Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

Kinder lernen gerne. Und Kinder lernen immer. Von Beginn an sind sie begierig auf Neues und erkunden die Welt um sie herum. In den ersten Lebensjahren lernen Kinder vor allem durch eigene Erfahrungen, eingebettet in konkrete Alltagszusammenhänge. Ihr Wissen ist zu-nächst implizit, das heißt, sie können noch nicht wissen, was sie alles wissen. Wenn sie aber einmal etwas erfahren haben, wenden sie es leicht an, sobald sich Situationen ergeben, in denen ihnen das Erlernte nützlich ist.

Kleine Kinder können nicht belehrt oder gar unterrichtet werden. Ein schulisches Lernverständnis ist hier fehl am Platz. Bildung in der frü-hen Kindheit heißt vor allem, Kindern Gelegenheiten zu verschaffen, ihre Möglichkeiten des Fühlens, Denkens und Handelns sowohl ge-genüber sich selbst als auch in Bezug auf die soziale und materielle Umwelt zu erweitern.

Die Verantwortung der Erwachsenen für frühkindliche Bildungspro-zesse besteht darin, Kindern bei ihren Erkundigungen als „Ermögli-cher“ und Dialogpartner zur Verfügung zu stehen. Da sich die Bil-dungswege und -geschwindigkeiten individuell unterscheiden, setzt dies eine genaue Beobachtung und Deutung des Verhaltens jedes einzelnen Kindes voraus. Das Kind mit seinen Entwicklungsthemen und Interessen zu verstehen, ist Voraussetzung dafür, die passenden Bildungsangebote bereit zu halten.

Zentrale Bedeutung für das Lernen junger Kinder hat das Spiel. Das freie, selbst bestimmte Spielen, in das sich Kinder gerne mit Hingabe vertiefen, folgt keinem systematischen Lernaufbau und birgt in sich das reizvolle Moment unplanbarer Überraschung. Freie Spielzeiten und unbearbeitete Materialien sind daher im Bereich früher Bildung wichtiger als so manches von Erwachsenen eingeführtes „pädago-gisch wertvolles“ Spielzeug.

Krippen und Kindertagespflegestellen als Bildungsorte für Kinder zu gestalten heißt, die Orientierung an getakteten Stundenplänen aufzu-geben zugunsten eines Tagesablaufs, der sich an den Rhythmen und Interessen der Kinder ausrichtet. Es bedeutet, dass vertraute Erwach-sene die Kinder dabei unterstützen, eine reichhaltige kulturelle und natürliche Erfahrungswelt zu erschließen. Und es heißt, die Eltern als Bildungsexperten ihrer Kinder anzuerkennen und den Austausch mit ihnen selbstverständlich in den Alltag zu integrieren.

„Krippenkinder. Familie und Tagesbetreuung in gemeinsamer Verant-wortung“ lautet der Titel eines von der Liga für das Kind herausgege-benen neuen Films. An zahlreichen Beispielen wird gezeigt, unter welchen Voraussetzungen schon Ein- bis Dreijährige von Tagesbe-treuung in der Krippe oder bei einer Tagespflegeperson profitieren und wie die so wichtige Erziehungs- und Bildungspartnerschaft zum Wohl des Kindes gelingt. Der Film (DVD, 70 Minuten) von Heike Mundzeck und Holger Braack kann ab März zum Preis von 12,- Euro (zzgl. Versandkosten) über die Geschäftsstelle bestellt werden.

Mit herzlichen Grüßen

Prof. Dr. Franz Resch, Präsident der Deutschen Liga für das Kind
Prof. Dr. Jörg Maywald, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind