohnungen nach deren Vorstellungen konzipiert.

Der Bauverein vermietet auch möblierte Wohnungen, die große Resonanz finden. Sie werden hauptsächlich von ausländischen Wissenschaftlern und ihren Familien genutzt, die nur für einen begrenzten Zeitraum in Halle sind. Somit wird ein internationales Flair geschaffen. Außerdem wird versucht, diesen Familien bei der Unterbringung ihrer Kinder in Kindergärten und Schulen zu helfen oder bei der Suche nach Sprachkursen. Neben dieser Integrationsarbeit versucht der Bauverein, die Familien bei der Bewältigung behördlicher Wege zu unterstützen.

Das Lokale Bündnis für Familie-Halle/Saale

Aufgrund des Engagements in sozialen Belangen ist der Bauverein für Kleinwohnungen ein Initiator des Lokalen Bündnisses für Familien-Halle/Saale. Weitere Mitbegründer sind 40 Institutionen aus dem Sozialbereich, aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.

Die Entstehung des Bündnisses in Halle ist etwas Besonderes. Im Gegensatz zu den meisten anderen Lokalen Bündnissen für Familie in Deutschland entstand es aus der täglichen Arbeit und wurde nicht als Startpunkt gegründet, worauf dann erst Projekte folgten. In Halle gab es bereits verschiedene Projekte zur Unterstützung von Familien. Darauf aufbauend wurde dann das lokale Bündnis für Familie-Halle/Saale gegründet.

Für das Lokale Bündnis in Halle ist es wichtig, dass die ganze Familiensituation berücksichtigt wird. Die Wohngegend soll möglichst alles Lebenswichtige bereitstellen. Dabei ist es von besonderer Bedeutung, dass keine langen Wege zurück gelegt werden müssen. Ein Kindergarten in unmittelbarer Nähe ist für jedes Wohnviertel ein guter Standortfaktor. Neben den kurzen Wegen für die Eltern, die viel Zeitersparnis einbringen, liegt der Vorteil darin, dass auch die Freunde der Kinder in unmittelbarer Nähe wohnen. So können die Kinder miteinander spielen und sich gegenseitig besuchen, ohne dabei von ihren Eltern und deren Transportmöglichkeiten abhängig zu sein. Ein weiterer positiver Aspekt sind nahegelegene Arztpraxen und natürlich Einkaufsmöglichkeiten, die wieder weite Wege und somit Zeit ersparen. Die dadurch gesparte Zeit kann somit viel sinnvoller genutzt werden, nämlich mit den Kindern.

Sowohl als auch statt entweder oder!

Für das Lokale Bündnis für Familie-Halle/Saale ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wichtig. Junge Menschen sollen sich nicht mehr zwischen Beruf und Familie entscheiden müssen, sondern sie sollen beides wählen können. Von besonderer Bedeutung ist für das Bündnis, dass der Mensch in den Firmen ganzheitlich gesehen wird und nicht nur als Produktionskraft. Deswegen ist die Motivation der Mitarbeiter sehr wichtig, und diese kann natürlich auch durch Familienfreundlichkeit erreicht werden. Betriebskindergärten bieten hierbei die am ehesten genutzte Möglichkeit. Doch nicht alle Firmen können sich das leisten. Es gibt auch Firmen, die zum Beispiel die Zeit des Mutterschutzes von sich aus verlängern. Während dieser Zeit besteht weiterhin ein enger Kontakt zu der Arbeitnehmerin die in die Firma miteinbezogen wird und zwar durch regelmäßige Treffen oder auch durch Teilzeitarbeit, die zu Hause erledigt werden kann. Dabei zeigte sich, dass viele Arbeitnehmerinnen aus Freude an der Arbeit und aufgrund des guten Arbeitsverhältnisses ihren verlängerten Mutterschutz nicht voll in Anspruch nahmen, sondern früher in die Firma zurückkehrten.

Doch dieser Gedanke der Motivation kommt bei den Firmen erst langsam ins Rollen. Dabei muss bedacht werden, dass es bei den Unternehmen vor allem um das Erwirtschaften geht, und das ist oft aus Kostengründen mit den Mitarbeiterwünschen nicht vereinbar.

Für Frau Willig, eine der Mitbegründerinnen des Lokalen Bündnisses für Familie-Halle/Saale, ist hierbei besonders wichtig, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber aufeinander zugehen. „Denn es geht vor allem um die Familien und um die Kinder und da muss man gemeinsam etwas tun, sonst gehen diese nämlich weg. In Deutschland ist das ein großes Problem.“ Die Abwanderung der Familien wird dann bei den Firmen zu einem Arbeitskräfteverlust führen.

