Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Die Opfer des Wasserkochers

von Ralph Müller-Gesser

Seit fast zehn Jahren kümmert sich die Elterninitiative Paulinchen e.V. um brandverletzte Kinder. Louisa, Madita und Denis – drei von rund 7000 Kindern, die jedes Jahr in Deutschland wegen Verbrennungen und Verbrühungen stationär behandelt werden. Kochendes Wasser hat ihr Leben verändert – und das ihrer Eltern. Auf der Homepage des Vereins ,,Paulinchen“ berichten diese von Angst und Verzweiflung, aber auch von Hoffnung. Hoffnung, die sie Paulinchen e.V. zu verdanken haben.

Ein Wasserkocher, der umfällt, weil das Kind am Stecker zieht. Ein Streichholz, das sorglos liegen gelassen worden ist. Von einer Sekunde zur nächsten ist alles anders. Zuerst der Kampf ums Überleben, anschließend der Kampf gegen die Folgen, gegen die Narben. Gabriela Scheler kennt das alles. 1992 verbrüht sich ihre Tochter Elisabeth. Nach der Entlassung aus der Klinik war es schwer, Informationen über mögliche Korrekturmaßnahmen zu erhalten. Erst ein Jahr später erfuhr die Familie durch Zufall von der Existenz spezialisierter Verbrennungszentren. Damals schwor sich Gabriele Scheler, dass andere Eltern nicht die gleichen Schwierigkeiten haben sollten wie sie: „Diese Informationen durften einfach nicht so schwer zugänglich sein. Bei unseren Kontakten mit den Krankenhäusern haben wir gemerkt, wie sehr ein zusätzliches Selbsthilfeangebot von Eltern für Eltern fehlt.“

Deshalb gründete sie 1993 zusammen mit Adelheid Gottwald die Elterninitiative brandverletzte Kinder – Paulinchen e.V. Der Struwwelpeter stand Pate: , „Paulinchen war allein zu Haus, die Eltern waren beide aus …“, heißt es in der ,,gar traurigen Geschichte mit dem Feuerzeug“ von Heinrich Hoffmann. Am Ende weinen die beiden Hauskatzen Tränenbäche, und von Paulinchen ist nur noch ein Häuflein Asche übrig. Soweit die Kindergeschichte. In Wirklichkeit haben die jungen Opfer noch Jahre später mit den Folgen der Flammen und des heißen Wassers zu kämpfen – mit Entstellungen und Narben. Doch dieser Kampf ist nicht ausweglos: Die moderne Chirurgie kann diese Narben korrigieren. Das will Gabriela Scheler, die auch Erste Vorsitzende des Vereins ist, möglichst vielen betroffenen Familien vermitteln. Und natürlich will Paulinchen e.V. Trost spenden. Überzeugt von ihrer Idee stellte Gabriela Scheler 1993 ihr Konzept in vielen Einrichtungen vor: „Überall ist es begeistert aufgenommen worden. Sehr viel Unterstützung haben wir von den Verbrennungszentren erfahren.“ Eine Telefonberatung wurde eingerichtet, Wochenendseminare zum Erfahrungsaustausch veranstaltet. Später kam eine Präventionsbroschüre hinzu, die heute bereits über zwei Millionen Mal verteilt worden ist. Und eine Internet-Plattform: gender role essay bündelt Informationen zu Brandverletzungen und Hilfsangeboten.

Ärzte und Pfleger haben die Möglichkeit, für die jungen Patienten ihrer Intensivstationen kostenlos Puppen zu bestellen. So groß wie das Angebot ist auch die Resonanz. „Zwischen 500 und 600 Familien melden sich jedes Jahr bei uns“, erzählt Gabriela Scheler. Sie weiß nicht, ob ihre fast zehnjährige Präventionsarbeit die Zahl der Brandverletzungen bei Kindern gesenkt hat. „Es gibt keine Statistiken“, sagte sie lapidar. Sichtbar sind dagegen andere Erfolge. Als Mitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft für Kindersicherheit hat Paulinchen e.V. im vergangenen Jahr zusammen mit der Deutschen Bahn ein großes Projekt verwirklicht: An allen ICE-Bahnhöfen hängen Paulinchen-Plakate und weisen auf die Ursachen von Brandverletzungen hin. Dank der Elterninitiative macht die Aufklärung über die Problematik erfreuliche Fortschritte.

Nachdruck aus ÄP Pädiatrie (11/12-2002), mit freundlicher Genehmigung der Redaktion ÄRZTLICHE PRAXIS.

Informationen:

Paulinchen e.V. – Elterninitiative brandverletzte Kinder
Laufer Str. 30a, 90571 Schwaig
Frau Scheler (Tel.: 0911 – 507 57 18) oder Frau Gottwald: (Tel.: 02102 – 13 57 39)
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