Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Wohnen mit Kindern leicht gemacht

Grundlagen und Tipps für die Gestaltung der häuslichen Umgebung

von Astrid Lohss

Gestaltungsaufgaben für Planer und Architekten sind heute eher Umnutzungen als Neuplanungen. Das Thema Umnutzung bestimmt auch die häusliche Umgebung. Denn viele Menschen leben in Räumen, die nicht für ihre individuellen Bedürfnisse entworfen und gebaut wurden. Und selbst wer in der glücklichen Lage ist, die eigenen vier Wände selbst zu planen und zu bauen, wird doch im Laufe der Zeit feststellen, dass Wohnungen, dass Häuser Im-mobilien sind, eben nicht mobil, nicht flexibel und anpassungsfähig an jede neue räumliche Anforderung. Eine vorgegebene Grundstruktur bildet ein mehr oder weniger starres Korsett, das die gewünschte Flexibilität der individuellen räumlichen Nutzung und der Anpassung an Veränderung der funktionalen Ansprüche oft nur mit vielen Kompromissen zulässt.

Im Gegensatz dazu ist das Leben mit Kindern – gerade auch mit kleinen Kindern – ein Prozess, der ständig Überraschungen bereit hält, der sich nicht in ein starres Raster pressen lässt und der an die Räume, in denen Familienleben stattfindet, immer wieder neue, sich manchmal rasant ändernde Ansprüche stellt.

Architektur, das gestaltete Wohnumfeld, ist ein zentrales Thema der Kulturgeschichte des Menschen von Anfang an. Und dennoch wird die Bedeutung von Architektur für das Wohlbefinden von Menschen und das glückliche Zusammenleben von Erwachsenen und Kindern oft unterschätzt – auch und gerade von Menschen, denen die inhaltliche Auseinandersetzung über soziologische und pädagogische Fragen wichtig ist. Da rückt der prägende Einfluss von gestalteter Umgebung, unter dem Menschen in ihrer häuslichen Umgebung zweifellos stehen, leicht aus dem Blickfeld.

Wie Architektur positiv auf Menschen wirkt, macht ein Beispiel aus dem Bereich der Schularchitektur deutlich: Es gibt in ansprechenden neuen Schulgebäuden so gut wie keinen Vandalismus. Ein Grund hierfür liegt darin, dass schöne Architektur in ästhetischen Räumen den Schülern ein Gefühl von Wertschätzung gibt. Das ist spürbar für die Schüler, sie fühlen sich wohl und können sich mit dem Ort, an dem sie lernen, identifizieren. Diese Wirkung kann nur dann erzielt werden, wenn in der Architektur die beiden wichtigsten, oft widerstreitenden Kriterien im Einklang miteinander sind: die Form und die Funktion, das heißt die Ästhetik der gebauten Umgebung und deren zweckmäßige funktionale Gestaltung.

Auf das gemeinsame Wohnen mit Kindern übertragen bedeutet dies, dass Wohnungsgrundrisse von den Nutzern kritisch auf die Erfüllung dieser Kriterien überprüft werden sollten. Die vorgegebenen Nutzungsmodelle sind für das Leben mit Kleinkindern oft nicht geeignet. Leider kommen deren besondere Bedürfnisse an räumliche Bezüge und deren Gestaltung bei der Planung von Wohnungen oft nicht zum Tragen. Daher sollten Eltern und Kinder gemeinsam die vorgegebenen Raum-Schemata außer Acht lassen, ihre eigenen Wohnideen entwickeln und dann entsprechend ihr Umfeld umnutzen und umgestalten. Gerade die Standard-Aufteilung von Sozialwohnungs-Grundrissen ist oft alles andere als familienfreundlich: das kleinste Zimmer ist das Kinderzimmer, die Küche ist noch kleiner. Doch gerade diese beiden Räume sind Hauptaufenthaltsbereiche für Kinder im Kleinkindalter. Sie spielen gern da, wo ein Erwachsener sich aufhält, sie lieben Spiele am Wasserhahn, ob in der Küche oder im Badezimmer. Für die Erreichbarkeit dieser auf die ergonomischen Maße von Erwachsenen zugeschnittenen Bereiche sind Hocker, kleine Trittleitern oder Schemel in kippsicherer Ausführung wichtige Elemente, wenn nicht fest eingebaute Podeste den Kindern schon diese Möglichkeiten einräumen.

Aus meiner Erfahrung als Architektin und Mutter von vier Kindern kann ich sagen, dass eine Menge Elternstress vermieden werden kann, wenn man konsequent versucht, sein Zuhause den individuellen Bedürfnissen der großen und kleinen Bewohner anzupassen. Hierzu einige Beispiele:

(1) Wohnzimmer als Bewegungsraum: Um Kindern den nötigen Platz für Bewegung und eine entsprechend gestaltete anregende Umgebung zu bieten, kann für eine gewisse Zeit auf ein großes Wohnzimmer verzichtet und dies in eine Bewegungslandschaft mit Podesten, Rutsche, Klettermöglichkeiten, verschiedenen Ebenen, Nischen und Höhlen umfunktioniert werden.

(2) Kinderzimmer als Rückzugsmöglichkeit: Für Eltern mit Kindern im Kleinkindalter ist eine Rückzugsmöglichkeit bzw. ein ruhiger Arbeits- oder Entspannungsplatz wichtig, der gut in einem kleinen Kinderzimmer Platz findet, so dass den Kindern im Tausch dann ein größeres Zimmer zur Verfügung steht.

(3) Stufen und Podeste: Klettermöglichkeiten in jeder Form fördern die motorische Entwicklung der Kinder und sollten auch in Wohnungen ohne Treppe vorhanden sein. Im Badezimmer ist es sinnvoll, neben Waschbecken und Badewanne Podeste oder hohe Stufen vorzusehen, die mehrere Funktionen erfüllen: Stehplatz für kleine Kinder vor dem Waschbecken, Klettermöglichkeit in die Badewanne oder Sitzplatz für einen Erwachsenen. Spiegel werden entsprechend so angeordnet, dass sie für jeden Hausbewohner nutzbar sind.

(4) Werkbank im Wohnraum: Eine Werkbank für Kinder aber auch für Erwachsene muss nicht im Schuppen oder Keller stehen. Sie kann auch in einem Zimmer oder im Flur ihren Platz haben, so wie auch ein großflächiger Mal- und Basteltisch für Kreatives Gestalten.

(5) Ästhetik contra Zweckmäßigkeit: Mir ist es in den Jahren, als meine Kinder Krabbelkinder waren und jeden Raum im Haus entdeckten, schwer gefallen, überall Dinge „eine Etage höher“ zu stellen, um nicht auf Schritt und Tritt meinem Kind folgen zu müssen und so das Kind vor Gefahren und auch schöne zerbrechliche Gegenstände vor ihrem nicht nur entdeckenden, sondern manchmal auch zerstörenden Zugriff zu schützen. Mein ästhetisches Empfinden wurde da oft sehr strapaziert. Da hilft es, einen Raum als Erwachsenenzimmer, als Tabuzone zu deklarieren, wo nicht jedes offene Regal und jeder zerbrechliche Gegenstand dem Zugriff der kleinen Entdecker ausgesetzt ist. Umso leichter fällt es dann, in anderen Räumen den Gesetzen der Zweckmäßigkeit zu folgen, die einem den Alltag mit Kleinkindern sehr erleichtern.

(6) Blickbeziehungen: Da das Leben mit Babys und Krabbelkindern es erforderlich macht, ständig „auf Sendung zu sein“, kann es das Alltagsleben sehr erleichtern, wenn von stark frequentierten Arbeitsbereichen Blickbeziehungen zu Spielbereichen der Kinder bestehen. In unserem Haus habe ich eine große Wohnküche entworfen, die es erlaubt, beim Kochen und Abwaschen sowohl drinnen einen Spielbereich im Blick zu haben als auch nach draußen zum Sandspielbereich der Kinder zu blicken.

(7) Luken und Schlupflöcher: Es ist für Kinder reizvoll und anregend, wenn es kleine Durchschlüpfe, Einblicke oder Luken zu anderen Räumen gibt und sie so auf Entdeckungsreise gehen können.

(8) Schatzkammer Kücheninventar: Gebrauchsgegenstände des Kücheninventars üben eine besondere Anziehungskraft auf Kleinkinder aus. In Küchenschränken lauern allerdings oft Gefahren in Form von gefährlichen Gegenständen oder gesundheitsgefährdenden Chemikalien. Es gibt glücklicherweise standardisierte Sicherheitsverschlüsse für Schränke diesen Inhalts. Aber andere Schränke sollten nicht verschlossen sein. Unzerbrechliche Haushaltsgegenstände wie Plastikschüsseln, Holzbretter und -löffel, Metalltöpfe usw. müssen nicht weggeschlossen werden. Sie bieten vielfältige Betätigungsmöglichkeiten für Kinder in der Küche, während dort ein Erwachsener Haushaltstätigkeiten nachgeht.

(9) Mut zum Umziehen, Umbauen und Umräumen: räumliche Veränderungen, ob Umzüge oder Veränderungen innerhalb der Wohnung, sind manchmal notwendig, weil ein Geschwisterkind geboren wird oder Geschwister plötzlich nicht mehr in einem Zimmer zusammen wohnen wollen. Diese Veränderungen bieten immer Chancen, sie regen die Phantasie an, schaffen Abwechslung und eröffnen oft ungeahnte räumliche Möglichkeiten und Eindrücke.

Die hier aufgeführten Beispiele sind von mir aus dem doppelten Blickwinkel der Mutter und Architektin zusammengestellt worden. Es sind simple Anregungen, die das Alltagsleben in der häuslichen Umgebung erleichtern und für Kinder auch vielfältiger gestalten können. Manchmal hilft es sehr, zu versuchen, aus dem Blickwinkel des Kindes – und damit meine ich wirklich auf Augenhöhe mit dem Kind – das eigene Wohnumfeld zu betrachten. Dann fällt zum Beispiel auf, dass kleine Kinder in normalen Wohnungen im Stehen nicht waagrecht aus dem Fenster schauen können. Das hat in oberen Etagen bei Fenstern, die sich öffnen lassen, bauordnungsrechtliche Gründe, die der Sicherheit dienen. Trotzdem sollte man Kindern Möglichkeiten bieten, aus der Wohnung nach draußen zu schauen. Blickbeziehungen zur Umgebung geben Orientierung und wirken anregend oder auch kontemplativ. Auch bei der Auswahl von Möbeln und anderen Einrichtungsgegenständen ist dieser Blick aus Kinderperspektive hilfreich, ebenso wie das Augenmerk auf den Aktionsradius von kleinen Kindern mit ausgestreckter Hand zum Öffnen von Schränken, Türen etc.

Alles, was für Erwachsene und Kinder in der häuslichen Umgebung zur Benutzung vorgesehen ist, sollte auch von ihnen selbständig bedient werden können. Damit sind einige wichtige Aspekte verbunden, die ich im Zusammenleben von Kindern und Erwachsenen für wesentlich halte: die Förderung der Selbstständigkeit der Kinder in ihrer Umgebung von Anfang an, ein zum eigenen Entdecken und Probieren anregendes Umfeld, das eigenständiges Handeln auch für ganz kleine Kinder möglich macht. So entsteht ein unbeschwertes Miteinander, das Erwachsene in vielen Situationen des Alltags entlastet und große und kleine Menschen gleichberechtigt zusammen leben lässt.

Astrid Lohss ist Architektin in Berlin.