Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Von der Kindertageseinrichtung zum Familienzentrum

Das Gütesiegel „Familienzentrum NRW“

von Wolfgang Tietze

Parallel zur quantitativen Expansion der Kindertagesbetreuung bahnt sich ein gewisser Paradigmenwechsel in der Funktion von Kindertageseinrichtungen an. Danach werden wachsende Anteile von Kindertageseinrichtungen in Zukunft nicht mehr ausschließlich auf Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern im vorschulischen Alter spezialisierte Institutionen sein.

Vielmehr lässt sich eine Funktionserweiterung dahingehend erkennen, dass die direkten Adressaten der pädagogischen Dienstleistung neben den Kindern selbst vermehrt auch deren Familien sein werden. Diese Funktionserweiterung folgt der Erkenntnis,
– dass die Familie der Türöffner für die Förderung eines Kindes in einer Kindertageseinrichtung ist und dass Familien diese Funktion in Abhängigkeit von ihrer sozialen und kulturellen Lage wie auch ihrer Erziehungskompetenz sehr unterschiedlich wahrnehmen,
– dass die Familie in ihrer Bedeutung als primäre Sozialisationsinstanz einen größeren Effekt auf Bildungs- und Sozialisationsoutcomes von Kindern hat als die Kindertageseinrichtung – einen Effekt, der im Regelfall zwei- bis dreimal so groß ist,
– dass im familialen Setting verschiedene Einflussebenen für Bildung und Entwicklung von Kindern zu unterscheiden sind, die von der ökonomischen Basis der Familie, ihrer Haushaltsorganisation, ihrer kulturellen Integration über die Aufgeschlossenheit für Erziehungsfragen bis zur konkreten Erziehungskompetenz von Eltern reichen.

Eine gute Bildung, Betreuung und Erziehung der Kinder bleibt auch in diesem erweiterten Paradigma das vorrangige Ziel. Es liegt jedoch insofern eine Erweiterung vor, als neben einem direkten Effekt qualitativ guter Kindertageseinrichtungen auf Bildung, Entwicklung und Wohlbefinden von Kindern ein substanzieller indirekter Effekt angenommen wird, indem sich über eine Verbesserung der familialen Bedingungen, die durch die Kindertageseinrichtung initiiert und gestützt wird, die Bildungs- und Entwicklungschancen der Kinder in den verschiedenen Bereichen verbessern.

In die deutsche Fachdiskussion und Praxisentwicklung haben Ansätze, die die institutionelle Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern im vorschulischen Alter mit einer expliziten Elternbildung und Familienunterstützung verbinden, erst in den letzen zehn Jahren Einzug gehalten. Die Entwicklung zu ausgearbeiteten Modellen und zu Evaluationen solcher Modelle hinsichtlich ihrer Akzeptanz, Implementation und Wirksamkeit steht noch in den Anfängen. Dementsprechend finden sich in der deutschen Diskussion häufig Bezüge auf ausländische Modelle.

Breite Beachtung hat in Deutschland vor allem der Ansatz der britischen „Early Excellence Centres“ gefunden, deren Ziel es ist, mit Angeboten aus einer Hand auf die komplexen Bedürfnisse von Kindern und Familien einzugehen (vgl. Bertram et al. 2002), und die die Ausgangssituationen für das englische Sure Start bilden (vgl. Belsky et al. 2006; Rutter, 2006). Das vermutlich bekannteste Beispiel für ein Early Excellence Centre ist das „Pen Green Centre for under 5’s and their families“. Es wurde 1983 in dem von Stahlarbeit geprägten Ort Corby im englischen North Hampshire eröffnet, um eine effektive und kindgerechte Früherziehung zu gewährleisten. Im Mittelpunkt steht die Einbindung der Eltern in die Erziehungsarbeit und Entwicklung des Kindes. Durch Angebote zur Fort- und Weiterbildung sollen die Kompetenzen und das Selbstbewusstsein der Eltern gestärkt werden, damit sie sich für die Belange ihrer Kinder besser einsetzen können. Entsprechend den Bedürfnissen der Kinder und der Eltern werden in einem ständig wechselnden und expandierenden Angebot Projekte, Kurse, Gruppenbetreuungen, Workshops und Seminare durchgeführt. Darüber hinaus werden im Bedarfsfall Beratungs- und Unterstützungsleistungen von externen Personen und Institutionen zur Verfügung gestellt bzw. für den notwendigen Zeitraum in die tägliche Arbeit des Pen Green Centre integriert (Esch/Klaudy/Stöbe-Blossey 2005). In Deutschland hat sich das von der Dürr-Stiftung geförderte Berliner Early-Excellence-Zentrum für Kinder und ihre Familien von diesem Programm inspirieren lassen (www.early-excellence.de).

Neben der Orientierung an externen Modellen hat sich in Deutschland eine Vielzahl von lokalen Ansätzen entwickelt. Diese wurden vor allem bekannt im Kontext von zwei durch das Bundesfamilienministerium in Auftrag gegebene Recherchen zum Thema „Häuser für Kinder und Familien“ (Deutsches Jugendinstitut 2004, 2005). In dieser Recherche wurden in Deutschland keine Einrichtungen angetroffen, die bereits über eine ausgereifte Praxis nach den skizzierten Vorbildern verfügten. Es wurde jedoch eine Vielzahl von Ansätzen vorgefunden, die deutlich machen, dass viele Einrichtungen ein umfassendes Konzept verfolgen, das sowohl erweiterte Betreuungsangebote – in der Institution selbst oder über eine Vernetzung mit Tagesmüttern – als auch zahlreiche niederschwellige familienunterstützende Dienste enthält, die im Sinne eines kombinierten Ansatzes der Förderung von Kindern zu betrachten sind.

Auch in Nordrhein-Westfalen gab es bereits eine Reihe von Beispielen guter Praxis, an die angeknüpft werden konnte, als die Landesregierung im Juni 2005 in ihrer Koalitionsvereinbarung die Absicht niederlegte, eine große Anzahl von Tageseinrichtungen für Kinder zu „Familienzentren“ weiterzuentwickeln, die „zu einem Knotenpunkt des familienunterstützenden Netzwerkes in den Kommunen“ werden sollten. Konkretisiert wurde die politische Absicht mit dem Start eines Pilotprojekts zu Beginn des Jahres 2006 mit rund 250 Kindertageseinrichtungen. Mittelfristig – bis zum Jahre 2012 – ist vorgesehen, dass sich etwa ein Drittel der gut 9.000 Kindertageseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen zu Familienzentren entwickeln.

Familienzentren NRW – Ansatz eines systematischen und flächendeckenden Programms Zum Start der Pilotphase wurden alle Träger und Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen aufgerufen, sich mit einem Kurzkonzept für die Teilnahme an der Pilotphase zu bewerben, die sich über das Kindergartenjahr 2006/2007 erstrecken sollte. Im Aufruf des Ministeriums für Generationen, Familie, Frauen und Integration (MGFFI) findet sich eine nähere Beschreibung der Funktion von Familienzentren: „Tageseinrichtungen für Kinder werden auf diese Weise Knotenpunkte in einem neuen Netzwerk, das Familien umfassend berät und unterstützt. (…) Um dies zu gewährleisten, kooperieren die Familienzentren mit Familienberatungsstellen, Familienbildungsstätten und anderen Einrichtungen wie z.B. den Familienverbänden und Selbsthilfeorganisationen. Sie sollen frühe Beratung, Information und Hilfe in allen Lebensphasen ermöglichen und Eltern über die Alltagsnähe der Kindertageseinrichtung entsprechende Angebote leichter zugänglich machen. (…) Dies führt zu einer nachhaltig verbesserten Frühprävention und ist ein Beitrag für mehr Familienfreundlichkeit vor Ort“ ( www.familienzentrum.nrw.de). Um diese Ziele zu erreichen, sollten die Tageseinrichtungen, die sich beteiligen wollten, folgende Grundvoraussetzungen erfüllen:
(1) Schriftliche Verankerung von Sprachförderung im Konzept der Einrichtung und Unterbreitung von konkreten Angeboten der Sprachförderung,
(2) Kooperation mit den örtlichen Familienberatungsstellen, den Familienbildungsstätten, den Familienverbänden sowie anderen Einrichtungen der Familienhilfe,
(3) Leistung von Hilfe und Unterstützung bei der Vermittlung von Tagesmüttern und Tagesvätern,
(4) Ausrichtung des Angebots an den Bedingungen des Sozialraums.

Das Konzept Familienzentren NRW folgt insgesamt gesehen einer Kombination von Top-Down- und Bottom-Up-Strategie: Das Konzept versteht sich als ein teiloffenes Programm mit einem hohen Grad an Adaptabilität an lokale Bedingungen. Der Grundgedanke ist, die lokal vorhandenen Beratungs- und Unterstützungssysteme – mit möglichst geringen Zusatzkosten – zu vernetzen und ihr Potenzial über einen niederschwelligen Zugang über Kindertageseinrichtungen, die praktisch von allen Kindern besucht werden, allen Familien und Kindern verfügbar zu machen.

Aus 1.000 Bewerbungen wurden 251 Einrichtungen für die Teilnahme an der Pilotphase ausgewählt – mindestens eine aus jedem Jugendamtsbezirk und darüber hinaus je nach Größe des Bezirks bis zu fünf weitere. Hinzu kamen sechs Einrichtungen, deren Entwicklung in Richtung „Familienzentrum“ schon so weit fortgeschritten war, dass sie als „Best-Practice-Einrichtungen“ definiert wurden, die den anderen Einrichtungen während der Pilotphase Orientierung geben konnten. Zur Unterstützung der Einrichtungen ließ das Land zahlreiche Fortbildungsveranstaltungen für das pädagogische Personal in Kindertageseinrichtungen organisieren und beauftragte das Institut für Soziale Arbeit – ISA – (www.isa-muenster.de) mit einem individuellen Coaching im Umfang von etwa vier Beratungstagen für jede der in der Pilotphase teilnehmenden Einrichtungen.

Das teiloffene Konzept mit seiner Anpassung an die lokalen Bedingungen sollte allerdings kein Einstieg in die Willkürlichkeit bedeuten. Vielmehr sollten – bei gegebener Offenheit – Bedingungen erfüllt sein, damit sich eine Kindertageseinrichtung als Familienzentrum qualifiziert. Hierfür sah das Land die Einrichtung eines Gütesiegels „Familienzentrum NRW“ vor, mit dem die spezifische Qualität einer (oder mehrerer) Kindertageseinrichtungen als Familienzentren überprüft werden sollte. Mit der Entwicklung dieses Gütesiegels sowie mit der allgemeinen wissenschaftlichen Begleitung der Pilotphase wurde PädQUIS (www.paedquis.de) beauftragt.

Das Gütesiegel als Instrument der Qualitätssicherung und -entwicklung
Mit dem Gütesiegel „Familienzentrum NRW“ sollte ein Instrument der Qualitätssicherung entwickelt und implementiert werden, das definierte Leistungen eines Familienzentrums überprüft. Zugleich wurde vom Land Nordrhein-Westfalen vorgesehen, dass die Zertifizierung durch das Gütesiegel die Voraussetzung für die künftige jährliche Förderung von 12.000 € für ein Familienzentrum bilden sollte. Das Gütesiegel sollte damit als Kernelement im Rahmen einer neuen Steuerung eingesetzt werden, indem die jährliche Förderung von der Erbringung eines bestimmten Leistungsspektrums abhängig gemacht wird. Dies bedeutet einen Übergang von einer Input- zu einer Outputsteuerung: Kontrolliert wird nicht der Input – also etwa die Kosten für das eingesetzte Personal oder für die Räumlichkeiten –, sondern der Output, also die Leistungen, die für die Familien im Umfeld der Einrichtungen zugänglich sind.

Das Gütesiegel „Familienzentrum NRW“

Entwicklung
Um einen partizipativen Diskussionsprozess in Gang zu setzen, legte die wissenschaftliche Begleitung im August 2006 eine Operationalisierung des Konzepts Familienzentrum vor („Orientierungspunkte“), welche eine Auflistung von möglichen Merkmalen eines Familienzentrums enthielt. Nach Abstimmung mit dem zuständigen Ministerium (MGFFI) wurden diese Orientierungspunkte den Verbänden, den Jugendämtern, den Piloteinrichtungen und anderen interessierten Akteuren zur Verfügung gestellt. Daraus entstand ein Diskussionsprozess mit einer Vielfalt von Stellungnahmen, die für die Weiterentwicklung der Orientierungspunkte zum Gütesiegel ausgewertet wurden und – zusammen mit ersten Resultaten der Begleitforschung – die Basis für die Konkretisierung des Gütesiegels bildeten. Im Ergebnis wurden im März 2007 insgesamt 112 Gütesiegelkriterien vorgelegt (MGFFI 2007).

Inhalte der Orientierungspunkte für die Entwicklung von Familienzentren (23.08.2006) – Beispiele
Im Familienzentrum wird mindestens einmal monatlich eine offene Sprechstunde von Erziehungs- bzw. Familienberatung angeboten.
Im Familienzentrum werden Eltern-Kind-Gruppen für Familien mit unter dreijährigen Kindern angeboten.
Das Familienzentrum verfügt über eine Übersicht über Angebote der Eltern- und Familienbildung in der Umgebung.
Im Familienzentrum werden Kurse zur Stärkung der Erziehungskompetenz angeboten. Im Familienzentrum wird ein Elterncafé angeboten, das Eltern als Treffpunkt dient.
Über das Familienzentrum werden Tagespflegepersonen vermittelt – entweder unmittelbar auf der Basis einer Kartei oder in Kooperation mit einem Partner auf der Basis einer Kartei des Partners.
Das Familienzentrum führt Deutschkurse für Eltern mit Migrationshintergrund durch.
Angebote im Familienzentrum können auch von Familien im Ortsteil genutzt werden, die keine Kinder in der Einrichtung haben.
Das Familienzentrum hat mit wichtigen Kooperationspartnern Kooperationsvereinbarungen abgeschlossen.

Aufbau
Die 112 Gütesiegelkriterien gliedern sich in vier Leistungsbereiche mit jeweils 18 Leistungen und in vier Strukturbereiche mit jeweils zehn Strukturen. In den Leistungsbereichen werden die einzelnen Angebote definiert, die die Inhalte eines Familienzentrums ausmachen. In den Strukturbereichen werden Strukturen benannt, mit denen eine am Bedarf des Sozialraums orientierte und nachhaltige Angebotsgestaltung unterstützt wird. Im Einzelnen handelt es sich um die folgenden acht Bereiche:
Leistungsbereiche: Beratung und Unterstützung von Kindern und Familien; Familienbildung und Erziehungspartnerschaft; Kindertagespflege; Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
Strukturbereiche: Sozialraumbezug; Kooperation und Organisation; Kommunikation; Leistungsentwicklung und Selbstevaluation.

Bepunktung
Analog zum Deutschen Kindergarten Gütesiegel (vgl. Tietze/Förster 2005) wurde eine sechsstufige „Gütesiegelskala“ mit einem Cut-off-Punkt bei 3 gewählt. Ein Punktwert von 3 symbolisiert Gütesiegelfähigkeit im jeweiligen Bereich, ein Punktwert darunter (1 oder 2) eine Anbahnungsstufe, Punktwerte über 3 zeigen besonders hohe Qualität als Familienzentrum an. Im Einzelnen wird ein Leistungs- oder Strukturbereich als gütesiegelfähig definiert, in dem mindestens fünf Basisleistungen bzw. mindestens drei Basisstrukturen nachgewiesen werden können. Ist dies der Fall, erhält die Einrichtung für den jeweiligen Bereich 3 Punkte auf einer sechsstufigen Gütesiegelskala. Durch den Nachweis von Aufbauleistungen bzw. -strukturen oder von zusätzlichen Basisleistungen und -strukturen können in jedem Bereich bis zu 3 Zusatzpunkte erzielt werden, so dass pro Bereich maximal 6 Punkte und insgesamt höchstens 48 Punkte erreichbar sind. Das erreichte Qualitätsniveau wird damit in jedem der vier Leistungs- und in jedem der vier Strukturbereiche einheitlich auf einer Sechs-Punkte-Skala abgebildet und ermöglicht damit ein Qualitätsprofil mit Stärken und Schwächen, das auch für ein differenzierendes Feedback für die Einrichtungen genutzt werden kann.

Um das Gütesiegel zu erlangen, muss eine Einrichtung in mindestens drei Leistungsbereichen und in mindestens drei Strukturbereichen die Gütesiegelfähigkeit erreichen. Insgesamt müssen mindestens 24 Punkte erzielt werden; bei Nicht-Erfüllung der Mindestanforderungen in einem der vier Leistungsbereiche kann ein Ausgleich unter bestimmten Bedingungen durch Zusatzpunkte in einem anderen Leistungsbereich erfolgen; gleiches gilt für die Strukturbereiche. Eine Einrichtung, die in allen Bereichen die Mindestanforderungen erfüllt bzw. entsprechend ausgleichen kann, benötigt somit mindestens 20 von 72 Leistungen und 12 von 40 Strukturen, um das Gütesiegel zu erhalten (MGFFI 2007).

