Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Bei der Geburt süchtig, aber das ganze Leben noch vor sich

Ein Präventionsprogramm für Neugeborene, Säuglinge und Kleinkinder aus primär opiatsuchtbelasteten Lebensgemeinschaften

von Petra Ape

Durch die verstärkte Gesundheitsfürsorge bei Frauen mit illegalem Suchtkonsum erhöht sich die Möglichkeit schwanger zu werden. Eine Schwangerschaft unter diesen Umständen ist selten geplant und die Frauen sind meist nicht mit der möglichen Vorsorge darauf eingestellt. Ihre Gefühle dem Ungeborenen gegenüber sind deshalb sehr ambivalent. Sie reichen von „jetzt wird sich mein Leben von Grund auf ändern“ bis „noch ein Problem mehr“.

Kinder aus suchtbelasteten Lebensgemeinschaften haben erhebliche vor- und nachgeburtliche Risiken: (1) die pharmakologische Wirkung psychotroper Substanzen auf die Lebensreifung des Ungeborenen, (2) das vorgeburtliche erhebliche Stressgeschehen, (3) Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen, (4) geringe fürsorgliche Ressourcen der Mutter.

Bei schwangeren Abhängigen ist der alleinige Konsum von Opiaten eher die Ausnahme. Bei über 66% erfolgt eine gleichzeitige Zubstanzzufuhr von Heroin, Kokain, Benzodiazepane und/oder Alkohol, gefolgt von Cannabis und/oder Amphetaminen sowie hohem Nikotinkonsum. Viele substanzabhängige Frauen vernachlässigen ihre Gesundheit und bemühen sich kaum um eine adäquate Schwangerschaftsvorsorge. Bei drogenabhängigen Müttern ist mit hoher Wahrscheinlichkeit mit weiteren psychischen Störungen, am häufigsten Persönlichkeitsstörungen, zu rechnen. Die Substitution (medizinischer Substanzersatz) – meist mit Methadon/Polamidon oder Subotex – in der Schwangerschaft bedeutet eine erhebliche Gefährdungsreduzierung für Mutter und Kind. Spätestens bei Bekanntwerden der Schwangerschaft werden die Frauen in das Substitutionsprogramm aufgenommen. Die Mütter können in sozial stabileren Verhältnissen leben, der Beschaffungsdruck fällt weg und sie werden psychosozial angebunden. Bei den Ungeborenen werden die gefährlichen Schwankungen des Substanzspiegels vermieden.

Das seit drei Jahren bestehende Dortmunder innerklinische Modell hat einen pädiatrisch-psychosozialen Ansatz und soll eine Verbessung der Versorgungssituation rund um die Geburt einleiten. Die Neugeborenen werden aus allen Dortmunder Geburtskliniken in die Kinderklinik überwiesen. Der stationär/ambulante, abteilungsübergreifenden Arbeitsansatz wird durch eine bis September 2004 begrenzte Projektstelle ermöglicht. Jährlich werden etwa 45 Kinder mit nachgeburtlichen erheblichen Entzugssymptomen behandelt.

Ziel des Modells ist es, mit der Mutter während des stationären Aufenthaltes des Neugeborenen die weitere Lebensperspektive zu klären, Hilfestellung bei der Entwicklung verschütteter elterlicher Bindungs-, Beziehungs- und Wahrnehmungskompetenzen zu geben und ein Hilfe- und Kontrollnetz für die drogenbelastete Familie so eng und sicher wie individuell notwendig zu schaffen. Dazu ist während der stationären Versorgung des Neugeborenen der verbindliche Kontakt mit der Mutter bzw. den Eltern so zu gestalten, dass ein Hilfenetzwerk durch Kooperation mit den zuständigen Fachkräften der Jugend- und Drogenhilfe aufgebaut wird.

Im Vorfeld der Entlassung werden die ambulante Weiterbehandlung und die Anbindung des Kindes an das Sozialpädiatrische Zentrum der Kinderklinik mit heilpädagogischer/neuropädiatrischer Entwicklungsbegleitung und ggf. Therapie angeboten und vereinbart. Der weiter betreuende Kinderarzt vor Ort wird informiert. Neuropädiatrisch-ärztliche Untersuchungen in der Spezialambulanz und weitere interdisziplinäre Interventionen wie z.B. Krankengymnastik ergänzen das Kooperationsnetz der Sucht- und Jugend/Familienhilfe. Das nachstationäre Angebot richtet sich auch an Pflege- und Adoptivfamilien, in denen ca. 30% der Kinder vorübergehend oder auf Dauer leben.

Eine Einbindung des Modells als Regelangebot der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin ist gewünscht aber unsicher, weil Finanzierungsmodelle fehlen.

Weitere Informationen:
Klinikum Dortmund gGmbH, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Leiter: Prof Dr. med. N. Wagner
Sozialpädiatrisches Zentrum / Neuropädiatrie und Neonatologische Abteilung
Beurhausstr. 40, 44137 Dortmund, E-Mail: stkd.spz@dokom.net
Projektleitung: Petra Ape, Dr. med. Gerd-Jürgen Stock, Dr. med. Henning Strehl