Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Frühe Interaktive Sprachtherapie mit Elterntraining (FiSE)

von Susan Schelten-Cornish

Wenn Kinder das Sprechen nicht rechtzeitig erlernen, kann dies ihre Gesamtentwicklung und damit das zukünftige Leben schwer beeinträchtigen. Die Anzahl sprachentwicklungsverzögerter Kinder nimmt in den letzten Jahren erheblich zu.

Eine früh einsetzende Therapie kann eine verzögerte Sprachentwicklung entweder normalisieren oder aber zumindest den Möglichkeiten des Kindes entsprechend optimal fördern. Gerade bei Kleinkindern gilt allerdings das gleiche Prinzip wie bei allen anderen Lernsituationen: häufige Wiederholung ist der Schlüssel zum Erfolg. In einer ambulanten Therapiesituation ist die notwendige Häufigkeit selten zu leisten. Darum ist die aktive Mitarbeit der Eltern oder der nächsten Bezugspersonen Bedingung einer optimierten Therapie.

Das durch die Arbeit mit nichtsprechenden Kindern entstandene Konzept der Frühen interaktiven Sprachtherapie mit Elterntraining (FiSE) trägt dieser Tatsache Rechnung. Das Programm arbeitet indirekt – d.h. über die Eltern – und ist hauptsächlich interaktionistisch orientiert. Den Eltern werden sprachfördernde Verhaltensweisen vermittelt, die im Alltag oder im Rahmen von natürlichen Spielsituationen eingebracht werden sollen (z.B. beim „Fang mich“-Spiel). Anhand von Videoanalysen der Interaktionen mit ihrem eigenen Kind lernen Eltern, nicht nur die Zielelemente, sondern auch die oft verblüffende Wirkung der sprachfördernden Verhaltensweisen besser wahrzunehmen. Diese Zielelemente sind sprachliche oder auch vorsprachliche Strukturen, die nach einer eingehenden Diagnose spezifisch für den sprachlichen „Ist-Zustand“ des Kindes ausgesucht werden.

Die kommunikationsfördernden Verhaltensweisen bieten die einfachste Möglichkeit, nicht oder kaum sprechende Kinder effektiv zu fördern, denn das Problem der Motivation stellt sich nicht. Auch kann man mit diesem Ansatz meist sehr wirksam das Potential der Eltern realisieren. In vielen Fällen kann nach dem Ausbau der bereits vorhandenen kindlichen Kommunikationsversuche innerhalb kurzer Zeit eine explosionsartige Zunahme des Wortschatzes beobachtet werden.

Das FiSE Programm arbeitet allerdings nicht ausschließlich interaktionistisch. Zum einen gibt es Inhalte, die auf diese Weise nicht effektiv vermittelt werden können, zum Beispiel die gehäuften Bewegungsübungen, die zur Beeinflussung schwerer motorischer Störungen notwendig sind. Zum anderen können einige Kinder aus persönlichkeits- oder störungsbedingten Gründen nicht ausreichend vom interaktionistischen Ansatz profitieren. Und es gibt darüber hinaus auch Eltern, die trotz motivierter Mitarbeit die optimierten Verhaltensweisen nicht anwenden können. Zum Beispiel kommen Eltern mit schweren Schuldgefühlen in die Therapie und haben schon allein aus diesem Grund keine Kapazitäten frei, um neue Konzepte zu erlernen. Die oben beschriebene Wortschatzexplosion wäre normalerweise zwischen dem 18. und 21. Lebensmonat zu beobachten. Ihr Ausbleiben auch nach einer gewissen Therapiezeit zeigt an, dass die interaktiven Strategien keinen normalisierenden Einfluss auf die grundlegende Störung ausüben.

In diesen Fällen muss innerhalb der diagnosebestimmten Ziele ein zusätzlicher, zum Beispiel mehr linguistisch orientierter Ansatz gesucht werden. Dieser wird mit den interaktiven Strategien kombiniert, damit das sprachliche Potential des Kindes ausgeschöpft wird.

Informationen über den in Kanada entwickelten Ansatz der interaktionistisch orientierten Sprachtherapie (mit Gruppenarbeit) unter www.hanen.org

Susan Schelten-Cornish, B.A.(Hon.), ist Diplom-Pädagogin und akademische Sprachtherapeutin

Kontakt: http://nalabutenahah.com/