Überprüfung und Vergabe des Gütesiegels
Die Überprüfung auf Gütesiegelfähigkeit wurde als dreistufiger Prozess angelegt: (1) als Selbstevaluation durch die Leiter der Familienzentren auf der Grundlage eines standardisierten Fragebogens mit entsprechenden Belegunterlagen, (2) gefolgt von einer inhaltsanalytischen Auswertung des Fragebogens und der Belegunterlagen (verbunden mit telefonischen Überprüfungen) sowie (3) einer Begehung vor Ort. Letztere wurde in der Pilotphase lediglich in einem Drittel zufällig ausgewählter Familienzentren durchgeführt. Auf dieser Grundlage erhielten 95 Prozent der Piloteinrichtungen im Juni 2007 das Gütesiegel; die übrigen wurden bis zum Herbst 2007 zertifiziert.

Ergebnisse der Gütesiegel-Überprüfung
Bei den Einrichtungen der Pilotphase waren besonders günstige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zertifizierung gegeben. Zum einen handelte es sich um eine selbst selegierte Gruppe von Einrichtungen, die auf der Grundlage einer Eigenbewerbung, in der konzeptuelle Grundvorstellungen für ein Familienzentrum dargelegt werden mussten, ausgewählt worden waren. Zum anderen erhielten die dann ausgewählten Piloteinrichtungen das erwähnte Coaching durch das Institut ISA mit mehrmaligen Besuchen pro Einrichtung, das sich über ein gutes halbes Jahr erstreckte.

Von besonderem Interesse war die Frage, welches Qualitätsniveau von den Familienzentren im Einzelnen auf der sechsstufigen Gütesiegelskala erreicht worden war und wie sich der Entwicklungsstand der Familienzentren in den Basis- und Aufbaubereichen der vier Leistungs- und der vier Strukturbereiche darstellte. Von den 260 Familienzentren erreichten auf der sechsstufigen Gütesiegelskala
– 1,9 Prozent in allen Gütesiegelbereichen 6 Punkte,
– 22,3 Prozent in allen Gütesiegelbereichen mindestens 5 Punkte,
– 32,3 Prozent in allen Gütesiegelbereichen mindestens 4 Punkte,
– 10,4 Prozent in allen Gütesiegelbereichen mindestens 3 Punkte,
– 28,5 Prozent in mindestens einem Bereich keine Gütesiegelfähigkeit,
– 4,6 Prozent blieben ohne Gütesiegel.

Damit hat neben den knapp fünf Prozent der Familienzentren, die die Gütesiegelkriterien nicht erfüllt haben, jedes dritte bis vierte Familienzentrum (28,5 Prozent) in mindestens einem der jeweils vier Leistungs- und Strukturbereiche die Stufe der Gütesiegelfähigkeit (mindestens drei Punkte) nicht erreicht, auch wenn das erreichte Qualitätsniveau insgesamt gesehen noch für die Zertifizierung ausreichte (Ausgleich durch höhere Punktzahl in anderen Bereichen). Zwei Drittel der Familienzentren erreichen zertifizierungsfähige Qualität in jedem der acht Bereiche (erreichte Gütesiegelpunkte jeweils = 3). Darunter haben zwei Prozent der Familienzentren herausragende Gütesiegelqualität (sechs Gütesiegelpunkte) und 22 Prozent sehr gute Gütesiegelqualität (mindestens fünf Gütesiegelpunkte) in allen acht Bereichen erreicht. Die Ergebnisse zeigen damit auch innerhalb der Gruppe der zertifizierten Familienzentren eine beachtenswerte Streuung in der Qualität als Familienzentrum.

Am häufigsten umgesetzt sind innerhalb der Basis-Leistungsbereiche die Kriterien des Bereichs „Familienbildung und Erziehungspartnerschaft“ mit rund 86 Prozent, aber auch die anderen Bereiche liegen ähnlich hoch. Innerhalb der Basisstrukturen sind die Strukturbereiche „Kooperation und Organisation“ sowie „Kommunikation“ als besonders gut umgesetzt hervorzuheben (jeweils rund 95 Prozent). Insgesamt sind die Basisstrukturen leicht besser umgesetzt als die Basisleistungen.

Ein Vergleich der Aufbauleistungen mit den Aufbaustrukturen zeigt noch deutlichere Unterschiede als bei den Basisleistungen und -strukturen. Die Aufbaukriterien der Leistungsbereiche werden von den Familienzentren weniger erfüllt als die Aufbaukriterien der Strukturbereiche. Eine Ausnahme bildet hierbei der Bereich „Beratung und Unterstützung von Kindern und Familien“, dessen Aufbauleistungen zu 75 Prozent in den Familienzentren gegeben sind und damit annähernd gleich häufig sind wie die Aufbaukriterien der Strukturbereiche. Die übrigen Aufbauleistungen liegen niedriger, speziell die Aufbauleistungen im Bereich „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ werden nur zu 41 Prozent erfüllt. Bei den Aufbaustrukturen werden die Kriterien des Sozialraumbezugs zu 83 Prozent erfüllt; die anderen liegen leicht darunter. Die Aufbauleistungen „Kindertagespflege“ und „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ stellen offensichtlich die am schwierigsten zu erfüllenden Kriterien für die Familienzentren dar.

Das im Voranstehenden berichtete Durchschnittsbild für die Leistungs- und Strukturbereiche differenziert sich, wenn die Leistungs- und Strukturkriterien einzeln betrachtet werden. Die Schwierigkeitsindizes (jeweils prozentualer Anteil der Familienzentren, bei denen das Kriterium erfüllt ist) reichen von neun bis 99 Prozent. Kriterien, die von nur wenigen Familienzentren erfüllt werden, sind
– Betreuungsangebot bis mindestens 18.30 Uhr (wenigstens einmal pro Woche): 14,6 Prozent,
– regelmäßige Betreuungsangebote am Wochenende (wenigstens zweimal im Monat): 9,6 Prozent,
– Sprachförderungsmöglichkeiten für Kinder, die keine Kindertageseinrichtung besuchen: 25,8 Prozent,
– Kooperation mit Unternehmen (z. B. Belegrechte, Notbetreuungskontingente): 11,9 Prozent.

Zu den Kriterien, die von (nahezu) allen Familienzentren erfüllt werden, gehören:
– aktuelles Verzeichnis von Beratungs- und Therapiemöglichkeiten in der Umgebung vorhanden: 97,3 Prozent,
– Eltern können in der Einrichtung hospitieren: 99,2 Prozent,
– Eltern werden über die Wege zur Vermittlung von Tageseltern in der Kommune beraten: 97,7 Prozent,
– aktuelles Verzeichnis der Kooperationspartner, in dem Anschriften, zentrale Ansprechpartner, Aufgaben und Leistungen der Kooperationspartner angegeben sind: 95,4 Prozent.

Diskussion
Die für die Pilotphase gegebenen empirischen Befunde vermitteln alles in allem ein erstaunlich positives Bild. Der ganz überwiegenden Mehrheit der Familienzentren ist es gelungen, dem Kriterium für die Erreichung „Familienzentrum NRW“ auf hohem Niveau zu entsprechen. Auch zeigt sich ein hohes Maß an Akzeptanz und positiver Bewertung des Gütesiegelverfahrens. Das ist umso bemerkenswerter, als externe Qualitätsüberprüfungen und Gütesiegelverfahren im Feld der Frühpädagogik noch weitgehend unüblich sind und überwiegend kritisch betrachtet werden (vgl. Diller/Leu/Rauschenbach 2005).

Der Beitrag ist die stark gekürzte und bearbeitete Fassung des Artikels „Von der Kindertageseinrichtung zum Familienzentrum – Konzeption, Entwicklungen und Erprobung des Gütesiegels ‚Familienzentrum NRW’“. Die vollständige Fassung einschließlich der Literaturangaben ist über die Geschäftsstelle erhältlich.

Prof. Dr. Wolfgang Tietze ist Hochschullehrer im Arbeitsbereich Kleinkindpädagogik an der Freien Universität Berlin und Leiter der PädQUIS gGmbH, Kooperationsinstitut der Freien Universität Berlin.