Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Sicherheit von Kindern in der Wohnung und im Wohnumfeld

von Bettina Berg

Die körperliche, geistige und seelische Entwicklung von Kindern, ihre gesamte Persönlichkeitsbildung, vollzieht sich über vielfältige Wahrnehmungs- und Sinneserfahrungen. Diese sind für den Säugling und das Kleinkind fast immer mit Bewegungserfahrungen verknüpft: das Kind muss an die Gegenstände seiner Umgebung herankommen können, um sie anfassen, riechen, schmecken, fallen lassen zu können. Nicht zuletzt von der Qualität dieser Wahrnehmungs- und Sinneserfahrungen in den ersten Lebensjahren hängt ab, ob sich ein Kind gut entwickelt. Den Großteil dieser Erfahrungen, durch die ein Kind seine Umwelt begreift – was durchaus wörtlich zu nehmen ist – macht das Kind in der elterlichen Wohnung. Hierbei entwickelt es eine Vorstellung von sich selbst und seinen Fähigkeiten, von Raum und Zeit und von seiner Lebenswelt.

Einen krassen Einbruch in die gesunde körperliche und seelische Kindesentwicklung stellt ein Unfall dar, bei dem sich ein Kind verletzt, möglicherweise sogar bleibende Schäden erleidet. Die beiden angesprochenen Aspekte markieren das Spannungsfeld, in dem man sich bewegt, möchte man definieren, welchen Anforderungen die kindliche Wohnumgebung aus unfallpräventiver Sicht genügen sollte:

(1) Der Lebensraum des kleinen Kindes – in erster Linie die elterliche Wohnung und deren nächste Umgebung – muss dem täglichen Forschungs-, Spiel- und Bewegungsbedürfnis des Kindes Erfahrungsraum bieten, damit es Sicherheit im Alltäglichen erlangen kann.

(2) Die Wohnumgebung muss so gestaltet sein, dass von ihr keine für das Kind gravierenden Unfallgefahren ausgehen.

Dass beides keineswegs selbstverständlich ist, legen die folgenden Fakten nahe: Zum einen zeigen Untersuchungen, dass sich die motorischen Leistungen von Kindern in den letzten Jahren kontinuierlich verschlechtert haben. Zum anderen erleiden pro Jahr ca. 256.000 Kinder einen Unfall im häuslichen Bereich, der ärztlich behandelt werden muss.

Die Kleinen verletzen sich daheim

Zwar stellt der häusliche Unfall nur einen kleineren Anteil der insgesamt 1,8 Millionen behandlungsbedürftigen Unfälle, die Kinder bis 14 Jahre jedes Jahr in Deutschland erleiden, jedoch sind hier überwiegend Kinder der Altersgruppe bis sechs Jahre betroffen. Je älter die Kinder sind, desto mehr ereignen sich die Unfälle in Schule, Freizeit und Verkehr.

47% aller verletzten Kinder sind unter sechs Jahre alt, obwohl diese Altersgruppe weniger als 30% der 12,8 Millionen Kinder unter 15 Jahren ausmacht: die Kleinen sind also deutlich überproportional unfallgefährdet. 57% der Unfälle in dieser Altersgruppe sind Stürze, 21% Stöße oder Zusammenstöße, in 8% der Fälle erleiden die Kleinen Verbrennungen oder Verbrühungen. Betrachtet man jedoch die Unfälle mit Todesfolge in dieser Altersgruppe, spielen Ertrinkungsunfälle bei den Heim- und Freizeitunfällen die dominierende Rolle: Von insgesamt 210 tödlich verunglückten unter 5-Jährigen ertranken 46. 19 dieser Kinder kamen bei Stürzen ums Leben, 18 starben durch Rauch oder Feuer.

Doch nicht alle Kinder sind gleichermaßen gefährdet. In 58% der Fälle erleiden Jungen Unfälle, Mädchen sind mit 42% seltener beteiligt. Über die Geschlechtergrenzen hinweg gibt es darüber hinaus eine Reihe von Faktoren, die das Unfallrisiko erhöhen: so ist das Unfallrisiko von Kindern aus sozial benachteiligten Familien – und entsprechenden Wohnverhältnissen – bei Verbrühungen und Verbrennungen und ebenso bei Verkehrsunfällen um das zwei- bis dreifache größer. Auch Konzentrationsschwäche, motorische Unruhe und motorische Defizite, deren Wurzel nicht zuletzt in fehlender Bewegungserfahrung gründet, begünstigen Unfälle – ein fataler Kreislauf.

Der Familienalltag im städtischen Wohnumfeld bietet vielen Kindern zu wenig Raum für Bewegungserfahrungen. Dies jedoch nur an den Umweltbedingungen fest zu machen, würde zu kurz greifen: es fehlt auch häufig die Sensibilität für diesen Zusammenhang bei Eltern und Erziehern. Kinder, die sich auf engem Raum viel bewegen und überall „ihre Finger drin haben” werden als anstrengend wahrgenommen – auch wenn sie nur mit Hilfe ihres Körpers Fragen an ihre Umwelt stellen. So manche notwendige Bewegungserfahrung wird dem Kind auch nicht zuletzt aus Angst vor Unfällen verwehrt. Doch wie soll ein Kind beispielsweise „richtig fallen” können, das in der frühen Kindheit nie fallen durfte?

Gefahren minimieren – eine Begehung

Häufigster Unfallort bei den häuslichen Unfällen ist das Kinderzimmer, gefolgt von der Küche und der Treppe. Was also zeichnet ein risikoarmes und kindgerechtes Kinderzimmer aus?

Es sollten dort stabile, funktionale und kippsicher montierte Möbel stehen, die neben dem „bestimmungsgemäßen” Gebrauch auch beturnt werden können, ohne dass ernste Gefahr droht. Die Höhe sollte also altersentsprechend sein. Stolperfallen durch Bodenbeläge sollten vermieden werden, ebenso durch ein „zuviel” an Spielzeug. Das wiederum sollte altersgerecht ausgewählt werden (vor allem dürfen Kleinkinder keine Spielzeuge mit abnehmbaren Kleinteilen erhalten), vielfältig kreativ genutzt werden können und Bewegungsanreize bieten, die durchaus auch auf begrenztem Raum ausgelebt werden können.

Eine gesunde, sichere Schlafumgebung ist vor allem für Kinder unter einem Jahr lebenswichtig. Denn die großen Risiken im ersten Lebensjahr sind der plötzliche Kindstod und vielfältige Erstickungsgefahren. Unter dem Plötzlichen Kindstod (SIDS – Sudden Infant Death Syndrom) versteht man den unvorhersehbaren Tod eines gesunden Kindes unter einem Jahr während des Schlafs. Nach wie vor gibt der Plötzliche Kindstod Medizinern Rätsel auf, allerdings sind inzwischen eine Reihe von Risikofaktoren wie Bauchlage, Überwärmung und Passivrauchbelastung bekannt. Gelänge es, diese Information allen Eltern nahe zu bringen, könnte die Häufigkeit des Plötzlichen Kindstodes nach Expertenmeinung um 80-90% gesenkt werden. Spielsachen und Dekorationen mit Schnüren oder Bändern gehören nicht ans Kind oder ins Kinderbett, um die Gefahr des Strangulierens zu vermeiden.

Spätestens ab dem dritten Lebensmonat, wenn das Baby zunehmend beweglicher wird und sich beispielsweise spontan auf dem Wickeltisch umdreht, sollte auf einen qualitativ hochwertigen und normgerechten Wickeltisch mit möglichst hohem Rand geachtet werden. Eine gute Vorbereitung der Wickelutensilien, so dass alles in Griffweite ist, ermöglicht, immer eine Hand „am Kind” zu belassen, um das Baby davor zu schützen, vom Wickeltisch zu fallen. Kopfverletzungen durch Wickeltischstürze gehören zu den häufigsten schweren Unfallfolgen in den ersten Lebensmonaten.

Lauflernhilfen gefährden Kleinkinder mehr, als dass sie ihnen nützen. Sie können Stürze, z.B. über Türschwellen oder die Treppe hinunter, verursachen, bei denen die Kinder schwere Verletzungen erleiden. Untersuchungen der Stiftung Warentest zufolge wird etwa die Hälfte der Kinder ab dem Alter von sechs Monaten in die geräderten Plastikgestelle gesetzt, in denen sie sich halb sitzend strampelnd fortbewegen können. Die Geräte behindern die motorische altersentsprechende Entwicklung der Kleinen. Sie bieten ihnen Bewegungsmöglichkeiten, die zwar ihren Radius erweitern, aber natürliche Bewegungsabläufe stark einschränken. Außerdem unterschätzen erwachsene Aufsichtspersonen mögliche Gefahrenquellen, die durch den erweiterten Spielraum der Kleinkinder entstehen.

Etagenbetten oder Hochbetten sind wegen der großen Sturzgefahr und der häufig schwerwiegenden Verletzungen für Kinder – wenn überhaupt – erst ab sechs Jahren geeignet. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass eine mindestens 30 cm, besser 60 cm hohe Brüstung Schutz vor dem Herunterfallen bietet. Wenn Kleinkinder im Haushalt leben oder zu Besuch sind, sollte ein vorhandenes Hoch- oder Etagenbett gegen Hochklettern gesichert werden – zum Beispiel, indem die Leiter tagsüber ganz abgenommen wird.

Faszination Küche

Kein Kind, das nicht von der Küche fasziniert wäre. Selbst die Allerkleinsten werden durch das Vorbild der Eltern motiviert, hier selbst aktiv zu werden. Doch in der Küche drohen vielfältige Unfallgefahren:

  • Kinder können Töpfe oder Pfannen vom Herd oder den Wasserkocher am Kabel von der Arbeitsplatte reißen.
  • Sie verbrennen sich am Backofenfenster.
  • Sie vergiften oder verätzen sich an nicht verschlossenen Haushaltschemikalien.
  • Sie verletzen sich an Messern oder Scheren.
  • Sie verbrühen sich beim Herunterreißen der Tischdecke.

Die Liste könnte fortgesetzt werden. Für Kleinkinder bietet sich für die Zeit des Kochens eine sichere Unterbringung in Sicht- und Hörweite der Mutter z.B. in einem Laufstall an, der interessant mit ungefährlichen Küchenutensilien bestückt werden kann. Das beliebte Anschnallen des Kindes in der Auto-Babyschale oder in einer Wippe ist dagegen kontraproduktiv. Werden Kinder regelmäßig auf diese Weise „ruhig gestellt”, verwehrt man ihnen schon im frühen Alter systematisch altersgerechte Bewegungserfahrungen. Auch ereignen sich immer wieder schlimme Sturzunfälle, wenn Kinder samt Babyschale von dem Tisch kippen, auf dem man sie abgestellt hat.

Kinder ab dem dritten Lebensjahr können in altersgemäßer Weise in die Küchenarbeiten einbezogen werden: wer bereits als kleines Kind ganz selbstverständlich beispielsweise mit einem (sehr stumpfen, abgerundeten) Messer seine Banane schneiden darf, wird nicht mehr alles daran setzen müssen, in einem unbeobachteten Augenblick mal ein Messer in die Hand zu bekommen! Außerdem macht Übung bekanntlich den Meister, und erworbene Geschicklichkeit verhindert Unfälle. Diese Doppelstrategie „in gemeinsamer Aktion Heranführen und ansonsten Gefährliches unerreichbar Wegpacken” sollten Eltern auch im Hobbyraum oder Bastelkeller anwenden.

Sicherheitsartikel helfen, das Schlimmste zu verhindern

Um die Wohnung insgesamt möglichst sicher zu gestalten, werden im Handel zahlreiche Sicherheitsartikel angeboten. Welche im Einzelfall nötig sind, hängt vom Alter der Kinder und der Wohnsituation ab.

  • Treppenschutzgitter: In Haushalten mit Kleinkindern unter drei Jahren mit Treppen im Wohnbereich sind sie unerlässlich. Auch „unsichere” Räume lassen sich damit absperren, wenn zum Beispiel keine Zeit war, gefährliche Dinge wegzuräumen.
  • Steckdosenschützer sollten in Haushalten mit Kindern im Kleinkind- und Grundschulalter zum Standard gehören.
  • Küchenherde werden durch fest montierbare Herdschutzgitter sicherer.
  • Insbesondere in weitläufigen Wohnungen oder Häusern sind Rauchmelder sehr empfehlenswert, da Rauchvergiftungen schon passieren, bevor ein Brand bemerkt wird.
  • Fensterriegel, Wasserthermostate, Anti-Rutsch-Streifen sowie Ecken-/Kantenschutz und Schubladensicherungen können je nach Wohnsituation sinnvoll sein.

Garten und weitere Umgebung

Etwa die Hälfte der Kinder, die in Deutschland jährlich ertrinken, sind Kleinkinder unter sechs Jahren. Auch in flachem Wasser von weniger als 10 cm Tiefe können kleine Kinder ertrinken, wenn sie mit dem Gesicht plötzlich hineinfallen. Das macht in der Badewanne eine permanente Beaufsichtigung erforderlich. Auch so mancher Garten kann zur tödlichen Falle für Kinder werden, wenn dort ein Teich oder Swimmingpool nicht ausreichend durch einen Zaun von mindestens einem Meter Höhe mit verschließbarem Tor gesichert ist. Auch Regentonnen, Brunnen u.ä. sind gefährlich und sollten immer mit einem fest verschlossenen Deckel gesichert sein.

Ein Garten ist heutzutage ein Glücksfall für die kindliche Entwicklung: Ist er ausreichend gegen den Straßenverkehr und die Gefahr des Ertrinkens gesichert und mit ungiftigen Pflanzen bepflanzt, bietet er kleinen Kindern nicht nur Bewegungsraum und die Möglichkeit, einmal Gras und Steine unter den Füßchen zu spüren und Regenwürmer zu untersuchen. Er bietet auch den Kleinen einen „Streifraum”, in dem Vater oder Mutter nicht auf Schritt und tritt hinter ihnen stehen. Diese Erfahrung eines langsam wachsenden eigenständigen Mobilitätsraumes, dessen Gefahren das Kind ohne allzu großes Risiko selbständig zu bewältigen lernt, fehlt heute vielen Kindern. Sind Kinder erst im mittleren Grundschulalter erstmalig und plötzlich alleine draußen unterwegs, fehlen ihnen viele Basiserfahrungen, die aus Sicht der Unfallprävention sehr bedeutsam sind – gerade auch im Hinblick auf die sich dann stellenden Anforderungen des Straßenverkehrs.

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass die räumlichen Verhältnisse für die Sicherheit eines Kindes und seine gesunde Entwicklung zwar von großer Bedeutung sind, jedoch die Zuwendung zum Kind, seine liebevolle Begleitung und die Ermöglichung einer altersgerechten Teilhabe an den Betätigungen der Erwachsenen im Hinblick auf die Ausbildung der kindlichen Fähigkeit, mit Risiken umzugehen, maßgeblich sind. Experten schätzen außerdem, dass 60% der Kinderunfälle durch angemessene Aufsicht verhindert werden könnten.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Mehr Sicherheit für Kinder e.V. hält zu allen angesprochenen Aspekten ausführliche Informationen für Fachleute, Multiplikatoren und Bezugspersonen von Kindern bereit, von denen viele auch auf der Homepage www.kindersicherheit.de abgerufen werden können. Seit 1. März 2005 steht mit der Eltern-Hotline „Auf Nummer sicher” ein qualifiziertes Informationsangebot zur Verfügung, wo sich Eltern Montag, Mittwoch und Donnerstag von 9.00 bis 13.00 Uhr zu allen Fragen der Kindersicherheit Rat holen können.

Bettina Berg ist Politologin und Mitarbeiterin in der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e.V. in Bonn.