Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Erziehungspartnerschaft

Zusammenarbeit von Eltern und Pädagogen zum Wohl des Kindes

von Gundula Zschaler

Erziehungspartnerschaft ist ein Begriff, der in Kindergärten zunehmend zum Selbstverständnis pädagogischer Praxis gehört. Wie bei vielen anderen pädagogischen Themenstellungen zeigt sich jedoch auch in diesem Bereich schnell, mit welchen Herausforderungen der Anspruch der Erziehungspartnerschaft im Alltag verbunden ist, möchte man von einem gelebten partnerschaftlichen Verhältnis zwischen Erzieherinnen und Eltern der Kinder sprechen.

Warum hat das Thema Erziehungspartnerschaft in den letzten Jahren einen höheren Stellenwert eingenommen? Zum einen gab es einen Perspektivwechsel, der nicht nur die Fachkräfte, sondern auch die Eltern als Experten wahrnimmt. Sie kennen ihr Kind am besten, erleben es rund um die Uhr und haben die engste Bindung zu ihm. Diese Erkenntnis ist nicht neu, findet aber in der pädagogischen Arbeit stärker als früher Berücksichtigung. Die Meinung der Eltern ist wichtiger geworden. Als ganzheitlich agierender Bildungspartner wollen wir nicht nur einen Bildungsauftrag erfüllen, sondern auch, dass Eltern zufrieden und von unserem Konzept überzeugt sind. Dazu ist es notwendig, unsere Arbeit transparent zu gestalten und uns mit den Meinungen und Erwartungen der Eltern aktiv auseinander zu setzen.

Die Umsetzung dieser Sichtweise in die Praxis stellt neue Herausforderungen an unsere Arbeit: Wie können wir die Eltern stärker einbeziehen? Wie viel Mitspracherecht sollen sie haben? Wie gehen wir mit unterschiedlichen Ansichten und Erwartungen um? Wenn wir von Partnerschaft in Bezug auf die Erziehung des Kindes reden, machen wir uns zunächst bewusst, dass Eltern und Pädagogen ein gemeinsames Ziel verfolgen und ein gemeinsames Interesse haben: das Wohl und die gesunde Entwicklung des Kindes. Daneben bedeutet diese Partnerschaft, dass sich Eltern und Pädagogen als Experten auf unterschiedlichen Gebieten wahrnehmen und gegenseitig respektieren.

Erziehungspartnerschaft in der Praxis
Als Leiterin eines der FRÖBEL-Gruppe zugehörigen Kindergartens, der sich in besonderer Weise dem Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf verschrieben hat, betrachte ich das Thema Erziehungspartnerschaft als außerordentlich wichtig. Ganztägig berufstätige Eltern wollen ruhigen Gewissens und sorgenfrei zur Arbeit gehen und ihr Kind währenddessen in den besten Händen wissen. Sie haben einen hohen Anspruch an die Qualität der Bildung und der Betreuung. Im Interesse der Eltern ist es daher notwendig, dass sie sowohl mit ausreichenden Informationen zum Konzept der Einrichtung versorgt werden, als auch genügend Einblick in den pädagogischen Alltag erhalten.

Unsere Einrichtung unweit des Potsdamer Platzes in Berlin eröffnete im Oktober 2007. Die Konzeption des Hauses haben wir 2009 nach einer intensiven Erarbeitungs- und Diskussionsphase fertig gestellt. Eine Träger-interne Arbeitsgruppe hat zudem einen Leitfaden erarbeitet, um die Zusammenarbeit mit Eltern in allen FRÖBEL-Einrichtungen auf einem hohen Niveau zu gewährleisten. Erarbeitet wurden dafür entsprechende Standards für die einheitliche Umsetzung in allen FRÖBEL-Kindergärten und -Horten.

Der erste Eindruck zählt
Wie alle FRÖBEL-Einrichtungen ist auch unsere Kita auf der Internet-Seite des gemeinnützigen Trägers im Internet nach Regionen geordnet mit einer eigenen Einrichtungsseite zu finden. Dadurch bleibt gewährleistet, dass interessierte oder aktiv suchende Eltern bereits erste Informationen zu den einzelnen Kindergärten ihrer Region auf einen Blick erhalten. In der Regel melden sie sich sodann telefonisch oder per E-Mail für einen Besichtigungstermin an. Die Erfahrung zeigt, dass viele Eltern vor einem solchen Termin bereits von diesem Informationsweg Gebrauch gemacht und sich im Internet informiert haben.

Beim ersten Termin stellen wir ihnen unser Konzept detaillierter vor, beantworten alle vorhandenen Fragen und zeigen ihnen auf Wunsch bereits die Räumlichkeiten des Kindergartens. Damit sie zuhause im Nachgang noch einmal die wichtigsten Fakten nachlesen können, erhalten sie von uns außerdem ein Informationsblatt zum Thema Eingewöhnung und eine Kurzversion unseres pädagogischen Konzeptes. Broschüren über FRÖBEL als Träger und über andere Standorte von FRÖBEL-Einrichtungen stellen wir ebenfalls gern zur Verfügung.

Nach dem ersten Info-Termin folgt auf Initiative der Eltern das Aufnahmegespräch, bei dem wir ihnen in der Zwischenzeit entstandene, weitere Fragen beantworten, ihnen bereits die zukünftige Bezugserzieherin vorstellen und Besonderheiten des Kindes besprechen. Falls Eltern vor dem Vertragsabschluss einen Probetag oder eine Hospitation wünschen, vereinbaren wir hierfür einen gesonderten Termin. Am ersten Tag der Eingewöhnung erhalten die Eltern schließlich von der Erzieherin eine Checkliste, die ihnen hilft, an nützliche Dinge für den Alltag des Kindes zu denken. Die Erzieherin ihrerseits notiert sich wichtige Informationen, die sie von den Eltern über das Kind erhält. Etwa sechs Wochen nach der Eingewöhnung führt die Erzieherin ein Feedback-Gespräch mit den Eltern durch. In diesem Gespräch fasst sie die Entwicklung des Kindes während der Eingewöhnung zusammen und berichtet von den ersten Wochen, die das Kind ohne die Eltern im Kindergarten verbracht hat. Ein solches Gespräch findet später ebenfalls nach der Umgewöhnung in den Elementarbereich statt.

Zusammenarbeit langfristig ausrichten
Wichtig für den Erfolg der gemeinsamen Erziehungsarbeit ist aber auch der langfristige Aspekt. Wir haben eine interessierte und aktive Elternschaft. In unserem Kindergarten treffen sich gewählte Elternvertreter monatlich mit einem Leitungs- und einem Teammitglied. Hier werden neben aktuellen Themen auch Kritik, Fragen oder Hinweise von Eltern eingebracht und besprochen. Die Treffen widmen sich jedoch insbesondere geplanten Vorhaben und den Möglichkeiten, wie sich Eltern daran beteiligen können. Anschließend an dieses Gespräch wird von den Elternvertretern selbständig ein Newsletter erstellt, der an alle Eltern per E-Mail versandt wird.

Unsere Jahresplanung besteht zum größten Teil aus gewachsenen Traditionen und Vorschlägen der Erzieherinnen. Auch die Vorschläge der Eltern finden hier selbstverständlich Berücksichtigung. Auf einer „Wissenslandkarte“ im Eingangsbereich des Kindergartens können Eltern jederzeit ihre Ideen, Talente und Fähigkeiten aufschreiben, die sie gern in Aktionen oder Projekte einbringen möchten. Diese nutzten wir in der Vergangenheit beispielsweise für bestimmte Kochangebote, ein Theaterstück von Eltern für Kinder oder für Vorlesetage. Aktivitäten dieser Art für Eltern zu öffnen, ist ein guter und sinnvoller Weg, ihnen einen vertrauensbildenden Einblick in den pädagogischen Alltag zu ermöglichen.

Damit Eltern außerdem die Möglichkeit bekommen, sich untereinander auszutauschen, bieten wir Elterncafés und Spielnachmittage an. Zusätzlich können sie nachmittags unseren Spielplatz nutzen, der zu dieser Zeit ausschließlich als Eltern-Kinder-Treffpunkt zur Verfügung steht. Um sicherzustellen, dass unsere Informationen über Aushänge auch alle Eltern erreichen, schicken wir diese per E-Mail an die Elternvertreter, die sie wiederum an alle Eltern weiterleiten. Ein besonderer Service von FRÖBEL besteht zudem darin, dass allen Eltern monatlich eine Kinderzeitschrift aus dem Fachzeitschrifthandel mit wertvollen Tipps und Anregungen kostenlos zur Verfügung gestellt wird.

Ständige Weiterentwicklung
Anhand der genannten Bespiele wird deutlich, dass Erziehungspartnerschaft für uns heißt, eine Vertrauensbasis zu entwickeln, die auf der Grundlage eines konstruktiven Dialogs zwischen den Bindungspersonen der Kinder entstehen und wachsen kann. Eine enge Zusammenarbeit, eine Vernetzung von Kompetenzen unterstützt diesen Dialog, der über die klassischen Tür- und Angel-Gespräche sowie Entwicklungsgespräche weit hinausgeht. Gemeinsame Erziehungsverantwortung braucht die Begegnung der Beteiligten mit gegenseitigem Respekt, erfordert aber auch die Offenheit auf beiden Seiten für unterschiedliche Ideen und Wege in der Erziehung sowie die Bereitschaft für gegenseitiges Verständnis und Veränderung.

Damit Kommunikation zwischen Erzieherinnen und Eltern gelingen kann, brauchen pädagogische Fachkräfte kompetente Unterstützung. Meine Aufgabe als Leiterin der Einrichtung ist es daher, die Erzieherinnen darin zu bestärken, unser Konzept zu vertreten und transparent zu gestalten. Wichtig dabei ist, ihnen in schwierigen Situationen Hilfestellungen sowie Gelegenheiten zu geben, sich selbst und die Situation zu reflektieren. Mit dem Ziel eines partnerschaftlichen Verhältnisses nehmen wir die Ansichten der Eltern ernst. Sie sollen die Gewissheit verspüren, dass ihren Fragen und Meinungen offen begegnet wird. Deswegen werden auch die Eltern zum Gespräch ermutigt. Ich stehe ihnen dafür an wöchentlichen Sprechzeiten zur Verfügung. Nach unserem Verständnis können und sollen selbst unterschiedliche Vorstellungen den Dialog fördern und nicht behindern.

Lässt sich die Qualität dieses Verständnisses von Erziehungspartnerschaft messen? Vielleicht an der Zufriedenheit aller Beteiligten.
Erziehungspartnerschaft setzt vor allem eine innere Haltung der Wertschätzung voraus. Leicht ist dies immer bei Eltern, mit denen man sich ohnehin gut versteht und deren Erziehungsstil denen der Erzieherinnen ähnelt. Kritik nicht persönlich zu nehmen und Eltern wertungsfrei zu begegnen, ist sowohl die große Kunst als auch Herausforderung. Ich denke, das ist – wie in jeder Partnerschaft – ein lebenslanger Prozess, der Spaß machen kann, wenn man gern mit Menschen zusammenarbeitet und sich selbst stets als Lernenden betrachtet.

www.froebel-gruppe.de

Gundula Zschaler ist Leiterin des FRÖBEL-Kindergartens „Stepping Stones“ in Berlin.