Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Kinderkrippe und Elterncafé: das Projekt mamamia

„Um ein Kind zu erziehen, bedarf es eines ganzen Dorfes! Wir können ihr Dorf sein!“

von Edith Burat-Hiemer und Heike Wils

Das Projekt mamamia in Hamburg besteht aus einer Kinderkrippe und einem Elterncafé. In der Kinderkrippe mamamia werden die Kinder unter dem Slogan „Meine Mama geht zur Schule und ich darf mit!“ gebildet, begleitet und betreut. Gleichzeitig ist die Kinderkrippe Praxisausbildungsstätte der Fachschule für Sozialpädagogik – Fröbelseminar (FSP1). Sie dient den Schülern der FSP1 sowie Studierenden der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) als Ausbildungsstätte und Lernwerkstatt. Mit der HAW, Fakultät Wirtschaft und Soziales, Department Soziale Arbeit, besteht eine intensive Zusammenarbeit, getragen durch Prof. Dr. Gerhard Suess.

Das Elterncafé – der Krippe räumlich angegliedert – ist eine niederschwellige Beratungseinrichtung, in der das Frühinterventionsprogramm Steep™ umgesetzt wird. Steep™ ist ein wissenschaftlich fundiertes, videogestütztes Frühinterventionsprogramm aus den USA. Ziel des Programms ist die Stärkung der Eltern-Kind-Bindung.

Beide Einrichtungen befinden sich in dem Schulgebäude der Staatlichen Schule für Gesundheitspflege (W1). Sie werden von zwei unterschiedlichen Trägern finanziert. Das Institut für Berufliche Bildung (HIBB) der Hamburger Schulbehörde finanziert die Kinderkrippe. Der Verein mamamia finanziert über Zuwendungen der Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz das Elterncafé. Die Zusammenarbeit von drei unterschiedlichen Behörden mit einem Verein und die konzeptionelle und inhaltliche Vernetzung von Kinderkrippe und Beratungseinrichtung macht das Projekt mamamia deutschlandweit einmalig.

Das Besondere des Projekts mamamia besteht darin, dass die Eltern der Kinder überwiegend junge Frauen und Männer im Alter zwischen 14 und 21 Jahren sind. Das Projekt unterstützt nach Schwangerschaft und Mutterschutz den Wiedereinstieg der Mütter in Schule oder Berufsausbildung. Während die Kinder in der Kinderkrippe betreut werden, besuchen die jungen Mütter den Unterricht in der W1 und absolvieren berufsvorbereitende Praktika. Alle Pädagoginnen des Projekts mamamia sehen ihre Arbeit als Chance, prägenden Einfluss auf die basale Entwicklung der Kinder nehmen zu können. Gleichzeitig nutzen sie die Möglichkeit, den Eltern ein Modell der zugewandten Interaktion vorzuleben.

Mütter im Jugendalter haben in ihrer aktuellen Lebenssituation weiter reichende Entwicklungsaufgaben zu bewältigen als andere Jugendliche. Diese zusätzlichen Aufgaben zu bewerkstelligen und die Veränderungen positiv zu bejahen, erfordert von den jungen Müttern ein hohes Maß an Willenskraft, Durchhaltevermögen und ein funktionierendes soziales Netzwerk. Die Erfahrungen in der täglichen Arbeit der Kinderkrippe haben gezeigt, dass bei den Frauen und Männern, die minderjährig ein Kind bekommen, ein großer Bedarf vorhanden ist, sich vertrauensvoll mitzuteilen. Sie fordern Reaktionen und Beratungen bei allen Pädagoginnen ab.

Alle Eltern, die minderjährig ein Kind erwarten, bedürfen in ihrer besonderen Lebenslage einer speziellen Begleitung und Beratung. Dieser erhöhte Gesprächs- und Beratungsbedarf der Eltern könnte in einer Regeleinrichtung nicht befriedigt werden. Die Begleitung der Eltern endet dort im Regelfall an der Krippentür.