Bei ihren Versuchen, Unternehmen von Kooperationen zu überzeugen, stellten Mitarbeiter des lokalen Bündnisses fest, dass die Resonanz bei den Firmen sehr unterschiedlich ist. Deswegen ist es von großer Bedeutung, alle von der Wichtigkeit und Notwendigkeit der Zusammenarbeit zu überzeugen. „Die meisten Firmen sind interessiert zurückhaltend“, beschreibt Herr Berger vom Bauverein für Kleinwohnungen e.G. das Engagement der Unternehmen.

Aber nicht nur die Firmen müssen mit einbezogen werden, sondern auch die traditionelle Kinderbetreuung. Diese geht nämlich oft an den Bedürfnissen der Familien und Unternehmen vorbei. Es gibt viel Berufe, die mit Abend- oder Nachtarbeit verbunden sind, doch die Kindergärten haben nur bis nachmittags geöffnet. Darüber hinaus müssen die Familien die Kinderbetreuung irgendwie selber organisieren, was nicht immer von Vorteil für die Kinder ist. Deswegen ist es von großer Bedeutung Netzwerke zu schaffen, in denen Nachbarschaftshilfe eine wichtige Rolle spielt.

Das IRIS-Regenbogenzentrum

Das IRIS-Regenbogenzentrum in Halle versucht solche Netzwerke aufzubauen, zum Beispiel bei Spielplatzgesprächen. Ein Mal pro Woche sind Mitarbeiterinnen auf Spielplätzen, wo sie alle Interessierten bei Fragen rund um Kinder und Familie beraten. Das Besondere an der mobilen Spielplatzberatung ist, dass nicht extra Beratungstermine vereinbart werden müssen. Die Familien werden direkt in ihrem eigenem Umfeld erreicht. Sie müssen keinen zusätzlichen Aufwand betreiben, zu dem oft die Zeit fehlt. Auf die Idee kamen die IRIS-Mitarbeiterinnen dadurch, dass sie oft, zum Beispiel beim Einkaufen, angesprochen und um Rat gebeten wurden.

Das IRIS-Regenbogenzentrum ist eine Beratungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte für Familien. In diesem Familienzentrum erhält man Beratung verbunden mit Betreuung, aber auch Alltagskommunikation und Erfahrungsaustausch finden dort statt.

Zusammen mit dem Lokalen Bündnis für Familie-Halle/Saale und dem Bauverein für Kleinwohnungen ist das IRIS-Regenbogenzentrum bemüht, ein Wohngebietszentrum aufzubauen. Die Vorsitzende Ines Brock beschreibt diese Kooperation als eine interessante Kombination. Für sie ist das „Lutherviertel“ wie ein Dorf in der Stadt, in dem es viel leichter ist eine Gruppendynamik zu entwickeln und wirklich als Gemeinschaft zu leben. Außerdem ist für sie das Besondere an diesem Wohngebiet, dass dort Alt und Jung zusammenleben, denn die Durchmischung der Innenstadt ist nach ihrer Meinung sehr wichtig. Für alte und für junge Menschen ist die Nähe zu Nahverkehrsmitteln und zu Geschäften, wie sie vor allem in den Innenstädten gegeben ist, von Bedeutung. Durch diese Durchmischung geht auch die „Familienballung“ an den Stadträndern deutlich zurück.

Die Kooperation mit dem Bauverein beschreibt Gerlinde Gailer, Mitarbeiterin im Zentrum, so: „Der Bauverein ist der Vater, der die äußeren Bedingungen schafft, also Räume zur Verfügung stellt und wir, das IRIS-Regenbogenzentrum und die BUK-Kindertagesstätte sind die Mutter, die sich darum kümmert, dass dort das Leben stattfindet.“

Für das IRIS-Regenbogenzentrum sind Betriebskindergärten, wie für das Lokale Bündnis für Familie, auch eine gute Idee. Dadurch haben Eltern und Kinder morgens und abends nicht nur den gleichen Weg, sondern die Kinder haben auch die Möglichkeit zu lernen, was ihre Eltern den ganzen Tag machen.

Auch für die IRIS-Mitarbeiter(innen) ist der Sozialraum für die Familien in ihrer Wohngegend von enormer Bedeutung. Kinder sollen die Möglichkeit haben viel draußen zu sein. Daher ist wichtig, dass ihr Wohnumfeld verkehrsberuhigt ist, so dass sie unkompliziert die Straßen überqueren können. Dadurch lernen die Kinder früh selbstständig zu sein, indem sie zum Beispiel morgens allein zum Bäcker um die Ecke gehen, um Brötchen für die ganze Familie zu holen. Außerdem sollten die Spielgegenden nicht so starr und fertig angelegt sein. Für Kinder ist es ein tolles Erlebnis, wenn sie selbst mitgestalten können, wie zum Beispiel gemeinsam ein Baumhaus bauen oder wenn sie ein selbst gesätes Radieschen ernten können.

Annekathrin Menger ist Studentin der Publizistik und Kommunikationswissenschaft, der Erziehungswissenschaft und der Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin.