Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Bewegung im freien Spiel

Der beste Schutz gegen Unfallgefahren

fK: In Großstädten wie Berlin finden Kinder kaum mehr öffentliche Räume, die sie für sich entdecken und gestalten können. Was bieten so genannte Erlebnisspielplätze wie Abenteuerspielplätze oder Kinderbauernhöfe?

Ginsberg: Das hängt natürlich von den jeweiligen Plätzen ab, denn kein Platz ist wie der andere. Auf einem gut ausgestatteten und geförderten Platz finden die Kinder ein modelliertes Gelände mit Bäumen und Büschen, wo sie toben, spielen, sich verstecken, klettern, rennen oder sich einfach nur treffen können. Auf dem Gelände finden sich Platz zum Hütten bauen, mindestens eine Feuerstelle und ein Teich zum Planschen, es gibt Gärten, in denen die Kinder Gemüse anbauen und Blumen pflanzen können. Auch Spiel- und Aufenthaltsgebäude stehen zur Verfügung. Sie beherbergen Werkstätten für das Arbeiten mit Ton, Holz und Metall und Raum für andere kreative Tätigkeiten. Nicht zu vergessen die Stallungen und Unterstände für die Tiere. In optimalen Fällen gibt es auch eine voll ausgestattete Küche. Pädagogische Fachkräfte begleiten und unterstützen die Kinder soweit sinnvoll und notwendig in ihrer spielerischen Entfaltung.

fK: Eltern könnten sich Sorgen machen, dass das Unfallrisiko auf Abenteuerspielplätzen besonders hoch ist. Was sind Ihre Erfahrungen?

Ginsberg: Seit es in Deutschland pädagogisch betreute Spielplätze gibt – immerhin seit fast vierzig Jahren – ist es kaum zu schweren Unfällen gekommen. Leichte Verletzungen gibt es immer wieder. Sie sind aber Teil eines wichtigen Lernprozesses, Risiken bewusst wahrzunehmen und eigene Kompetenzen zu entwickeln. Tödliche Spielunfälle ereignen sich meistens auf Sportplätzen oder auf unbetreuten Gerätespielplätzen, die allerdings in der Regel auch den Sicherheitsnormen entsprechen. Wir versuchen den Eltern klar zu machen, dass der beste Schutz gegen Unfallgefahren viel Bewegung im Freien und eben auch die Heranführung an Risikosituationen ist. Das wird u.a. durch Studien der öffentlichen Unfallkassen bestätigt.

fK: Die Mehrzahl der Kinderspielplätze ist ausschließlich mit genormten und auf Sicherheit geprüften Spielgeräten ausgestattet. Die Beobachtung zeigt nun allerdings, dass vielen Kindern der vorgesehene Gebrauch der Geräte schnell langweilig wird. Durch unsachgemäße Benutzung der Geräte bringen sie sich dann in Gefahr. Könnte es sein, dass sichere Spielplätze paradoxerweise eine hohe Unfallgefahr bergen?

Ginsberg: Es wäre sicher übertrieben zu sagen, dass normgerechte Spielplätze hohe Unfallgefahren bergen. Es stimmt aber – und auch das haben die Untersuchungen beispielsweise der Eigenunfallversicherung Frankfurt ergeben – dass langweilige Spielplätze gelegentlich unangemessenes Risikoverhalten provozieren. Und dabei entstehen oft nicht unerhebliche Verletzungen. In sofern ist etwas dran an dieser paradoxen Feststellung.

fK: Experten sprechen von einem Restrisiko, das mit allen Spielplätzen verbunden ist. Was müsste geschehen, dass Kinder selbst in die Lage versetzt werden, Gefahren besser zu erkennen und richtig zu reagieren?

Ginsberg: Das Wichtigste ist, dass Kinder überhaupt in Bewegung sind und ein Gefühl für ihren eigenen Körper entwickeln, denn nur so kann das natürliche Selbstsicherungsbestreben der Kinder greifen. Motorisch entfalten sich die Kinder aber am besten – und das haben auch erfahrene Sportpädagogen mittlerweile erkannt – im freien Spiel. Die Kinder brauchen Freiräume, sich ihre Spielwelt selbst zu gestalten, aber auch Begleitung beim Umgang mit besonderen Risikosituationen.

fK: Wie sieht Ihrer Meinung nach ein ideales Spielplatzgelände für Kinder aus?

Ginsberg: Für Kinder im Schulalter, die in der Stadt leben, gehören die bereits skizzierten Abenteuerspielplätze und Kinderbauernhöfe sicher zu den besten Angeboten.

Oliver Ginsberg ist Landschaftsplaner, Sozialmanager und Autor. Im Auftrag des Bundesverbandes der Jugendfarmen und Aktivspielplätze hat er an der Publikation von Standards und Qualitätskriterien für pädagogisch betreute Spielplätze mitgewirkt.

Die Fragen stellte Dr. Jörg Maywald