Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Prävention von Kinderunfällen – eine gesundheitspolitische Verpflichtung

von Martina Abel

Unfälle sind für Kinder nach dem ersten Lebensjahr das Gesundheitsrisiko Nummer eins. Immer noch sterben mehr Kinder an Unfällen als an Infektionskrankheiten und Krebs zusammen. Auch die Zahl der verletzten Kinder, die ärztlicher Behandlung bedürfen, ist mit jährlich etwa 1,8 Millionen alarmierend. Deshalb muss es verwundern, dass Kinderunfälle in der gesundheitspolitischen Diskussion ein Randthema sind.

Ein Grund hierfür mag sein, dass ein Unfall gemeinhin als „Schicksalsschlag“ oder „Zufall“ angesehen wird. Unfälle sind jedoch Ursachen für Verletzungen, bei denen es – wie auch bei anderen Erkrankungen – klar bestimmbare Risiken gibt. Das bedeutet zugleich: Viele Unfälle sind durch verbessertes Wissen, durch die Verwendung von Sicherheitsartikeln und nicht zuletzt durch kinderfreundliche, sozial gerechte Lebensbedingungen vermeidbar.

Ein weiterer Grund für die Randstellung der Thematik „Kinderunfälle“ in der gesundheitspolitischen Diskussion liegt darin, dass es weder für die Folgekosten der Unfälle noch für deren Prävention eine einzige verantwortliche Organisation gibt, sondern gesplittete Zuständigkeiten:

  • Die Prävention von Unfällen im Straßenverkehr übernimmt eine Vielzahl von Institutionen, die u.a. mit Mitteln des Bundesministeriums für Verkehr gefördert werden und sich im „Deutschen Verkehrssicherheitsrat“ zusammengeschlossen haben. Die Kosten für die Behandlung von Verletzungen und sonstige Folgekosten tragen die Kfz-Versicherer.
  • Die Verhütung von Unfällen in Kindergarten und Schule und die Finanzierung der Verletzungskosten sind Aufgaben der Unfallkassen und – ähnlich wie die Arbeitsunfälle durch die Berufsgenossenschaften – über die örtlichen Unfallversicherungsträger abgedeckt.
  • Für die Kinderunfälle in Heim und Freizeit gab es lange Zeit keine zuständige Instanz. Ende 1997 hat die Bundesvereinigung für Gesundheit e.V. im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit die „Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Kindersicherheit“ ins Leben gerufen. In den Folgejahren etablierte sie sich als nationale Kooperationsplattform für die Reduktion von Kinderunfällen.

Ende 2002 hat sich dieses Bündnis in den gemeinnützigen Verein „Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e.V.“ umgewandelt. Er setzt sich als nationaler Dachverband für die Verhütung von Kinderunfällen in Deutschland ein. Eine zentrale Aufgabe der BAG ist das Eintreten für eine gesundheitsfördernde Politik, in der die Kinderunfallprävention ein höheres Gewicht erhält.

In den gesundheitspolitischen Debatten und den entsprechenden Grundsatzpapieren hat die Kinderunfallprävention nicht den Stellenwert, der ihr angesichts ihrer präventiven Möglichkeiten – nach internationalen Studien sind bis zu 60% aller Kinderunfälle vermeidbar – zukommen müsste. Beispiele für diese Vernachlässigung sind:

  • Der „Präventionsparagraph“ § 20 SGB V legt fest, dass die Krankenkassen Leistungen zur primären Prävention vorsehen müssen. Handlungsfelder und Kriterien für diese Leistungen haben die Krankenkassen festgelegt. Heim- und Freizeitunfälle werden hierbei nicht aufgeführt. Lediglich über die Erhöhung von Gesundheitspotenzialen in den „Settings“ Arbeitsplatz, Gemeinde, Familie, Schule, Kindergarten können als „Nebenprodukt“ auch Unfälle reduziert werden. Bei der Gesundheitsförderung durch individuell ansetzende krankheitsspezifische Präventionsmaßnahmen finden Unfälle keine Erwähnung.
  • Im Zwischenbericht der Arbeitsgruppe „Stärkung der Prävention“ für den „Runden Tisch“ der Bundesgesundheitsministerin werden Präventionspotenziale vor allem bei chronischen Erkrankungen gesehen. Unfälle haben in diesem Bericht keine Relevanz.
  • Der im Februar 2003 veröffentlichte Bericht zum Projekt „gesundheitsziele.de“, das im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums durchgeführt wird, erwähnt die Prävention von Kinderunfällen nur am Rande. Zwar wird im Ziel „Gesund aufwachsen“ auf die Bedeutung von motorischen Fähigkeiten und die Bewegungsförderung eingegangen und der Stellenwert gesundheitsfördernder Rahmenbedingungen für eine gesunde Kindheit betont, die Auswirkungen auf Kinderunfälle aber nicht genannt.
  • Und ganz aktuell: die Diskussion um die private Absicherung von Unfallfolgen macht deutlich, dass Unfälle im Vergleich zu anderen Gesundheitsproblemen eine Sonderstellung einnehmen.

Diese „Symptome“ zeigen, dass die Verhütung von Kinderunfällen weder von der Öffentlichkeit, noch in der gesundheitspolitischen Diskussion als präventive Notwendigkeit erkannt worden ist.

Die BAG Mehr Sicherheit für Kinder e.V. hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, für die Verhütung von Kinderunfällen zu sensibilisieren. Sie will anwaltschaftlich für die Belange von Kindern eintreten und auf nationaler Ebene Handlungsansätze erarbeiten. Die BAG sieht es als gesundheitspolitische Verpflichtung an, Kinder vor gesundheitlicher Beeinträchtigung und lebenslanger Behinderung infolge von Unfällen zu bewahren.

Das Bundesministerium für Gesundheit hat die BAG in ihrer Aufbauphase als Projekt gefördert. Es unterstützt seit 2001 den jährlichen nationalen Kindersicherheitstag. Damit hat das Ministerium seine Verantwortlichkeit und seine federführende Rolle für die Kinderunfallprävention in Heim und Freizeit untermauert. Allerdings bedarf es zusätzlicher Anstrengungen, um ein stabiles Fundament für die Weiterentwicklung der Kinderunfallprävention zu schaffen. In anderen Bereichen, z.B. „Umwelt und Gesundheit“ hat das Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherung nationale Programme aufgelegt, die

  • Forschung als Grundlage
  • Erprobung und Evaluation von Maßnahmen
  • Aufbau regionaler Strukturen
  • Konsequenzen im gesetzgeberischen Bereich

beinhalten. Damit wird ein breites Spektrum an notwendigen Entwicklungsschritten abgedeckt. Auch das Bundesfamilienministerium hat mit seinem Projekt „Entwicklung und Chancen“ in Bezug auf nationale Programme Maßstäbe gesetzt.

Im internationalen Vergleich gehört Deutschland zu den Ländern, bei denen die öffentliche Förderung von Kinderunfallprävention in Heim und Freizeit nur eine bescheidene Rolle spielt. Anders ist die Lage beispielsweise in Schweden oder in Großbritannien, wo große nationale Etats für die Verhütung von Kinderunfällen eingesetzt werden.

Neben der öffentlichen Förderung stützt sich die Kinderunfallprävention deshalb auch auf private Sponsoren. Diese „private public partnership“ wird zwar einerseits als wegweisend für zukünftige Finanzierungsformen gesehen, andererseits bedeutet es aber fehlende Planungssicherheit, den ständigen Kampf um finanzielle Mittel und gegen wirtschaftliche Abhängigkeiten. Um ein nationales Präventionsprogramm für Kinderunfälle in Heim und Freizeit auf den Weg zu bringen, ist eine längerfristige öffentliche Förderung unabdingbar.

Ein erster Schritt in diese Richtung wäre, dass Prävention von Kinderunfällen eine gesellschaftliche Verpflichtung und Chance darstellt, die hoch oben auf der gesundheitspolitischen Tagesordnung steht.

Martina Abel ist Dipl.-Psychologin und Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e.V.