Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Frühgeborene und Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht

Empfehlungen für die Europäische Union

Einige Kinder, die mit niedrigem Geburtsgewicht kurz vor oder am Termin geboren werden, benötigen möglicherweise keine zusätzliche Hilfe beim Stillen. Sie müssen jedoch intensiver überwacht werden als normalgewichtige, gesunde Reifgeborene. Bei den meisten Frühgeborenen und hypotrophen Neugeborenen werden zusätzliche unterstützende Maßnahmen erforderlich, wie sie im Folgenden beschrieben werden. Sie können, angepasst an die jeweilige Situation, auch für kranke Neugeborene sinnvoll sein.

Ist eine frühzeitige Geburt oder die Geburt eines Kindes mit erhöhtem Risiko abzusehen, sollten die Eltern möglichst vor der Geburt über die optimale Ernährung sowie die Bedeutung und Vorteile der Muttermilch und des Stillens aufgeklärt werden. Bei einer Frühgeburt vor vollendeten 32 Schwangerschaftswochen kann ein Test auf Cytomegalie in Erwägung gezogen werden, um zu klären, ob eine Pasteurisierung oder andere Behandlung der gewonnenen Muttermilch erforderlich ist, bevor sie verfüttert wird (Hamprecht et al. 2001, Jim et al. 2004, Meier et al. 2005).

Muss das Kind auf einer Kinderintensivstation versorgt werden, sollten die Eltern ermutigt und unterstützt werden, ihr Kind so bald wie möglich nach der Geburt zu besuchen. Es sollte ihnen ermöglicht werden, ihr Kind im Arm zu halten oder es wenigstens zu berühren und zu fotografieren. Außerdem sollte die Frau spätestens innerhalb der ersten sechs Stunden nach der Geburt ihr Kind erstmals anlegen oder Muttermilch abpumpen. Die abgepumpte Muttermilch sollte von der Frau selbst oder zumindest in ihrer Gegenwart an das Kind verfüttert werden, es sei denn, aus medizinischen Gründen ist eine renterale Ernährung nicht möglich. Durch das frühzeitige Anlegen oder Abpumpen und eigenständige Füttern kann die erfolgreiche Initiierung und die Aufrechterhaltung der Laktation gefördert werden (Jones et al. 2001).

Einige Kinder sind zu unreif, um selbst trinken zu können, bei anderen ist eine orale Nahrungsaufnahme aus medizinischen Gründen nicht möglich. In diesen Fällen sollte der Mutter das Abpumpen von Muttermilch gezeigt werden und sie sollte dabei so lange Hilfestellung erhalten, bis sie es beherrscht. Sie sollte um die Bedeutung häufigen und regelmäßigen Abpumpens für eine ausreichende Milchproduktion wissen. Darüber hinaus sollte ihr gezeigt werden, wie sie die abgepumpte Milch für ein späteres Verfüttern behandeln und aufbewahren kann. Sie sollte wissen, dass auch die geringste Menge Kolostrum oder Muttermilch für ihr Kind wichtig ist und sie sie daher nicht verwerfen sollte.

Das betreuende Fachpersonal sollte darauf achten, mögliche zusätzliche Stressfaktoren zu minimieren. Da Stress den Milchfluss, nicht aber die Milchproduktion behindern kann, kann es in der Folge zu einem Milchstau kommen. Die Frau sollte über die Physiologie der Milchproduktion informiert werden und ihr sollte gezeigt werden, wie sie den Let-Down-Reflex und Milchfluss durch Brustmassage unterstützen kann. Diese Information sollte sie zusätzlich in schriftlicher Form mit geeigneten Abbildungen erhalten.

Mit dem regelmäßigen Abpumpen sollte so früh wie möglich, spätestens aber am dritten Tag nach der Geburt, begonnen werden. Die Frau sollte etwa alle drei Stunden abpumpen, insgesamt in jedem Fall acht Mal in 24 Stunden. Mindestens eine der Mahlzeiten sollte nachts abgepumpt werden. Wenn möglich sollte die Frau die Milch neben dem Bett beziehungsweise Inkubator ihres Kindes abpumpen. Ist dies nicht möglich, sollte hierfür ein angenehmer und ruhiger Raum mit einem bequemen Stuhl zur Verfügung stehen. Mit einem Doppelpumpset kann die Dauer des Abpumpens verringert werden und gleichzeitig die Milchmenge gesteigert werden (Jones et al. 2001, Auerbach 1990, Hill et al. 1996). Die Vor- und Nachteile aller Methoden der manuellen Milchgewinnung durch Ausstreichen oder Abpumpen sollten mit der Frau besprochen werden. Sie sollte die Möglichkeit bekommen, verschiedene Methoden auszuprobieren, um entscheiden zu können, welche für ihre Situation die beste ist.

Kangoroo Mother Care (KMC) oder der direkte Haut-zu-Haut-Kontakt sollte Mutter und Kind sofort oder so bald wie es geht nach der Geburt ermöglicht werden, je nach Zustand des Kindes und je nachdem, wie häufig die Mutter in der Lage und gewillt ist, ihr Kind in der Klinik zu besuchen. Dieser Kontakt zwischen Mutter und Kind sollte so lange wie möglich dauern, mindestens eine Stunde am Stück oder länger und so oft wie möglich. Es hat sich gezeigt, dass sich ein lang andauernder Haut-zu-Haut- Kontakt – bis hin zu 24 Stunden am Tag – vorteilhaft auf das Kind auswirkt (Anderson et al. 2003, Hurst et al. 1997, WHO 2003).

Bei geringer Milchproduktion sollte nach der Ursache gesucht werden: Die Pumptechnik sollte überprüft und es sollte kontrolliert werden, ob das Pumpen schmerzhaft oder die Abstände zwischen den Pumpmahlzeiten zu unregelmäßig sind. Außerdem ist zu überprüfen, ob die Plazenta vollständig geboren wurde und ob die Frau Medikamente nimmt, die die Milchproduktion beeinträchtigen. Eine abgepumpte Milchmenge von 600 Millilitern pro Tag am Ende der zweiten Lebenswoche ist ein gutes Zeichen für eine mittel- bis langfristig ausreichende Milchproduktion (Hill et al. 1999).

Frühgeborene mit einem Gestationsalter von 27 bis 29 Wochen können angelegt werden, indem Nase und Lippen nahe an die Mamille gebracht werden. Dies allerdings erst, wenn sie nicht mehr künstlich beatmet werden müssen, keinen CPAP (Continuous Positive Airway Pressure) oder andere Atemhilfen benötigen und auf einen vorsichtigen Umgang nicht mehr mit nachteiligen Stresszeichen reagieren. Von ihrem Entwicklungsstand her ist es ihnen in diesem Alter bereits möglich, geringe Mengen Milch durch Ablecken und Saugen an der Brust zu trinken (Hedberg & Ewald 1999, Nyqvist et al. 1999). Mit einem Gestationsalter von 33 bis 34 Wochen ist entwicklungsphysiologisch ausschließliches Stillen möglich.

Stillen ist in jedem Alter für das Kind weniger anstrengend und nicht gefährlicher als Flaschenfütterung. Ergebnisse aus wissenschaftlichen Studien weisen darauf hin, dass es beim Stillen seltener zu einem Abfall der Sauerstoffsättigung im Blut kommt als bei Flaschenfütterung.

Ein Frühgeborenes sollte gestillt werden, wenn es wach und kreislaufstabil ist, unabhängig von der Reife oder dem Alter des Kindes, insbesondere wenn es Anzeichen von Saugbereitschaft zeigt. Grundsätzlich sollte das Kind, abhängig von seinem Gesundheitszustand, so oft wie möglich oder so oft wie es Nahrungsaufnahme wünscht oder nötig hat, angelegt werden. Stillposition und korrektes Anlegen sollten immer wieder überprüft werden, um ein effektives und für beide angenehmes Stillen zu gewährleisten. Becherfütterung, Sonden- und/oder parenterale Ernährung können parallel zum Anlegen weitergeführt werden. Die Frau sollte außerdem im Rhythmus der erforderlichen Mahlzeiten abpumpen.

Im Alter von etwa 35 Schwangerschaftswochen kann mit dem Stillen nach Bedarf begonnen werden. Rooming- in sowie häufiger Haut-zu-Haut- Kontakt zwischen Mutter und Kind oder Kangaroo Mother Care sollten fortgesetzt werden. Bei unzureichender Gewichtszunahme sollte eine Zufütterung – nach Möglichkeit mit abgepumpter Muttermilch – erfolgen. Eine Gewichtskontrolle pro Tag (nicht häufiger) kann erforderlich sein. Für ein Stillen nach Bedarf fehlt Frühgeborenen die neurologische Reife. Aus diesem Grund muss die Mutter in der Lage sein, Hungersignale zu erkennen: Sie sollte wissen, wie ein schläfriges Kind zum Trinken bewegt werden kann und woran ein korrektes Anlegen und Saugen zu erkennen sind, damit das Kind eine ausreichende Anzahl effektiver Stillmahlzeiten in 24 Stunden erhält – im Sinne eines eingeschränkten Stillens nach Bedarf (semi-demand feeding). Kann die Mutter nicht für alle Mahlzeiten in die Klinik kommen, kann ihre Milch – oder gespendete Muttermilch – mit Becher oder per Sonde gefüttert werden.

Zum Zeitpunkt der Entlassung aus der Klinik sollte die Frau das Abpumpen der Muttermilch sicher beherrschen. Sie sollte eine moderne, gut funktionierende Milchpumpe zur Verfügung haben, mit deren Bedienung sie vertraut ist. Sie sollte die richtigen Techniken zum Abpumpen kennen und wissen, wie sie bei Behandlung, Aufbewahrung, Einfrieren und Transport der Milch vorgehen muss. Es sollte sichergestellt sein, dass die Frau über alle in ihrer Gegend zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zur Stillunterstützung informiert ist, einschließlich Stillgruppen, Kontaktdaten von Laktationsberaterinnen und von Selbsthilfegruppen für Eltern von frühgeborenen oder kranken Kindern.

Quelle: Sonderdruck der Deutschen Hebammen Zeitschrift, 1. Auflage 2008, Erstveröffentlichung DHZ 4 – 12/2007