Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

„Lernen konnte ich früher schon, aber jetzt ist es viel intensiver“

Die Schule für Circuskinder in Nordrhein-Westfalen

Wir waren bei unseren Berliner Nachbarn eingeladen, als das Thema auf Ortswechsel und Umzüge kam: Ein Gast beklagte sich, dass er mit seiner Familie nach Bayern umsiedeln müsse. Auf meine Frage, wie oft sie denn schon umgezogen seien, antwortete er, „das ist das erste und hoffentlich das letzte Mal“. Ich beneidete ihn heimlich – nur ein einziges Mal umziehen, wäre das schön! Uns trifft es so alle drei bis vier Jahre, und wohin wir dann kommen, das wissen wir meist erst kurz vorher. Wir zählen zu den so genannten hochmobilen Familien, die sich dem diplomatischen Dienst verschrieben haben, mit Haut und Haaren, Kind und Kegel. Alle drei bis vier Jahren studieren wir dann die für uns relevante berüchtigte Liste mit den freien Posten auf der ganzen Welt. Der großen weiten Welt? Nein, nur bestimmte Städte stehen zur Auswahl, die Kriterien sind streng eingegrenzt. Hat man dann die ganzen Kürzel und das Fachkauderwelsch sich vom Ehemann erklären lassen, stellt man erschrocken fest, das eigentlich nicht der Ort dabei ist, in dem man gerne eine längere Zeit leben möchte: entweder ist die politische Situation des jeweiligen Landes zu unsicher oder der medizinische Standart zu niedrig, tropische Krankheiten drohen, die schulische Ausbildung der Kinder ist nicht gewährleistet. Viele Bedenken bauen sich auf, die nicht immer sachlich geführten Diskussionen zwischen den Partnern beginnen. Zunächst heimlich, abends, wenn die

Jenseits der bezaubernden Welt der Manege herrscht in den zahlreichen in Deutschland noch bestehenden Kleincircussen harter Alltag. Zusätzlich zu Auf- und Abbau, Proben und den Vorstellungen kommen die Versorgung der Tiere, Werbemaßnahmen, der Umgang mit behördlichen Auflagen und die Soge um ein geeignetes Winterquartier. Dies alles ist nur zu schaffen durch Improvisationstalent und engen Zusammenhalt der Familien, in denen alle Mitglieder gefordert sind.

Kein Wunder, dass viele Kinder aus Circusfamilien traditionell aus dem Schulsystem herausfallen. Ständige Schulwechsel, Wechsel von Lehrkräften und Mitschüler(inne)n, Konfrontation mit unterschiedlichen pädagogischen Konzepten, Methoden und Unterrichtsinhalten führen dazu, dass ein normaler Regelunterricht nicht möglich ist. Bevor Lehrer(innen) den Wissensstand und den Förderbedarf der Kinder erkannt haben, haben diese die Schule bereits wieder verlassen.

Um auch Circuskindern zu ihrem Recht auf Bildung zu verhelfen, müsste es eine Schule geben, die sich dem Leben der Kinder anpasst! Diese Idee stand am Beginn der Gründung einer Schule für Circuskinder. Engagierte Vertreter der Evangelischen Kirche im Rheinland nahmen die Herausforderung an und überzeugten Schulverwaltung und Politik von der Notwendigkeit des in Deutschland bisher einzigartigen Modells.

Vor zwölf Jahren war es dann soweit: In Trägerschaft der Evangelischen Kirche im Rheinland wurde 1994 die Schule für Circuskinder in Nordrhein-Westfalen gegründet. Sie funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Wenn Circuskinder nicht zu einer festen Schule kommen können, dann muss sich eben die Schule mobilisieren und zu ihren Schülerinnen und Schülern kommen. Heute verfügt die mobile Schule über 20 Klassenräume auf Rädern, in denen 23 Lehrkräfte in Teil- und Vollzeit rund 130 Schüler(innen) aus 25 Circussen unterrichten.

Das Lernkonzept der Schule für Circuskinder
Der Unterricht der Schule für Circuskinder findet in kleinen in Nordrhein-Westfalen verstreuten Klasseneinheiten auf Rädern statt. Diese werden entweder von einem Circus mitgezogen oder die vor Ort unterrichtende Lehrkraft fährt mit ihrem rollenden Schulmobil selbst dorthin. Die Schule für Circuskinder unterrichtet Schülerinnen und Schüler von der vorgezogenen Schuleingangsklasse bis zu den Abschlüssen der Sekundarstufe I. Zu Abi-online sind Kontakte hergestellt. Diese Gegebenheiten ermöglichen ein durchgängiges Konzept und eine sehr individuelle Betreuung und Beratung von Schülerinnen und Schülern bei der Entwicklung ihres persönlichen Lernprofils.

Das „Lernen lernen“ findet in der Schulwelt von reisenden Circusschulkindern fließend statt, als wichtigster Baustein begleitet er die Schüler(innen), Eltern und Lehrkräfte von der Schuleingangsklasse bis zum Abschluss. Maximal unterrichtet eine Lehrkraft sechs Schüler(innen) zur gleichen Zeit. Ist die Lerngruppe größer, wird eine zweite Lehrkraft eingesetzt oder die betreuende Lehrkraft bekommt ein höheres Zeitbudget um zu differenzieren.

Die Schüler(innen) einer Lerngruppe sind unterschiedlichen Alters, sie sind Geschwisterkinder, verwandte Kinder oder Kinder von mitreisenden Familien. Der Unterricht setzt sich wie folgt zusammen:
• Kernunterricht zwei Tage vor Ort durch die Lehrkraft
• Erweitertes Unterrichtsbudget – dritter Tag (Schulanfänger, Förderung etc.)
• Internetmobil: Zusatzunterricht – Projekte: Lernen mit und durch das Internet
• Englischmobil: Zusatzunterricht – Projekte
• E-Learning: Schüler(innen) kommunizieren mit ihrer Lehrkraft per E-Mail

Das Bausteinprinzip
Der gesamte Unterrichtsstoff einer Schüler(innen)-Laufbahn von der vorgezogenen Schuleingangsklasse bis zu den Abschlüssen der Sekundarstufe I ist in Bausteine aufgeteilt. Es gibt Pflichtbausteine und fakultative Bausteine. Sind die Bausteine bis zum Lese -und Schreiberwerb noch sehr festgelegt, öffnen sich die Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten danach stetig. Jede Schülerin und jeder Schüler kann, unabhängig von einer Schulklassenzugehörigkeit, entsprechend seines Lernstandes sein individuelles Lernprogramm zusammenstellen. So kommt es nicht selten vor, dass gerade aufgenommene Schüler(innen) in Deutsch den Baustein 2 und in Mathematik den Baustein 4 bearbeiten.

Bei allen vier Abschnitten sollen die Schüler(innen) einen genauen Überblick über ihren Lernfortschritt haben, angelehnt an die Abschlusstournée. Bei der Abschlusstournée kleben die Schüler(innen) ihre erworbenen Bausteine in ihren Tourneéplan. Sie bestimmen ihren Zeitplan und wählen die Abfolge der Bausteine. Nach und nach werden auch hier immer mehr Wahlmöglichkeiten entwickelt.

Die Schullaufbahn ist in vier Abschnitte unterteilt:
(1) Vorschultournée: Vorgezogene Schuleingangsklasse – Schulung zur Schulfähigkeit (2) Deutschlandtournée (vorläufiger Arbeitstitel): Die Schüler(innen) lernen ihre Umgebung kennen. Sicherung der Grundfähigkeiten, Entwicklung der Lese -und Schreibfähigkeiten, Beherrschung der Grundrechenarten (3) Europatournée (vorläufiger Arbeitstitel): Die Schüler(innen) haben gute Grundkenntnisse und gehen sprachlich und rechnerisch ein Stück in die Welt, sie erforschen neue Bereiche und Fächer, die die Reise mit sich bringt. (4) Abschlusstournée: Die Schulartisten kommen zurück nach Nordrhein-Westfalen, um ihr Wissen zu vervollkommnen und feststellen zu lassen. Wenn sie die Schule verlassen, haben sie nicht nur einen vergleichbaren Abschluss der Sekundarstufe I erworben, sondern haben auch viel von dem gelernt, was sie für ein erfolgreiches Leben auf der Reise benötigen. Schüler(innen), die die Abschlusstournée nicht schaffen, bekommen ein Abgangszeugnis. Das sind meistens diejenigen, die nur wenige Jahre in der Schule für Circuskinder verbracht haben, so genannte Seiteneinsteiger.

Das Gespräch führte Dr. Jörg Maywald.

Informationen unter www.schulefuercircuskinder-nrw.de

„Man muss halt flexibel sein“
Das häufige Reisen sind Janine Tränkler (17) vom Circus Antoni und Ramona Bügler (14) vom Traber Circus gewohnt, aber eine Reise nach Berlin ist dann doch etwas Besonderes. Zusammen mit zehn weiteren Jugendlichen aus fünf Circussen nehmen die Schülerinnen an einer Schulfahrt der Schule für Circuskinder teil. Für die Berlin-Fahrt haben sich die Jugendlichen entschieden, um mit eigenen Augen mehr über deutsche Geschichte zu erfahren. Reichstag, Jüdisches Museum und das Holocaust Mahnmal stehen auf ihrem Plan, aber auch Checkpoint Charlie, das Bundeskanzleramt und natürlich ein Besuch des Wintergartens dürfen nicht fehlen. Als Teil eines Projekts über die NS-Zeit schreiben die Jugendlichen nach ihrer Rückkehr dann einen Bericht über ihre Erlebnisse in Berlin.

Im Gespräch über ihre Erfahrungen in der Schule für Circuskinder loben die Schülerinnen die Freiheiten beim Lernen und die gegenseitige Unterstützung. „Das beste an der Schule ist das gute Verhältnis zu den Lehrern“, meint Ramona. „Die gehören eigentlich schon zur Familie“, ergänzt Janine. Beide sind seit sechs Jahren in der Schule für Circuskinder, zuvor haben sie die Schule ständig gewechselt. „Jede Woche in einer andere Schule zu sein, ist einfach nicht schön“, erinnert sich Janine. Und ihre Mitschülerin erläutert: „Lernen konnte ich früher schon, aber jetzt ist es einfach viel intensiver.“

Auf die Frage, ob sich die Arbeit im Circus und schulisches Lernen gut verbinden lassen, antwortet Ramona: „Das lässt sich verbinden. Man muss halt flexibel sein.“ Beide sind richtig stolz auf ihre Schule und so bleibt am Ende des Gesprächs nur ein Wunsch von Janine offen: „Gut wäre, wenn sich die Schule für Circuskinder auch auf andere Bundesländer ausdehnt.“