Aus dieser Kenntnis heraus haben Edith Burat-Hiemer und Heike Wils nach ihrer Ausbildung zu Steep™-Beraterinnen das Elterncafé mamamia konzipiert und gegründet. Zur Stärkung der erzieherischen Handlungskompetenzen der Eltern und somit zum Wohle der Kinder besteht zwischen der Kinderkrippe und dem Elterncafé eine eng verzahnte Kooperation.

Vor dem Hintergrund veränderter gesellschaftlicher Strukturen und fehlenden familiären Zusammenhalts können und müssen Kindertageseinrichtungen und angegliederte Elternberatungsstellen heute die modernen Netzwerke, „dörfliche“ Gemeinschaft und manchmal sogar Familienersatz sein. Aus diesem Grund werden die Mütter im Elterncafe unter dem Slogan „Um ein Kind zu erziehen, bedarf es eines ganzen Dorfes! Wir können ihr Dorf sein!“ nach dem Frühinterventionsprogramm Steep™ beraten und im Alltag begleitet.

Die bindungstheoretisch orientierten Konzeptionen der Kinderkrippe und des Elterncafés haben zum Ziel, die Mutter-Kind-Bindung zu unterstützen und zu stärken, und die Mütter zu befähigen, auch in Stress- und Krisensituationen ausreichend gut für ihr Kind zu sorgen. Dadurch sollen Kindesvernachlässigung und Kindesmisshandlung nachhaltig vermieden werden.

Ein wichtiger Grundsatz in der Zusammenarbeit zwischen Pädagoginnen und Eltern ist der unvoreingenommene, positive Blick auf die Person der Mutter und des Vaters. Aufbauend auf den wertschätzenden Grundhaltungen der Pädagoginnen der Kinderkrippe nutzen die Sozialpädagoginnen des Elterncafés die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Müttern und Vätern in der Beratung.

Unabhängig von ihrer derzeitigen Lebenssituation werden die jungen Eltern als Experten ihrer Kinder anerkannt. Dieser positive Ansatz ermöglicht den Aufbau einer stabilen Vertrauensbasis und gibt vielen minderjährigen Müttern und oft auch den Vätern erstmals in ihrem Leben das Gefühl, ernst genommen zu werden. Auf dieser Grundlage einer Erziehungspartnerschaft lassen sich wünschenswerte Veränderungen in der Lebensführung bewerkstelligen. Der Ansatz der Wertschätzung für die Person ermöglicht es den Sozialpädagoginnen in Krisensituationen durchaus, eine klare verneinende Position den Verhaltensweisen der Eltern gegenüber einzunehmen, wenn diese ein Verhalten zeigen, das sich nicht förderlich auf die Entwicklung ihres Kindes auswirkt.

Die Zusammenarbeit mit den jungen Eltern erfolgt in allen Situationen auf Augenhöhe. Erfahrungen haben gezeigt, dass die effektivste Unterstützung für Mütter gegeben ist, wenn alle Helfersysteme einer Familie vernetzt miteinander arbeiten. Diese Vernetzung spart Zeit, Finanzen und Räume. Sie bündelt Kompetenzen und bietet die optimale Begleitung für die junge Familie. Deshalb ist Kooperation ein Prinzip der gesamten Arbeit im Projekt mamamia.

Das Projekt mamamia ist Träger des Präventionspreises (2. Preis) Frühe Kindheit der Deutschen Liga für das Kind und des Hamburger Bildungspreises.

Edith Burat-Hiemer ist Diplompädagogin; Diplomsozialpädagogin; Kindergärtnerin, Horterzieherin und SteepTM-Beraterin. Sie ist Oberstudienrätin an der Fachschule für Sozialpädagogik – Fröbelseminar und Projektleiterin mamamia.

Heike Wils ist Diplomsozialpädagogin, Lehrerin für Untere Klassen, Steep™-Beraterin und Erzieherin. Sie ist stellvertretende Projektleiterin mamamia.