Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

Orte der Kindheit: das sind die lieb gewonnenen Ecken in Wohn- oder Kinderzimmer, die heimischen Gerüche in der Küche, die vertrauten Geräusche in der Wohnung. Später kommen geliebte Treffpunkte hinzu, vor und hinter dem Haus, im Umfeld von Kindergarten und Schule, an den Orten der Freizeitgestaltung und in der Region.

„Home is where we start from“, hat einmal der Psychoanalytiker David Winnicott formuliert. Heimat ist dort, wo wir herkommen. Das gilt für nahe stehende Menschen gleichermaßen wie für Wohnung, Haus, Nachbarschaft und Umgebung. Um Identität zu entwickeln und ein Gefühl der Verwurzelung empfinden zu können, brauchen Kinder Bin-dungen nicht nur an Personen sondern auch an einen Ort.

Auf der Suche nach naturnahen, kinderfreundlichen Wohnplätzen ziehen Familien mit Kindern – sobald sie es sich leisten können – seit Jahrzehnten aus der Stadt hinaus in die Vororte. Lange Wege und eine strikte Trennung von Wohnen und Arbeiten sind die Folge. Vor dem Hintergrund postindustrieller Wirtschaftsformen gibt es neuerdings Ansätze, dass sich dieser Trend umkehrt. Familien erobern die Städte zurück, und die Kommunen stellen fest, dass Kinder in den Mittelpunkt des Gemeinwesens gehören.

Voraussetzung für eine solche neue Urbanität, mit der die vielerorts anzutreffende Verödung der Innenstädte rückgängig gemacht werden soll, ist ein Umdenken auf allen Ebenen. Flexible Wohnungsgrundrisse, geschickte Kombinationen aus Eigentum und Vermietung, Integration von Wohn-, Arbeits- und Freizeitorten, Aufbau stadtteilbezogener Dienstleistungszentren sowie eine intelligente Verkehrs- und Spielflächenplanung sind hierbei wichtige Stichworte. Ziel ist eine kinderfreundliche Stadtlandschaft, von der alle Bevölkerungsgruppen profitieren.

„Deutschland soll sich zu einem Land wandeln, in dem Kinder willkommen sind“, heißt es in der Präambel des Nationalen Aktionsplans „Für ein kindergerechtes Deutschland“, der im Februar 2005 von der Bundesregierung verabschiedet wurde. Damit kommt Deutschland einer Verpflichtung nach, die es anlässlich des Weltkindergipfels 2002 in New York eingegangen ist. An der Aufstellung des Plans waren mehrere Bundesministerien, Länder und Kommen, Nicht-Regierungs-organisationen und nicht zuletzt Kinder und Jugendliche beteiligt. Auch die Deutsche Liga für das Kind hat daran mitgewirkt.

Der Nationale Aktionsplan enthält eine Vielzahl positiver Ansätze. Jetzt kommt es darauf an, die darin genannten Ziele auch tatsächlich umzusetzen. Unter der Rubrik „Kinderrechte aktuell“ stellen wir Ihnen den Aktionsplan in dieser und in der kommenden Ausgabe frühe Kindheit vor.

Mit herzlichen Grüßen

Prof. Dr. Franz Resch, Präsident der Deutschen Liga für das Kind
Dr. Jörg Maywald, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind